Der Schmach folgt die Hoffnung

Als die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nach der Gruppenphase vorzeitig abreisen musste, da zürnte Deutschland und das Image des DFB-Teams lag am Boden. In jedem anderen Land wäre als Erstes der Trainer geschasst worden, nicht so in Deutschland, Bundestrainer Joachim Löw zehrte noch vom Titelgewinn 2014. Wer Weltmeister wurde, der hat einen Sympathiebonus und einen besonderen Stellenwert. Mehr Entgegenkommen darf er allerdings nicht erwarten, doch die Schonfrist hat er genutzt. Zwar verlief die Neuorientierung im Spielerkader ziemlich holprig und nicht immer logisch, aber am Ende zählen die Ergebnisse und die Aussichten. Löw kann eine ruhige Winterpause genießen, der Schmach folgte nämlich die Hoffung.

Doch stopp: Zu den Titelanwärtern zählt Deutschland bei der Europameisterschaft 2020 noch nicht. Alle Erwartungen diesbezüglich werden von Trainer, Spielern und Funktionären einhellig gedämpft. Die junge Mannschaft ist noch nicht gefestigt genug, zeigte Schwächen in der Abwehr und Ergebnisse können auch trügen. Ein 4:0 und 6:1 hörte sich gut an, doch die Gegner waren eben Weißrussland und Nordirland, nicht Frankreich oder Spanien. Genau die werden aber von Löw und Co. zusammen mit England und Italien auf das Favoritenschild gehoben. Ein Hintertürchen der Hoffnung bleibt aber offen: Die positive Entwicklung der Mannschaft könnte ja schneller als gedacht vor sich gehen. Allerdings bleiben vor dem Turnier im Juni nur zwei Länderspiele (Spanien steht als Gegner im März fest) als Vorbereitung. Immerhin, Sportdirektor Oliver Bierhoff schürt Optimismus: „Da wächst eine Mannschaft heran.“

Jogi Löw hat in der heißen Umbruchphase bekanntlich mit der Absage an die Weltmeister Hummels, Müller und Boateng Staub aufgewirbelt und möglicherweise zu früh gehandelt. Es zeigte sich nämlich, dass die jungen Talente schon Halt durch erfahrene Spieler benötigen würden, siehe das Abwehrdilemma, das auch durch zahlreiche Verletzungen zustande kam. Hummels auszubooten und dafür mit dem Mittelfeldstrategen Emre Can in der Abwehr zu spielen ist einfach nicht logisch. Bezeichnend, dass gerade die Weltmeister Manuel Neuer und Toni Kroos sich zuletzt als Stützen des Teams bewährten. Vor allem in der Abwehr muss Löw Lösungen finden, zumal, wenn der als Chef eingeplante Süle ausfällt. Ginter und Rüdiger könnten das Abwehrpaar bilden, Can und Tah zeigten zu viele Schwächen, Stark und Koch waren wohl eher Experimente. Da steht eher Toni Kehrer parat.

Eine ganze Reihe von Spielern dürften ihre EM-Fahrtkarte sicher haben, manche, obwohl sie – wie viele andere früher auch – ihre Leistungen aus dem Verein im DFB-Team nicht wiederholen können. Marco Reus ist so ein Kandidat, Julian Brandt scheint ein aktueller Fall zu sein. Das Gegenteil ist Torjäger Serge Gnabry, der für Deutschland noch besser trifft als für die Bayern. Er ist zweifellos der Aufsteiger der Saison.

Diese Spieler halten wohl die EM-Fahrtkarte in der Hand: Neuer, ter Stegen, Klostermann, Halstenberg, Ginter, Rüdiger, Kimmich, Kroos, Goretzka, Gündogan, Havertz, Gnabry, Reus, Sane, Werner, Brandt.

Diese Spieler kämpfen um die restlichen sieben Plätze im 23er-Kader: Leno, Trapp, Schulz, Hector, Süle (wenn fit dabei), Tah, Kehrer, Stark, Koch, Hector, Can, Draxler, Rudy, Waldschmidt, Amiri, Demirbay.

Ein Vorteil ist sicherlich, dass die deutsche Mannschaft in der Vorrunde in München Heimrecht genießt. Sollte sich Ungarn qualifizieren, steht ein Gegner fest. Die Gruppen-Auslosung für die EM ist allerdings eine Farce, sie ist so kompliziert, dass sie wohl nicht einmal die Funktionäre selbst verstehen. Am 30. November gibt es quasi eine vorläufige Auslosung, nach den Play offs der Nations League folgt die endgültige Verteilung der Plätze. Ein Procedere, das sich nicht wiederholen sollte. Was die erste Auslosung angeht, so befindet sich Deutschland in Topf 1 und wird nicht auf Belgien, England, Italien, Spanien und die Ukraine treffen, aus Topf 2 kommen aber die möglichen Gegner Frankreich, Polen, Schweiz oder Kroatien, aus Topf 3 Portugal, Türkei, Österreich oder Schweden. Das kann also eine ganz schwere Aufgabe werden. Doch es gibt ja Hoffnung.

Endspurt in der Bundesliga

Zunächst steht aber wieder die Bundesliga im Mittelpunkt, die zum Endspurt der Vorrunde startet. Schlagzeilen machten vor allem spektakuläre Trainerwechsel. Achim Beierlorzer musste in Köln gehen, soll aber jetzt Mainz retten. Was auf den ersten Blick unlogisch klingt, könnte Sinn machen, denn Beierlorzer passt vielleicht besser zu Mainz. Er wird nicht im Sinn gehabt haben: Hauptsache ein Karnevalsverein. Sein Nachfolger in Köln heißt Markus Gisdol, der natürlich vom Verein gepriesen wird, aber ob er im hektischen Umfeld in Köln bestehen kann, muss sich zeigen. An seiner Seite als Sportdirektor als Nachfolger von Armin Veh steht jetzt Horst Heldt. Er hat eine Kölner Vergangenheit, seine bisher Arbeit als Sportdirektor u. a. in Stuttgart und auf Schalke hatte aber Höhen und Tiefen zu verzeichnen. Da gilt halt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Beide Vereine stehen tief im Abstiegskampf, die ersten Aufgaben werden für beide Trainer schwer, Köln muss nach Leipzig, Mainz ist bei Hoffenheim zu Gast. Das Schlagerspiel im Abstiegskampf heißt wohl FCA – Hertha, der Sieger bekommt Auftrieb, beim Verlierer brennt es. Vor allem die Berliner haben sich die Saison mit Investor Windhorst und seinem Geld ganz anders vorgestellt.

An der Spitze wird mit Argusaugen der weitere Werdegang des Überraschungs-Spitzenreiters verfolgt. Kann sich Gladbach der Verfolger erwehren? Selbst Neuling Union Berlin kann eine Prüfung sein. Unter besonderer Beobachtung aber auch die Konkurrenz: Bleibt Bayern (in Düsseldorf) mit Interimstrainer Hansi Flick im Aufwind? Hat sich Dortmund (gegen Paderborn) gefangen oder wackelt Lucien Favre wieder? Wer bleibt aus dem Kreis Freiburg, Hoffenheim, Leverkusen, Hoffenheim und Schalke in der Verfolgerrolle? Die Bundesliga lebt von den Fragezeichen.

Einige Vereine müssen allerdings auch damit leben, dass sich Stammspieler bei den Einsätzen für die Nationalmannschaft verletzt haben. Ein ständiges Ärgernis, zumal die internationalen Aufgaben immer mehr werden sollen. Besonders schwer hat es den Freiburger Waldschmidt erwischt, der ebenso mindestens bis zum Jahresende ausfallen wird wie FInnbogason beim FCA. Auffallend, dass der Isländer dem Verein oft verletzt fehlt und gerade wieder zu den Länderspielen fit wird. Das ist für den Verein eine ärgerliche Diskrepanz. Die Bayern hoffen, dass Coman, der vom Nationalteam Frankreichs vorzeitig zurück reiste, bald wieder einsatzfähig ist. Schließlich warten bis zur Weihnachtspause fünf Wochen mit wichtigen Spielen am laufenden Band.