Corona, Abstieg, UEFA: Das große Zittern im Fußball

Die Fußball-Welt ist in Unordnung geraten, an allen Ecken und Ende brennt es. Dabei ist schon die Aufgabe, die Corona-Pandemie zu bewältigen und den Spielbetrieb geordnet zu Ende zu bringen, groß genug. Aber angeblich hat vor allem Corona auch dazu geführt, dass einige Spitzenklubs in England, Spanien und Italien die Pläne für eine Super League konkret ausgearbeitet haben. Ein Affront gegenüber dem Verband, der UEFA, und den anderen nationalen Ligen. Der Fußball in Europa steht vor der Zerreißprobe. Der UEFA-Kongress in diesen Tagen hat eine Menge Fragen auf seinem Tisch, natürlich auch die Austragung der Europameisterschaft im Sommer. Da wiederum sollen auf jeden Fall Zuschauer in den Stadien sein. Es hat den Anschein, als sollte die Vernunft im Fußball endgültig keine Rolle spielen.

Stellen wir lieber das Sportliche in den Mittelpunkt und die Bundesliga, aber insgesamt bleibt die Bilanz: Da Corona, dort der Kampf um den Titel, die Plätze für Europa, der Kampf gegen den Abstieg und die offenen Fragen bei der UEFA – im Fußball gibt es überall das große Zittern.

Eine Vorentscheidung hat es wieder einmal im Titelkampf gegeben, Bayern-Verfolger RB Leipzig hat gegen Hoffenheim einen wertvollen Punkt liegen gelassen, der Meister mit einem 3:2-Sieg in Wolfsburg gekontert. Wieder sieben Punkte Vorsprung, wieder Hymnen auf den Rekordchampion. Die Verfolger haben offensichtlich nicht die erforderliche Nervenstärke und Konstanz. Doch den Münchnern ist nicht nach feiern zumute, das Trainer-Theater um Hansi Flick beherrscht den Verein. Es war ein Paukenschlag, als Flick kundtat, er wolle den Verein im Sommer auf jeden Fall verlassen. Die Bayern-Bosse reagierten verschnupft, schade dass die großartigen Leistungen in den letzten Monaten in den Hintergrund treten. Dennoch wird die Mannschaft den neunten Titel in Folge unter Dach und Fach bringen – ohne großes Zittern (zu diesem Thema auch die nächste Kolumne „Der Seriensieger Bayern wird zur Baustelle“).

Das große Zittern hat dafür offensichtlich Wolfsburg und Frankfurt erfasst, auf dem Weg in die Champions League stolperten sie gegen die Bayern und in Gladbach. Dortmund dagegen bläst zur Aufholjagd, hat jetzt noch vier Punkte Rückstand. Am Samstag gibt es eine Art Endspiel, wenn die Borussia in Wolfsburg antritt, davor haben die Klubs die Aufgaben Union Berlin (Dortmund) und Stuttgart zu lösen. Frankfurt spielt in der englischen Woche gegen Augsburg und Leverkusen, mit Bayer kann die Eintracht einen weiteren Konkurrenten in die Schranken verweisen. Der Kampf um Europa betrifft aber nicht nur die genannten Vereine, auch Gladbach und sogar Union melden Ambitionen an. Es darf gezittert werden.

Doch richtig gezittert wird am Tabellenende. Der Effekt des Trainerwechsels verpuffte in Köln, aber das Derby in Leverkusen war für Friedhelm Funkel natürlich ein schwieriger Einstand. Jetzt folgt noch Leipzig, aber dann geht es um die Wurst. Augsburg am Freitag, Freiburg, Hertha und Schalke sind die letzten Gegner. Da wird zum großen Endspurt aufgerufen. Am Ende könnte neben Hertha, Bielefeld und Mainz auch noch in Bremen und Augsburg gezittert werden. Der FCA hinterlässt in dieser Saison in spielerischer Hinsicht einen fast jämmerlichen Eindruck, holte aber zwischendurch gegen Abstiegskandidaten wichtige Punkte. Das war beim 0:0 gegen Bielefeld nur zum Teil der Fall, da wird die Partie am Freitag gegen Köln auch zu einer Art Endspiel. Das könnte auch für FCA-Trainer Heiko Herrlich gelten. Also: Zittern oder Aufatmen. Ähnliches gilt für Werder, die Bremer haben in dieser Woche Mainz und Union als Gegner, Siege müssen her oder es herrscht das große Zittern.

Im Abstiegskampf spielt Hertha BSC Berlin eine Sonderrolle. Corona-Infektionen brachten den Verein und die DFL in die Bredouille und führten zu Spielverlegungen. Jetzt ist guter Rat teuer und es wird gezittert, ob die Saison wirklich noch ein gutes Ende findet. Vor allem die 2. Bundesliga leidet unter Spielabsagen und einige Vereine müssen sich auf eine Hetzjagd mit vielen Nachholspielen einstellen. Da geistert schon das Wort von der „Wettbewerbsverzerrung“ durch die Medien, da spekulieren Funktionäre für ihre Vereine in Abstiegsnot schon mit der Corona-Rettung: Abbruch der Saison ohne Absteiger. Nicht überall wird offensichtlich alles getan, um Infektionen zu entgehen. Die DFL wird wohl nicht umhin kommen, alle Vereine der beiden Bundesligen für die letzten Spiele in Quarantäne zu schicken. Ansonsten ist ein reguläres Ende der Saison mehr als fraglich, zumal die Europameisterschaft mit der Abstellungsfrist der UEFA ab 31. Mai eine terminliche Grenze setzt. Das ganze wird also wirklich eine Zitterpartie.

Gezittert hat die Welt nicht, aber die Ankündigung einiger Klubs, dass sie eine Super League gegründet haben, sorgte im internationalen Fußball für ein Erdbeben. Wer die Namen der Vereine liest, der weiß, dass die Geldgeber und Investoren dahinter stecken, weil es ihnen um Geld geht und nicht um die Zukunft des Fußballs. Zusammengeschlossen haben sich gleich sechs Klubs aus England (Liverpool, Manchester United und City, Tottenham, Chelsea und Arsenal London), je drei aus Spanien (Real und Atletico Madrid, FC Barcelona) und Italien (Inter und AC Mailand, Juventus Turin). Vorsitzender ist Real-Präsident Florentino Perez. Den Bossen schwebt eine Liga mit 20 Klubs vor, Gründungsmitglieder sollen 15 Klubs werden, fünf weitere sollen Jahr für Jahr aufgenommen werden. Gespielt werden soll unter der Woche in einer Liga.

Die Super League war ja schon lange im Gespräch, so weit wie jetzt (Start 2022) waren die Pläne noch nie. Geld spielt die Hauptrolle, die US-Investmentbank JPMorgan tritt als Hauptinvestor auf, als „Startgeld“ sollen 3,5 Milliarden Euro an die Vereine ausgeschüttet werden. Jetzt liegt es am Weltverband FIFA und Europas Verband UEFA den Plänen einen Riegel vorzuschieben. Die Vertreter der European Club Association (ECA), in der auch Dortmund und Bayern vertreten sind, lehnen die Super League ab (bezeichnend, dass ihr Präsident Agnelli,Juventus Turin, an den ECA-Diskussionen nicht teilnahm). Die Ablehnung bekräftigten auch Dortmund und Bayern noch einmal. Verabschiedet wurde von der UEFA dafür eine Reform der Champions League ab 2024. Auch hier erfolgt eine Aufstockung von 32 auf 36 Vereine und Traditionsklubs erhalten einen besonderen Zugang. Die Gruppenphase wird abgeschafft. Die Reform war als Abwehr der Super League gedacht, aber auch hier steht das Geld im Mittelpunkt.

Fest steht: Die Super League ist ein Affront gegen den Fußball, es geht nur um das Geschäft. Auch rechtliche Fragen sind zu klären. Bei den Fans muss eigentlich das große Zittern beginnen, wenn der Sport verkauft wird. Mehr zu diesem Thema in einer weiteren Kolumne in dieser Woche.