Fußball-Deutschland am Tiefpunkt – Nagelsmanns Rücktritt eine Frage der Ehre
Bei einer Weltmeisterschaft wird der Fußball zu einer nationalen Angelegenheit, da darf es eigentlich nicht verwundern, wenn sich der Fußball der Situation in Deutschland anpasst und am Tiefpunkt präsentiert. Die Wirtschaft schwächelt (Exportriese – war einmal, Automobilriese – war einmal), die Mehrheit der Bevölkerung hat Angst vor der Zukunft und die Politik sucht vergeblich nach Problemlösungen. Tristesse also, deshalb wohl hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Nationalmannschaft nach dem kläglichen Ausscheiden im Sechzehntelfinale gegen Nobody Paraguay sogar gelobt: „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Das hat der Kanzler exklusiv für sich, wahrscheinlich, weil er froh ist, dass jetzt keiner im Land mehr über die Fehler der Politik redet, sondern nur noch über die Fehler von Julian Nagelsmann. Der will nicht Kanzler werden, aber Bundestrainer bleiben, dabei wäre ein Rücktritt nach der WM-Katastrophe eine Frage der Ehre (kommt das irgendwann auch auf Merz zu?). Nagelsmann sollte die Umfragen beachten: Beim kicker sagen 94 Prozent der Leser, dass er nicht der richtige Bundestrainer ist.
Ein Rücktritt von Nagelsmann ist nach dem 1:1 und dem Ausscheiden im Elfmeterschießen unausweichlich. Er hat einfach zu viele Fehler gemacht, hat die Mannschaft nicht in Schwung gebracht und mehr Wert auf Harmonie als auf Leistung gelegt. So wird man nicht Weltmeister! Davon sprach Nagelsmann vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft nach dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien: „Jetzt müssen wir zwei Jahre warten, um Weltmeister zu werden.“ Große Ziele soll sich der Leistungssportler setzen, aber nur solche, die erreichbar scheinen. Nach den Ergebnissen der letzten Turniere war das ein Luftschloss. Nach dem Titelgewinn 2014 folgte der Tiefpunkt 2018 in Russland mit dem Aus in den Gruppenspielen mit Jogi Löw als Bundestrainer, selbiges geschah vier Jahre später in Katar mit Hansi Flick. Selbst Rudi Völler sprach von einem „noch tieferen Tiefpunkt“ und jetzt 2026 ging es noch tiefer, bei der aufgeblasenen Weltmeisterschaft kommt ein Aus im erstmals ausgespielten Sechzehntelfinale einem Aus wie früher in den Gruppenspielen gleich. Fußball-Deutschland am tiefsten Tiefpunkt.
Der Bundestrainer hat dies noch nicht erkannt. Er referierte nach dem WM-Aus wie nach einem x-beliebigen Spiel, Motto „haben wir halt mal ein Spiel verloren“. Als hätte er die Bedeutung gar nicht kapiert. Das Amt des Bundestrainers ist wohl eine Nummer zu groß für ihn, ein Bundestrainer braucht noch andere Fähigkeiten als ein Vereinstrainer. Vor allem als „Verkäufer“ hat Nagelsmann versagt, Beweis dafür, dass er die Herzen der Fans nicht gewinnen konnte. Er wurde von den Fans noch nie gefeiert, im Stadion feierten sie dagegen Jürgen Klopp, der als Experte von MagentaTV vor Ort war und für Furore sorgte. Der „Global Head of Soccer“ bei Red Bull hat über den Job des Bundestrainers „noch nicht nachgedacht“, aber er bringt die Voraussetzungen mit, die jetzt für einen Neuaufbau und Rückgewinn der Popularität der nationalen Auswahl als Aushängeschild notwendig sind. Klopp ist ein guter Verkäufer. Der Verband muss handeln, DFB-Präsident Bernd Neuendorf gibt sich eher zögerlich, „wir müssen erst in die Analyse gehen“. Vielleicht bleibt als Ergebnis, es hätte ja noch schlimmer können… (vielleicht mit einer Niederlage gegen Curacao).
Die Fehlerliste des Bundestrainers ist lang, zum Teil hat er sich in seinen Ideen verrannt, was schon früher als Schuss nach hinten losging. Diesmal machte er sich unnötig Probleme, weil er meinte, auf Manuel Neuer nicht verzichten zu können, dies schlecht kommunizierte und für Unruhe sorgte. Er legte vorher Positionen und sogenannte Rollenspiele fest, was wieder zu Konflikten führte. Mit Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger hat er sich ebenso vertan, wie mit dem Mittelfeldduo Nmecha-Pavlovic, obwohl er vorher hier Goretzka sah, der dann auf der Bank versauerte. Pech, dass Pavlovic nicht in Bestform war. Ähnlich die Behandlung von Sané, an dem er trotz schwacher Leistungen festhielt und auch Musiala kam nach seiner Verletzungspause immer noch nicht richtig in Form, aber Nagelsmann gab anderen keine Chance. Nur beim Sieg über die Elfenbeinküste wechselte er richtig und den Erfolg ein, ansonsten kam nichts. ZDF-Expertin Fritzy Kromp sah einen typischen Fehler von Nagelsmann bei der Behandlung von Nick Woltemade: „Warum ließ er ihn links liegen, er hatte Deutschland die Qualifikation mit seinen Toren gesichert, blieb aber außen vor, statt auf ihn aufzubauen. Der verunsicherte Spieler wurde dann die letzten Minuten ins Gefecht geworfen und trat sogar zum Elfmeterschießen an. Kein Wunder, dass er nicht traf.“ Dazu war auch Havertz als Erster vom Punkt zu zögerlich, anders als Kimmich, Musiala und Amiri.
Das Elfmeterschießen war sinnbildlich, noch nie hatte Deutschland bei einer WM ein Elfmeterschießen verloren. 1982 gegen Frankreich nicht, 1986 gegen Mexiko nicht, 1990 gegen England nicht und 2006 gegen Argentinien nicht. Warum diesmal? Es gab keine Vorbereitung, wurde im Training nicht geübt und die möglichen Schützen wurden vorher nicht bestimmt. Schlechte Vorbereitung also.Beim Ernstfall hatten die Spieler zu wenig Mut, das musste schief gehen. So trat Jonathan Tah an, der in einem Spiel noch nie einen Elfmeter geschossen hat! Sein entscheidender Elfer ging über das Tor, so wurde er zum doppelten Unglücksraben, weil sein Kopfballtor in der Verlängerung zum eigentlichen Siegtreffer nach VAR-Eingriff zurückgenommen wurde. Die FIFA verteidigte Schiedsrichter Jayed (Marokko), es hieß, die Referees wurden angewiesen, es als Foul zu werten, wenn der Torhüter ohne Ball in der Nähe geblockt wird. Anton hat ihn ein wenig gestoßen, was reichte. Eine harte, aber regelgerechte Entscheidung, auch wenn es verschiedene deutsche Schiedsrichter anders sahen. Es passte zur Situation, wie heißt ein Spruch, „hast Du kein Glück, kommt auch noch Pech dazu“. Mit der Entscheidung vom Punkt hatte keiner gerechnet, jeder sprach nur über Frankreich im Achtelfinale als Brocken, den es zu beseitigen gilt, dabei erwies sich schon der kleine Stein Paraguay als zu großer Brocken… (Frankreich übrigens beeindruckte dank Mbappé und Olise mit 3:0 über Schweden).
Was die Auswirkungen für die Zukunft angeht, sieht es für Wirtschaft und Nationalmannschaft ähnlich aus. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird bei Neuinvestitionen ob des teuren Umfelds skeptisch betrachtet. Parallel dazu urteilte zum Beispiel Spaniens Zeitung Marca zum Spiel: „Deutschland ist nicht mehr das, was es einmal mehr.“ Die englische Presse spottete, „jetzt können sie nicht einmal mehr Elfmeterschießen“. Das Problem für die nächsten Turniere: Der Respekt vor Deutschland ist verloren gegangen. Früher hieß es, „gegen die haben wir keine Chance“, heute strecken alle die Brust raus und sagen „Deutschland ist schlagbar“. Die Folgeschäden sind also noch nicht einmal abzusehen. Auch für den DFB nicht, der durch das frühzeitige Ausscheiden einen finanziellen Verlust hinnehmen muss. Zehn Millionen Euro Prämie gibt es von der FIFA, wäre das Achtelfinale erreicht worden, kämen vier Millionen dazu, das Viertelfinale war aber das Ziel, „um kostendeckend zu arbeiten“, so der DFB vorher.
Weiter geht es für die Nationalmannschaft erst Ende September mit Spielen der Nations League. Erster Gegner ist am 24. September mit der Niederlande ein Leidensgenosse, „Oranje“ verlor ebenfalls im Sechzehntelfinale mit 2:3 im Elfmeterschießen gegen Marokko, im Gegensatz zu Paragua kein Außenseiter. Die Enttäuschung war trotzdem groß, Bondscoach Roman Koeman trat am Mittwoch von seinem Amt zurück. Ein Vorbild für Julian Nagelsmann. Am 27. September zeigt sich die DFB-Elf in Augsburg zum ersten Mal wieder in der Heimat. Welcher Trainer wird dann an der Seitenlinie stehen?
Davon wird es abhängen, wie dann die Mannschaft aussehen wird. Manuel Neuer hat schon seinen diesmal endgültigen Rücktritt erklärt. Ältere Spieler dürften folgen, Kapitän Joshua Kimmich will an Bord bleiben und kämpfen, dass die „verlorene Generation“ doch noch einen Titel holt. Blutauffrischung könnte es durch Urbig im Tor, Karl oder El Mala geben, ein starker Rechtsverteidiger wird gesucht, Kimmich gehört ins Mittelfeld.
Wenn es die Fußball-Fans tröstet, die Bundesliga startet am 28. August, bereits am 22. August spielen Dortmund und die Bayern um den Franz-Beckenbauer-Supercup.