Eine Fußball-Reise ins Ungewisse

Die Länderspiele sind vorbei, die Bundesliga bzw. alle nationalen Ligen laufen wieder und dennoch beginnt erst jetzt die stressige Zeit, zumindest in Europa: Champions League und Europa League starten und es wird, schon oft geschrieben, eine Hetzjagd wie noch nie. Schon vorher werden die Spieler bedauert und die Trainer klagen darüber, dass ein sinnvolles Üben gar nicht mehr möglich ist. Doch dies sind nicht die einzigen Unwägbarkeiten, nein, der Stress in den nächsten Monaten wird begleitet von vielen Problemen abseits des Spiels, es wird eine Fußball-Reise ins Ungewisse.

Störfaktor Nummer 1 ist natürlich die Corona-Pandemie. Der Fußball-Spielbetrieb der Profis läuft nach dem Motto „Geisterspiele nehmen wir hin, war denn noch etwas?“ Die Infektionszahlen steigen überall in Europa, die Fußballteams reisen dennoch kreuz und quer über den Kontinent. Sicherlich, die Hygeniebestimmungen im Fußball sind konsequent und im Prinzip ausreichend, aber nur dann, wenn sich jeder daran hält. Wer die Fußball-Blase verlässt, setzt sich dem Infektionsrisiko aus, Quarantäne ist die Folge, Spielabsagen hat es in mehreren Ländern bereits gegeben. Das Terminchaos ist eigentlich programmiert. Die UEFA will das aber nicht zulassen und hat mit Sonderregelungen dagegen gesteuert. Notfalls gibt es Wertungen am „grünen Tisch“. Ungewiss ist auch, ob die Spieler mit den Belastungen fertig werden, zu den vielen Spielen kommen die Reisen, was fehlt, sind die notwendigen Ruhepausen, das Verletzungsrisiko steigt. Nur wer einen großen und qualitativ guten Kader hat, wird diese Hetzjagd einigermaßen unbeschadet überstehen.

Weil es eine Reise ins Ungewisse ist, bleibt so ungewiss wie nie die Frage nach dem Sieger. Natürlich werden die üblichen Verdächtigen im Favoritenkreis genannt, aber egal ob Real Madrid, FC Barcelona oder FC Liverpool, schauen wir auf die nationalen Ligen, die Favoriten suchen ihre Bestform, müssen bereits Rückschläge hinnehmen, auch in punkto Verletzungen (z. B. van Dijk in Liverpool). Der Titelverteidiger wird allgemein als Favorit Nummer 1 genannt, aber auch für Bayern München beginnt eine Reise ins Ungewisse, vor allem deshalb, weil zwischen dem Schluss der letzten Saison und dem Start der neuen nur zwei Wochen lagen. Eine gute Vorbereitung schaut anders aus. Lassen wir uns also überraschen.

Die Hetzjagd beginnt für die international beschäftigten Bundesligisten mit sieben Spielen in etwa drei Wochen. Was Europa angeht, so gilt allgemein als erstes Ziel, die Gruppenphase gut zu überstehen. Gut, Bayern München, hat natürlich noch andere Erwartungen, blieb doch der Triple-Sieger in der Champions League im letzten Jahr ungeschlagen. Die nächste Hürde wartet, der Start gegen Atletico Madrid hat es in sich, auch wenn die Simeone-Schützlinge vielleicht nicht mehr ganz die Qualität früherer Jahre haben. Ein Stolperstein können sie immer sein. Gegen die weiteren Gegner Lokomotive Moskau und RB Salzburg sollte der Einzug ins Achtelfinale gelingen, am Ende aller Plagereien steht das Finale am 29. Mai in Istanbul. Zumindest ist es so vorgesehen.

Die schwerste Gruppe der vier Bundesligisten hat sicherlich Borussia Mönchengladbach erwischt, das am Mittwoch bei Inter Mailand startet und auch an Real Madrid besondere Erinnerungen hat. Vierter im Bunde ist Schachtor Donezk, eine Mannschaft aus der Ukraine mit vielen Brasilianern, eine Team ebenfalls Marke Stolperstein. Da hat es Borussia Dortmund sicherlich leichter, der Start am Dienstag bei Lazio Rom könnte gleich die schwerste Aufgabe sein, dazu gesellen sich noch Zenit St. Petersburg und Club Brügge. RB Leipzig hat dagegen zwei prominente Kaliber als Gegner, aber vielleicht ist der Name von Paris St. Germain und vor allem Manchester United größer als die Taten. Der Start am Dienstag erfolgt gegen den Meister der Türkei, Präsident Erdogans Lieblingsklub Basaksehir, der gerade erstmals in der nationalen Liga gewann. Hier könnte es also gleich um Platz drei gehen, aber mehr ist vielleicht auch möglich.

In der Europa League sind nur Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim vertreten. Die EL ist das Sorgenkind der Bundesliga, deutsche Klubs gehören nicht zu den erfolgreichen Teams. Jedes Jahr der Wunsch also, dass sich das ändern muss. Leverkusen gegen Nizza zum Start am Donnerstag sowie Slavia Prag und Hapoel Beer Sheva aus Israel sowie Hoffenheim gegen Roter Stern Belgrad, KAA Gent und Slovan Liberec sollten die Qualität haben, die Gruppenphase zu überstehen. Aber: Es ist halt eine Reise ins Ungewisse.

Wende für Schalke in Dortmund?

Die Bundesliga zeigt ihr bekanntes Gesicht, an der Spitze Leipzig, Bayern und Dortmund. Am Tabellenende wartet Mainz noch auf den ersten Punktgewinn, den haben jetzt Schalke und Köln eingefahren, das hilft vor allem der Psyche, macht den seit vielen Spielen sieglosen Klubs sicherlich Mut. Schalkes Fans waren mit dem 1:1 gegen Union Berlin nicht ganz zufrieden und stellten die Spieler vor dem Stadion zur Rede. Sie wollten das Team auf das Spiel des Jahres einschwören – am Samstag in Dortmund! Gelingt ausgerechnet im Derby die Wende? Einen Kampf bis auf den letzten Schweißtropfen haben die Profis versprochen.

Über Schalke lacht keiner mehr, es ist ja eigentlich nur noch traurig. Gelacht wird eher über die Möchtegerns von Hertha BSC Berlin. Millionen vom Investor, aber keine Punkte. Geld schießt nur Tore, wenn es klug investiert wird. Geld passt wohl nicht zu Berlin, die Hauptstadt ist bekanntlich „arm, aber sexy“. Für den Fußball gilt das nicht, eher „reich und trotzdem graue Maus“ auf Platz 15.

Die Bayern stehen immer im Mittelpunkt. Die Zusatzaufgabe im Pokal wurde gegen Düren mit einer zusätzlichen Mannschaft bewältigt. Einer allerdings wurde zweimal strapaziert – Thomas Müller. Er durfte sich ja in der Länderspielpause ausruhen, ist deshalb vielleicht fast in der Form seines Lebens und so gab es wieder einen Rekord: Müller schaffte als erster Spieler in der Bundesliga seinen 150. Assist. Zusammen mit Robert Lewandowski war er bei Neuling Bielefeld der Matchwinner. Logisch, dass wieder die Stimmen laut werden, Bundestrainer Joachim Löw könne auf Müller nicht verzichten. Dies sehen alle so – außer Jogi Löw. Aber da ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen. Löw bringt sich selbst unter Druck, denn die Leistung der Nationalmannschaft stimmt einfach nicht, auch diesmal wieder nicht, beim 3:3 gegen die Schweiz. Löws Reise mit der Nationalmannschaft ist ebenfalls eine Reise ins Ungewisse!

Eine Anmerkung in eigener Sache: Der Sport-Grantler feiert ein kleines Jubiläum, dies ist sein 500. Blog, der erste erschien am 20. August 2013. Vielen Dank den Leserinnen und Lesern auf allen fünf Kontinenten. Der Sport-Grantler hat zwar gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert, aber ein bisschen will er noch weitermachen. Wenn seine Kolumnen weiterhin gern gelesen werden…