Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Fest der Kleinen im Schatten von Olympia

Die Olympischen Sommerspiele in Tokio beginnen ihren Schlussspurt, im Fußball geht es jetzt erst richtig los, da steht die Saison am Anfang. Die 2. Bundesliga und die 3. Liga haben einen Frühstart hingelegt, am kommenden Wochenende aber kommen sich der Fußball und Olympia ins Gehege. Die erste Runde im DFB-Pokal ist normal immer ein Fest für die Kleinen, wenn die Amateurklubs auf die Bundesligisten treffen. Im Vorjahr raubte ihnen die Corona-Pandemie diese Freude und den Geldsegen, in diesem Jahr steht der Pokal im Schatten von Olympia. Allerdings hilft die Zeitverschiebung und Feste wird es geben, weil erstmals auch wieder Zuschauer dabei sein dürfen. Im Vorjahr traten die Amateure aus Kostengründen oft bei den Profis an, was in den Stadien zumindest für die Spieler auch ein Erlebnis war, jetzt aber können die Amateure wieder mit den eigenen Fans feiern und vielleicht sogar für Überraschungen sorgen.

Die liegen in diesem Jahr vermehrt in der Luft, weil vor allem die Spitzenklubs in ihrer Saisonvorbereitung noch nicht das gewünschte Level erreicht haben. Die Europameisterschaft und Olympia sorgten fast überall für Lücken im Kader, manche EM-Fahrer beginnen erst jetzt mit dem Mannschaftstraining. Die Testspiele wurden oftmals eher zu einem Schaufenster für Talente, vor allem in München und Dortmund, aber auch Wolfsburg und Leverkusen hatten Probleme. Der Pokal bedeutet die erste Pflichtaufgabe, er ist gleichzeitig der erste Test für die vermeintlich beste Mannschaft, doch eingespielt werden viele Profiteams nicht sein. Die Amateure sind da oft schon weiter, das könnte sich für sie auszahlen. Das Überraschungspotenzial ist so hoch wie nie. Schalten sie Profiteams aus, dann sind echte Feste garantiert. Bereits am Freitag feiert der Oberligist Bremer SV im Weserstadion gegen Bayern München (live bei Sport1), mit dem Greifswalder FC ist ein weiterer Oberligist dabei (Samstag gegen FC Augsburg), der Drittligist Wehen-Wiesbaden erwartet am Samstag Borussia Dortmund. Ein Treffen zweier Traditionsklubs gibt es am Montag mit der Partie 1. FC Kaiserslautern – Borussia Mönchengladbach (live in der ARD).

Abseits davon war der 1. August noch ein besonderer Tag. Deutschland hat ab sofort einen neuen Fußball-Bundestrainer. Hansi Flick hat zwar bereits vorher die Weichen für seine neue Tätigkeit gestellt, doch erst jetzt ist er offiziell Nachfolger von Joachim Löw. So richtig vorgestellt werden soll er vom DFB erst am 10. August, doch Flick hat sich bereits zu Wort gemeldet und folgende Botschaft verbreitet: „Bundestrainer ist für mich eine Verpflichtung, eine Riesenverantwortung. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Ich werde wirklich mein Bestes geben, dass wir wieder begeisternden Fußball spielen.“ Vor allem wird er grundsätzlich wohl mehr in den Stadien zu sehen sein als es bei Jogi Löw der Fall war, wichtig nach dem Bundesliga-Start im August, denn Anfang September stehen die nächsten drei Spiele für die WM-Qualifikation an. Da ist Flick erstmals gefordert und kann sich zeigen, ob Länderspieltage für die Fans auch wieder Festtage werden.

Spiele der Stille

Dass die Olympischen Spiele kein rauschendes Fest werden würden war klar, weil es durch die Corona-Pandemie in allen Bereichen erhebliche Einschränkungen gab und gibt, vor allem fehlen die Zuschauer und damit die Stimmung. Die Sportler lassen sich ihre Spiele nicht vermiesen, aber es sind eben Spiele der Stille. Die Stadt Tokio und das Land Japan haben tolle Stadien hingestellt, die hoffentlich wenigstens nach dem Großereignis ihren vollen Glanz entfalten können und am Ende nicht Ruinen der Stille werden.

Was allerdings auffiel, dass vor allem Geschehnisse abseits der Wettbewerbe am meisten diskutiert wurden. So vor allem die mentalen Probleme von zwei Sportlerinnen. Zuerst ging es um Japans Tennis-Star Osaka, die das Olympische Feuer zum Leuchten bringen durfte, dann aber gestand, dass sie durch den öffentlichen Druck nicht ihre Leistung bringen konnte. Sie hatte schon einmal wegen Depressionen pausiert. Noch spektakulärer der Rückzug der Turn-Königin Simone Biles aus den USA, die mitten im Teamwettbewerb aus mentalen Gründen ausstieg. Sie wurde als verletzt gemeldet, sprach dann aber von mentalen Problemen und einem „Kampf gegen Dämönen“. Die Mädchen standen lange Zeit im Mittelpunkt, körperliche Verletzungen sind Alltag, seelische Verletzungen sorgen für Schlagzeilen. Biles will es allerdings am Schwebebalken wieder probieren.

Die deutsche Mannschaft machte dagegen durch Rassismus Schlagzeilen. Radsportdirektor Patrick Moster feuerte am Streckenrand des Zeitfahrens seinen Fahrer mit dem Ausdruck „Hol Dir die Kameltreiber“ an, damit er die vor ihm fahrenden Sportler aus Algerien und Eritrea überholen sollte. Weil dies von Mikrofonen verbreitet wurde, war der Skandal groß, die Reaktion der deutschen Mannschaft allerdings zunächst klein. Erst auf Druck von außen wurde Moster suspendiert und heimgeschickt. DOSB-Präsident Alfons Hörmann agierte aber wieder einmal extrem ungeschickt.

Dann doch lieber der Blick auf den Sport, bei Olympia vor allem auf die Medaillen. 42 waren es vor fünf Jahren in Rio, davon 17 Goldene. Bis dato sind es jetzt gerade mal 20 und nur vier Goldene. Zu den erfolgreichsten Nationen wird Deutschland nicht gehören, die ersten sechs Teams haben zweistellige Goldzahlen, China überrennt alles mit 58 Medaillen, davon 28 Gold, 16 Silber und 14 Bronze. Der Verband selbst hatte ja für Tokio mit weniger Medaillen gerechnet, aber es geht ja vor allem um die Sportler selbst. Deren Ziel heißt „eine Medaille“, auch über Bronze herrscht große Freude, Angst macht nur Platz vier, knapp daneben ist auch vorbei. Die Goldgrube stand beim Dressurreiten, überaus erfolgreich das Team im Kanuslalom mit Gold bzw. Medaillen in allen Rennen.

Der absolute Star war aber der Sieger vom Sonntag, Tennis-Crack Alexander Zverev. Bisher wurde ihm vergeudetes Talent bescheinigt, er gilt als Zornnickel und jetzt hat er Gold. Alles gut also? Es scheint, der 24-Jährige ist in Tokio erwachsen geworden, Olympia hat bei ihm einen Bewusstseinswandel gebracht, er ging in seiner selbst gestellten Aufgabe auf, „für Deutschland eine Medaille zu holen“. Wegbereiter war sein spektakulärer Erfolg über die Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic, der Finalsieg über den Russen Khachanov mit 6:3, 6:1 war fast nur noch Formsache. So hat der gebürtige Hamburger doch noch das Zeug, der neue deutsche Tennis-Liebling zu werden. Gold holten bisher Boris Becker und Michael Stich 1992 im Doppel und Steffi Graf 1988 im Einzel. Damals schaffte Steffi Graf den „Golden Slam“, gewann alle Grand-Slam-Turniere und Olympia-Gold. Das wollte jetzt auch Djokovic schaffen, Zwerev hat Steffis Rekord gerettet. Auch das ist etwas für die Gunst der Fans.

Insgesamt brachten die Spiele in Tokio bisher großen, interessanten Sport. Schade, dass es Spiele der Stille sind.

Olympia wird zur Blamage für die Bundesliga

Schon gemerkt? Die Olympischen Sommerspiele in Tokio haben am Freitag offiziell begonnen. Die vielleicht ätzende Frage ist nicht unberechtigt, denn so richtiges Olympia-Feeling will in Deutschland nicht aufkommen, wird es wohl auch nicht, weil viele Entscheidungen durch den Zeitunterschied in der Nacht fallen. Aber Gesprächsstoff gab es schon genug, die ersten Medaillen für Deutschland (dreimal Bronze zum Zeitpunkt des Schreibens der Kolumne) wurden gefeiert. Die meisten Schlagzeilen machten – leider wie immer – vor allem die negativen Ereignisse. Im deutschen Team gab es den ersten Corona-Fall, der das erste Radrennen massiv beeinträchtigte, die Einmarschkleidung kam nicht gut an und sorgte für Kritik am Ausrüster adidas. Ein besonderes Problem hat die Fußball-Auswahl, der gehen nämlich die Spieler aus. Noch darf zwar von einem Medaillengewinn geträumt werden, doch das dürfte eher trügerisch sein. Das darf man den Hockey-Teams, den Handballern und Basketballern eher zutrauen. Aber durch die Begleitumstände wurde Olympia bereits jetzt zur Blamage für die Bundesliga.

Die Bundesliga legt eigentlich immer viel Wert auf eine gute Außendarstellung. In aller Welt will die DFL positiv auftreten, wirbt damit, dass die Bundesliga eine der stärksten Ligen der Welt sei. Olympische Spiele könnten den Werbewert steigern, aber jetzt geht der Schuss nach hinten los. Das begann bei der Kader-Nominierung, 100 Kandidaten hatte Bundestrainer Stefan Kuntz auf seiner Liste, gerade 18 sind nach Tokio geflogen, vier mehr hätten es sein dürfen. Jetzt kam es zu der peinlichen Situation, dass sich schon ein Torhüter umzog, um als Feldspieler einzugreifen. Es hätte vor dem letzten Gruppenspiel am Mittwoch gegen die Elfenbeinküste noch schlimmer kommen können durch Sperren und Verletzungen, dass nämlich der Trainer fast keine Ersatzspieler mehr auf der Bank gehabt hätte. Peinlich für den deutschen Profi-Fußball.

Die Spieler, die in Tokio sind, geben ihr Bestes und haben sich, wenn man die fehlende Vorbereitung beachtet, bisher gut aus der Affäre gezogen. Die Mannschaft kann nicht eingespielt sein, zeigt aber Moral und kämpft gegen das Schicksal an und will sich den Traum einer Medaille erfüllen. Der Kader wurde auch dadurch ausgedünnt, dass es bisher in jedem Spiel einen Platzverweis gab, beim 2:4 gegen Brasilien flog Kapitän Arnold vom Platz, beim 3:2-Sieg gegen Saudi-Arabien Abwehrmann Pieper, der nach einer starken Europameisterschaft der U21 ein schwaches Olympia-Turnier spielt. Jetzt aber geht es am Mittwoch gegen die Elfenbeinküste um die Wurst. Die Afrikaner haben sich mit dem 0:0 gegen Brasilien nach dem 2:1 über die Saudis einen Vorteil verschafft, Deutschland muss unbedingt gewinnen. Hoffentlich reicht die Kraft bei dem Mini-Kader in großer Hitze, Kuntz kann nicht einmal das Wechselkontingent ganz ausschöpfen. Chaotische Zustände wie bei einer Bananen-Republik. Für eine nette Abwechslung sorgte Max Kruse. Der Union-Stürmer hielt via Fernsehen nach dem Spiel um die Hand seiner Freundin an. Sie sagte ja und das sollte Auftrieb geben!

In der Heimat galt die Aufmerksamkeit dem Start der 2. Fußball-Bundesliga in die neue Saison. Das Unterhaus startete ja auch quasi mit einer Erstliga-Partie mit Schalke 04 – Hamburger SV. Das Spiel hielt, was es versprach und schlug in den TV-Einschaltquoten auch Olympia. 2,92 Millionen sahen bei SAT1 die zweite Halbzeit, mit 2,88 Millionen waren es am Sonntag bei den Olympia-Fußballern und den Turnern weniger. Begeistert werden vor allem die HSV-Fans gewesen sein, ihre Mannschaft machte den Eindruck, als würde sie das Projekt Aufstieg mit aller Macht angehen. Aber: Ein Sieg macht noch keinen Aufstieg. So kann Schalke sich trösten, eine Niederlage bedeutet noch nicht den Abstieg. Auch am Samstag wurde bei der Premiere des Abendspiels bei Bremen – Hannover ordentlicher Fußball geboten. Für die Bremer war das 1:1 ein Fehlstart, zu viel ist da noch in der Schwebe, einige Spieler sollen oder wollen noch gehen. Da muss das Management für Klärung sorgen, professionell ist dieser Saisonstart nicht.

Die erste Bundesliga startet erst am 13. August, derzeit wird bei den Teams noch eifrig getestet, allerdings auch unter schlechten Bedingungen, denn viele Kader sind noch nicht vollzählig, die EM-Fahrer weilten noch im Urlaub. Bezeichnend für dieses Dilemma die Situation bei Meister Bayern, dort bekommt zwangsläufig der Nachwuchs eine Chance. Der neue Trainer Julian Nagelsmann ist nicht zu beneiden, beim 2:2 gegen Ajax Amsterdam war in den letzten 30 Minuten das Durchschnittsalter der Spieler auf dem Feld gerade mal 18 Jahre! Aber sie zeigten gute Ansätze, aber mal sehen, ob die Bayern mit dem Nachwuchskonzept durchhalten. Verteidiger Stanisic unterschrieb bereits einen Profi-Vertrag, die Außenstürmer Sieb und Scott gehören zum Profi-Kader. Dafür empfahl sich zuletzt auch das 18-jährige Talent Torben Rhein. Nicht empfehlen konnte sich Joshua Zirkzee, mit 20 fehlt ihm offensichtlich noch die Ernsthaftigkeit. Er spielte denTorhüter aus, lief aufreizend langsam auf das leere Tor zu – und von hinten stürzte Verteidiger Schuurs heran und klaute ihm noch den Ball. Trainer Nagelsmann tadelte nur leicht: „Daraus wird er lernen.“

Für Julian Nagelsmann brechen jetzt bessere Zeiten an, Gnabry ist schon da, Lewandowski, Goretzka, Süle, Pavard, Tolisso, Musiala, Coman und Sané gesellen sich ab Montag dazu und machen aus dem C- einen A-Kader, auch wenn Neuer, Kimmich, und Müller noch eine Woche Urlaub haben. Thomas Müller sorgte über die sozialen Medien für den Lacher der Woche. Er zeigte sich mit blauen Zehennägeln und kommentierte dies launig: „Ich muss wohl dringend zum Nagelsmann“! In den nächsten Testspielen am Mittwoch gegen Gladbach und am Samstag gegen Neapel werden die Urlauber noch fehlen, die Rückkehrer sich aber präsentieren.

Beim FC Bayern werden Pokale gefeiert auch wenn Pause ist. Weltfußball Robert Lewandowski wurde zum zweiten Mal hintereinander von den Journalisten unter Führung von der Fachzeitschrift kicker zum „Fußballer des Jahres“ gewählt. Nach seinem neuen Torrekord mit 41 Treffern, mit dem er Gerd Müller ablöste, eine logische und deutliche Sache. Lewandowski siegte mit 356 Stimmen vor Thomas Müller (41), Erling Haaland (Dortmund/38) und Joshua Kimmich (25). „Trainer des Jahres“ wurde Thomas Tuchel, der Chelsia-Coach erhielt 129 Stimmen und siegte vor Hansi Flick (Bayern/118), Edin Terzic (Dortmund/75) und Bo Svensson (Mainz/74). „Fußballerin des Jahres“ wurde überraschend die Österreicherin Nicole Billa von der TSG Hoffenheim mit 61 Stimmen vor Lea Schüller von Meister München (57) und Almuth Schult (Wolfsburg/49), die zuletzt als TV-Expertin Sympathien gewonnen hatte.

Armes Tokio: Olympische Geisterspiele ohne Sinn

„Dabei sein ist alles“ war eigentlich immer das Motto der Sportler wenn es um Olympische Spiele ging. Natürlich wollen sie nach Medaillen greifen, aber Olympia gilt eigentlich als besonderes, außergewöhnliches Erlebnis mit Begegnungen, wie sie selbst bei Weltmeisterschaften nicht möglich sind. 2021 bei den Spielen in Japan vom 23. Juli bis 8. August gibt es ein anderes Motto: „Gesund wieder nach Hause kommen“.

Armes Tokio, Japans Millionenstadt ist gebeutelt, wenn es um Olympia geht. Schon 1940 mussten die Spiele wegen des Zweiten Weltkriegs ausfallen, bei der Bewerbung für 1960 verlor Tokio, 1964 klappte es endlich und jetzt standen die Spiele für 2020 wieder auf der Kippe, werden mit einem Jahr Verspätung mit erheblichen Geburtswehen ausgerichtet. In Zeiten der Corona-Pandemie sind es Olympische Geisterspiele ohne Sinn. Die Inzidenzzahlen sind in Tokio enorm hoch, die Bevölkerung lehnt die Spiele ab, Zuschauer dürfen wegen Corona nicht in die Stadien. Die Spiele finden dennoch statt, weil das IOC Druck gemacht hat und die Einnahmen von Fernsehen und Sponsoren dringend benötigt. Aber auch Tokio hat sich für die Austragung entschieden, weil die Stadien ja schon fertig waren, die Kosten ins Unermessliche gestiegen sind und jetzt wenigstens Einnahmen erzielt werden können. Allerdings: Immer mehr Sponsoren distanzieren sich von den erzwungenen, seelenlosen Spielen. Die Athleten standen immer im Hintergrund, aber ohne sie gibt es keine Olympischen Spiele. Die Funktionäre machen dagegen den Eindruck, die Olympia wäre für sie erfunden.

Vorfreude wird bei den Frauen und Männern aus 203 Nationen nicht aufkommen, rund 11.000 Athleten sollen im Olympischen Dorf wohnen, aber die Partys fallen aus. Statt den erträumten Begegnungen der Nationen heißt es diesmal Abstand halten. Der Aufenthalt soll möglichst kurz sein, fünf Tage vor dem Wettkampf dürfen sie erst ins Dorf einziehen, nach dem Wettkampf schnell wieder ausziehen. Aber trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und strengen Hygieneregeln zeigte sich schon im Vorfeld, dass sich Corona-Infektionen nicht ausschließen lassen. Bei dem einen oder anderen wird es hinterher heißen, „wäre ich nur nicht nach Tokio gereist“. Vor allem Profi-Sportler, zum Beispiel im Tennis und Golf, bleiben massenhaft zu Hause, weil sie eine Ansteckung befürchten. Wer in Tokio in Quarantäne muss, kann nicht richtig trainieren, verliert seine Form und wohl alle Medaillenchancen.

Das deutsche Aufgebot umfasst 434 Sportler, 42 Wettkampfstätten warten, es fallen 339 Entscheidungen in 33 Sportarten. Die deutsche Mannschaft bleibt in ihrer Prognose zurückhaltend, ein Jahr nach der eigentlichen Planung und mit Trainingsproblemen im Zeichen von Corona wird die Medaillenausbeute als geringer eingeschätzt als zuletzt 2016 in Rio de Janeiro. Da gab es 42 Medaillen, davon 17 Gold, 10 Silber und 15 Bronze. Zehn weniger könnten es diesmal sein, obwohl es einige heiße Gold-Anwärter gibt. Auch die Männer-Teams im Fußball, Handball und Basketball sollen ebenso wie die Frauen und Männer im Hockey nach einer Medaille greifen. Deutschland profitiert wohl auch nicht von den neuen Sportarten Skateboard, Sportklettern, Karate und Surfen. Baseball und Softball kehren zurück.

Der Zeitunterschied von Japan zu Europa lässt hierzulande sicherlich nur eine gedämpfte Stimmung aufkommen, viele Entscheidungen fallen in der Nacht. Dennoch senden ARD und ZDF in Deutschland unverdrossen, allerdings immer nur bis 17.00 Uhr. Es werden sich aber sicherlich nicht allzu viele Arbeitnehmer Urlaub genommen haben, um die Nacht vor dem Fernseher zu verbringen. Aber: 140 Stunden sendet das Erste, 135 sind es beim Zweiten. Zusammenfassungen am Abend bleiben leider aus.

Mit dem Blick auf das arme Tokio gehen die Gedanken auch zurück an das zunächst glückliche München 1972, tolle Tage, die bis zum fürchterlichen Attentat auf die israelische Mannschaft als heitere Spiele in die Geschichte eingingen. Das Olympiagelände ist heute noch ein Anziehungspunkt, die Olympiabauten sollen sogar zum Weltkulturerbe erhoben werden. München hat zweifellos von Olympia profitiert, für Tokio sind die Spiele eine schwere Last. München wird nächstes Jahr 50 Jahre Erinnerung an Olympia feiern, Tokio wird sich noch lange mit Sorgen an die Spiele 2020, die 2021 stattfinden, erinnern. Wer hätte das gedacht, dass Olympische Spiele eine traurige Sache des Sports sein können.

Vielleicht die beste zweite Liga der Welt!

Abstieg sorgt für Aufstieg. Was paradox klingt, ist Tatsache. Durch den Abstieg der Traditionsvereine Schalke 04 und Werder Bremen schaffte die 2. Fußball-Bundesliga endgültig den Aufstieg zur attraktivsten zweiten Liga aller Zeiten. Vielleicht ist sie sogar die beste zweite Liga der Welt! Es tummeln sich ja bereits viele Klubs mit großem Namen erzwungenermaßen im Unterhaus, wie der Hamburger SV, 1. FC Nürnberg, Hannover 96, Fortuna Düsseldorf und Karlsruher SC. Aufgepasst: Diese sieben Vereine sind unter den ersten 20 der ewigen Tabelle der Bundesliga zu finden! Das sagt alles. Wird die 2. Bundesliga bald die wahre erste Liga der Traditionsklubs?

Die Funktionäre der zweiten Liga sind sich der neuen Attraktivität bewusst, sie ärgern das Oberhaus, wenn sie darauf hinweisen, dass es bei ihnen viel spannender zugeht. „Da steht der Meister nicht von vornherein fest, bei uns sind normalerweise alle Vereine in den Kampf um Aufstieg oder Abstieg involviert.“ Anders herum schrillen in der Bundesliga die Alarmglocken. „Wir verlieren an Attraktivität“ hört man nicht nur einmal. Aufgezählt wird, dass man mit Namen wie Fürth, Bochum oder Bielefeld international nicht werben kann. Außerdem bringen diese Vereine weniger Fans mit und sind bei ihrem Gastspiel kein großer Anreiz für das eigene Publikum. Geklagt wird darüber, dass eben viele interessante Vereine fehlen, dafür Nobodys wie Hoffenheim, Mainz und Augsburg sich lange in der Bundesliga halten. Da hätten einige gerne eine „geschlossene Liga“, ähnlich wie es die unselige Super League international hätte sein sollen. Im Hintergrund spielt eben das Geld eine Rolle, doch zum Glück zählt noch der Sport.

Es wird natürlich auch die härteste zweite Liga aller Zeiten, denn die aktuellen Absteiger Schalke und Bremen wollen alles tun, um dem Schicksal ihrer Vorgänger zu entgehen. Der HSV oder der Club aus Nürnberg versuchen sich seit Jahren vergeblich an der Rückkehr. Noch enttäuschender ist es, wenn am Ende Außenseiter an ihnen vorbei ziehen. Das könnten in diesem Jahr zum Beispiel Heidenheim, Karlsruhe oder Kiel sein. Vielleicht schauen die Favoriten auch in diesem Jahr dumm aus der Wäsche. Jeder will nach oben, denn Tatsache ist, dass es im Unterhaus wesentlich weniger zu verdienen gibt. Wer finanzielle Probleme hat, wie zum Beispiel Schalke, kann sich in der zweiten Liga nicht sanieren, da fehlen Millionen gegenüber dem Oberhaus.

Für mehr Attraktivität in der 2. Bundesliga sorgen auch die Aufsteiger aus der 3. Liga, nämlich Dynamo Dresden und Hansa Rostock. Der Fußball im Osten gewinnt wieder an Bedeutung, das Ost-Derby wird eine Stufe angehoben. Ein attraktives Städte-Derby wie St. Pauli gegen den HSV sucht man im Oberhaus auch vergeblich. Dem ging bekanntlich das spektakuläre Ruhrpott-Derby Dortmund – Schalke verloren. Da wünschen sich jetzt sogar die Dortmunder den Wiederaufstieg von Schalke. Besser könnte die 2. Bundesliga am Freitag, 23. Juli, auch nicht starten, als mit dem Duell der Ex-Bundesligisten Schalke 04 gegen Hamburger SV. SAT1 überträgt im Free-TV live, beste Reklame also. Vielleicht ist dies ein Zeichen für eine überaus interessante Saison…

Am Freitag, 23. Juli, startet auch die 3. Liga, beide Ligen treten mit diesem Frühstart aus dem Schatten der Bundesliga. Die Vereine der 3. Liga kennen nur ein Ziel: Aufstieg in die 2. Liga. Nicht nur, weil die jetzt so attraktiv geworden ist, sondern finanziell attraktiv war sie für die Drittligisten schon immer, in der 3. Liga bleiben quasi nur Brotkrümel übrig. Die 3. Liga ist auch Spielwiese für die zweiten Mannschaften der Profi-Klubs. Bayern München hatte da zuletzt ein Alleinstellungsmerkmal, stieg aber ab. Ein Fehler im Management! Dafür sind Dortmund II und Freiburg II aufgestiegen. Die Konkurrenz sieht diese zweiten Mannschaften aber nicht mit Wohlwollen, sie bringen keine Zuschauer mit und sind für das eigene Publikum nicht attraktiv. Ähnliche Klagen also wie in der Bundesliga!

Apropos Bundesliga. Julian Nagelsmann musste sich nach seinem ersten Spiel mit den Bayern einiges anhören. Über die 2:3-Niederlage in Villingen gegen den 1. FC Köln wurde mit „Pleite für Nagelsmann“ oder „Blamage“ geurteilt. Doch ein Blick auf die Besetzung sagt alles, die EM-Teilnehmer sind schließlich alle noch nicht im Training, dazu klagen die Bayern über Verletzungspech. Der neue Trainer muss mit einer Vorbereitung fertig werden, die den Namen nicht verdient, dies ist kein guter Start für ihn und den Verein. Da müssen vielleicht doch Neuzugänge noch helfen (lesen Sie auch die nächste Kolumne „Die neuen Bayern – ein Ritt auf der Rasierklinge“).

Andere Sorgen hat der FC Augsburg, da ist wieder einmal ein Spieler unzufrieden, will – trotz Vertrag – weg und verweigert das Training. Kevin Danso ist seltsamerweise bereits der dritte Österreicher nach Martin Hinteregger und Michael Gregoritsch, der den Augsburgern Probleme bereitet. Erpressungsversuche breiten sich im Profi-Fußball aus. Danso war zuletzt nach Southampton und Düsseldorf ausgeliehen, jetzt würde er beim FCA benötigt, allerdings legte der FC Lens ein Angebot vor. Danso will weg, dem FCA reicht das Angebot nicht aus. Logisch, dass Manager Stefan Reuter klagt, „wir sind unglaublich enttäuscht über Dansos Verhalten“. Der lehnt ein Trainingsangebot ab. Stellt sich die Frage, wie der Erpressungsversuch zu lösen ist ohne die Stimmung im Team zu gefährden. Auch hier also eine holprige Vorbereitung.

Ärger anderer Art hatten Deutschlands Olympia-Fußballer in Japan. Sie brachen einen Test gegen Honduras (1:1) fünf Minuten vor dem Ende ab, weil Hertha-Profi Jordan Torunarigha über rassistische Beleidigungen klagte. „Für uns war es keine Option, weiterzuspielen“, betonte Bundestrainer Stefan Kuntz. Honduras entschuldigte sich, doch die Gesellschaft und vor allem der Fußball kann dieses Krebsgeschwür Rassismus leider nicht in die Schranken weisen. Kein guter Start für die Olympischen Sommerspiele, die auch mit Corona-Fällen zu kämpfen haben. Mehr zu Olympia im Laufe dieser Woche.

Die deutsche Olympia-Auswahl startet am Donnerstag, 13.30 Uhr MESZ, gegen Brasilien ins olympische Turnier. Dies ist die Neuauflage des Endspiels von 2016, damals holte Brasilien Gold. Jetzt geht es darum, die Weichen für den Gruppensieg zu stellen. Weitere Gegner sind Saudi-Arabien und die Elfenbeinküste.

Die neuen Bayern und der Ritt auf der Rasierklinge

Nach dem Triple 2020 bzw. dem Gewinn von gleich sechs verschiedenen Pokalen war die Saison 2021 ernüchternd für den FC Bayern München: Es blieb nur die Deutsche Meisterschaft. Immerhin war es die neunte hintereinander, doch ob die zehnte auch noch folgt? Das Jahr 2021 wird später mal als Jahr der Zäsur beim Deutschen Fußball-Meister in den Geschichtsbüchern verzeichnet sein, doch was danach geschrieben werden kann, steht in den Sternen. Auf jeden Fall gibt es zur neuen Saison die neuen Bayern, doch wie erfolgreich werden sie sein?

Die Zäsur ist schon bemerkenswert, das Erfolgsgespann Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ist endgültig Vergangenheit. Ebenso seinen Abschied nahm Triple-Trainer Hansi Flick, dem die Atmosphäre nicht mehr behagte und der dankbar die Chance des Bundestrainers nach dem Rücktritt von Joachim Löw ergriff. So war der Juli geprägt von Neuvorstellungen. Am 1. Juli war offizieller Amtsantritt von Oliver Kahn als neuer Vorstandsvorsitzender und Nachfolger von Rummenigge, der seit 2002 diese Aufgabe wahrnahm und Kahn über Monate hinweg eingearbeitet hat. Nur wenige Tage später, am 7. Juli, wurde auch Julian Nagelsmann als neuer Trainer und Flick-Nachfolger vorgestellt. Er war der Wunschtrainer des neuen Dreigestirns in der Führung, das das Sagen hat,nämlich neben Kahn noch Bayern-Präsident Herbert Hainer und Sportvorstand Hasan Salihamidzic, der als Blitzableiter dienen muss, wenn Neuzugänge nicht einschlagen, aber dann gern betont, „wir haben das gemeinsam entschieden“. Das wird auch in Zukunft so sein, doch wie werden die Entscheidungen aussehen?

Hansi Flick wagte sich mitunter in der Öffentlichkeit weit vor, wenn er moserte, dass seine Wünsche nicht erfüllt werden. So war es vor der letzten Saison, als er eine zu dünne Personaldecke anmahnte und einige Spieler als Ergänzung, aber keineswegs als Verstärkung bekam. Das war ein Teil der atmosphärischen Störungen, die im Streit mit „Brazzo“ Salihamidzic ihren Höhepunkt (und Abgang!) fanden. Der junge, erst 33-jährige Nachfolger Julian Nagelsmann hält sich da zurück und sagt devot: „Der Verein hat den Hut auf, ich arbeite mit dem Kader, der mir zur Verfügung steht.“ Aber die Ziele ändern sich nicht, das weiß auch Nagelsmann: „Bayern will immer Titel gewinnen“. Nagelsmann auch, deshalb wechselte er von Leipzig nach München und nicht, weil 60 Kilometer seine Heimatstadt Landsberg liegt und er als Kind schon Bayern-Anhänger war.

Aber was den Kader angeht, so sieht es eher schlechter als besser aus gegenüber dem Vorjahr. Immerhin sind die Abgänge von David Alaba, Jerome Boateng und Javi Martinez zu verkraften. In der Abwehr, die in der letzten Saison erschreckend viele Gegentreffer kassierte, herrscht Notstand, zumal jetzt auch noch die vorgesehenen Stammspieler Alphonso Davies und Lucas Hernandez bis mindestens Mitte August verletzt ausfallen. Fraglich ist auch, ob Neugang Dayot Upamecano mit gerade 22 Jahren gleich die Rolle als Abwehrchef spielen kann, zumal es noch zusätzliche Fragezeichen gibt: Ob die Stammkräfte Niklas Süle, Leon Goretzka und Kingsley Coman bleiben, ist noch unsicher, die Verträge laufen zwar noch, aber über ihre Verlängerungen wird verhandelt und ablösefrei sollen sie in den nächsten Jahren nicht gehen. Oliver Kahn muss zum Amtsantritt zunächst also Probleme lösen.

Der frühere Torhüter-Titan will heute das Geld festhalten wie früher die Bälle. Er verweist im Duett mit Präsident Hainer darauf hin, dass die Corona-Pandemie auch die Kasse der Bayern geleert habe, von einem üppigen Festgeldkonto ist keine Rede mehr, sondern von 150 Millionen Euro Verlust und da waren Ausgaben von 40 Millionen für Upamecano und 15 Millionen (plus ?) für Nagelsmann schon die Grenze. „Er sei nicht naiv und wisse, wie absolute Topspieler bezahlt werden, aber wir haben die Grenzen definiert,“ lässt Kahn wissen. „Der Vielfraß setzt sich auf Diät“ titelte deshalb die Süddeutsche Zeitung. Gut möglich also, dass begehrte Spieler wie Goretzka und Coman Angeboten reicher Vereine noch erliegen. Es wird für Kahn und die Bayern ein Ritt auf der Rasierklinge bei der finanziellen und sportlichen Abwägung. Mit einem Mini-Kader werden in einer weiteren strapaziösen Saison Pokalgewinne und Meisterschaften dann fast zur Glückssache. Ziel Nummer 1 ist aber klar benannt: Die zehnte deutsche Meisterschaft in Folge!

Nach den ersten Trainingstagen nimmt der FC Bayern am Samstag mit dem Testspiel gegen den Liga-Rivalen 1. FC Köln den Spielbetrieb wieder auf. Gladbach, Ajax Amsterdam und Neapel sind weitere Gegner im Vorfeld vom Bundesliga-Start am 13. August in Gladbach. Von einem Meisterteam kann vorerst keine Rede sein, denn die EM-Teilnehmer fehlen noch. Aber auch das Abschneiden bei der Europameisterschaft sollte als Warnung dienen: Alle Bayern-Akteure schieden im Achtelfinale aus, Konkurrent Borussia Dortmund war dagegen mit sieben seiner Spieler im Viertelfinale vertreten! So darf man gespannt sein. welches Team die Bayern zunächst stellen. Mit Rückkehrer Sven Ulreich im Tor, mit einer Abwehr mit Upamecano, Talent Nianzou, Rückkehrer Chris Richards und Neuzugang Omar Richards. Der spielte zuletzt übrigens beim englischen Zweitligisten FC Reading und gilt als Mann der Zukunft. Ex-Dortmund-Star Hakimi, der jetzt in Paris landete, war den Bayern zu teuer. Bezeichnend, billig statt teuer – und gut genug? Mit Youngstern und vielleicht Rückkehrern wie Joshua Zirkzee (aus Parma) und Michael Cuisance (Marseille), die beide dort nicht glücklich wurden, werden große Erfolge wohl fraglich. Die Achse Neuer-Kimmich-Müller-Lewandowski allein wird es wohl kaum richten können.

Wohin führt also der Weg des FC Bayern München, der ja auch einen Rückschlag insofern verkraften musste, als dass er kampflos den Abstieg der zweiten Mannschaft aus der 3. Liga in die Regionalliga Bayern in Kauf nahm. Die 3. Liga galt als notwendiges Sprungbrett für Talente in den Profikader. Diesen Vorteil haben jetzt allein Borussia Dortmund und der SC Freiburg, die mit ihren zweiten Teams den Aufstieg in die 3. Liga schafften und diesbezüglich den Bayern schon mal den Rang abgelaufen haben. Es gibt also genügend Warnsignale, dass eine Weiterführung der erfolgreichen Bayern-Ära auf der Kippe steht. Vielleicht greifen Kahn und Kollegen beim Ritt auf der Rasierklinge doch noch einmal in die Kasse, um die Klasse der Mannschaft zu erhalten. Der zehnte Titel in Folge lockt.

EM-Bilanz: Angst frisst Titel auf

Das ist wirklich paradox: Die unsinnigste Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten hat doch Spaß gemacht und zeigte sich sportlich von ihrer besten Seite. Der europäische Verband UEFA organisierte zwar das paneuropäische Turnier in Corona-Zeiten nach dem Motto „wir leben in einer anderen Welt“, doch nach dem sportlichen Jubel kann das dicke Ende in Form von erhöhten Infektionszahlen der Pandemie nachkommen. Ob die Austragung generell unverantwortlich war, muss jeder für sich entscheiden. Dass es die Fans mit der Verantwortung nicht so ernst nehmen, das konnte sich jeder denken, aber Jubelfeiern ohne Schutz und Maske kann man nur als unverantwortlich bezeichnen.

Bleiben wir aber beim Sport. Das Endspiel zwischen Italien und England war ein typisches Match dieser EM. Es endete mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Acht der 15 K.o.-Spiele gingen in die Verlängerung (mehr als die Hälfte also!), vier davon wurden erst vom Punkt entschieden. Italien holte mit dem 3:2 im Elfmeterschießen nach dem 1:1 nach Verlängerung nicht nur den Titel, sondern sorgte für ein Novum, nachdem es im Halbfinale auch Spanien per Elfmeter ausgeschaltet hatte. Das gab es noch nie bei einer EM, dass ein Team zwei Elfmeterschießen hintereinander siegreich beenden konnte. So holte Italien erstmals seit 53 Jahren wieder den Pokal, 1968 siegte man 2:0 im Wiederholungsspiel (noch kein Elfmeterschießen!) gegen Jugoslawien. Torhüter Gianluigi Donnarumma zeigt sich dabei als Könner seines Fachs: Der 22jährige hat in seiner jungen Karriere bereits fünf Elfmeterschießen bestritten und alle gewonnen, drei mit dem AC Mailand, zwei mit der Nationalmannschaft eben jetzt bei der EM! Heißt für künftige Gegner: Ihr braucht gar nicht erst antreten. Nun ja, Italien ist ja auch seit 34 Spielen ungeschlagen.

Was bleibt von dieser Europameisterschaft? Es war kein Turnier der Stars (wer spricht heute noch von Mbappe oder Cristiano Ronaldo?), es war eher ein Turnier der Trainer, da waren die Herren des Finals die besten Beispiele, nämlich Robert Mancini und Gareth Southgate. Es gab aber auch besondere Trends zu beobachten. So galt für die Trainer „Angst frisst Titel auf“. Wer nicht mutig, sondern zögerlich war, der hatte schon verloren. Das galt besonders für Joachim Löw mit Deutschland, aber auch für die Franzosen oder Southgate im Finale, der auf Vorsicht und nicht auf Sturm und Drang setzte. Einen besonderen Fehler beging er noch vor dem Elfmeterschießen, als er mit Rashford und Sancho zwei Spieler als Elfmeterschützen aufs Feld brachte, die vorher kaum zum Einsatz kamen und deshalb nicht richtig im Spiel waren. Er hätte die Stürmer früher bringen müssen, dann hätte sich das Elfmeterschießen vielleicht erübrigt. Anders sein Gegenüber Mancini. Der erzählte seinen Spielern schon zu Beginn der Vorbereitung „wir holen den Titel“. Die Richtung war vorgeben, das weckte den Teamgeist und den Mut.

„Angst frisst Titel auf“ gilt aber auch auf anderer Ebene. Auffallend, dass die Mannschaften erfolgreich waren, die mutig spielten, Begeisterung im Team offenbarten und mit Schwung zu Werke gingen. Besonders Italien hat den Titelgewinn auch seinem überragenden Mannschaftsgeist zu verdanken, aber erkennbar war der Zusammenhalt auch bei Dänemark, Österreich, die Schweiz, Ungarn und Tschechien, sie alle ließen große Begeisterung erkennen und waren nahe daran, ganze Berge zu versetzen. Erfreulich, dass trotz mancher Defensivkonzepte vor allem nach vorne gespielt wurde. Ob Vierer- oder Dreierkette spielte dabei keine Rolle, auf die Interpretation kommt es an und darauf, ob die Taktik einstudiert werden konnte. Das war zum Beispiel bei Deutschland nicht der Fall. Apropos Deutschland: Das Team legte keine Ehre ein, aber das Schiedsrichter-Duo. Daniel Siebert und Felix Brych zeigten ausgezeichnete Leistungen, wie überhaupt die Schiris ein überraschend gutes Niveau hatten, der Video-Assisten wurde wohltuend behutsam eingesetzt. Felix Brych wurde gleich fünfmal nominiert, ein neuer Rekord zu seinem Abschied, nachdem er mit 45 Jahren die Altersgrenze erreicht hat. Auffallend auch die Zahl der Eigentore, mit elf ebenfalls ein Rekord.

Italien kann sich im Moment freuen, jeder Spieler erhält eine Siegprämie von 250.00 Euro, fast 30 Millionen Euro fließen in die Kasse des Verbandes. Die Mannschaft hat wohl am Höhepunkt ihres Wirkens endlich einen Titel geholt, zum zehnten Mal war Italien in einem WM- oder EM-Finale, nur Deutschland hat mit 14 Teilnahmen mehr aufzuweisen. Aber ob Italien die Zukunft gehört? Die Abwehr-Asse Chiellini (der eigentliche Star des Turniers) und Bonucci sind bekanntlich schon 36 bzw. 34 Jahre alt. Italien stellte überhaupt die älteste Mannschaft. Da gehört eher England die Zukunft, das seit 55 Jahren nach einem Titel lechzt und seit 1966 weiter warten muss. Auffallend auch, dass echte Mittelstürmer und Torjäger mit der Lupe gesucht werden.

Für die Zukunft spielt auch Deutschland eine Rolle, ist der DFB doch 2024 Ausrichter des nächsten Turniers. Eine EM über ganz Europa verteilt bleibt hoffentlich eine Einmaligkeit, aber auch die Pläne, das Teilnehmerfeld von 24 auf 32 aufzustocken, sollten schnell wieder in der Schublade verschwinden. Der Fußball muss endlich Abschied nehmen vom Drang, das Teilnehmerfeld bei allen Wettbewerben zu erhöhen, für die Sportler selbst sind die Grenzen schon überschritten, auch die Fans machen da nicht mehr mit.

Auch wenn Cristiano Ronaldo mit fünf Treffern Torschützenkönig wurde, die Stars drückten der EM nicht ihren Stempel auf. Das war in Südamerika anders, dort waren Neymar und Messi die großen Macher und Lionel Messi am Ende der Held. Mit dem 1:0-Sieg von Argentinien über Gastgeber Brasilien wurde die titellose Zeit des Barca-Stars ebenso beendet wie die von Argentinien, das seit 1993 auf einen Turniersieg gewartet hat. Zwar wurde Messi zusammen mit Neymar zum besten Spieler des Turnier gewählt, aber im Finale war wenig von ihm zu sehen. Für den Sieg sorgte Angel di Maria (Paris) mit einer feinen Einzelleistung. Messi aber wird jetzt mit Maradona auf eine Stufe gestellt und gefeiert.

Ab sofort wird der Fußball national wieder die Hauptrolle spielen, in der Bundesliga laufen die Vorbereitungen auf die neue Saison. Auch Meister Bayern München startet wieder, was in dieser Woche noch Thema einer Kolumne sein wird. Was darf man von den neuen Bayern erwarten? Und dann folgen auch die Olympischen Sommerspiele in Tokio, die ohne Zuschauer stattfinden müssen. Die Japaner sind offensichtlich vernünftiger als die UEFA, die um jeden Preis Stimmung in den Stadien haben wollte. Möglicherweise ein zu hoher Preis. Zu Olympia natürlich später ebenfalls mehr.

Deutschland fehlen Spezialisten zum Erfolg

Wenn die Fußall-Europameisterschaft in dieser Woche zum Endspurt in London ansetzt, ist Deutschland nur noch Zuschauer. Ein Blick auf die Protagonisten des Halbfinales zeigt auf, warum sich Italien und Spanien sowie England und Dänemark gegenüberstehen und Deutschland fehlt. Den Löw-Schützlingen fehlte zu viel von dem, was die Halbfinalisten auszeichnet. Deutschland fehlen vor allem die Spezialisten zum Erfolg: Kein richtiger Mittelstürmer, kein Fachmann für erfolgreiche Standards, dazu konnte der Bundestrainer keine Begeisterung wecken. Nachfolger Hansi Flick muss vor allem mehr Leben in die Mannschaft bringen.

Jeder der vier Halbfinalisten hat seine eigene Geschichte. Eine besondere ist die von Dänemark, da das Team erst den Schock vom Eriksen-Zusammenbruch überwinden musste. Aus dem Schock wurde Euphorie, Begeisterung macht Kräfte frei. Italien hat sich neu erfunden, an die Stelle der Mauer-Taktik trat spielerisches Können mit viel Schwung, Trainer Roberto Mancini machte alles besser als Joachim Löw. Bei England wartete man schon lange darauf, dass die Mannschaft mit Routiniers und großen Talenten das Können endlich effektiv auf den Rasen bringt – jetzt ist es so weit! Unfassbar: Bisher musste Torhüter Pickford noch keinen einzigen Gegentreffer hinnehmen. So etwas wünscht sich Manuel Neuer immer. Die einzige „normale“ Leistung zeigt Spanien, keine Überraschung ist es, im Halbfinale zu stehen, keine Überraschung im Spiel, das Zusammenspiel zwischen Routiniers und Talenten klappt. Wir dürfen uns also auf die letzten drei Duelle freuen.

Die deutschen Spieler machen dagegen Urlaub und der eine oder andere überlegt, ob er seine internationale Karriere beenden soll. Toni Kroos hat schon die Konsequenzen gezogen, er will mit Real Madrid Erfolg und mehr Zeit für die Familie haben. Vielleicht hat er auch erkannt, dass das Tempo-Spiel mit Pressing als Markenzeichen vom neuen Bundestrainer Hansi Flick nicht sein Spiel ist. Diesbezüglich wäre es nur logisch, wenn Ilkay Gündogan folgen würde. Die Mittelfeldzentrale bei Flick wird sicherlich Kimmich-Goretzka heißen, dahinter stehen Talente wie der Gladbacher Florian Neuhaus. Auch bei Mats Hummels stehen die Zeichen wohl eher auf Abgang, während Thomas Müller bei Flick eher gesetzt sein könnte.

Um aber das erfolgreiche Spiel des FC Bayern München unter Flick auf die DFB-Elf zu kopieren, braucht Flick vor allem einen Mittelstürmer. Den gibt es nicht! Bezeichnend, dass Trainer Stefan Kuntz bei der Olympia-Auswahl auf Max Kruse und Cedric Teuchert (beide Union Berlin) im Angriff setzt. Was wir aber brauchen, wäre ein Immobile, Schick, Kane oder Dolberg, die für die nötigen Tore sorgten, damit ihre Mannschaft erfolgreich sein konnte. Vielleicht setzt sich Lukas Nmecha. der Torjäger der erfolgreichen U21 durch. Die Notlösung mit rochierenden Stürmern, die aber alle keine echten Torjäger sind, wie Gnabry, Sané und Müller, ist nichts weiter als eben eine Notlösung, wie der Name schon sagt. Da darf man auf das erste Aufgebot von Hansi Flick im August gespannt sein, zumal es auch bei den Außenverteidigern wohl Neuerungen geben wird oder sogar muss.

Jetzt stehen aber erst einmal Halbfinale und Finale bei der EM in London an. Dabei wird die Kritik an der UEFA immer größer, weil der Verband die Corona-Pandemie einfach ignoriert und hohe Zuschauerzahlen zulässt. Schon jetzt sind hohe Infektionszahlen bekannt geworden. Seltsam, dass sich die einzelnen Länder und Städte von UEFA erpressen lassen und ihre eigenen Richtlinien umgehen. Was vor allem in St. Petersburg, Budapest und London in punkto Fans abgegangen ist, spottet jeder Beschreibung. Vorsicht und Rücksicht wurden zu Fremdwörtern. Angesichts der Quarantäne-Bestimmungen in vielen Ländern ist London nicht der richtige Austragungsort für die Finalspiele.

Schlimmer ist es nur in Brasilien, wo die Copa America ausgetragen wird. Nachdem Argentinien und Kolumbien abgesagt hatten, holte Präsident Bolsonaro die Copa nach Brasilien, weil er ja die Toten und Infizierten im eigenen Land ignoriert. Der Fußball wird so zur Farce bzw. sogar zum Totengräber. Da freuen sich selbst die Spieler nicht. Nur zur Info: Brasilien – Peru und Argentinien – Kolumbien heißen hier die Halbfinals – im Schatten von Corona.

Wenn die Titel vergeben sind, werden wieder verstärkt die Vereine in den Vordergrund treten, zumal in dieser Woche bereits die Bundesligisten ihre Vorbereitung auf die neue Saison aufnehmen. Nach den Turnieren wird vor allem das Transfer-Karussell heiß laufen. So stehen vor allem die Wechselgerüchten der größten Stars im Mittelpunkt: Leonie Messi ist vertragslos, sein Kontrakt beim FC Barcelona ist ausgelaufen, der Präsident will ihn aber unbedingt halten. Cristiano Ronaldo ist bei Juventus Turin nicht mehr glücklich, seine Berater suchen offensichtlich einen neuen, zahlungswilligen Verein trotz Vertrag bis 2022. Kein Wunder, dass in beiden Fällen Paris St. Germain als erster Interessent gehandelt wird. Doch neben Neymar und Mbappe noch zwei Hochkaräter wird sich mit den finanziellen Obergrenzen kaum vereinbaren lassen. Könnte sein, dass der Fußball nach EM und Copa America und vor der neuen Saison erst richtig interessant wird.

Aufatmen: Die Ära Löw ist vorbei!

„Todesgruppe“ wurde sie genannt, die Gruppe F bei der Fußball-Europameisterschaft mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und Deutschland und, nun ja, Ungarn. Das Achtelfinale brachte allerdings etwas anderes ans Licht: Es war wohl die schwächste Gruppe der EM, keiner ist mehr dabei! Frankreich scheiterte nach einer 3:1-Führung an der eigenen Überheblichkeit und schied im Elfmeterschießen gegen die Schweiz aus, Portugal hatte dem Kampfgeist Belgiens beim 0:1 nichts entgegenzusetzen und Deutschland machte England glücklich. 0:2 im Wembley-Stadion, nach 55 Jahren besiegte England die „Germans“ endlich wieder bei einem Turnier. Kein Wunder, dass auch Ungarn haderte, das denkbar knapp die Segel streichen musste.

Katzenjammer überall, in Deutschland mischt sich allerdings auch Hoffnung mit der Enttäuschung. Hoffnung, dass mit dem künftigen Bundestrainer Hansi Flick eine neue, erfolgreiche Ära im deutschen Fußball beginnt. Aufatmen, dass die Ära Löw endlich vorbei ist. Der 61-Jährige war 15 Jahre lang Bundestrainer, die einen sagen, er war sieben Jahre zu lang im Amt, die anderen, dass er spätestens nach der WM-Pleite 2018 in Russland mit dem Ausscheiden in der Vorrunde zurücktreten müssen. Seitdem herrschte Stillstand beim DFB-Team obwohl Joachim Löw vom Aufbau für die Zukunft sprach. Doch an diesem Aufbau ist er gescheitert, er hatte keinen Plan, machte eher einen unsicheren Eindruck und war von den erfolgreichen Jahren weit entfernt. Seit 2006 fünfmal bei Europa- und Weltmeisterschaften im Halbfinale, dabei 2008 im EM-Finale und 2014 Weltmeister – eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Doch danach kam nichts mehr, was bleibt, ist dennoch eine beeindruckende Statistik: 198 Spiele, 124 Siege, 40 Unentschieden, 34 Niederlagen, 467:200 Tore. Und trotzdem: Auf einer Stufe mit Sepp Herberger und Helmut Schön wird Joachim Löw in der Erinnerung nicht stehen.

Die Europameisterschaft 2021 war von Anfang an ähnlich verkorkst wie die WM 2018. Zwar war angeblich die Stimmung im Team besser, aber auf dem Feld wurde dies nicht deutlich. Der 4:2-Sieg über Portugal wurde gefeiert, doch zeigte sich, dass dies eher der Schwäche des Gegners geschuldet war, das 2:2 gegen Ungarn und das Weiterkommen waren glücklich, das Ausscheiden gegen England legte die Schwächen bloß. Vor allem die Schwächen des Trainers, der am Spielfeldrand zögerlich agierte, der die Mannschaft ohne eingespielten Plan ins Turnier schickte. Die Dreierkette konnte nicht eingeübt werden, entsprechend orientierungslos agierten oft die Abwehrspieler. Auswechslungen erfolgten zu spät, der erfahrene Coach wirkte unsicher wie ein Anfänger. Mit dieser Mannschaft wäre zweifellos mehr möglich gewesen.

Nachfolger Hansi Flick hat nun die schwere Aufgabe, eine neue Mannschaft aufzubauen, aber gleichzeitig auch die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2022 in Katar zu bewältigen. Die Gegner gelten zwar nicht als hohe Hürden (man kann sich täuschen, siehe „Todesgruppe“), doch auch da hat ihm Löw die schwere Hypothek der Niederlage gegen Nordmazedonien (!) hinterlassen. Er wird sicher auf Hoffnungsträger wie Havertz, Musiala, Wirtz oder auch Sané setzen, doch das Puzzle wird nicht einfach und die Frage ist auch, welche Routiniers weiter zur Verfügung stehen und auf welche er überhaupt setzt. Thomas Müller hat er bei Bayern wieder in Form gebracht, auf ihn wird er wohl (wenn Müller es will) weiter setzen. Darauf hoffen ja die Fans, dass Flick das DFB-Team so erfolgreich macht wie die Bayern.

Gewinner und Verlierer

Das frühe Ausscheiden lässt nichts anderes zu, in der deutschen Mannschaft gibt es mehr Verlierer als Gewinner. Die Gewinner lassen sich gerade mal an einer Hand abzählen. Es war vor allem Kai Havertz, der als einziger im Angriff nicht enttäuschte. Robin Gosens wurde mit seinem Auftritt gegen Portugal zum Liebling der Nation und für den Löw u. a. auf die Dreierkette umstellte. Dazu zählt auch Leon Goretzka, zuerst verletzt, der dann aber zeigte, dass er Schwung ins Mittelfeld bringen kann anstelle der betulichen Kroos/Gündogan. Ja, auch Thomas Müller gehört dazu, der das Kommando übernahm und als „Radio Müller“ zum Co-Trainer auf dem Platz wurde, leider vergab er gegen England die dicke Chance zum Ausgleich. Er hätte der Held sein können. Ein kleiner Held war der forsche Jamal Musiala gegen Ungarn, der den wichtigen Ausgleich einleitete, ein Zeichen für die Zukunft. Davon abgesehen gehört auch Hansi Flick zu den Gewinnern, weil er es nur besser machen kann als aktuell Jogi Löw.

Nicht richtig einzuordnen sind Mats Hummels (als Abwehrchef, aber auch Eigentorschütze) und Joshua Kimmich (rechts durchaus stark, wäre aber lieber in der Mitte geblieben), teils Gewinner, teils Verlierer. Zu den Verlierern zählt aber auch Kapitän Manuel Neuer, der ein unscheinbares Turnier spielte, sich nicht auszeichnen konnte und keine Retterrolle einnahm. Verlierer waren vor allem Toni Kroos und Ilkay Gündogan im Mittelfeld, sie bremsten das Spiel, brachten keine Struktur ins Team. Vielleicht treten beide zurück. Antonio Rüdiger zeigte ebenfalls nicht die Leistung wie im Verein, war oft orientierungslos, Serge Gnabry konnte die undankbare Rolle als Mittelstürmer nicht ausfüllen, Timo Werner war nicht einmal ein Mitläufer und Leroy Sané zeigte wieder einmal sein Talent, aber keine Leistung. Ob er wirklich ein Mann für die Zukunft ist?

Der Rest konnte sich gar nicht zeigen oder nur kurz wie Volland, Can, Süle oder Halstenberg. Der Kader war größer als normal, 26 statt 23 Spieler, aber Jogi Löw nutzte diese Tatsache nicht. Insgesamt, war also der Bundestrainer der größte Verlierer des Turniers! Was er in der Zukunft machen will, ließ er offen. Zunächst will Löw mal zur Ruhe kommen. Er wird sie brauchen.

Ab dem Viertelfinale fehlen also viele große Nationen. Das Achtelfinale lief und unter dem Motto „Mit heißem Herzen, sonst gibt es Schmerzen“ ab, viele sogenannte kleinen Nationen machten den großen, die zur Überheblichkeit neigten, das Leben schwer. Viermal ging es gleich in die Verlängerung, mit Kampf lässt sich einiges erreichen. Mit Frank de Boer bei der Niederlande trat neben Jogi Löw ein weiterer Trainer zurück, Didier Deschamps ist in Frankreich umstritten. Am Freitag in München spielt jetzt nicht Deutschland, sondern das Viertelfinale heißt Belgien – Italien, zwei Favoriten, in St. Petersburg will die Schweiz Spanien ärgern, am Samstag in Baku treffen Tschechien und Geheimfavorit Dänemark aufeinander und in Rom wird England jetzt von der Ukraine geprüft, noch so ein Überraschungsgast im Viertelfinale. Die Europameisterschaft hat also weiterhin ihren Reiz, inwieweit für die deutschen Fans, das wird sich zeigen. Sie warten vielleicht eher mit Spannung auf Flicks Premiere im September.

Der Klassiker als Duell der Unzufriedenen

Jetzt also im Wembley-Stadion gegen England – interessanter könnte das Achtelfinale bei der Fußball-Europameisterschaft für Deutschland nicht sein! Es ist der Klassiker schlechthin im deutschen Fußball, doch aktuell eher ein Duell der Unzufriedenen. Beide Teams haben in ihren Gruppenspielen nicht vollends überzeugt, bei Deutschland ging es Auf und Ab, statt als Gruppensieger wieder in München antreten zu können, geht es als Zweiter jetzt eben nach London. England marschierte sogar ohne Gegentor durch, doch Glanz verbreitete die Mannschaft beim 1:0 gegen Kroatien, 0:0 gegen Schottland und 1:0 gegen Tschechien keinen. Aber gerade die Tschechen bewiesen jetzt gegen die Niederlande, dass sie beileibe kein Kanonenfutter sind.

Bleiben wir beim Klassiker und werfen erst einmal einen Blick auf die Statistik, die nicht für Deutschland spricht. Bisher gab es 36 Spiele, davon gewann England 16, verlor 13-mal bei sieben Unentschieden. Das letzte Aufeinandertreffen gab es am 10. November 2017 in London und das endete 0:0. Könnte auch am Dienstag so sein (interessanter wäre ein 2:2 oder 3:3!) und dann ein Elfmeterschießen – darauf warten viele, nur die Engländer nicht… Was Joachim Löw Mut macht: Als Bundestrainer blieb er in allen drei Duellen mit England im Heiligtum Wembley ungeschlagen, holte zwei Siege, bei einem Remis.

Schwelgen wir lieber in der Vergangenheit, da werden wieder die vielen alten Duelle des Klassikers bei Welt- und Europameisterschaften herausgeholt. Im Mittelpunkt vielleicht drei Vergleiche: Erstens natürlich die WM 1966 mit dem berühmtesten aller Tore, dem Wembley-Tor, als England dann 4:2 gewann und Weltmeister wurde. Beim DFB erinnert man sich lieber an 1972, da gewann Deutschland am 29. April im EM-Viertelfinale beim 3:1 erstmals in England und wurde auch Europameister. Für viele war dies die beste Mannschaft aller Zeiten, die sich dann zudem mit dem WM-Titel 1974 krönte. Der Erinnerung ein bisschen nachhelfen: Torschützen waren Uli Hoeneß (2. Tor im 2. Länderspiel, er galt als Amateur, war Bayern-Angestellter in der Geschäftsstelle), Günther Netzer und natürlich Gerd Müller. Deutschland spielte mit Maier, Höttges, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Wimmer, Netzer, Hoeneß, Held, Müller, Grabowski. Englands Trainer Gareth Southgate wird dagegen mit der EM 1996 konfrontiert, da verschoss der heutige Coach den entscheidenden Elfmeter (Köpke hielt), Deutschland zog ins Finale ein und wurde zum dritten Mal Europameister. Und jetzt?

England ist nur eine Hürde auf dem Weg zu einem möglichen erneuten Titelgewinn, an dem aber die wenigsten glauben. Aber es scheint ja eine EM der Überraschungen zu sein, und der Sieger des Klassikers sollte auch Schweden, die Ukraine, Dänemark oder Tschechien als nächste mögliche Gegner nicht unterschätzen. Für Deutschland ginge es von Wembley erst mal nach Rom am Samstag und dann zurück nach London. Und wenn am Ende der Titel steht? Siehe 1972 und 1974, wird Deutschland 2022 in Katar der erste Wüsten-Weltmeister?

Vorher muss aber ein Sieg her und Jogi Löw wird wohl nicht umhin kommen und auf die Stimmen der Fachwelt und der Laien hören müssen und für mehr Schwung im Laden sorgen. Das Mittelfeld Kroos/Gündogan kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, da fehlt einfach das Tempo. Joshua Kimmich wiederum hat sich auf rechts unentbehrlich gemacht, zumal Löw wohl an der Dreierkette festhalten wird, weil er sonst Gosens die Stärke nimmt. Leon Goretzka ist der natürliche Tempomacher fürs Mittelfeld, an ihm führt kein Weg vorbei. Keinen Anspruch auf einen Platz kann Sané erheben, neben Dirigent Thomas Müller und Kai Havertz (der Müller als den „dritten Co-Trainer“ bezeichnet) könnte Löw Überlegungen anstellen, ob er es mal mit Timo Werner anstelle von Serge Gnabry probiert. Und wenn es nicht klappt, kommt Jamal Musiala, das Bambi der Mannschaft, der bekanntlich in Stuttgart geboren, aber zum Teil in England aufgewachsen ist. Er hat sich aber für Deutschland entschieden und wenn er jetzt der Matchwinner für die Löw-Jungs würde, wäre es die Geschichte schlechthin. Der Sport hat was übrig für solche Storys.

Gegenspieler Southgate wird auf eine starke Defensive bauen und Deutschland mit Konter unter Druck setzen wollen, diesbezüglich sind die Schwächen keinem verborgen geblieben. Das Quartett Sterling, Foden, Mount und Torjäger Kane will sich austoben, da droht Gefahr.

Es war ja klar, die EM nimmt jetzt richtig Fahrt auf, am Freitag und Samstag steht dann das Viertelfinale an, Belgien – Italien und Tschechien – Dänemark stehen als Paarungen schon fest. Belgien schaltete mit viel Kampf und Glück Titelverteidiger Portugal aus, Dänemark avancierte nach dem Eriksen-Zwischenfall zum Liebling der Zuschauer. Als Ausgleich für den Schock wünschen ihnen die meisten den Titel, der mit diesem Rückhalt und viel Elan durchaus möglich wäre. Dass die EM immer interessanter wird, beweisen auch die TV-Zuschauer in Deutschland, gegen England gibt es nach jeweils über 20 Millionen Zuschauer bei den Auftritten der Löw-Jungs mit Sicherheit einen neuen Rekord. Bereits das Duell Belgien – Portugal sahen 12,9 Millionen Fans.

Keine Begeisterung findet die UEFA als Veranstalter mit ihrem Gewaltakt Zuschauer unbedingt in die Stadien zu bringen ohne Rücksicht auf die Corona-Pandemie. Die Austragungsorte und die Politik wurden zum Teil erpresst, die Maskenpflicht wird vielfach ignoriert und die Zahlen der Infizierten steigen. Da ist ein großes Stück Rücksichtslosigkeit dabei und das hat im Sport nichts zu suchen. Es zeigt sich, dass der ursprünglich reizvolle Plan, die Spiele über Europa zu verteilen, einfach nicht mehr situationsgemäß war. So gibt es am Ende auch einen Jubel mit einem schalen Beigeschmack, egal, wer Europameister wird.

Macht England den Weg für Jogi Löw frei?

Jetzt geht’s los! Nach zwei Wochen beginnt die Fußball-Europameisterschaft richtig, ab dem Achtelfinale gibt es nur noch K.o.-Spiele, mit taktieren geht da gar nichts mehr. Vor allem steht der Sport wieder im Vordergrund und nicht der Regenbogen, doch darüber ist auf der ganzen Welt genug geredet. Die Gruppenphase endete allerdings mit einer Spannung, die ihr eigentlich nicht zugetraut wurde und so folgen auch einige überraschende Paarungen. Auf Spannung verzichtet hätte gern die deutsche Mannschaft, die beim seltsamen 2:2 gegen Ungarn in den 90 Minuten ein Wechselbad der Gefühle erlebte, einmal Gruppensieger, dann wieder ausgeschieden, am Ende Zweiter – ein Happy End. Vor allem für Bundestrainer Joachim Löw, dessen Karriere zum Ende noch einen gehörigen Schatten bekommen hätte, wenn der Weltmeister-Coach in zwei Turnieren hintereinander vorzeitig ausgeschieden wäre. Ist er nicht und jetzt gibt es sogar Hoffnung.

„Eintagsfliege oder ein Versprechen“ hatte der Sport-Grantler nach dem 4:2-Sieg über Portugal gefragt. Ein Spiel, für das die Jogi-Jungs gefeiert wurden. Doch eine verlässliche Antwort gaben sie gegen Ungarn nicht, eher gaben sie Rätsel auf, das Team ist wohl eine Wundertüte. „Gegen England werden wir besser auftreten“, verspricht Jogi Löw. Logisch, viel schlechter geht nicht mehr. Das alte Leiden griff um sich, unkonzentriert in der Abwehr, zögerlich im Mittelfeld, ohne Durchschlagskraft im Angriff. So sieht kein Europameister aus. Wer weiß, wie ungern Löw wechselt, kann sich vorstellen, welche Verzweiflungstaten seine Auswechslungen waren, die schließlich zum Happy End führten. Der 18-jährige Jamal Musiala zeigte genau seine geschätzten Dribbelstärken, er sah den freien Timo Werner, dessen abgeblockter Schuss fiel Leon Goretzka vor die Füße und schon war das Achtelfinale erreicht. Wer so viel Glück hat, aber auch nicht aufgibt, der kann auch Europameister werden.

Das Achtelfinale beschert uns von Samstag bis Dienstag fast nur interessante Paarungen, aber das Tableau macht auch deutlich, dass sich die groß gehandelten Favoriten fast alle selbst im Wege stehen. Frankreich gegen Spanien könnte ein Viertelfinale lauten, Belgien gegen Italien das zweite in der „oberen Hälfte“, beides auch würdige Endspiele. Den Weg frei machen müssen dazu die Schweiz, Kroatien, Portugal und Österreich. Kanonenfutter wollen sie nicht sein, die Gruppenphase hat gezeigt, wie verbissen sich die Außenseiter wehren können.

Und wo ist Deutschland? Da stellt sich nun die Frage, macht England den Weg für Jogi Löw frei? Der alte Kontrahent von der Insel ist wohl der größte Brocken auf dem Weg ins Finale, wenn man auch die Niederlande oder Dänemark nicht unterschätzen sollte. Zunächst wartet auf den Sieger des deutschen Spiels Schweden oder die Ukraine. Dies zeigt: Jogi Löw könnte sich doch noch einen schönen Abschluss seiner Karriere bescheren. Wenn da nicht England wäre! Eine Mannschaft, die Gift für die Schwächen der DFB-Elf sein kann, nämlich defensiv stark (noch kein Gegentor, 2:0 Tore) und gefährlich im Kontern ist, vor allem durch Sterling. Doch mehr zu diesem Achtelfinale kurz vor dem Duell.

Wie oben schon angedeutet, die Gruppenphase zeigte auf, dass die sogenannten Kleinen den Großen ganz schön auf die Nerven gehen können. Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott, ist vielfach das Motto, aber auch Mannschaften wie Frankreich und England bauen vor allem auf eine starke Defensive. Davon kann bei Deutschland keine Rede sein. Die Überraschung in spielerischer Hinsicht war vor allem Italien, das ebenfalls noch keine Gegentor kassierte und zudem gefällig nach vorn spielte. Belgien präsentierte sich fast schon als Titelanwärter, das Duo Lukaku/De Bruyne mischt die EM ein bisschen auf. Doch mit Portugal wartet ein Stolperstein, von wegen, dass ein Dritter ein leichter Gegner sei. Portugal will als Titelverteidiger wohl das Spielchen vom letzten Turnier wiederholen, nämlich als Gruppendritter später Europameister werden. Alles hängt da allerdings von Cristiano Ronaldo ab, dem Torschützenkönig des Turniers und jetzt EM-Rekordtorjäger. Freuen wir uns also auf das Achtelfinale.

Wir sollten nicht vergessen, dass auch die beiden deutschen Schiedsrichter im Achtelfinale im Einsatz sind. Daniel Siebert leitet die Auftaktpartie Wales – Dänemark, Felix Brych das Schlagerspiel Belgien – Portugal. Auffallend, dass die Schiedsrichterleistungen durch die Bank erfreulich gut waren, ein Ärgernis über den Video-Schiedsrichter gab es bisher nicht, vor allem wurde sehr schnell entschieden. Wünschenswert wäre eine Fortsetzung dieser Leistungen in der neuen Bundesliga-Saison.

Apropos Bundesliga, Sportfans wird es im Sommer nicht langweilig, stehen doch in den nächsten Wochen Tour de France, Wimbledon, Olympische Sommerspiele und – der Start in die neue Bundesliga-Saison an. Die attraktivste 2. Bundesliga aller Zeiten startet am 23. Juli mit der attraktivsten Partie aller Zeiten, nämlich Schalke 04 – Hamburger SV! In der Bundesliga geht es am 13. August wieder los, mit dem Novum, dass der Meister diesmal kein Heimrecht genießt, sondern Bayern München muss zum Schlagerspiel zu Borussia Mönchengladbach. Dort hatten die Bayern bekanntlich schon oft Probleme. Aber noch sind die Spieler in Urlaub oder bei der EM.