Verkehrte Welt des Fußballs

Die Fußball-Bundesliga hat sich mit Paukenschlägen in die Länderspielpause verabschiedet, lockt für Ostern aber bereits mit brisanten Duellen. Doch dazu später mehr. Jetzt gehört die Bühne zunächst einmal Bundestrainer Joachim Löw und seinen Mannen, die ihre ersten Aufgaben in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 bestehen müssen. Die Gegner gehören international nicht zur ersten Garde, können aber durchaus zu Stolpersteinen werden, Island am Donnerstag in Duisburg, Rumänien am Sonntag in Bukarest und Nordmazedonien am Mittwoch, 31. März, wieder in Duisburg.

Bei der Nominierung des Kaders für gleich drei Spiele hat Jogi Löw im Endspurt seines Bundestrainer-Daseins ein Beispiel für die verkehrte Welt des Fußballs gegeben, die in diesen Tagen zu bestaunen ist. Jogi Löw präsentierte eine überraschende Auswahl, weil er nämlich auf einige Lieblinge der Vergangenheit verzichtete, zum Beispiel auf Draxler und die Dortmunder Schulz, Brandt und Reus. Dafür wagt er Experimente, schaut auf aktuelle Form (Younes, Frankfurt) und gibt dem Nachwuchs eine Chance. Es schaut allerdings so aus, als könnte der 17-jährige Florian Wirtz (Leverkusen) nur das Feigenblatt für den 18-Jährigen Jamal Musiala von den Bayern sein, dem Löw Einsätze in Aussicht gestellt hat, damit er für Deutschland spielt. Wirtz wäre auch für die U21 in Frage gekommen, Musiala nicht, weil er dort bereits für England gespielt hat. Jetzt hat sich gebürtiger Stuttgarter im Seniorenbereich anders entschieden und Löw wird ihn auch einsetzen, damit sich das Talent in der WM-Qualifikation für Deutschland festspielt. Erst viel später wird der junge Mann erkennen können, ob er sich richtig entschieden hat.

Was auffällt, Löw hat für drei Spiele nur einen relativ kleinen Kader mit gleich vier Torhütern und 22 Feldspielern nominiert. Da hat der Kollege Franco Foda in Österreich ganz anders hingelangt, wegen der Corona-Unsicherheiten hat er nämlich gleich 43 Spieler nominiert! Löw propagiert zwar, dass einer nicht alle Spiele absolvieren könne, aber er wird doch auf ein Gerüst zurückgreifen, damit er die selbst gestellten Vorgaben, nämlich gute Leistungen zeigen und die Gunst der Fans zurückgewinnen, erfüllen kann. Basis sollte der starke Münchner Block mit Neuer, Süle, Kimmich und Gorotzka im Mittelfeld sowie Sané und Gnabry im Angriff sein. Doch wohin mit den formstarken Kroos und Gündogan? Alle auf einmal geht wohl nicht, wobei ein Mann fehlt: Ein echter Mittelstürmer und Torjäger wie etwa Lewandowski oder Haaland. Deutschland hat ihn nicht. Hätte es Kevin Volland, der in Monaco ständig trifft, sein können? Tobias Werner ist es wohl nicht.

Die erste Runde der WM-Qualifikationsspiele leidet vor allem unter der Corona-Pandemie. Es stellt sich überhaupt die Frage, ob nicht FIFA bzw. UEFA die Spiele der ersten Phase nicht hätten verlegen können, nachdem die Infektionszahlen fast weltweit nach wie vor hoch sind. So werden die Reisen und Begegnungen ein Spiel mit dem Feuer und eine organisatorische Herausforderung. Leidtragende sind am Ende Akteure und Vereine, die womöglich auf einige Asse verzichten müssen, weil sie in Quarantäne festsitzen. Verkehrte Welt des Fußballs.

Es geht aber nicht nur um die A-Nationalmannschaft, die U21 ist schon ein Stück weiter und bestreitet in Ungarn den ersten Teil der Europameisterschaft. Die wurde nämlich geteilt in die Gruppenphase im März und die K.o.-Spiele im Mai/Juni (gespielt wird auch in Slowenien). Corona hatte dazu gezwungen, wobei ein ungutes Gefühl bleibt, Ungarn gilt als Hochinzidenzgebiet. Bundestrainer Stefan Kuntz hatte Probleme mit der Nominierung und hat ebenfalls für Überraschungen gesorgt. So hat er einige Spieler für seinen Kader gewinnen können, die auch für andere Nationen hätten spielen können. Die große Auswahl hatte vor allem Malick Thiaw von Schalke, nämlich neben Deutschland auch Senegal oder Finnland. Für Deutschland hat sich auch der in Argentinien geborene Mateo Klimowicz (Stuttgart) entschieden. Mit dabei ist auch das 16-jährige Dortmunder Talent Youssouffa Moukoko. Kommt er zum Einsatz, wird er der jüngste EM-Teilnehmer aller Zeiten. Für Kuntz gilt es, die Endrunde zu erreichen, das wird gegen Ungarn (Mittwoch), Niederlande (Samstag) und Rumänien (Dienstag, 30. März) nicht leicht. Platz eins und zwei bringen den Einzug ins Viertelfinale, Kuntz kann sich aber auch als Nachfolger für Joachim Löw empfehlen. Besondere Situation: Die Spiele werden von Pro7 im Fernsehen übertragen, Reporter ist unter anderem Matthias Stach, sein Sohn Anton (Fürth) ist im Aufgebot dabei! Das ist die schöne Welt des Fußballs.

Bayern macht aus Unterzahl eine Überzahl

Es hat in der Bundesliga mal den Vorschlag gegeben, dass die Bayern in jedem Spiel mit einem Mann weniger antreten müssten, damit wieder Spannung aufkommt. Jetzt wurde der Beweis angetreten, dass das gar nichts bringt. Beim 4:0 gegen Stuttgart musste Davies bereits nach zehn Minuten vom Feld, die Bayern gerieten in Unterzahl, doch scheinbar wurde eine Überzahl draus. Ihren Rhythmus verloren nämlich die Stuttgarter, die stark begonnen hatten. Für die Bayern wurde die Unterzahl zur Motivation, sie spielten auf wie schon lange nicht mehr, es schien, sie waren ein Mann mehr. Lewandowski warf die Tormaschine an und überrollte den VfB. Der Pole steht jetzt bei 35 Treffern, Ziel sind bekanntlich die 40 von Gerd Müller, 50 Jahre früher erzielt. Es war das 50. Ligaspiel unter Trainer Hansi Flick, die Bayern erzielten in dieser Zeit 153 Tore, also 3,06 pro Spiel! Rekord für die Bundesliga, dahinter folgen andere Bayern-Trainer: Carlo Ancelotti mit 2,58 und Pep Guardiola mit 2,49. Vielleicht waren die Bayern auch so gut in Schwung, weil der Streit zwischen Trainer und Sportvorstand Salihamidzic offiziell ausgeräumt ist. Hansi Flick soll den Bayern übrigens mindestens bis Vertragsende 2023 erhalten bleiben, einem Wechsel zum DFB als Löw-Nachfolger schob Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge den Riegel vor.l

Die Bundesliga verabschiedete sich mit einem Feuerwerk an Toren und überraschenden Ergebnissen in die Länderspielpause. Brisante Duelle an Ostern verschaffen eine Vorfreude auf den Fortgang der Punktrunde. Es steht das Spitzenspiel zwischen Leipzig und München an, Dortmund kämpft dann im Duell mit Frankfurt um einen Platz in der Champions League und den Abschluss bildet das Berliner Derby zwischen Union und Hertha. Am Tabellenende siegten sich eben die Hertha und Mainz aus den Abstiegsrängen und stürzten Köln und Mainz nach unten. Da lässt sich die Länderspielpause leichter ertragen, bis es dann wieder ernst wird. Auf den Klassenerhalt braucht Schalke nicht mehr zu schauen, aber die Regelung für die Zukunft gestaltet sich ebenfalls schwierig. Ralf Rangnick hat abgesagt, er sieht die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit nicht gegeben. Für Schalke eine Bankrotterklärung. Oder will er doch lieber Bundestrainer werden?

Verkehrte Welt in der Champions League. Das Viertelfinale steht fest und einige werden vermisst. Erstmals seit Jahren sind Lionel Messi und Cristiano Ronaldo nicht dabei! Vereine aus Italien fehlen, dafür gibt es eine Premiere mit gleich vier deutschen Trainern (Flick/Bayern, Terzic/Dortmund, Klopp/Liverpool, Tuchel/Chelsea). Die Bayern stellten übrigens einen neuen Rekord auf, schafften zum 19. Mal den Sprung ins Viertelfinale, dahinter liegen Barcelona (18) und Real Madrid (17). Die Auslosung hatte es in sich, Ex-Bayern-Spieler Hamit Altintop zog eine Wiederholung des letztjährigen Finales zwischen den Bayern und Paris, Pep Guardiola kehrt mit Manchester City in die Bundesliga zu Dortmund zurück (die beiden Sieger treffen im Halbfinale aufeinander), Klopp muss mit LIverpool zu Real Madrid und Tuchel mit Chelsea London nach Porto, auch sie wären im Erfolgsfall also Gegner im Halbfinale. Spannende Welt des Fußballs.

Übrigens: Auch bei den Frauen steht das Viertelfinale in der Champions League an, gespielt wird schon am 24. und 31. März. Der VfL Wolfsburg trifft auf Chelsea (in Budapest), die Bayern erwarten die Schwedinnen vom FC Rosengard (Rückspiel am 1. April). Siegen sie, treffen die beiden deutschen Klubs im Halbfinale aufeinander.

Die verkehrte Welt des Fußballs kam auch in der Diskussion um Zuschauer wieder zum Vorschein. UEFA-Boss Ceferin setzte die Welt in Erstaunen, als er feststellte, dass die Europameisterschaft im Sommer auf jeden Fall mit Zuschauern gespielt werden wird und er drohte damit, die Städte zu streichen, die keine Fans zulassen können. Im Gegensatz dazu offenbarten die Ausrichter der Olympischen Spiele in Tokio, dass die Sommerspiele ohne Fans aus dem Ausland über die Bühne gehen müssen. Da geht Sicherheit vor, einheimische Fans könnte es nach Impfungen geben. Der UEFA-Boss zeigte sich aber instinktlos und hat mit seinen Forderungen dem Ansehen des Fußballs geschadet. Wieder heißt es nämlich von Kritikern: „Wo bleibt die Demut des Fußballs?“