Jogi Löw und die DFB-Elf haben sich demaskiert

Deutschland ist erschüttert. Offensichtlich hat die Fußball-Nationalmannschaft doch noch einen hohen Stellenwert im Land, wenn das 0:6 von Sevilla so hohe Wellen schlägt. Es ist ja auch ein historisches Ergebnis, eins, auf das man gerne verzichtet hätte. Bastian Schweinsteiger als ARD-Experte hatte nur ein Wort dafür: „Entsetzlich!“. Jetzt wissen wir, wie sich die Brasilianer 2014 nach dem 1:7 gegen Deutschland gefühlt haben. Komisch, bei beiden Spielen war Joachim Löw der Bundestrainer. Aber der inzwischen 60-Jährige Löw ist nicht mehr der Jogi vom Titelgewinn 2014, eher der von der WM-Pleite 2018 in Russland. Auf jeden Fall bleibt festzuhalten: Jogi Löw und die DFB-Elf haben sich demaskiert. 0:6 verlor eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft zuletzt 1931 gegen Österreich. Was Hoffnung macht, damals sorgte diese Blamage im Rahmen der brisanten Diskussionen um die Einführung des Profi-Fußballs für eine Initialzündung. So eine könnte der DFB jetzt gebrauchen. Motto: Es kann nur besser werden.

Aber jetzt: Maske ab. Jogi Löw hat sich vor und während dieser Pleite gegen Spanien demaskiert. Unverständnis rief schon die Ausbootung der altgedienten Hummels, Müller und Boateng hervor. Die Begründung war sogar nachvollziehbar, dass er nun eine neue, junge Mannschaft aufbauen wolle, doch gerade die brauchen eigentlich erfahrene Stützen. Sein Pech: Inzwischen sind die drei viel besser in Form als zur Zeit seiner Entscheidung. Was in diesem Zusammenhang noch mehr irritiert, ist die Tatsache, dass der Bundestrainer an einige Kandidaten festhält, die in ihren Vereinen nur noch zweite Wahl sind. Nico Schulz und Julian Brandt zum Beispiel in Dortmund, Jonathan Tah in Leverkusen. Ausgerechnet Tah wurde in Sevilla in der zweiten Halbzeit aufs Feld geschickt, um Stabilität zu bringen. Er brachte noch mehr Unsicherheit – Maske ab!

Der Bundestrainer aber saß draußen, zerknirscht, sichtbar ohnmächtig, ohne Regung. Er hätte von außen einwirken müssen, umstellen, versuchen, den Spielern auf dem Feld Sicherheit zu geben. Nichts von alledem geschah. Kein Wunder, dass die Zweifel an Löw wachsen. Maske ab! Bei einer kicker-Umfrage stimmten 94 Prozent der Fans für eine Ablösung von Löw. Der Verband will die Zweifel zerstreuen und an ihm festhalten. Vielleicht nur vorerst, weil ein Schnellschuss auch nicht das richtige Mittel ist. Vielleicht nur deshalb, weil es an geeigneten Kandidaten fehlt. Christoph Daum oder Peter Neururer werden es kaum sein, Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann stehen nicht zur Verfügung. Einer wäre frei: Ralf Rangnick, einst als „Fußball-Professor“ verspottet, eher ein „Macher“. Sogar Löws früherer Assistent Hansi Flick wird genannt, doch der schwimmt derzeit bestimmt lieber auf der Bayern-Erfolgswelle. Die Bayern gewinnen lieber 6:0…

Von draußen kam keine Hilfe, auf dem Rasen fehlten allerdings auch Führungsfiguren. Einzig Manuel Neuer brachte seine normale Leistung, schimpfte wie ein Rohrspatz, versucht verzweifelt aufzurütteln und anzutreiben. Schade für ihn, er erlebte mit seinem 96. Länderspiel ein trauriges Rekordspiel. Ansonsten tauchten alle ab, die sonst genannten Stützen erweisen sich immer mehr als Schönwetter-Fußballer. Läuft es, läuft es bei ihnen auch, aber Halt geben sie einem Ertrinkenden nicht. Maske ab bei Toni Kroos und Ilkay Gündogan vor allem, sie sind keine Führungsfiguren. Leon Goretzka mag sich gedacht haben, „hätte ich nur Jos Kimmich neben mir“. Die Stürmer talentiert, aber schwankend in den Leistungen, auch sie brauchen Halt. Die Abwehr oft eine Katastrophe, Matthias Ginter als Rechtsverteidiger hilflos, Niklas Süle im Moment kein Chef, er sucht nach seiner Form, Robin Koch und Philipp Max noch unerfahren, alle gingen unter. Gerade Max wird sich grämen, „ausgerechnet zur größten Pleite holt Löw mich erstmals in die Auswahl“. Es ist wie in den Vereinen, eine Mannschaft kann man nicht gänzlich austauschen, aber ein besserer Trainer könnte mit diesen Talenten und einigen Stützen viel erreichen. Es tut weh, aber manchmal müssen auch Weltmeister erkennen, wenn ihre Zeit vorbei ist. Die Zeit von Müller, Hummels und Boateng ist vielleicht noch nicht vorbei.

Auffallend, dass vor dem Spiel gerade bei den Spaniern geschimpft wurde, während im deutschen Lager Zuversicht herrschte. „Wir holen den Gruppensieg“, hieß es unisono, ein Unentschieden hätte gereicht, die Nations League wurde plötzlich zum attraktiven Wettbewerb. Bei Spanien geriet ausgerechnet Trainer Luis Enrique unter Druck, die letzten Leistungen waren schwach, Torchancen wurden reihenweise vergeben, die Ergebnisse 0:0 gegen Portugal, 0:1 Ukraine, 1:1 Niederlande und 1:0 sowie 1:1 gegen die Schweiz waren keine Lichtblicke. Die Stammelf war es dann nicht, die für Deutschlands Debakel sorgte, es war eine verjüngte Mannschaft. Es geht also doch mit jungen Spielern. Ob das Bierhoff und Co. Hoffnung macht?

Jetzt ist erst einmal Pause bis Ende März 2021. Aber Jogi Löw kann nicht in Ruhe seinen Espresso schlürfen, er wird wachen Auges die Verbandsbosse um Präsident Fritz Keller und Sportdirektor Oliver Bierhoff beobachten, ob die Pause nicht doch zu einer Wachablösung genutzt wird. Nichts nutzen wird dem Bundestrainer wenn er darauf verweist, dass seine Mannschaft in den sieben Spielen vorher ungeschlagen blieb. Begeisterung weckte sie nämlich 2020 nie, die Ergebnisse (1:1 Spanien, 1:1 und 3:3 Schweiz, 2:1 und 3:1 Ukraine, 3:3 Türkei, 1:0 Tschechien) wurden eher mit dem Hinweis versehen, früher hat die Mannschaft besser gespielt. Vielleicht wird es künftig so gut wie früher. Möglich wäre es schon, so ein 0:6 kann aufrütteln.