Trotz Schatten einer Diktatur, die WM war besser als gedacht
Der Europameister ist jetzt auch Weltmeister! Es scheint also doch einen Fußball-Gott zu geben, der die beste Mannschaft des Turniers gewinnen lässt. Es hatte den Anschein, als sollte von Seiten der FIFA (der Fußball-Weltverband, der sich fest in der Hand seines Präsidenten Gianni Infantino befindet) alles versucht werden, um Argentinien und seinem Super-Star Lionel Messi die erfolgreiche Titelverteidigung möglich zu machen. Der Weg ins Finale war von der Auslosung her ein leichter, die Schiedsrichter waren zur Albiceleste äußerst großzügig (angefangen im ersten Spiel, als Messi hätte Rot sehen müssen), bei vielen Toren in den letzten Minuten stand ihnen, neben dem eigenen Willen, auch Glück zur Seite. Im Finale war alles anders, Spanien kontrollierte das Geschehen, Messi und Argentinien kamen praktisch nicht vor, Joker Ferran Torres sorgte in der 106. Minute für die Entscheidung gegen einen inzwischen dezimierten Gegner, der erst danach das gegnerische Tor ins Visier nahm. Vorher war das Bemühen nicht da, Argentinien war ausgerechnet im Finale die erste Mannschaft in der WM-Geschichte, die in den regulären 90 Minuten kein einziges Mal auf das Tor des Gegners schoss!
Ein versöhnlicher sportlicher Ausklang einer Weltmeisterschaft, die von Anfang an von negativen Schlagzeilen und selbstherrlichen Entscheidungen Infantinos begleitet war. Das zeigte diese WM auch: Der Fußball wird überleben, er soll, geht es nach den Fans, die schönste Nebensache der Welt bleiben. Ausgerechnet die FIFA sieht den Fußball aber Goldesel an, den man vor allem abkassieren kann. Nur zum Geldverdienen gab es auch die Trinkpausen. Wieder abschaffen! Zudem waren die Schatten einer Diktatur ein Ärgernis und dennoch war am Ende die WM besser als gedacht. Die Fans sorgten dafür, sie strömten trotz horrend hoher Eintrittspreise in die Stadien, ließen sich ihren Spaß nicht nehmen und überall in Amerika wurde, egal welcher Herkunft, gemeinsam gefeiert, als wollte sie ihrem Präsidenten zeigen, wir gehören alle zusammen, eine Politik des Spaltens hat keine Zukunft.
Von Problemen wollen Trump und Infantino nichts wissen, notfalls ein Anruf, damit eine Rote Karte bei der USA gelöscht wird. Trump dankte Infantino direkt, „Gianni, eine großartige Entscheidung“. Allein dieser Regelverstoß könnte für Infantino noch zum Bumerang werden. Wann greift endlich die FIFA-Ethikkommission ein? Wohl nie, auch sie steht angeblich unter Infantinos Fuchtel. Der hat die Bodenhaftung verloren, freut sich über den Rekordbesuch von 6,6 Millionen Zuschauern und schwafelt davon, die WM wäre „das größte gesellschaftliche und kulturelle Ereignis, das die Menschheit je gesehen hat“ und die FIFA sei „der offizielle Glücksbringer der Menschheit“. Kleiner geht es nicht mehr.
Größer geht es aber schon noch, das streut Infantino immer wieder ein, wenn es um die Zukunft geht. Nach der XXL-WM mit 48 Nationen kommt die XXXL-WM mit 64 Teilnehmern, macht 128 Spiele in vielleicht sechs Wochen. Könnte sein, dass Zuschauer dann schon vor dem Finale WM-müde sind. Aber egal. Mehr Spiele = mehr Geld, diesmal ist von 15 Milliarden Dollar Einnahmen die Rede, da muss noch mehr gehen. In vier Jahren könnte es schon so weit sein, wenn auf drei Kontinenten in Uruguay, Argentinien und Paraguay, in Spanien und Portugal sowie in Marokkko gespielt wird. Das schreit doch nach 64 Teilnehmern! 2034 ist Saudi-Arabien Gastgeber (vielleicht helfen Nachbarn aus!) und für 2038 hat Trump die USA wieder ins Gespräch gebracht und gescherzt „Mexiko und Kanada nehmen wir nicht mehr ins Boot, vielleicht China“. Das wäre ganz nach Infantinos Geschmack. Der Klimawandel zählt nicht (Infantino flog bei seinen Spielbesuchen zweimal um die Erde!), Größe aber schon.
Sein Reich muss Infantino im März verteidigen, da stehen Neuwahlen an, bisher gibt es keinen Gegenkandidaten, doch die kritischen Stimmen werden angesichts seiner Regelverstöße immer mehr. Sein Verhalten als König, der sein Wahlvolk mit Geld bei Laune hält, stößt immer mehr ab, da sind ihm auch aus Afrika und Asien nicht mehr alle Stimmen sicher, Europa stellt sich sowieso mehrheitlich gegen ihn. Zur Falle könnte für ihn auch die Tatsache werden, dass er Unterstützerschreiben an mindestens 200 der 211 Verbände, in denen um die Unterschrift für seine Wiederwahl aufgefordert wird, von seinen Mitarbeitern in der FIFA-Zentrale hat erstellen und verschicken lassen. Das ist wieder ein Regelbruch, die Wahl ist schließlich seine Privatangelegenheit. Überhaupt könnte die FIFA Probleme bekommen, der Weltverband ist schließlich in der Schweiz als gemeinnützige Einrichtung notiert und genießt Steuervorteile!
Spanien ist der große Gewinner
Die FIFA hatte bei der Auslosung zu einem neuen Modus gegriffen und wie im Tennis einen Turnierbaum erstellt, Grundlage war die Weltrangliste. Am Ende standen sich tatsächlich die vier besten Teams im Halbfinale gegenüber, gewonnen hat am Ende mit Spanien die beste Mannschaft des Turniers (vorher hinter Argentinien, jetzt Nummer 1, Deutschland 12). Ein einziges Gegentor kassierten die Iberer, im Viertelfinale gegen Belgien (2:1). Danach folgte das 2:0 gegen Frankreich im vielleicht besten Spiel und das 1:0 im eigentlich enttäuschenden Finale, weil Argentinien beim 1:0 gar nicht Fußball spielen wollte (der zweite WM-Titel für Spanien nach 2010.
Da war das Duell um Platz drei ganz anders, England siegte mit 6.4 (4:0) gegen die Franzosen, eines der torreichsten WM-Spiele überhaupt. Viele wollen ja das Spiel um Bronze abschaffen, die Engländer aber waren glücklich, Platz drei ist ihre beste WM-Platzierung nach dem Titelgewinn 1966. Der bleibt aber ein Traum. Trainer Thomas Tuchel lockerte alle Fesseln und setzte neue Spieler ein. Viele Legenden von der Insel fordern die Ablösung des gebürtigen Krumbachers, der Verband will aber an ihm festhalten, die Mannschaft steht hinter ihm. In zwei Jahren gibt es die Europameisterschaft im eigenen Land (Großbritannien und Irland), da soll Tuchel für den Titel sorgen. Aber: Spanien hat nicht nur eine gute, sondern auch ein sehr junge Mannschaft mit Zukunft!
Spanien war überhaupt der große WM-Gewinner, denn auch bei den Einzelauszeichnungen sahnte der Titelgewinner ab. Von der Expertenkommission der FIFA wurde Rodri zum besten Spieler gewählt, Torhüter Unai Simon erhält den „Goldenen Handschuh“ für den besten Keeper und der 19jährige Verteidiger Cubarsi wurde als bester junger Spieler gekürt, vor seinem Mannschaftskollegen Lamin Yamal, der nach einer Verletzung nicht in Bestform war. Nur der beste Torjäger kommt aus einem anderen Land, Kylian Mbappé löschte den alten Rekord von Miroslav Klose aus (16 WM-Treffer) erzielte insgesamt sein 22. WM-Tor und hängte mit 10 Turniertreffern auch Lionel Messi ab (8). Mbappé war auch bester Skorer (10+4) vor Messi (8+4). Bei Messi flossen die Tränen, aber nicht deswegen, sondern weil der 39-Jährige sein letztes WM-Spiel absolvierte. Neben ihm erlebten mit Modric (Kroatien), Cristiano Ronaldo (Portugal) und Manuel Neuer weitere Größen der vergangenen Jahre ihre letzte WM.
Wann unterschreibt Jürgen Klopp?
Deutschland erlebte wieder einmal eine enttäuschende WM, die Folgen sind bekannt, aber noch nicht alle Fehler wirklich aufgearbeitet. Auch im Nachhinein wird weiter Kritik an Julian Nagelsmann geübt, der zurückgetreten ist. Die Harmonie innerhalb der Mannschaft soll groß gewesen, dass Verhältnis zwischen Team und Trainer aber sehr unterkühlt. Einige Spieler vermissten die nötige Kommunikation mit dem Coach, anderen missfiel seine Art der Gereiztheit, die Nagelsmann offensichtlich ausstrahlte und seine Kaderzusammenstellung fand ebenfalls keine Zustimmung, so gab es zu viele Mittelfeldspieler, aber wenig echte Flügelstürmer und keinen Ersatz für Kimmich auf rechts. Dazu vermisste die Mannschaft eine echte Führung.
Das soll jetzt mit Jürgen Klopp anders werden. An der Verpflichtung des Meistertrainers von Dortmund und Liverpool gibt es kaum Zweifel, es wäre eine Blamage, wenn die entsprechenden DFB-Gremien nicht zustimmen würden. Klopp selbst sprach davon, dass alles geregelt sei und allenfalls noch kleine Hürden bestehen. Das Gespräch mit Red-Bull-Chef Mintzlaff ist zwar verschoben worden, doch ist durchgesickert, dass Red Bull auf jegliche Ablösung verzichtet. Klopp kehrt in diesen Tagen aus New York zurück, soll bald unterschreiben und könnte Ende der Woche noch offiziell vorgestellt werden. Nagelsmanns Schwächen sind Klopps Stärken, er ist kommunikativ und gilt als „Menschenfänger“. Aber er hat eine große Aufgabe vor sich, Deutschland hat den Anschluss an die besten Nationen verloren.