Gold-Sehnsucht: Handballer müssen liefern!

Es ist schon seltsam: Bei der Handball-Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten schied Deutschland vorzeitig krachend aus, wurde auf dem historisch schlechten zwölften Platz notiert und dennoch war danach davon die Rede, dass man bei Olympia Gold holen wolle! „Haben die denn noch alle?“ wunderte sich der Laie, der Fachmann aber beschwichtigte: „Möglich wäre das schon.“ Dafür müsste natürlich alles passen, zuerst einmal muss sich das DHB-Team für die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio (wenn sie denn stattfinden!) überhaupt qualifizieren – und das wird schwer genug.

Als sich der Handball-Bund um das Qualifikationsturnier bemühte, da hatten die Funktionäre im Hinterkopf, dass der Heimvorteil Hilfestellung leisten könnte. Nun wird in der Max-Schmeling-Halle in Berlin gespielt, aber die Corona-Pandemie hat den Heimvorteil gekippt, wie überall wird die Halle leer sein. Gespielt wird praktisch auf neutralem Parkett. Die Gegner sind nicht von Pappe, sie haben sich u. a. bei der WM profiliert. Schweden (erster Gegner am Freitag, 15.15 Uhr, alle deutschen Spiele im Fernsehen bei ARD und ZDF) wurde Vize-Weltmeister, Slowenien (Samstag, 15.35 Uhr) war EM-Vierter, Außenseiter ist dagegen Afrika-Vertreter Algerien (Sonntag, 15.45 Uhr). Die letzte Paarung des Turniers heißt Schweden – Slowenien, geht alles gut, kämpfen diese beiden Nationen um das zweite Ticket und Deutschland hat das erste in der Tasche. Dann dürfte sie gelebt werden, die Sehnsucht nach dem Gold.

Die Zuversicht im deutschen Lager hat einen Namen: Abwehrwall. Bei der WM fehlten die besten Abwehrspieler aus privaten Gründen (Corona-Angst um die Familie) und so bröckelte die Abwehrmauer. Im Handball ist es wie im Fußball, die Abwehr gewinnt Meisterschaften. Und da atmet der bisher unglückliche Bundestrainer Alfred Gislason, dessen Qualitäten unbestritten sind, spürbar auf: „Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek gehören zu den Besten der Welt“. Dazu gesellt sich Steffen Weinhold und schon ist das Fort Knox des Handballs, wie die Abwehr gern bezeichnet wird, wieder dicht. Nachdem alle drei auch die Stützen des THW Kiel bilden, stärkt das die Hoffnung, dass sie nicht nur mit Kiel Titel gewinnen, nämlich überraschend die Champions League.

Die Spannungen im Team sind offensichtlich ausgeräumt, Torhüter Andreas Wolff hatte im Vorfeld der WM für Unruhe gesorgt, als er die Absagen der Stammspieler kritisierte. Um sich die Sehnsucht Gold zu erfüllen, wollen alle an einem Strang ziehen und es ist selten genug, dass der Bundestrainer seine stärksten Spieler zur Verfügung hat. Dazu zeigte sich die Bundesliga kulant und ermöglichte durch Terminverschiebungen einige Tage mehr Vorbereitung. Keine Selbstverständlichkeit in der Hetzjagd, unter der auch die Handballer leiden. So müssen Schweden und Slowenien drei Tage vor dem Turnier noch ausgefallene Spiele der EM-Qualifikation nachholen. Ob das ein Vorteil (Test) oder Nachteil (Müdigkeit) ist, wird sich zeigen.

Eine Qualifikation für die Olympischen Spiele ist für den Handball-Bund mit Blickrichtung Zukunft von entscheidender Bedeutung. Nur bei sportlichem Erfolg fließen die notwendigen Förderungen vom Staat, nur bei Erfolg interessiert sich die Öffentlichkeit für Handball (in der Vergangenheit schon mit beachtlichen zweistelligen TV-Einschaltquoten), nur bei Erfolg geraten auch die lukrativen Fernsehverträge mit ARD und ZDF nicht in Gefahr. So träumt eben Vizepräsident Bob Hanning, der immer mit seinen bunten Pullovern auffällt, von Gold, das viele Hürden beseitigen würde. Liefern müssen die Spieler, zunächst in Berlin und dann vielleicht in Tokio.

Das Aufgebot: Tor: Wolff (Kielce/Pol), Bitter (Stuttgart), Heinevetter (Melsungen). Kreis: Wiencek, Pekeler (beide Kiel), Golla (Flensburg). Rückraum: Drux , Wiede (beide Berlin), Kühn, Häfner (beide Melsungen), Heymann (Göppingen), Weber (Leipzig), Böhm (Hannover), Knorr (Minden), Weinhold (Kiel). Linksaußen: Gensheimer (Rhein-Neckar-Löwen), Schiller (Göppingen). Rechtsaußen: Kastening (Melsungen), Groetzki (Rhein-Neckar-Löwen).