Nagelsmann und seine Rollenverteilung: Welche Rolle spielt Deutschland bei der WM?
Die letzten Tests sind vorbei, für die deutsche Nationalmannschaft kann die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA kommen. Oder doch nicht? Sind die Nagelsmann-Schützlinge wirklich WM-fit? Da sind Zweifel angebracht, aber das Turnier vom 11. Juni bis 19. Juli ist noch weit. Für Deutschland beginnt die WM am 14. Juni in Houston gegen Curacao, laut Weltrangliste mit Platz 82 der schwächste WM-Teilnehmer. Der wichtigste Termin für Trainer und Spieler ist vorerst aber der 12. Mai, da wird Julian Nagelsmann sein WM-Aufgebot bekanntgeben.
Zwei Siege in den letzten Tests hören sich ja nicht schlecht an, aber überzeugend waren weder das 4:3 in der Schweiz und schon gar nicht das 2:1 gegen Ghana. Zur Erinnerung, Österreich siegte gegen Ghana mit 5:1. Aber gut, in Stuttgart spielten die Schützlinge von Otto Addo, der nach der Niederlage entlassen wurde (!), wesentlich defensiver, insofern ein guter Test für die DFB-Auswahl, denn auch die WM-Gegner (außerdem die Elfenbeinküste und Ecuador) werden gegen den Favoriten einen defensiven Ansatz wählen. Da zeigten wiederum die Länderspiele, dass sich die Nagelsmänner damit schwer tun. Gegen Ghana fehlte meist das Tempo, wirkten die Spieler einfallslos, wurde der Ball hin- und hergeschoben, nach dem Motto „einer wird doch mal eine Idee haben“. Da ist es gut, wenn einer wie Florian Wirtz mal eine Idee hat und mit Toren begeistert oder wenn ein Lennart Karl mal für ein bisschen Unruhe in der gegnerischen Abwehr sorgt. Bitte mehr Unruhe und mehr Tore!
Andererseits zeigte sich die deutsche Abwehr bei Tempo-Gegenstößen nicht besonders sattelfest. Die drei Gegentreffer gegen die Schweiz lassen grüßen. Die Fehler in der Abwehr machen schon ein bisschen nachdenklich. Wie heißt es so schön: Stürmer entscheiden Spiele, die Defensive sorgt aber für Titel. Da sollte man offensichtlich keine so großen WM-Hoffnungen hegen. Mehr Sicherheit ist notwendig. Nico Schlotterbeck darf sich solche Fehler wie gegen die Schweiz nicht leisten. Das kann nicht die Rolle sein, die ihm der Trainer zugedacht hat.
Ja, die Rollenverteilung von Julian Nagelsmann ist großer Diskussionsstoff. Er will damit für Klarheit sorgen, aber nicht alle sind mit ihren Rollen wohl einverstanden. Der Bundestrainer will Ruhe haben, wenn ein Teil der Spieler vorher weiß, dass für ihn die Rolle des Einwechselspielers vorgesehen ist. Einer nimmt es an, der andere wiederum nicht. So wurde vor allem über den Stuttgarter Publikumsliebling Deniz Undav diskutiert, den die Fans in seiner ersten Halbzeit als Bankdrücker forderten, der nach der Pause aufs Feld kam und in der 88. Minute auf Pass von Leroy Sané den Siegtreffer erzielte. Undav feierte sich selbst und machte mit einem Fingerzeig auf seinen Namen auf dem Trikot deutlich „der Undav macht’s, der muss spielen“. Er würde sich schon mehr Spielzeit wünschen, richtete er an den Trainer, der aber Argumente hat: „Er ist dann gefährlich, wenn er später kommt, wenn der Gegner schon ein bisschen müde ist“. Und vorher lieferte Undav auch keine Argumente: Er war kaum zu sehen.
Manche nehmen eben die Rollen an, andere hoffen auf eine große Rolle, so auch Sané, der dafür aber konstant Leistung bringen muss, nicht heute so, morgen so. Mehr Spektakel kam von Karl, den Nagelsmann als zurückhaltend und demütig bezeichnet. Eine Rolle als Joker? Wunderbar. Das findet Angelo Stiller im Mittelfeld nicht, aber er wird sie wohl spielen müssen – oder zu Hause bleiben. Aber nach den Tests sind nur wenige Fragen offen. Wer könnte zur Not Joshua Kimmich rechts ersetzen, wer David Raum links? Ansonsten gibt es genügend Kandidaten und bei einem Kader von 26 Mann genügend Platz für Reservisten. Doch welche Rolle spielt Deutschland dann bei der WM? In der Weltrangliste steht Deutschland auf Rang zehn, Nummer 1 ist aktuell Frankreich vor Spanien und Argentinien, das auf Rang drei abrutschte, danach folgen England und Brasilien. Diese fünf Nationen bilden wohl den Kreis der WM-Favoriten, dahinter erst kommt Deutschland. Aber träumen darf man dennoch vom Titelgewinn.
Dies könnte der WM-Kader sein (wenn heute schon der 12. Mai wäre): Tor: Baumann, Nübel, Ubrig, Dahmen (wenn vier dabei sind). – Abwehr: Kimmich, Tah, Schlotterbeck, Raum, dazu Rüdiger, Bischof (!), Anton, Brown. – Mittelfeld defensiv: Pavlovic, Nmecha, Goretzka, Stiller, Groß. – Mittelfeld offensiv und Sturm: Gnabry, Musiala, Wirtz Havertz dazu Sané, Karl, Leweling, Undav, Woltemade. Bischof könnte als flexibler Spieler gut ins Aufgebot passen, Füllkrug oder Kleindienst könnten, falls fit, noch ins Aufgebot rutschen, als kopfballstarke Tor-Joker.
Der Weg zur WM: 12. Mai: Bekanntgabe WM-Kader. 25. Mai: Start WM-Trainingslager im Adidas Home Ground in Herzogenaurach. 31. Mai: Test gegen Finnland in Mainz. 1. Juni: Öffentliches Training und Abschiedsveranstaltung in Frankfurt. 2. Juni: Abflug in die USA, Trainingslager in Chicago. 6. Juni: Testspiel gegen die USA in Chicago. 7. Juni: Reise ins WM-Quartier Winston-Salem in North Carolina. 14. Juni: WM-Start gegen Curacao in Houston.
48 glückliche Nationen starten bei der Weltmeisterschaft. Die letzten sechs Tickets wurden in dieser Woche vergeben und bei den Unterlegenen spielten sich zum Teil Dramen ab, vor allem in Italien. Zum dritten Mal in Folge schieden die Azzurri in den Play-Offs aus, gegen Bosnien-Herzegowina ging auch alles schief mit einem frühzeitigen Platzverweis, vergebenen Chancen zum Siegtreffer und nach dem 1:1 nach Verlängerung Fehlschüssen im Elfmeterschießen. Die Fußball-Nation Italien liegt am Boden und Trainer Gennaro Gattuso, einst ein Kämpfer vor dem Herrn, ist ratlos. Er wollte eigentlich auswandern, wenn er Italien nicht zur WM führt. Eine Überraschung war auch die Qualifikation von Tschechien gegen Dänemark (2:2, Elfm.. 3:1). Bosnien und Tschechien kamen in Halbfinale und Finale jeweils im Elfmeterschießen weiter! Mit dabei sind auch Schweden (3:2 gegen Polen, da jammert Lewandowski) und die Türkei (1:0 gegen Kosovo mit Trainer Franco Foda). Interkontinental haben es der Kongo (1:0 n. V. gegen Jamaika) und der Irak (2:1 gegen Bolivien) geschafft.
Einen wichtigen Sieg hat Deutschlands U21 in der EM-Qualifikation errungen. Mit 2:0 gewannen die Schützlinge von Antonio Di Salvo in Griechenland (Tore El Mala, Kade) und übernahmen damit die Tabellenführung in ihrer Gruppe. Das Hinspiel gewann bekanntlich Griechenland, deshalb war die deutsche Auswahl unter Druck. Bei Punktgleichheit entscheidet die bessere Tordifferenz (derzeit 22:4 zu 21:4) und da könnte das DFB-Team im Vorteil sein, die nächsten Gegner sind im September Schlusslicht Malta (0 Punkte/1:28 Tore) und der Vorletzte Lettland. Nur der Gruppenerste qualifiziert sich direkt für die EM 2027 in Serbien und Albanien.