Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Die alten Standards sind die neue Zukunft und die große Chance für die Kleinen

Was waren das für Zeiten, als wir mit dem Fußball begannen und beim Kleinstadtverein die Schuhe schnürten. Beim Training wurden u. a. Standards geübt und das Kopfballpendel durfte nicht ausgelassen werden. Beim Profi-Fußball hatte man zuletzt den Eindruck, dass diese sogenannten Basics vernachlässigt wurden, nach dem Motto, „das muss ein Profi sowieso können“. Verlernt er aber, wenn er es nicht ständig trainiert. Die Weltmeisterschaft in Russland brachte jetzt die Erkenntnis, dass die guten alten Standards eine neue Zukunft haben und gleichzeitig sind sie eine große Chance zum Erfolg für die kleinen Vereine. Die WM brachte keine neuen taktischen Erkenntnisse, aber sie kann das Spiel der Zukunft doch wesentlich beeinflusst haben – durch die Renaissance der Standards!

Eines werden die Trainer der Welt gesehen haben: Das „Tika Taka“, mit dem vor allem die Spanier vor Jahren schönen Fußball kreierten und erfolgreich waren, hat sich überholt. Das mussten auch die Deutschen erkennen. Die Klubs haben gegen den Ballbesitz-Fußball Gegenmittel gefunden und dem schönen Fußball mit schnellem Fußball, sprich Umschaltspiel, das Garaus gemacht. Tempo ist angesagt, auf der anderen Seite aber auch Sicherheit. Hast Du den Ball, dann schnell nach vorn. Ansonsten: Hinten dicht. Die Lösung aber für alle Teams, wenn es über das Spielerische nicht klappt, heißt ganz einfach Standardsituation, da hilft die Ecke ebenso wie der Freistoß und künftig vielleicht auch vermehrt wieder der Einwurf. Auch der kann nämlich trainiert werden, damit er einer Ecke gleichkommt (die Dänen haben es vorgemacht). Es wäre klug, diesbezüglich wieder Spezialisten zu schulen.

Die Zahlen der WM waren schon beeindruckend. Von allen WM-Treffern resultierten rund ein Drittel aus ruhenden Bällen. Vier Jahre zuvor in Brasilien waren es gerade 22 Prozent. Jede 30. Ecke wurde bei der WM zu einem Tor verwertet, in der Champions League war es nur jede 45. Die Standards kultiviert hat vor allem Englands Trainer Gareth Southgate, der sogar in Nordamerika beim American Football und Basketball nach Ideen gesucht hat, zum Beispiel einstudierte Laufwege. Damit verblüfften die Engländer die Konkurrenz, als sie im Strafraum hintereinander in einer Schlange standen. Typisch englisch vielleicht: Schlange stehen für ein Tor!

Das ist also der Fußball der Zukunft: Tor-Absicherung als erste Aufgabe, schnelles Umschaltspiel als Schlüssel zum Sieg und gute Standards als Geheimwaffe (die bald nicht mehr geheim ist). Ob dieser Fußball wirklich Spaß macht? Er könnte zumindest spannender werden, weil die Standards die Chance der Kleinen sind, wenn sie sich der spielerischen Übermacht der Großen (sprich Reichen) nicht beugen müssen. Das könnte zum Beispiel das Problem von Bayern München in der Bundesliga werden. Andererseits hat der neue Trainer Niko Kovac bereits angekündigt, dass er vermehrt Standards wird trainieren lassen. Das hat auch sein Freiburger Kollege Christian Streich erkannt, der gefragt wurde, welche Entwicklungen bei der WM am auffälligsten waren: „Die Standards natürlich, sie sind wichtig.“

Eines wurde außerdem deutlich, die Mittelstürmer erlebten ebenfalls eine Renaissance. Die falsche Neun ist nicht mehr gefragt, die echte Neun soll wieder zum Erfolg führen. Der große und kräftige Mittelstürmer hat wieder seine Daseinsberechtigung. Als Ersatz dienen seine großen und kräftigen Kollegen aus der Abwehr, die werden zu verkappten Torjägern – bei Standards nämlich. Die WM hat es gezeigt.

Übrigens sollte auch Bundestrainer Joachim Löw sein Augenmerk auf bessere Standards legen. Aus dem Spiel heraus vergab Deutschland nämlich die meisten Chancen. In der WM-Statistik der Chancenverwertung belegte Deutschland mit 9,5 Prozent aus 21 Chancen den letzten Platz! Der Iran und Panama erreichten 22,2 Prozent – nur so zum Vergleich.

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Am Ende der WM gibt es nur Gewinner

Im Regen ging die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 am Sonntag in Moskau zu Ende, aber der Fußball ging nicht baden. Ganz im Gegenteil, die WM in Russland lief besser ab als befürchtet, die unerwarteten Erfolge des Gastgebers sorgten für gute Stimmung, Putins Reich zeigte sich von seiner besten Seite. Am Ende der WM gibt es eigentlich nur Gewinner, auch wenn sich das im Endspiel unterlegene Kroatien natürlich nicht als solcher fühlen wird.

Gewinner Nummer 1 ist natürlich Weltmeister Frankreich. Es war eine Punktlandung mit dem Titel genau 20 Jahre nach dem ersten Pokalgewinn. Trainer Didier Deschamps ist eine Meisterleistung geglückt, er hat aus einem Haufen talentierter Spieler eine echte Mannschaft geformt (dass, was eben Jogi Löw mit Deutschland nicht geschafft hat). Bestes Beispiel ist die Wandlung von Paul Pogba vom Problemfall zum Mittelfeldstrategen, zur Führungsfigur. Frankreich ist ein würdiger Weltmeister mit einem kompakten Team, aus dem immer wieder der eine oder andere Star heraus stach. Deschamps selbst ist der Dritte der den Titel als Spieler und Trainer holte, der Kapitän der 98er-Weltmeister schloss auf zu dem Brasilianer Zagallo und dem Deutschen Franz Beckenbauer, die bisher als Einzige als Spieler und Trainer erfolgreich waren.

Gewinner Nummer 2 ist trotz Final-Niederlage Kroatien. Das kleine Land kam ganz groß raus und war erfolgreich wie nie. Kleiner Trost, dass es doch noch einen Sieger in den eigenen Reihen gab, denn Kapitän Luka Modric wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Die Erfahrung war der Trumpf der Kroaten, gleichzeitig sollte man wohl die Einmaligkeit des Ereignisses feiern, es wird schwer werden, diesen Erfolg in naher Zukunft zu wiederholen.

Gewinner Nummer 3 ist der Dritte, nämlich Belgien. Als die Belgier in der Vorrunde England mit 1:0 besiegten, da wurde dies eher als Unfall gewertet, weil sie sich damit einen schweren Weg ins Finale bescherten. Am Ende trafen sie im Spiel um Platz drei wieder auf England und siegten mit 2:0. Doch bei ihnen geht der Blick in die Zukunft, der größte Teil de Mannschaft befindet sich im besten Fußball-Alter, sie haben mit Kapitän Eden Hazard und Kevin de Bruyne Stars, die den Unterschied ausmachen können. Es ist kein Größenwahn, wenn sie davon sprechen, bei den nächsten Turnieren mehr erreichen zu wollen.

Gewinner Nummer 4 ist England, ja auch der Geschlagene im kleinen Finale kann sich als Gewinner fühlen, denn auch die Mannschaft von Trainer Gareth Southgate hat Werbung für sich betrieben, hat für gute Stimmung im Land gesorgt und gilt als Team der Zukunft. So gelten auch die gleichen Ziele wie in Belgien: Es soll weiter nach oben gehen. Kann es auch.

Gewinner Nummer 5 ist der Videobeweis. Was gab es im Vorfeld angesichts des Chaos vor einem Jahr beim Confed-Cup für Unkenrufe, stattdessen lief es fast perfekt, was eigentlich einem Wunder gleichkommt. Der Videobeweis wurde nur dezent eingesetzt, war dann eine Hilfe und sorgte für Gerechtigkeit. Er darf damit als Vorbild für die Bundesliga gelten. Auch hier muss der DFB also lernen.

Gewinner Nummer 6 ist natürlich Gastgeber Russland, die Stimmung im Land war gut, die Fans aus aller Welt konnten sich fast in einem freiheitlichen Land fühlen, das Putin-Russland verstellte sich nahezu perfekt. Dazu hat die Organisation gestimmt, aber es war natürlich übertrieben, dass FIFA-Boss Infantino von der „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ sprach. Mit dieser Feststellung hat der Schweizer eher gezeigt, dass seine Aussagen nur auf PR gemünzt sind und nicht auf Wahrheiten. Dennoch, ein kleines Sommermärchen erlebte auch Russland, es wird spannend sein, zu sehen, inwieweit die Bevölkerung in Zukunft Veränderungen bemerkt.

Gewinner Nummer 7 ist der FIFA-Präsident Gianni Infantino selbst. Der Schweizer war überall präsent, gefiel sich neben den Mächtigen der Welt und lächelte in jede Kamera. Er wollte alle Stadien besuchen und alle Mannschaften sehen. Sein Auftritt war eine einzige Werbetour, die eigentlich als abstoßend bezeichnet werden muss. Dennoch war „Der Lächler mit dem Messer“, wie er bezeichnet wurde, ein Gewinner. Ein Gewinner nämlich in seinem persönlichen Ziel, bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden.

Von Verlierern wollen wir heute nicht mehr reden, aber es wird spannend sein, zu sehen, wie in Deutschland, Brasilien, Spanien und Argentinien die Enttäuschung verarbeitet wird. Auch die Zukunft bleibt spannend, sind doch die Diskussionen um die Erweiterung der WM nicht beendet. Für 2026 ist die Aufstockung von 32 auf 48 Nationen beschlossen, aber Infantino lässt nicht locker, die Welt schon 2022 in Katar damit zu „beglücken“. Was wiederum zeigt, dass es Infantino nicht um den Fußball geht, sondern um seine Macht. Eigentlich ist für einen FIFA-Präsidenten nicht haltbar, eine einmal vom Verband getroffene Entscheidung in Frage zu stellen, zum anderen bringt die WM 2022 im Winter genügend Probleme, da braucht es keine Ausweitung. Aber Vernunft kommt in Infantinos Werbetour nur selten vor.

Eine glückliche Fügung gibt es übrigens für die im September startende Nations League, die ja auch mit viel Skepsis begleitet wird. Einen besseren Start als mit dem Duell des neuen Weltmeisters gegen den alten kann sich die UEFA allerdings nicht wünschen. So kommt am 6. September in München beim Spiel Deutschland – Frankreich auch auf Jogi Löw beim Neuanfang gleich eine große Imageaufgabe zu. Da sollte seine Analyse von der WM-Pleite wirklich gründlich ausfallen.

Es ist ja fast nicht zu glauben, aber am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft gab es sogar noch Sportarten, die den Fußball ein wenig verdrängen konnte. Deutschland feierte seine Tennis-Königin Angelique Kerber, die als Wimbledon-Siegerin den Fußball zumindest in Deutschland die Show stahl, und Deutschland freute sich auch über Rad-Star John Degenkolb, der sich seinen Traum von einem Etappensieg bei der Tour de France erfüllte. Beide Sportler erlebten ein großartiges Comeback nach Formtief bzw. Verletzungspause. Es wurde also deutlich, es gibt nicht nur Fußball.

Es folgt in dieser Woche noch ein Kommentar darüber, wie sich der Fußball nach der WM verändern wird.

Die Tour de France ist eine Tour de Farce

Sie sind wieder unterwegs, die Ritter der Pedale, sie schinden sich beim größten Radrennen der Welt, klettern über Berge, kämpfen gegen den Wind, sprinten um den Sieg, nehmen Stürze und Schrammen in Kauf. Die Tour de France zieht auch in ihrer 105. Auflage viele in ihren Bann, aber inzwischen sind genauso viele angewidert und wenden sich ab. Die Tour de France ist immer noch eine Tour der Leiden, aber mehr noch eine Tour de Farce.

Dass der Radsport gegen ein Negativimage ankämpfen muss, zeigt ein Blick auf die Siegerliste der Tour de France. Da sind Sternchen zu finden, da fehlen Sieger, vor allem dem Oberdoper Lance Armstrong wurden die Siege von 1999 bis 2005 aberkannt, einen Nachrücker gibt es nicht. Die Tour fand statt und steht auf ewig ohne Sieger da. In anderen Jahren gab es Nachrücker. Und in diesem Jahr? Wird der Sieger auch in einigen Jahren noch in der Siegerliste aufgeführt werden und ist der Held von heute der gleiche Held wie in den letzten Jahren? Wenn es so ist, dann sind die Siege mit einem Makel behaftet. Der Brite Christopher Froome wandelt bei seinem Hattrick von 2015 bis 2017 in doppeltem Sinne auf den Spuren von Lance Armstrong. Er siegt, aber mit welchen Mitteln? Allein, dass Fragezeichen bleiben, dass es keine gültigen Antworten gibt, macht die Tour de France zur Tour de Farce.

Der Blick zurück. Bereits am 7. September 2017 wurden beim Kapitän des Sky-Rennstalles stark überhöhte Werte des Asthmamittels Salbutamol festgestellt. Neun Monate dauerte es, bis es bei einer eindeutigen Sache zu einer Klärung und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zu dem Urteil kam, dass Froome kein Doping nachgewiesen werden kann: „Die Verbotsliste der Wada sieht vor, dass ein Athlet beweisen darf, dass sein abnormales Ergebnis die Folge einer erlaubten Verwendung war, wodurch der Fall nicht als Regelverstoß zu werten ist,“ so das Urteil. Froomes Rechtsanwälte hatten ganz Arbeit geleistet, Froome selbst ist sich keiner Schuld bewusst. „Ich habe seit meiner Kindheit Asthma, ich habe mich schlecht gefühlt, deshalb habe ich die doppelte Portion der Arznei genommen.“ Seltsam, schlecht gefühlt hat er sich nach einem schwachen Tag, am Tag darauf hat er sich (nach Einnahme der doppelten Portion) gut gefühlt und ist dem Feld davon gefahren. Asthma muss man halt haben…

Ein absurdes Urteil nach einer absurd langen Zeit und Chris Froome beteuert seine Aufrichtigkeit. „Ich war völlig ehrlich, als ich auf dem Podium gesagt habe, dass ich dem Gelben Trikot niemals Schande machen werde.“ Nun ja, Sünder gestehen erst etwas, wenn sie zweifelsfrei überführt werden können und keinen Ausweg (auch mit den besten Rechtsanwälten nicht) mehr wissen. Die Konkurrenten äußern sich vorsichtig, lassen aber schon durchblicken, was sie von diesem Affentheater halten. Die Fans äußerten sich nicht so vorsichtig, sie pfiffen den Briten aus und sollte Froome wirklich am 29. Juli auf der Champs-Elysee als Sieger einfahren, dann könnte ihm passieren, dass er kein umjubelten Sieger sein wird. Eher wird es heißen „ausgerechnet der…“.

Mancher Konkurrent, der sich nicht schon hat eine Asthma-Krankheit attestieren lassen, wird ins Grübeln kommen und seinen Ärzten sagen: „Seht ihr nicht, dass ich Asthma habe, ich möchte auch mal die Tour gewinnen.“ Früher wurden die Ritter der Pedale bei ihrem Ritt über die Berge mit waghalsigen Abfahrten bewundert. Gerade für die Abfahrten und Sprints mit den Gefahren der Stürze werden sie auch heute noch bewundert und das macht zum Teil noch den Reiz der Tour aus. Aber im Hintergrund bleiben immer die Zweifel und je stärker sich der Sieger von der Konkurrenz abhebt, umso stärker sind auch die Zweifel. Beim Giro d’Italia siegte Froome übrigens das erste Mal. Zunächst spielte er keine Rolle, dann fuhr er der Konkurrenz an einem Tag davon. Wahrscheinlich ging es ihm am Morgen noch ziemlich schlecht…

Fußball-WM: Die Zukunft hat bereits begonnen

Eines kann man von der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nicht behaupten: Das sie langweilig ist. Das Favoritensterben sorgte für Aufmerksamkeit, zahlreiche Elfmeterschießen für Spannung. Das passte dann wie die Faust aufs Auge, dass hier sogar die Engländer erfolgreich waren. Und es passt zu den Überraschungen, dass aus der Weltmeisterschaft eine Europameisterschaft geworden ist, nachdem im Viertelfinale auch Brasilien und Uruguay die Segel streichen mussten. Hier zeigt sich ein Trend: Die Nationen außerhalb Europas kommen einfach nicht voran, in erster Linie die Teams in Afrika und Asien. Da fehlt es an Organisation, an Willen und an Cleverness. Jetzt schwächeln auch die Südamerikaner mit all ihren begnadeten Fußballern. Eine Gefahr für die Zukunft, dass Eintönigkeit wieder die Oberhand gewinnt? Warten wir es ab. Zuletzt waren vier Europäer 2006 im Halbfinale unter sich, damals Italien, Frankreich, Deutschland und Portugal.

Diesmal sind es bekanntlich Frankreich und Belgien (Dienstag) sowie Kroatien und England (Mittwoch), die im Halbfinale aufeinandertreffen. Dabei fällt eines auf: Bei drei Nationen hieß es im Vorfeld des Turniers, dass sie eine Mannschaft der Zukunft haben. Ergo: Die Zukunft hat bereits begonnen.

Auffallend, dass es zum Beispiel eine gewisse Ähnlichkeit der Mannschaftsstruktur und der Spielweise zum Beispiel bei den Gegnern Frankreich und Belgien gibt. Da das überragende Sturm-Duo Griezmann/Mbappe mit Paul Pogba in der Hinterhand, dort die schnellen Lukaku und E. Hazard, zu denen sich Kevin de Bruyne gesellt. Wir sehen: Bei beiden Nationen heißt es, Angriff ist die beste Verteidigung. Wobei die Abwehrspieler naturgemäß schon noch ein bisschen Arbeit haben, da macht Frankreich fast den stabileren Eindruck. Bemerkenswert, dass ein Franzose die belgischen Stürmer trainiert. Der einstige Weltklassestürmer Thierry Henry könnte jetzt zum „Verräter“ werden. Lukaku gestand bereits: „Von Henry habe ich schon viel gelernt.“ Die Belgier sprechen von ihren Spielern ja von „der goldenen Generation“, dies könnte am Sonntag im wahrsten Sinne des Wortes stimmen.

Auch in England sprach man vor der WM von der „Mannschaft der Zukunft“, jetzt ist die Zukunft schon in der Gegenwart angekommen. Auch in England steht ein Stürmer im Mittelpunkt, nämlich Torjäger Harry Kane, der schon die Premier League aufgemischt hat und jetzt die WM-Torschützenliste mit sechs Treffern anführt. Beste Bewerbung als für den Titel „Weltfußballer des Jahres“. England hat aber nicht nur Kane, sondern mit dem jungen Pickford auch einen erstklassigen Torhüter und mit Gareth Southgate offensichtlich einen Trainer, der die Konkurrenz in den Schatten stellt. Er präparierte seine Schützlinge im Training für das Elfmeterschießen, er ließ bis zum Erbrechen im Training Standards trainieren – und erntet jetzt zusammen mit dem Team schon in Russland. Im Wege steht zunächst noch Kroatien, die Ausnahme der Talente-Nationen, das Team mit Erfahrung und einem überragenden Luka Modric, der als Kopf der Mannschaft ganz anders auftrumpft als seine Real-Mannschaftskollege Toni Kroos es tat. Deshalb steht Kroatien im Halbfinale und nicht Deutschland.

Die FIFA macht sich lächerlich – und andere auch

Nur der Weltverband selbst trübt seine sportlich interessante Weltmeisterschaft. Wie die überwiegend geldgierigen und korrupten FIFA-Funktionäre, die vor allem nach einem für sie angenehmen Leben streben, ticken, wurde bei seltsamen Entscheidungen offensichtlich. 60500 Euro Strafe mussten die Kroaten zahlen, weil sie nicht vorschriftsmäßig Trinkflaschen vom Sponsor verwendet hatten. Ein Vertragsbruch, der geahndet werden musste. Als Serbiens Trainer Mladen Krstajic allerdings gegen Moral und Ethik verstieß (was die FIFA angeblich immer besonders hoch hält), als er Schiedsrichter Dr. Brych vor das UN-Kriegsverbrechertribunal schicken wollte, da musste er für diesen Fauxpas gerade mal 5000 Euro Strafe zahlen. Damit macht sich die FIFA einfach nur lächerlich.

Aber damit steht der Weltverband keineswegs alleine da. Eine lachhafte Figur gibt auch der DFB bei der Krisenbewältigung ab, da zeigen die Beteiligten wie DFB-Chef Grindel, Manager Oliver Bierhoff und Trainer Jogi Löw allesamt, dass sie zwar mit Erfolgen gut leben, mit Krisen aber überhaupt nicht umgehen können. Probleme sind in ihrer Denke wohl nicht vorgesehen. Der „Fall Özil“ schlägt Wellen, es gibt Widersprüche und Peinlichkeiten. Da hat wohl Özils Vater die einzige richtige Antwort: „An Mesuts Stelle würde ich zurücktreten“. Wer sich zu einer Verfehlung (Erdogan-Fotos) nicht äußert, hat in der Nationalmannschaft als Aushängeschild sowieso nichts zu suchen.

Lächerlich von FIFA und DFB auch die Affäre um Schiedsrichter Dr. Felix Brych, der nach Hause geschickt wurde und offensichtlich unter einer einzigen Fehlentscheidung leiden musste. Andere Kollegen durften auch nach schwachen Spielen munter weiter pfeifen. Und der DFB bringt es noch nicht einmal fertig, von der FIFA die Hintergründe zu erfahren. Möglicherweise steckt sogar eine interne Intrige zwischen deutschen Schiedsrichtern dahinter. Beobachter sehen den damaligen Video-Schiedsrichter Zwayer als Hauptschuldigen, unken über die Möglichkeit eines Racheaktes. Aufklärung tut also Not. Oder der DFB macht sich eben wieder einmal lächerlich.

Lächerlich gemacht hat sich auch Brasiliens Star Neymar, der mehr mit seinen Schauspieleinlagen nach Fouls auffiel, als mit sportlichen Highlights. Er hat bei der WM deutlich gemacht, dass er nicht das Format mitbringt, einmal „Weltfußballer des Jahres“ zu werden. Mit ein paar Tricks und guten Pässen ist es nicht getan. Er hätte Brasilien vielleicht weiterbringen können, wenn er sich mehr auf den Sport konzentriert hätte. Aber vielleicht will er ja sowieso Schauspieler werden.

Jogi Löw muss Deutschland neu erfinden

Es bleibt in Deutschland alles so, wie es ist: Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin und Joachim Löw bleibt Fußball-Bundestrainer. Beide haben aber eine Aufgabe mit dem gleichen Ziel: Sie müssen Deutschland neu erfinden. In der Handhabung hat es Jogi Löw natürlich leichter, der Fußball ist zwar kompliziert, aber überschaubarer als Politik. Bleiben wir also beim Fußball, hier geht es ja um den Sport. Bleiben wir bei der Aufgabe: Jogi Löw muss Deutschland neu erfinden.

Es war keine Überraschung, dass der Bundestrainer sich dazu entschieden hat, im Amt zu bleiben. Zwar forderten viele Kritiker seinen Rücktritt, aber mehr Leute von fern und nah stärkten ihm wohl den Rücken, vor allem beim Verband. Der DFB mit seinem Präsidenten Reinhard Grindel hatte vor allem das Dilemma, dass ein adäquater Nachfolger nicht greifbar war. Für Löw selbst wird die Entscheidung eher eine leichte gewesen sein, das Amt des Bundestrainers gilt allgemein als Traumjob gegenüber der täglichen Arbeit in der Bundesliga, ist gut honoriert (Löw kassiert angeblich 3,5 Millionen Euro im Jahr) und die Aufgabe für die Zukunft ist reizvoll: Die Nationalmannschaft nach dem Tief des frühen WM-Ausscheidens wieder an die Spitze führen. Die Qualität der Spieler lässt dies zu. Allerdings muss Löw im Team und rund um das Team einiges ändern. Das ist auch eine Aufgabe für den DFB und vor allem für Teammanager Oliver Bierhoff. Das Motto muss sein, zurück zu den Wurzeln. Insofern braucht er vielleicht nicht einmal etwas neu erfinden.

Bleiben wir zunächst bei den Aufgaben rund um das Team. Vor allem Oliver Bierhoff war wohl der Antreiber bei der Vermarktung mit abgehobenen Slogans und übertriebenen Inszenierungen. Dabei ging der Kontakt zur Basis verloren. Die Fans spielten nur noch die Rolle als zahlender Kunde, die DFB-Auswahl wurde zwar als „Die Mannschaft“ verkauft, war aber keine Mannschaft des Volkes mehr. Abgeschottet im Trainingslager und Training, Testspiele ohne Rücksicht auf Qualität, die Preise zu hoch, die Anfangszeiten nicht familienfreundlich. Der Fan muss sich künftig wieder als Teil der Mannschaft fühlen dürfen. Politiker und Fußballer haben hier ein ähnliches Problem: Die Nähe zum Volk ging für sie verloren. Gerade beim DFB solle sich das leicht ändern lassen. Ist es wirklich notwendig, dass sich 118 Mitarbeiter im WM-Tross um die Mannschaft kümmern? Und keiner kümmert sich um die Fans!

Auch sportlich muss Jogi Löw sich und die Mannschaft neu erfinden. Er muss sich vor allem fragen, ob mit dem alten Team der Co-Trainer und Scouts frühere Erfolge wieder erreichbar sind. Hinter den Kulissen hat wohl nicht alles gestimmt, die entsprechenden Konsequenzen kann nur der Bundestrainer in die Wege leiten. Auch bei den Spielern muss er Änderungen vornehmen und über seinen Schatten springen. Wer bringt wirklich die notwendige Bereitschaft mit, wer bekennt sich zu Kampf und Einsatz, wer macht das Spiel schnell. Özil ist das nicht, Gündagon ebenfalls nicht, beide sollten sowieso nach der Erdogan-Affäre die Konsequenzen ziehen, selbst Toni Kroos muss man in Frage stellen. Alles keine Kämpfer. Die Mannschaften aus Schweden und Uruguay sind erfolgreich, sie zeigen Begeisterung und Einsatzbereitschaft, derzeit Fremdwörter für die deutschen Akteure.

Langfristig muss der DFB auch seine Nachwuchsarbeit auf eine neue Basis stellen, die anderen Nationen haben nicht nur aufgeholt, sondern den DFB teilweise auch überholt. Bestes Beispiel ist England, das mit einem jungen Team jetzt im WM-Viertelfinale steht. Das Team der Zukunft kann schon in der Gegenwart zünden. Löw darf allerdings nicht nur in die Zukunft schauen, am 6. September steht bereits wieder das nächste Pflichtspiel an, in der neuen Nations League gegen Frankreich. Da müssen bereits die Tendenzen zur Wende sichtbar werden. Der weitere Gruppengegner heißt Niederlande, eine Mannschaft, die ähnliche Probleme wie Deutschland hat. Der Spott über den Nachbarn, der ja die WM-Teilnahme verpasst hat, ist vielen deutschen Fans wohl im Halse stecken geblieben.

Wachablösung auf der ganzen Linie

Deutschland ist nur noch Zuschauer bei der WM in Russland, aber auch ein Teil der aktuellen Wachablösung. Weltmeister (Deutschland), Vizeweltmeister (Argentinien), Europameister (Portugal) und das vor kurzem noch als Vorbild für alle geltende Spanien – alle gescheitert. Dazu der frühzeitige Abschied der großen Stars Lionel Messi und Cristiano Ronaldo – eine Wachablösung auf der ganzen Linie.

Das verschafft dem WM-Viertelfinale natürlich auch einen ganz besonderen Reiz, wobei es augenfällig ist, dass sich die verbliebenen Favoriten in einer Hälfte des Viertelfinals befinden. Uruguay – Frankreich und Brasilien – Belgien sind zwei Duelle zwischen WM-Favoriten und WM-Geheimfavoriten. Daneben duellieren sich mit Schweden – England und Russland – Kroatien vier Nationen, die einen vor wenigen Wochen noch unerfüllbar scheinenden Traum verwirklichen wollen. Das Gastgeber Russland (der Weltrangliste nach schwächste Mannschaft am Start!) noch dabei ist, verleiht der WM einen besonderen Reiz, Schwung und gute Stimmung, wie es vorher nicht für möglich gehalten wurde.

Vielleicht ist auch Gastgeber Russland dabei, sich neu zu erfinden. Aber das ist eine Aufgabe, die ist noch schwerer als die für Angela Merkel und Jogi Löw.

Deutschlands WM-Pleite: Die schonungslose Abrechnung

Der Weltmeister bereits in der Gruppenphase ausgeschieden, ein historisches Aus der Fußball-Nationalmannschaft und ganz Deutschland wundert sich. Eigentlich sollte es heißen, „ganz Deutschland trauert“, aber so ist es nicht. Die Leistungen der Löw-Jungs waren einfach zu schwach, so dass der allgemeine Tenor lautet: „Sie haben es verdient“. Aus, aber nicht vorbei. Jetzt folgt die Aufarbeitung und vom Sport-Grantler nach Deutschlands WM-Pleite eine schonungslose Abrechnung.

Verflucht: Wer an böse Geister oder schlechte Omen glaubt, der wusste, dass Deutschland keine Chance hatte, Weltmeister zu werden. Der Fluch der Weltmeister traf auch das DFB-Team, es ist der dritte Weltmeister in Folge, der in der Vorrunde ausscheidet. Außerdem hat noch nie ein Confed-Cup-Sieger den Titel geholt und wer gewann 2017? Deutschland! Also, alles klar, verflucht noch mal… Der Sport-Grantler hat schon am 11. Juni dargelegt „Warum Deutschland nicht Weltmeister wird“.

Überheblichkeit: Jetzt zu den realistischen Gründen. Die Weltmeister sonnten sich auch vier Jahre danach noch im Glanz ihres Titels und litten offensichtlich an Selbstüberschätzung, so dass alle Warnsignale ignoriert wurden. Nach den schwachen Spielen in der Vorbereitung hätte es nicht heißen dürfen, „das wird schon“, sondern eher, „wir müssen aufpassen, dass es keine Bruchlandung gibt“. Alle vertrauten darauf, dass Deutschland eine Turniermannschaft ist und den Schalter umlegen kann. Der Schalter wurde nicht gefunden. Statt Kampf, Einsatzbereitschaft und Ideen lieferte das Team mehrheitlich Lethargie und Ideenlosigkeit. Die Quittung wurde präsentiert. Mit Überheblichkeit lassen sich keine Titel gewinnen.

Joachim Löw: Der Bundestrainer ging auch bei der Überheblichkeit voran. Er gefiel sich als Weltmeister-Coach, schien dem Alltag entrückt, aber es wäre seine Aufgabe gewesen, die Warnsignale zu vernehmen. Löw erkannte die Schwächen im Team nicht, schaffte es nicht, die Mannschaft in Form zu bringen und hielt in Nibelungentreue zu lange an verdienten Spielern fest. Schon die Krisenbewältigung war mangelhaft, nach dem Erdogan-Skandal mit den unsäglichen Fotos von Özil und Gündogan hätte eine Suspendierung der beiden das Team vielleicht aufgerüttelt und in Schwung gebracht. Özil und Gündogan waren auf dem Feld die personifizierte Lethargie. Der größte Fehler des Bundestrainers: Er konnte seiner Mannschaft kein erfolgversprechendes System mit auf dem Weg geben. Stattdessen wurde der Weltmeister von den Kollegen der Gegner Mexiko und Südkorea überrascht und ausgetrickst. Jogi Löw muss sich fragen lassen, ob er noch auf der Höhe der Zeit ist? Moderner Fußball sieht anders aus.

Oliver Bierhoff: Der Teammanager hat in der Krisenbewältigung ebenfalls versagt. Er hätte nicht zulassen dürfen, dass ein Mesut Özil nach der öffentlichen Kritik auf Tauchstation geht. Der Deutsch-Türke tauchte dann auf dem Feld auch nicht auf. Bierhoff setzte sich in der Quartierfrage mit Watutinki bei Moskau gegen Löw, der gerne nach Sotschi gegangen wäre, durch. Logistik und kurze Wege waren das Argument, weil ein Ausscheiden gar nicht in Betracht gezogen wurde, sondern eine lange Verweildauer im Turnier. „Das Endspiel findet schließlich in Moskau statt“, hieß es. Pustekuchen, als ob es eine Gesetzesmäßigkeit gäbe, dass Deutschland da immer vertreten ist. So, wie das Quartier in Brasilien für gute Laune sorgte, so sorgte der Sportschulen-Flair von Watutinki für Lustlosigkeit. Da passten dann die Werbeslogans wie die Faust aufs Auge. „Best never rest“ (der Beste ruht sich nie aus), das tat die Mannschaft schon – auf dem Platz. „#ZSMMN“ sollte das Synonym für Zusammenhalt sein, wie bekannt haperte es mit dem Zusammenhalt im Team, von Grüppchenbildung war die Rede. Slogans allein helfen nicht, sie gaben Bierhoff und den DFB nachträglich eher der Lächerlichkeit preis.

Bayern-Blues: Vollkommen unterschätzten Jogi Löw und sein Trainerteam die Probleme der Bayern-Spieler. Die Bayern-Fraktion, sonst ein Garant für Erfolg, litt sichtbar unter den Rückschlägen zum Saison-Ende, dem Aus in der Champions League und der Niederlage im Pokal-Finale. Form und Selbstvertrauen waren weg, Beispiel dafür Thomas Müller, der für seine unorthodoxe Spielweise gerühmt wird, seine Laufwege zum Erfolg aber nicht fand. Kein einziger Bayern-Spieler schoss in der Vorrunde ein Tor! Müller nicht, Hummels nicht, auch James für Kolumbien nicht oder sogar Lewandowski für Polen. Löw reagierte nicht. Er bäumte sich wie die Mannschaft selbst gegen das drohende Ausscheiden nicht wirklich auf. Er hauchte dem Team kein Leben ein.

Ganz Deutschland wartet jetzt darauf, wie Joachim Löw sich für die Zukunft entscheidet. Bleibt er Bundestrainer (der DFB will an seinem Vertrag bis 2022 festhalten) oder tritt er zurück, weil er erkannt hat, dass er dieser Mannschaft nicht mehr helfen kann und einem Neuaufbau nicht im Wege stehen will? Das wäre eine Entscheidung von Charakter und Vernunft. Der DFB wiederum stünde vor dem Dilemma, das geeignete Kandidaten nicht zur Verfügung stehen, es könnte ein Vakuum vor dem nächsten Spiel, am 6. September in der Nations League gegen Frankreich, entstehen. Wahrscheinlich würde dann Horst Hrubesch als Nothelfer geholt, er ist ja bei den Frauen jetzt wieder frei…

Das Achtelfinale: In Russland geht es weiter, auch wenn die TV-Einschaltquoten in Deutschland drastisch sinken werden. Zudem haben nur wenige Spiele begeistert und die Favoriten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber Frankreich, Argentinien, Spanien und Brasilien haben die Kurve gekriegt. Keiner hat sich bisher allerdings für den Titel empfohlen, am meisten machte noch Kroatien auf sich aufmerksam. Aber halten die Kroaten durch? Ein Achtelfinale heißt zum Beispiel Schweden – Schweiz, es hätte am Dienstag in St. Petersburg auch Deutschland – Brasilien heißen können! Na ja, drücken wir der Schweiz als Bundesliga-Ableger die Daumen. Außerdem spielen bekanntlich Frankreich – Argentinien, Uruguay – Portugal, Spanien – Russland, Kroatien – Dänemark, Brasilien – Mexiko, Belgien – Japan und Kolumbien – England. Schade, dass keine afrikanische Mannschaft mehr dabei ist. Seit Jahren träumt der Kontinent davon, dass er mal den Weltmeister stellen könnte. Die Talente dazu hat er, aber meist fehlt es an der Team-Organisation. Jetzt kann man den ausgeschiedenen Ländern nicht mal mehr raten, nehmt euch an Beispiel an Deutschland.

Der Sport, die Politik und der WM-Alltag

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist natürlich die große Bühne, die genutzt wird für verschiedene Interessen. Man kann auch sagen, sie wird missbraucht. Allerdings müssen wir unterscheiden zwischen dem bewussten Missbrauch, um die Bühne für Eigeninteressen zu nutzen, und dem emotionalen Missbrauch, der aus der Situation heraus entsteht, meist aus dem Überschwang der Sieges- oder Torgefühle. So auch wieder in den letzten Tagen. Sport und Politik sind nicht zu trennen, das ist leider auch WM-Alltag.

Im Mittelpunkt steht zum Glück der Sport, so bei Deutschlands wichtigem Sieg gegen Schweden. Toni Kroos kam nach dem Kunstschuss in der fünften Minute der Nachspielzeit ganz groß raus. Es war einer dieser Tage, bei dem eine schon tot geglaubte Mannschaft wieder aus der Kiste kam. Das können die Deutschen besonders gut. Was vorher nicht klappte, gelang auf einmal. Der Trainer traf die richtigen Entscheidungen, mit dem Schiedsrichter hatte man ein wenig Glück und ein Platzverweis sorgte vielleicht erst recht für den besonderen Schuss Motivation. Eine spanische Zeitung fasste es treffend zusammen: „Deutschland, das alte Deutschland, das Team, das die meisten Triumphe einfährt, wenn es aussieht, als liege es im Sterben, ist wieder auferstanden.“

Vielleicht muss man auch deshalb großzügig mit dem verfehlten Jubel umgehen, den sich DFB-Angestellte vor der schwedischen Spielerbank leisteten. Andererseits zeugt es von niederer Gesinnung, wenn man glücklichen Siegesjubel so am Gegner auslässt, der keineswegs für eine giftige Atmosphäre gesorgt hatte. Die Frage ist auch, was ein Büroleiter in der Nähe der Spielerbank zu suchen hat. Das sind Emotionen, wie wir sie bei der WM nicht sehen wollen. Da wurden Grenzen gesprengt.

Besonders krass war der Jubel beim Spiel Serbien – Schweiz. Sport und Politik wurden hier wieder einmal in einer Weise vermischt, wie wir es nicht sehen wollen. Vielleicht kann man noch Verständnis haben für die Schweizer Spieler Xhaka und Shaqiri, die neben ihrem kosovarischen Ursprung offensichtlich auch einen gehörigen Schuss Abneigung gegen die Serben in ihrem Herzen tragen. Ihre umstrittene Geste mit Hinweis auf die albanische Flagge haben sie wohl vorher für den Fall des Falles schon im Hinterkopf gehabt, so spontan kann sie nicht gewesen sein. Andererseits sind Siegesjubel im Fußball heute leider oft zweideutig und Ausgangspunkt für Botschaften.

Mit spontanen Emotionen nichts mehr zu tun hat der Ausraster von Serbiens Trainer Mladen Krstajic, der verärgert Schiedsrichter Dr. Felix Brych nach dem Spiel beschimpfte: „Ich würde ihn nach Den Haag schicken, damit man ihm den Prozess macht, wie man uns den Prozess gemacht hat.“ Ein Hinweis auf das UN-Kriegsverbrechertribunal, als Serben wegen schwerer Verbrechen verurteilt wurden. Die Serben wittern ein Komplott, Brych wertete einen „Dreikampf“ zwischen zwei Schweizern und einem Serben nicht als Foul der Eidgenossen mit der Folge eines Elfmeters, sondern sah ein Foul des Serben. Eine 50:50-Entscheidung. Aber nach dem Spiel sollte ein Trainer seine Emotionen im Griff haben. Seltsam, Krstajic war früher als besonnener Abwehrspieler geschätzt. Die FIFA muss hier mit Strafen deutlich machen, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden dürfen.

Der Sport sollte im Mittelpunkt stehen und wird er wohl auch, wenn es jetzt in der dritten Runde der Gruppenphase um die Plätze im Achtelfinale geht. Frühzeitig sind schon einige „Leichtgewichte“ ausgeschieden, wobei es schon erstaunt, dass neben Saudi-Arabien, Marokko, Panama und Tunesien auch Polen, Costa Rica, Peru und Ägypten dazu zählen. Vor allem Polens 0:3 gegen Kolumbien war pikant durch das Duell zweier Bayern-Stars. Treffend, dass Spielmacher James der Held war, der immer betont, wie gut es ihm in München gefällt. Von Torjäger Robert Lewandowski, der immer von einem Wechsel redet, war dagegen nichts zu sehen. Hat das auch einen emotionalen Hintergrund?

Ein bisschen Spannung bleibt uns für die letzten „Endspiele“ erhalten, aber so richtig geht die WM am Samstag, 30. Juni, mit dem Achtelfinale los. Dann heißt es Siegen oder Ausscheiden, ein Druck, den vor allem die Deutschen offensichtlich brauchen.