Auf geht’s: Die Fußball-Hetzjagd beginnt

„Die Bayern-Fans müssen in diesem Jahr tapfer sein“ hieß es vor einem Jahr an dieser Stelle. Die Realität hat diese Prognose bestätigt, allerdings anders als gedacht. Es war sportlich gemeint, doch den Umbruch haben die Münchner nach Problemen im Herbst schließlich mit Hansi Flick als Trainer noch bestens gemeistert. Allerdings mussten die Bayern-Fans wegen Corona doch tapfer sein, weil sie die Triple-Siege nicht in den Stadien feiern konnten, sondern mehr oder weniger nur still zu Hause.

Die Pandemie hat die Welt durcheinander gebracht und natürlich auch den Fußball. Mit dem Start der Bundesliga wird es ab dem kommenden Wochenende wirklich ernst, es beginnt eine Termin-Hetzjagd ohnegleichen. Jetzt müssen nicht die Fans, sondern die Bayern-Spieler tapfer sein, denn längere Ruhepausen sind bis nach der Europameisterschaft, die vom 11. Juni bis 11. Juli 2021 ausgetragen werden soll, nicht vorgesehen. Die Bundesliga endet am 22. Mai, die Winterpause fällt aus, drei Tage vor Weihnachten wird am 21. Dezember noch gespielt, einen Tag nach Neujahr, am 2. Januar geht es wieder weiter. Der Jahreswechsel wird also nicht gefeiert, sondern besser verschlafen.

„Auf geht’s“ gilt in diesem Corona-Jahr nicht für die Wiesn in München, die bekanntlich ausfällt, sondern für die Hetzjagd der Fußball-Profis. Ein Beispiel für die Terminnöte: Die Bayern haben sich auf die Verlegung des Pokalspiels gegen Oberligist 1. FC Düren auf Donnerstag, 15. Oktober, eingelassen. Nach dem Endspiel in der Champions League sollte den Spielern ein kurzer Urlaub gewährt werden, der DFB verschob das Spiel, ein anderer Termin als der 15. Oktober wurde offensichtlich nicht gefunden. Bereits 44 Stunden danach treten die Münchner allerdings bereits wieder in der Bundesliga bei Aufsteiger Arminia Bielefeld an, zwei Tage vorher spielt Deutschland in der Nations League in Leipzig gegen die Schweiz, wohl mit Bayern-Stars, Frankreich (vier Bayern möglich), Österreich (Alaba) und Polen (Lewandowski) spielen sogar erst am Mittwoch! Mit welchem Team werden die Bayern also gegen Düren antreten? Der Oberligist könnte seine Chance wittern – in der Allianz Arena!

Diese Hetzjagd macht deutlich, dass die Saison 2020/21 eine andere werden wird als normal. Ob dies am Ende auch sportlich gilt? Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn die Bayern nicht Meister werden würden, sondern eben müde darniederliegen. Freilich, alle Teams mit internationalen Aufgaben müssen eine Hetzjagd überstehen, aber die geballte Macht trifft doch die Bayern am meisten. Ein entsprechender Kader ist notwendig, die Rotation fast schon Pflicht. Aber Überraschungen sind also Tür und Tor geöffnet. Vielleicht nutzt schon Schalke 04 im Auftaktspiel am Freitag die Chance, weil die Bayern bis dahin wenig Training haben und kaum in Form sein können. Aber das Eröffnungsspiel wollten sie sich nicht nehmen lassen.

Dennoch haben alle davor Angst, dass die Langeweile Bestand haben wird und die Bayern den neunten Titel in Folge einfahren. Borussia Dortmund will sich nicht noch einmal hinreißen lassen, die Münchner verbal herauszufordern, denn von der Qualität der Mannschaft hätten sie es drin. Misstrauen die Bosse ihrem eigenen Trainer Lucien Favre, dem nicht zugetraut wird, in seinem Team die Begeisterung zu wecken, die für einen Coup notwendig ist? Auch in der besonderen Saison bleiben also die üblichen Einordnungen, Leipzig, Gladbach und Leverkusen gelten als die weiteren Anwärter auf die Plätze für die Champions League, der Verlierer aus diesem Trio muss sich mit der Europa League begnügen, die vor allem Hertha BSC, Wolfsburg, Hoffenheim und Frankfurt anstreben.

Dahinter beginnt schon der Kampf um den Klassenerhalt. Nicht einmal der letztjährige Achte, der SC Freiburg, will nach den Sternen greifen, sondern bleibt bei der gewohnten Zurückhaltung, „es geht nur um den Klassenerhalt“. Worte, die auch beim Überraschungsteam des Vorjahres, Union Berlin, fallen ebenso wie beim Rest des Feldes, in Mainz, Köln, Augsburg, Bremen und sogar auf Schalke und natürlich bei den Aufsteigern aus Stuttgart und Bielefeld. Die wahre Spannung in der Bundesliga gibt es also in der unteren Tabellenhälfte. Wobei da die Frage ist, wie sich die Aufsteiger schlagen, Stuttgart hat eine junge und unerfahrene Mannschaft, Bielefeld könnte als Zweitliga-Meister eine ähnliche Rolle wie zuletzt Union Berlin spielen. Ein böses Erwachen könnte es für Schalke geben, das unter finanziellen Nöten und schwacher Führung leidet, und für Köln, das bis jetzt kein bundesligareifes Team hat. Manche Fans müssen in diesem Jahr auf jeden Fall wieder tapfer sein.

Wegen den Terminverschiebungen durch Corona starten auch die 2. Bundesliga und die 3. Liga zusammen mit dem Oberhaus, sie müssen also auf ein Alleinstellungsmerkmal und erhöhte Aufmerksamkeit verzichten. Die 2. Bundesliga kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, dass sie fast mehr Traditionsklubs aufzuweisen hat als das Oberhaus selbst. Vor allem der einstige Bundesliga-Dino Hamburger SV möchte endlich zurück in die erste Liga. Das Ziel hat auch Hannover, Düsseldorf hofft auf die sofortige Rückkehr, während Nürnberg bescheidener ist und nur keine Angst vor dem Abstieg haben will.

Hertha macht sich im Pokal lächerlich

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das trifft vor allem auf Hertha BSC Berlin zu, da der Verein über Sponsor Lars Windhorst zur Bundesliga-Spitze gehören und „Big City Club“ werden will. Da passt das 4:5 im Pokal beim Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig gar nicht ins Konzept, die Hertha machte sich lächerlich, die Leistung war eine Katastrophe. Schön, dass auch Amateure wieder für Paukenschläge sorgten. Die Regionalligisten Ulm und Elversberg schalteten die Zweitligisten Aue und St. Pauli aus. Da lohnten sich für sie die Heimspiele, viele verlegten ihre Partien ja zu den Proficlubs. Eine schlechte Meldung gab es durch den DFB, der die Prämie wegen der Verluste durch Corona kürzte, so gibt es nur 138.000 Euro statt 175.000 in der ersten Runde, dennoch ein Batzen Geld für die kleineren Vereine.

Ein Ärgernis aber überschattete die erste Runde im Pokal. 72 Stunden vor dem Anpfiff kippte ein Gericht das Spiel von Schweinfurt auf Schalke. Türkgücü München hatte den Spruch per gerichtliches Eilverfahren erwirkt. Das Landgericht München stoppte die Begegnung per einstweilige Verfügung. Das Problem: Richterin Dr. Gesa Lutz ignorierte die vorher getroffenen Vereinbarungen und Satzungsänderungen, die vom Bayerischen Fußball-Verband mit Zustimmung der Vereine bereits im Mai getroffen wurden. Im Entscheidungsgremium saßen Richter und Anwälte. Weil die Saison der Regionalliga unterbrochen wurde und ein Aufsteiger gemeldet werden musste, erhielt Türkgücü als Tabellenführer den Zuschlag und wurde aus der Wertung der Regionalliga genommen, weil die Saison am 19. September fortgesetzt werden soll. Dadurch war jetzt der Zweite Schweinfurt 05 Tabellenführer und wurde vom BFV für den DFB-Pokal gemeldet. Türkgücü hätte also genug Zeit gehabt, sich gegen diesen Entscheid zu wehren, Präsident und Geldgeber Hasan Kivran setzte wohl auf einen Überraschungscoup und hoffte auf Schlagzeilen. Sportlich war das nicht, sondern nur ärgerlich. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider tappte zudem in die Falle und kritisierte den BFV für dieses Urteil, er zeigte sich damit als uninformiert und wurde seinem Posten in keinem Fall gerecht. Vielleicht kein Wunder, dass Schalke solche Probleme hat…