Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

European Championships: Bitte kein neues Olympia!

Das Experiment ist gelungen, die European Championships in Glasgow und Berlin waren ein voller Erfolg. Das eigentlich alle zufrieden waren – Sportler, Funktionäre, Fans und das Fernsehen – hat Seltenheitswert. Die Idee, verschiedene Europameisterschaften zu einem besonderen Event zusammenzulegen, war ein Volltreffer. Sieben Sportarten feierten in zehn Tagen ein Fest und weckten damit gleichzeitig Begehrlichkeiten. Dort wo Begeisterung herrscht, wollen auch andere Sportarten teilnehmen. Doch Vorsicht: Noch größer heißt nicht noch schöner, die European Championships dürfen kein zweites Olympia werden.

Erstaunlich, wie diese neue Veranstaltung von den Fans in Glasgow und Berlin sowie an die Bildschirmen gleichermaßen angenommen wurde. In Deutschland war sogar von einem „Sommermärchen“ die Rede, weil sich die deutschen Sportler als Medaillensammler präsentierten. Und das TV-Konzept ging auf, wie im Winter so jetzt auch im Sommer brachte die geballte Wucht der Wettbewerbe die Zuschauer an die Fernseher. Schwimmen feierte ein Comeback, sogenannte Randsportarten profitierten, „sonst interessiert sich für uns keine Sau“, jubelten zum Bespiel die Wasserspringer. Schauen im Winter die Sportfans neben Biathlon eben auch Rodeln oder Langlauf, so blieben sie diesmal beim Rudern oder Radsport hängen. Im Schnitt rund zwei Millionen Zuschauer schauten tagsüber zu, was den Zahlen vom Winter gleichkam, abends bei der Leichtathletik waren es beständig über vier Millionen und die Leichtathleten schlugen fast durchwegs die TV-Konkurrenz am Abend. „Wir sind sehr zufrieden,“ hieß es beim Fernsehen. Bemerkenswert, denn in Deutschland gab es ja schöne Sommertage.

Aber wie geht es weiter? Sicher dürfte sein, es geht weiter. In vier Jahren soll es eine Wiederholung geben, ein neues Sommermärchen soll die fußballfreie Zeit versüßen. Die Organisatoren werden nun überlegen, ob es noch attraktiver geht, andere Sportarten zeigen wie gesagt Interesse. Die European Championships dürfen aber Olympia nicht kopieren, eine Selbstbeschränkung ist Pflicht, die Veranstaltung darf nicht überlastet und teurer werden. Der Zeitraum von zehn Tagen war ideal, 14 Tage wären die absolute Grenze. Mehr Sportarten würden dafür sorgen, dass zu viele Wettbewerbe parallel laufen müssen – der Sinn der Sache, mehr Aufmerksamkeit, würde ad absurdum geführt. Olympische Spiele sind inzwischen ein Opfer des Kommerz geworden, die Sportler sind nur noch Mittel zum Zweck des Geldverdienens. Bei den Championships standen die Sportler wieder im Mittelpunkt. So muss es sein.

Die Verbände müssen allerdings einiges tun, um den langfristigen Erfolg zu garantieren. So müssen vor allem die Weltverbände mitspielen, damit die Aktiven nicht in Terminnöte kommen und gezielt auf diesen Saisonhöhepunkt hintrainieren können. So gaben in diesem Jahr die Ruderer der baldigen Weltmeisterschaft den Vorzug und ruderten unter ferner liefen. Der einzige Schwachpunkt neben dem Golf. Auch hier haben die großen Turniere Vorrang, die Größen des Sports werden wohl selten Zeit finden, also könnte Golf gestrichen werden. Dafür wäre Beach-Volleyball eine gute Ergänzung und wo die Ruderer schon mal auf dem Wasser sind, könnten sich die Kanuten dazu gesellen.

Dann aber muss schon Schluss sein. Ideen, dass auch Volleyball und Handball gut passen würden, muss eine Absage erteilt werden. Mit Ausnahme vom Turnen sollten die European Championships eine Freiluftveranstaltung sein, auch wenn Schwimmen immer mehr in die Halle geht. Wichtig wäre (und wird wohl so auch von den Organisatoren gesehen), dass nur eine Stadt die Championships ausrichtet, diesmal musste es anders sein, weil die Leichtathletik-EM bereits nach Berlin vergeben war. Aber gerade Berlin bietet sich als Austragungsort in vier Jahren an, auch Hamburg zeigt angeblich Interesse und womöglich bieten sich auch andere Städte in Europa an. Anders als mit den Olympischen Spielen und ihrem Gigantismus können die Ausrichter die Bevölkerung sicher mit Veranstaltungen in bestehenden Stadien und geringen Kosten überzeugen. So sollte auch jegliche Idee für ein Athletendorf gleich wieder ad acta gelegt werden. Kein Gigantismus bitte!

Die Leichtathletik und Berlin waren der größte Gewinner der European Championships. Ein Grund dafür war, dass der Verband über seinen Schatten gesprungen ist und die Wettbewerbe gestrafft hat. So gab es ein Feuerwerk des Sports. Die großartige Stimmung im Olympiastadion, die Begeisterung bei Athleten und Zuschauern waren gleichzeitig ein Plädoyer dafür, dass das Olympiastadion mit seiner legendären blauen Laufbahn so erhalten bleiben muss. Am Schlusstag hatten die Leichtathletik im Fernsehen sogar mehr Zuschauer als der Fußball (Supercup-Endspiel Frankfurt – Bayern) und lieferte damit gleich das entscheidende Argument: Nicht alles darf dem Götzen Fußball geopfert werden, das Olympiastadion gehört auch der Leichtathletik. Wenn es dem Bundesligisten Hertha BSC hier nicht mehr gefällt, kann nur ein eigenes Fußball-Stadion die Lösung sein, aber nicht ein Umbau mit Wegfall der Laufbahn. Berlin würde nur verlieren, könnte in vier Jahren als Ausrichter der European Championships aber ein Gewinner sein!

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Start der Premier League: Europa schaut nach England

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist Vergangenheit, der Ball rollt jetzt wieder auch in den großen Ligen Europas. „Appetitmacher“ waren die Ligen in Österreich, Schweiz oder Tschechien, richtig interessant wird es aber erst jetzt, wenn die Premier League in England startet, aber auch Ligue 1 in Frankreich. Allerdings könnten diese beiden Ligen unterschiedlicher nicht sein, da eine Masse an starken Traditionsvereinen, dort das übermächtige Paris St. Germain. Nächste Woche geht es auch in Spanien und Italien los, die Bundesliga wartet bekanntlich bis zum 24. August. Vorausschauend wurde Spielern und Vereinen viel Zeit gegeben, um die WM-Enttäuschung zu verarbeiten…

Im Mittelpunkt aber der Start der Premier League – alle schauen nach England. Bekanntlich übt die Premier League nicht nur eine große Anziehungskraft aus, weil dort der Fußball gelebt wird, sondern vor allem, weil die Geldtöpfe besonders gut bestückt sind. Diesmal schaut der Rest Europas allerdings auch deshalb nach England, weil die Premier League ein Experiment gewagt hat und die Transferliste bereits am Donnerstag, 9. August, geschlossen hat, so dass einigermaßen Ruhe an der Transferfront einkehrt, weil Englands Geld nicht mehr lockt. Andererseits können überzählige Spieler aus der Premier League durchaus abgegeben werden – auch deshalb lohnt sich also der Blick nach England! Mal sehen, ob es die Klubs in England am Ende als Vorteil werten, dass der Transfermarkt vor Beginn der Saison geschlossen wurde.

Aber lassen wir das Transfertheater, bleiben wir beim Sport. Und da stellt sich in England eine seltsame Frage: Gibt es wieder einen Alleingang von Manchester City? Pep Guardiola hatte in der letzten Saison die Liga geschockt, der Ex-Bayern-Coach dominierte mit seinem Team das Geschehen, eroberte 100 Punkte, sorgte für Langeweile an der Spitze mit 19 Punkten Vorsprung und seine Mannen erzielten 106 Tore. Fast eine Demütigung für die Konkurrenz, eine Überlegenheit wie sie in Deutschland mit Bayern München und Frankreich mit Paris St. Germain als schädlich erachtet wird. Der Unterschied: In Deutschland und Frankreich wird keine Änderung erwartet, in England schon.

Nur: Wer kann Pep Guardiola und seinen Mannen Paroli bieten? Dem Vorjahreszweiten und Lokalrivalen Manchester United mit Trainer Jose Mourinho wird dies eigentlich nicht zugetraut. Eher wird da der FC Liverpool mit Jürgen Klopp genannt. Der deutsche Coach hat sein Team gezielt verstärkt, vor allem die Schwachstelle Torhüter mit Roms Brasilianer Alisson geschlossen, zu dieser Zeit war es mit angeblich 72,5 Millionen Euro der teuerste Torhüter-Transfer. Zudem sollen Leipzigs Naby Keita, Fabinho und Shaqiri das Mittelfeld verstärken bzw. den Kader insgesamt besser machen. Jürgen Klopp rüstet sich wie in Dortmund in seinem dritten Jahr zum Kampf um den Titel. Schon in der Bundesliga hat er Pep Guardiola bekanntlich gerne geärgert.

Die weiteren großen Rivalen in London versuchen es mit neuen Trainern. Bei Arsenal ging die große und erfolgreiche Ära des Franzosen Arsene Wenger zu Ende, Unai Emery musste in Paris gehen, weil der Erfolg in der Champions League ausblieb. Jetzt soll er die Titelträume der Arsenal-Fans erfüllen, die letztmals 2004 die Meisterschaft feiern durften (in Liverpool wartet man schon seit 1990!). Antonio Conte hatte mit Chelsea erst 2017 den Titel geholt – und dennoch war er nicht mehr wohl gelitten. Jetzt soll es Maurizio Sarri richten, der in Neapel mit viel Erfolg gearbeitet hat. Chelsea sorgte zum Transferschluss noch für Aufmerksamkeit, weil sich Belgiens WM-Torhüter Courtois Richtung Real Madrid verabschiedet und die Londoner dafür einen 23-Jährigen Keeper namens Kepa von Athletic Bilbao holten – für 80 Millionen Euro, jetzt ist der Spanier der teuerste Torhüter der Welt. Aber alle sollten auch Mauricio Pochettino nicht übersehen, fast heimlich, still und leise hat er aus den Tottenham Hotspurs einen Meister-Anwärter gemacht, allen voran geht bzw. trifft der WM-Torjäger Harry Kane.

Der Rest des Feldes ist auch in England mehr oder weniger nur Staffage und hofft höchstens auf einen Platz in der Europa League. Apropos Europa, mit dem Brexit will sich Großbritannien ja politisch und wirtschaftlich von Europa entfernen, im Fußball will England endlich in Europa triumphieren. Fast eine Schmach und für die größte Geld-Liga Europas, dass man in der Champions League den Henkel-Pott zuletzt immer anderen überlassen musste, zuletzt dreimal Real Madrid. Immerhin war der FC Liverpool 2018 im Finale und verlor unglücklich mit 1:3. Den Titel gewann zuletzt Chelsea London 2012 glücklich gegen Bayern München, davor brachte 2008 Manchester United den Pott nach England heim. Den Run der Spanier seit 2014 (2015 siegte der FC Barcelona und davor 2013 Bayern München) will man vor allem in England endlich beenden. Man will sich nicht mehr nachsagen lassen, dass Geld keinen Erfolg bringt. Auch deshalb schaut Europa nach England.

Der FC Bayern geht wieder auf Titeljagd

Die Fußball-Bundesliga scheint in einer Zeitschleife festzustecken. Ist jetzt 2013 oder doch schon 2018? Auf die Frage vor der Saison nach dem Meisterschaftsfavoriten gibt es seit Jahren nur eine Antwort: FC Bayern München. Seit 2013 gibt es auch nur einen Meister – den FC Bayern München. Und der geht jetzt wieder auf Titeljagd. Mit dem kleinsten Ziel geht es am Sonntag in Frankfurt los, wenn im Supercup der Meister beim Pokalsieger Eintracht antritt. Lange Zeit wurde der Supercup belächelt, doch er hat an Bedeutung gewonnen, auch in den anderen großen Ligen. In diesem Jahr blickt das Fußballvolk besonders interessiert auf dieses Spiel, ist es doch die Rückkehr des Frankfurter Erfolgstrainers Niko Kovac mit den Bayern zu seinem alten Verein. Der Supercup gewinnt an Bedeutung.

Das sehen auch zwei ehemalige Bundestrainer so, Thomas Tuchel bei Paris St. Germain und Pep Guardiola mit Manchester City feierten bereits ihren ersten Titel und Tuchel sogar sehr ausgelassen. Ein kleines bisschen vom Erfolgsdruck ist weg, das große Ziel allerdings noch weit weg: Der Gewinn der Champions League. Danach sehnen sich viele Vereine in Europa, die Zahl der Interessenten wird immer größer und die Hoffnung träg einen Namen: Cristiano Ronaldo. Ohne den Torjäger will man Real Madrid endlich vom Thron stoßen. Das will zum Beispiel Juventus Turin eben mit Ronaldo schaffen…

Aber zurück zu den Bayern und ihre Titeljagd. Zurückhaltung kennt man in München nicht und so formuliert Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sehr deutlich, dass man wieder einen neuen Angriff auf den Henkel-Pott der Champions League starten wolle. Früher hieß es, die nationale Meisterschaft sei der ehrlichste Titel (es wäre der siebte in Folge), alles andere Zugabe. Das klingt jetzt anders. Bescheidenheit war zudem nie eine Zier in München, deshalb galt die letzte Saison auch nicht als eine erfolgreiche. „Nur“ die Meisterschaft ist nicht unbedingt das, was den Abonnementsmeister in große Jubelstimmung versetzt. Das Double wurde bekanntlich gegen Frankfurt mit einer schwachen Leistung verspielt, das bitte schön, sollte es doch dann wenigstens sein. Der Gewinn des Supercups und die Meisterschaft, das gilt dann nicht einmal als „kleines Double“. So groß ist die Bedeutung des Supercups also doch nicht.

Der neue Bayern-Trainer Niko Kovac hat ja gezeigt, wie der Pokal zu gewinnen ist. Das müsste eigentlich ein Dämpfer für alle diese Hoffnungsvollen sein, die darauf setzen, dass der Kroate in München vielleicht doch nicht so gut ankommt. Schließlich ist auch ein zumindest kleiner Umbruch im Bayern-Team zu verkraften, mit Arturo Vidal hat sich der „Krieger“ verabschiedet, Abwehr-Stratege Jerome Boateng könnte es noch tun (Tuchel in Paris und Manchester United buhlen angeblich um ihn). Leon Goretzka ist der einzige echte Neuzugang, Serge Gnabry begann zudem quasi seine Arbeit in München nach der Ausleihe nach Hoffenheim. Dazu staunten die Beobachter, dass im Vorfeld der Saison fast täglich ein anderer Nachwuchsspieler einen Profivertrag bei den Bayern unterzeichnete. Von sechs Hoffnungsträgern sollte dann halt wenigstens ein Lahm, Müller oder Alaba dabei sein. Bei der Titeljagd in diesem Jahr werden sie nicht helfen können.

Helfen sollen da schon eher noch die Oldies Franck Ribery und Arjen Robben, doch sie sind auch ein Sinnbild dafür, dass den Bayern die Zeit ein bisschen davon läuft. Die Konkurrenz in Europa rüstet immer mehr auf, die Bayern scheuen (bisher noch) das Risiko hoher Investitionen und vor allem Bayern-Präsident Uli Hoeneß will einen Traum offensichtlich umsetzen: Die Bayern als deutsche Mannschaft. Bleibt Boateng, könnten neun deutsche Nationalspieler in einer Anfangsformation beginnen! Allerdings: Ohne einen Lewandowski, Martinez, Thiago und James oder ähnliche Kaliber wird ein internationaler Erfolg auch nicht möglich sein. Also den Pott holen, bevor die Stars von heute zu alt werden. Auf geht’s zur Titeljagd!

Duell der Giganten: Rambo Vettel gegen Showman Hamilton

Die Formel 1 macht Sommerpause. Die Helden der Rennstrecken können sich ausruhen, doch in den Teams herrscht eher hektische Betriebsamkeit. Ingenieure und Mechaniker müssen alles versuchen, um die Autos schneller zu machen. Das gilt vor allem bei Mercedes und Ferrari, im Kampf um die Krone werden noch einige PS gesucht, um ihren Fahrern wenn möglich einen Vorteil zu verschaffen. Im Duell der Giganten um die WM-Krone zählt allerdings nicht nur das Auto, es zählen auch die Nerven, es kommt auf das Glück an. Wer holt sich am Ende seinen fünften Titel (beide liegen bei vier): Rambo Sebastian Vettel oder Showman Lewis Hamilton?

Im Moment heißt es „Vorteil Hamilton“. Der 32-Jährige Engländer hatte in den letzten Jahren in der zweiten Saisonhälfte immer seine stärksten Leistungen gezeigt. Das spricht für starke Nerven. Vor einem Jahr hatte sein Konkurrent Vettel zur Sommerpause sogar 14 Punkte Vorsprung, ehe Vettel den Titel durch Fahrfehler und technische Probleme noch verspielte. In dieser Saison hat Hamilton nach 12 von 21 Rennen seinerseits 24 Punkte Vorsprung, ist also fast einen Sieg voraus.

Eigentlich eine Überraschung, denn in den letzten Wochen sprach alles für den Deutschen. Der Ferrari gilt inzwischen als das schnellere Auto, die Italiener haben offensichtlich die PS-Vorteile von Mercedes nicht nur aufgeholt, sondern die Deutschen sogar überholt. Auch technisch gab es weniger Probleme, die traten eher bei Mercedes auf, doch die Stuttgarter bekamen irgendwie immer wieder die Kurve, manchmal stand ihnen auch das Glück zur Seite, so wie beim letzten Rennen in Budapest, als Regen in der Qualifikation WM-Führenden Hamilton die Pole Position schenkte (was die Basis für den Sieg war), auf einer Strecke, auf der Mercedes zuletzt kaum Erfolge einfuhr. Es scheint, dass sich auch das Glück auf die Seite von Hamilton geschlagen hat.

Sebastian Vettel verspielte wohl wieder einmal seinen Vorteil. Vor dem Rennen in Hockenheim hatte ein Sportfachblatt einen Vergleich von Vettel und Hamilton angestellt und kam zu dem Schluss, dass im Duell der Giganten der Deutsche vier von sechs Duellen für sich entscheiden würde. Auf der Strecke sieht es anders aus, falsch war zum Beispiel das Urteil, dass Vettel einen Vorteil in der mentalen Stärke hätte. Das Gegenteil ist der Fall, Vettel wird eher unruhig wenn es nicht läuft und auf der Strecke zum Rambo. Der Fahrfehler in Hockenheim ist ebenso der Beweis, wie das überharte Manöver gegen Bottas in Budapest. Vettel will den Titelgewinn erzwingen, Hamilton wirkt gelassener. Dem Showman helfen da vielleicht seine Ausflüge ins Showgeschäft – die richtige Ablenkung.

Aber noch ist nichts entschieden, es könnte ein harter Kampf bis zum letzten Rennen am 25. November in Abu Dhabi bleiben. Am 26. August geht es in Spa/Belgien weiter, der Lieblingsstrecke von Vettels Vorbild Michael Schumacher. Dessen Erfolge mit Ferrari will ja Vettel wiederholen, er wartet sehnsüchtig auf den Anfang einer Siegesserie. Immerhin hat dieses Duell der Giganten die Formel 1 wieder ins Gespräch gebracht, auch in Deutschland wurde das Interesse wieder geweckt, der übertragende Fernsehsender RTL freut sich über steigende Zuschauerzahlen und in Hockenheim kam man diesmal ohne Verlust über die Runden. Das lässt hoffen, dass am 22. Juli nicht das letzte Formel-1-Rennen in Deutschland stattfand.

European Championships: Die Sehnsucht nach mehr Aufmerksamkeit

Die Olympischen Spiele sind das Vorbild, die Bedeutung dieses weltweiten Festes des Sports werden sie aber nie erreichen. Aber die Sehnsucht nach mehr Aufmerksamkeit führte zu einem neuen Wettbewerb im Sport, vom 2. bis 12. August werden in Glasgow und Berlin erstmals die „European Championships“ ausgetragen. Sieben Sportarten präsentieren sich in zehn Tagen, tragen aufeinander abgestimmt quasi ihre Europameisterschaften aus. Eine Art von Konzentration der Wettkämpfe, wie sie zum Beispiel bei den Asien-Spielen schon lange erfolgreich praktiziert wird.

Bezeichnend, dass die Idee zu dieser Bündelung der Meisterschaften nicht vom Sport selbst kam, sondern vom Fernsehen. Auch die TV-Anstalten wollen natürlich mehr Aufmerksamkeit, sprich höhere Einschaltquoten. Initiator war die EBU (European Broadcasting Union), ein Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen TV-Sender in Europa. Die EBU ist Veranstalter, hat das Ereignis nicht nur angestoßen, sondern jetzt auch organisiert. Kein Wunder also, dass in Deutschland ARD und ZDF zusammen rund 100 Stunden übertragen. Nach den Qualifikationen am 2. August beginnt das ZDF am 3. August und danach wechseln sich die beiden Sender täglich ab, die ARD überträgt also an allen geraden Tagen.

Eigentlich sollten die European Championships nur an einem Ort stattfinden, in Glasgow nämlich. Doch die Leichtathletik-Europameisterschaften waren bereits nach Berlin vergeben und die Leichtathletik sollte das Herzstück der Spiele bilden, also wurde Berlin kurzerhand zweiter Standort. In Glasgow tummeln sich Schwimmen, Rudern, Triathlon, Radsport, Turnen und Golf. Mal sehen, ob die Wettkämpfe im neuen Gewand die Zuschauer mobilisieren, schlechter kann es ja nicht werden.

Hintergrund zur Idee der European Championships ist ja, dass viele Sportarten kaum noch Beachtung im Fernsehen und in der Öffentlichkeit finden. Bestes Beispiel ist in Deutschland das einst so populäre Schwimmen. Viele Sportarten tauchen fast immer nur alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen auf, jetzt soll die Durststrecke also nicht mehr so lang sein. Gefordert sind natürlich vor allem die Sportler selbst, denn die müssen mit guten Leistungen und Erfolge für Aufmerksamkeit, vielleicht sogar für Euphorie sorgen. Rund 4500 Athleten aus über 50 Ländern sind am Start, 188 Medaillenentscheidungen gibt es. Kleine Olympische Spiele also.

Kein Wunder, dass am Anfang noch nicht alles rund läuft. So legten die Schotten Wert darauf, dass ihr Lieblingssport Golf im Programm auftaucht, doch der internationale Wettkampfkalender war natürlich schon geschrieben. So gibt es allein Mannschaftswettbewerbe der Damen und Herren und im Mixed. Die Amateure haben das Sagen, aus Deutschland werden nur Damen am Start sein.

Die TV-Anstalten als Organisator? Vielleicht werden wir uns daran gewöhnen müssen, in vielen Ländern Europas haben vor allem Privatsender schon Wettbewerbe durchgeführt, bisher waren es allerdings meist Spaßveranstaltungen. Es kann gut sein, dass mehr TV-Anstalten die Idee aufgreifen und den darbenden Sportarten eine Plattform bieten. Die EBU ist wahrscheinlich auch deshalb auf die Idee dieser Spiele gekommen, weil ihre Sender inzwischen viele Rechte an attraktiven Sportarten (Fußball!) verloren haben. So sind jetzt alle auf das erste Experiment gespannt, gelingt es, soll es in vier Jahren eine Neuauflage geben, natürlich mit noch mehr Sportarten.

Der Dritte kann auch der Erste sein

„Fußball, Fußball, Fußball“ heißt es gern in Deutschland, wenn es um das Interesse am Sport geht. Immer nur „Fußball, Fußball, Fußball“ meutern die anderen Sportarten, wenn sie über mangelnde Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit oder Präsenz im Fernsehen jammern. Motto: Fußball wird immer übertragen, Tischtennis zum Beispiel nie. Aber selbst früher beliebte Sportarten wie die Leichtathletik oder Schwimmen haben an Bedeutung verloren, an Zuschauern und Aufmerksamkeit. Alles dreht sich also um den Fußball und der Start der 3. Liga an diesem Wochenende ist der Beweis dafür: Fußball 1 steht für die Bundesliga, Fußball 2 für die 2. Bundesliga und Fußball 3 für die 3. Liga. Sie hievte sich in die Schlagzeilen mit einem attraktiven Teilnehmerfeld, überall ist von „der besten 3. Liga aller Zeiten“ die Rede.

Von einem Glücksfall zu reden, wäre natürlich übertrieben, vor allem die Zweitliga-Absteiger Kaiserslautern und Braunschweig sehen das ganz gewiss nicht so. Der Zufall wollte es aber, dass die 3. Liga in der Saison 2018/19 zu einem Tummelplatz der Traditionsvereine wird. Vier ehemalige Deutsche Meister sind dabei und zwei ehemalige DDR-Meister, zwei von diesen sechs standen sogar mal in einem Europapokal-Endspiel. Dazu kommen zehn frühere Bundesligisten sowie acht weitere ehemalige Zweitligisten. Nur die Sportfreunde Lotte und die SG Sonnenhof Großaspach (welch ein Name!) kamen bisher über die 3. Liga nicht hinaus. Ohne Meisterschaften oder Pokalsiege und Nationalspieler waren außerdem nur Wehen Wiesbaden, Kickers Würzburg, SV Meppen und der VfR Aalen.

Kein Wunder also, dass so eine Liga für Interesse sorgt. Da wird das Zuschauer-Interesse noch einmal steigen, obwohl es bisher schon sehr hoch war. Die 3. Liga ist weltweit die 3. Liga im Fußball mit den meisten Zuschauern! Der Dritte kann also auch mal der Erste sein. Der Schnitt lag zuletzt bei rund 6100 Zuschauern, der Rekord aus der Saison 2015/16 liegt bei 7100, er könnte allerdings diesmal auf 7500 und mehr steigen, weil es keine unbeliebten zweiten Mannschaften von Bundesligisten mehr gibt, die kaum selbst Zuschauer hatten und weniger als der Rest anlockten. Da sind Kaiserslautern und Braunschweig zum Beispiel schon ganz andere Kaliber, aber auch die Traditionsklubs, die aus der Regionalliga nach oben kamen, 1860 München, Energie Cottbus und Bayer Uerdingen. Uerdingen bringt mit seiner Neuverpflichtung Kevin Großkreutz sogar einen Weltmeister in die Liga ein.

Das Geld spielt natürlich auch in der Dritten Liga eine bedeutende Rolle und am Geld scheiden sich bekanntlich die Geister. So meutert die Konkurrenz über das „Nothilfepaket“, das die Deutsche Fußball-Liga ihren Absteigern gewährt. Kaiserslautern und Braunschweig kassierten einen „Rettungsschirm“ von je 500.000 Euro, dazu je 600.000 Euro aus einem Solidartopf aus der 2. Liga. Motto: „Kommt doch gleich wieder zurück.“ Die Klubs der 3. Liga haben ansonsten nämlich eher ein Problem mit den Finanzen, Insolvenzen sind schon fast an der Tagesordnung, weil sich viele Klubs finanziell übernehmen. Für die einen ist die 3. Liga einfach eine Nummer zu groß, andere wiederum pokern zu hoch, stecken zu viel Geld in die Mannschaft, weil sie die ungeliebte Liga schnell nach oben verlassen wollen. Doch „ungeliebte Liga“, das ist vielleicht vorbei, zumindest in dieser Saison.

Mit Neid schaut die Konkurrenz auch auf Aufsteiger Bayer Uerdingen, das schon 14 Jahre in der Bundesliga und einen Sieg im DFB-Pokal hinter sich hat, aber bis in die Niederungen der Amateurligen abrutschte. Seit 2016 ist aber ein zahlungskräftiger Russe Präsident des Vereins. Michail Ponomarew hat Millionen mit einer IT- und Wirtschaftsberatungsgesellschaft verdient, er will den Verein nach oben hieven. Acht Millionen Euro soll der Etat betragen – Zweitliganiveau. Das Ziel Zweite Liga haben viele, aber nur einer bekennt sich offen dazu – Hansa Rostock. Das verwundert ein bisschen, eher scheint es so, dass einer wohl nicht aufsteigt – Hansa Rostock.

Das Fernsehen buhlt um den Fußball, logisch, dass auch die 3. Liga über die Bildschirme flimmert. Die Telekom hat sich für ihren Streamingsdienst die Rechte gesichert, die ARD überträgt 86 Spiele live in ihren dritten Programmen, außerdem gibt es am Samstag eine Zusammenfassung in der ARD-Sportschau vor der Bundesliga. Für Aufmerksamkeit ist also gesorgt. Für das Fernsehen wurden auch die Spieltage zerpflückt, jetzt gibt sogar das bei den Fans so unbeliebte Montagspiel. Die 3. Liga also auf großem Fuß. Und weil Fußball immer zieht und der Sender Sport1 nicht mehr zum Zug kam, überträgt der Spartensender jetzt bevorzugt Spiele aus der Regionalliga. Auch dort gibt es viele bekannte Namen und Fußball muss nun mal sein. Eigentlich heißt es also „Fußball, Fußball, Fußball, Fußball“.

Im Fall Özil waren viele schlecht beraten

Er hat es getan, aber seine Aussagen hatten einen anderen Inhalt, als es der DFB und die Öffentlichkeit erwartet hatten. Nach wochenlangem Schweigen zu den umstrittenen Erdogan-Fotos meldete sich Fußball-Nationalspieler Mesut Özil am Sonntag im Internet zu Wort und lederte los. Nicht einmal, nicht zweimal, nein dreimal. Häppchenweise lieferte er eine Abrechnung mit dem Verband, mit den Medien, praktisch mit allen. Die Abrechnung endete mit Rücktrittsforderungen von DFB-Präsident Dr. Reinhard Grindel und mit dem eigenen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Das Kapitel Özil ist beim DFB beendet, das Thema rund um den 29-Jährigen Deutsch-Türken wird uns aber noch lange beschäftigen. Je nach dem, wie sie es brauchen, werden vor allem rechtsgerichtete Kreise das Thema Özil am Leben erhalten.

Es begann mit den unglücklichen Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem Präsidenten der Türkei, Erdogan. Die Öffentlichkeit kritisierte diese Fotos als Wahlhilfe für einen Präsidenten, der Menschenrechte missachtete, entsprechend groß war die Unruhe im deutschen Team, was als Teil des enttäuschenden Abschneidens bei der Weltmeisterschaft in Russland ausgemacht wurde. Während Gündogan Stellung bezog, schwieg Mesut Özil beharrlich. Somit sorgte er dafür, dass das Thema immer am köcheln blieb, es kam keine Ruhe in die Mannschaft, zumal es keinen sportlichen Erfolg gab, der die politischen Strittigkeiten hätte überdecken können. Özil sorgte mit seinem Verhalten auch dafür, dass das Image der Nationalmannschaft als Vorbild für Integration Schaden nahm (dafür erhielt Özil sogar den Bambi). Vorbild für gelungene Integration wurde dann Frankreich als neuer Weltmeister. Vier Jahre zuvor in Brasilien wurde dafür noch Deutschland gefeiert, also eine Wachablösung auf der ganzen Linie!

Eines steht fest: Im Fall Mesut Özil waren viele schlecht beraten. Zunächst einmal Özil selbst (und natürlich auch Gündogan), dass sie die Fotos mit Erdogan nicht abgelehnt hatten. Möglich, dass ihre Berater diese Fotos sogar forciert hatten, doch die Publicity hatten sie vollkommen falsch eingeschätzt. Die Spieler wiederum, die sich von politischen Aussagen distanzierten, standen als Naivlinge da.

Mit Mesut Özil spielten die Berater auch ein schlechtes Spiel, dass sie ihn zunächst mal lange (zu lange) schweigen ließen und jetzt mit einer geballten Abrechnung in drei Teilen Tabula rasa machten. Özil fühlt sich seinen türkischen Wurzeln verpflichtet, fühlt sich missverstanden und schlechter behandelt als andere, weil er eben türkischen Wurzeln habe. Hier verwechselt einer Tatsachen und Wirkung, Einsicht zeigt er nicht. Özil beklagt sich über zu wenig Respekt, zeigt aber keinen Respekt gegenüber dem Nationaltrikot, gegenüber der Öffentlichkeit in Deutschland. Özil wurde ganz einfach schlecht beraten und warf seine Karriere im Nationaltrikot einfach weg. Da hat sich einer ganz schön verdribbelt.

Die Rücktrittsforderung gegenüber dem DFB-Präsidenten kommt nicht überraschend, Reinhard Grindels Rücktritt hatten auch schon andere gefordert, was nach dem schlechten Krisenmanagement des Verbandes auch logisch ist. Auch Grindel war schlecht beraten, ebenso Teammanager Oliver Bierhoff. Von Anfang an hatten die Verantwortlichen des DFB ebenso wie die Spieler die Wirkung der Erdogan-Fotos unterschätzt. Die einzige richtige Konsequenz wäre gewesen, die Özil und Gündogan aus dem WM-Kader zu streichen, um für Ruhe zu sorgen. Da hätte auch Bundestrainer Joachim Löw handeln können. Jetzt trägt er nämlich den Rucksack Özil mit sich rum. Wehe, die schlechten Leistungen wiederholen sich in den nächsten Spielen (immerhin ist Weltmeister Frankreich der nächste Gegner), dann wird es heißen „und Özil fehlt halt doch“.

Allerdings: Özil muss mit einem Makel leben, auch in seinem Verein Arsenal London erntete er oft Kritik, dass er besonders in wichtigen Spiele oft „abtauche“, nicht zu sehen sei, statt das Heft in die Hand zu nehmen. Diesbezüglich war Özil vor der WM wirklich ein Wackelkandidat im Hinblick auf die Nominierung (ganz im Gegensatz zu 2014). Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat zwar in seiner Art übertrieben, aber ganz unrecht hat er mit seiner Bemerkung „Özil habe seit 2014 keinen Zweikampf mehr gewonnen“ nicht. Gewonnen hat Özil jetzt auch nicht.

Wie auch immer, der Fall Özil zeigt sehr deutlich, wie Berater die Fußball-Stars beeinflussen können und wichtig für die Karriere sind. Leider ist es so, dass viele Berater die Eignung für diese wertvolle Aufgabe abgeht. Der Ruf, es handle sich bei ihnen meist von Abkassierern, kommt nicht von ungefähr. So darf sich derjenige Spieler glücklich schätzen, er gut beraten wird. Mesut Özil macht jedenfalls keinen glücklichen Eindruck.