Macht England den Weg für Jogi Löw frei?

Jetzt geht’s los! Nach zwei Wochen beginnt die Fußball-Europameisterschaft richtig, ab dem Achtelfinale gibt es nur noch K.o.-Spiele, mit taktieren geht da gar nichts mehr. Vor allem steht der Sport wieder im Vordergrund und nicht der Regenbogen, doch darüber ist auf der ganzen Welt genug geredet. Die Gruppenphase endete allerdings mit einer Spannung, die ihr eigentlich nicht zugetraut wurde und so folgen auch einige überraschende Paarungen. Auf Spannung verzichtet hätte gern die deutsche Mannschaft, die beim seltsamen 2:2 gegen Ungarn in den 90 Minuten ein Wechselbad der Gefühle erlebte, einmal Gruppensieger, dann wieder ausgeschieden, am Ende Zweiter – ein Happy End. Vor allem für Bundestrainer Joachim Löw, dessen Karriere zum Ende noch einen gehörigen Schatten bekommen hätte, wenn der Weltmeister-Coach in zwei Turnieren hintereinander vorzeitig ausgeschieden wäre. Ist er nicht und jetzt gibt es sogar Hoffnung.

„Eintagsfliege oder ein Versprechen“ hatte der Sport-Grantler nach dem 4:2-Sieg über Portugal gefragt. Ein Spiel, für das die Jogi-Jungs gefeiert wurden. Doch eine verlässliche Antwort gaben sie gegen Ungarn nicht, eher gaben sie Rätsel auf, das Team ist wohl eine Wundertüte. „Gegen England werden wir besser auftreten“, verspricht Jogi Löw. Logisch, viel schlechter geht nicht mehr. Das alte Leiden griff um sich, unkonzentriert in der Abwehr, zögerlich im Mittelfeld, ohne Durchschlagskraft im Angriff. So sieht kein Europameister aus. Wer weiß, wie ungern Löw wechselt, kann sich vorstellen, welche Verzweiflungstaten seine Auswechslungen waren, die schließlich zum Happy End führten. Der 18-jährige Jamal Musiala zeigte genau seine geschätzten Dribbelstärken, er sah den freien Timo Werner, dessen abgeblockter Schuss fiel Leon Goretzka vor die Füße und schon war das Achtelfinale erreicht. Wer so viel Glück hat, aber auch nicht aufgibt, der kann auch Europameister werden.

Das Achtelfinale beschert uns von Samstag bis Dienstag fast nur interessante Paarungen, aber das Tableau macht auch deutlich, dass sich die groß gehandelten Favoriten fast alle selbst im Wege stehen. Frankreich gegen Spanien könnte ein Viertelfinale lauten, Belgien gegen Italien das zweite in der „oberen Hälfte“, beides auch würdige Endspiele. Den Weg frei machen müssen dazu die Schweiz, Kroatien, Portugal und Österreich. Kanonenfutter wollen sie nicht sein, die Gruppenphase hat gezeigt, wie verbissen sich die Außenseiter wehren können.

Und wo ist Deutschland? Da stellt sich nun die Frage, macht England den Weg für Jogi Löw frei? Der alte Kontrahent von der Insel ist wohl der größte Brocken auf dem Weg ins Finale, wenn man auch die Niederlande oder Dänemark nicht unterschätzen sollte. Zunächst wartet auf den Sieger des deutschen Spiels Schweden oder die Ukraine. Dies zeigt: Jogi Löw könnte sich doch noch einen schönen Abschluss seiner Karriere bescheren. Wenn da nicht England wäre! Eine Mannschaft, die Gift für die Schwächen der DFB-Elf sein kann, nämlich defensiv stark (noch kein Gegentor, 2:0 Tore) und gefährlich im Kontern ist, vor allem durch Sterling. Doch mehr zu diesem Achtelfinale kurz vor dem Duell.

Wie oben schon angedeutet, die Gruppenphase zeigte auf, dass die sogenannten Kleinen den Großen ganz schön auf die Nerven gehen können. Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott, ist vielfach das Motto, aber auch Mannschaften wie Frankreich und England bauen vor allem auf eine starke Defensive. Davon kann bei Deutschland keine Rede sein. Die Überraschung in spielerischer Hinsicht war vor allem Italien, das ebenfalls noch keine Gegentor kassierte und zudem gefällig nach vorn spielte. Belgien präsentierte sich fast schon als Titelanwärter, das Duo Lukaku/De Bruyne mischt die EM ein bisschen auf. Doch mit Portugal wartet ein Stolperstein, von wegen, dass ein Dritter ein leichter Gegner sei. Portugal will als Titelverteidiger wohl das Spielchen vom letzten Turnier wiederholen, nämlich als Gruppendritter später Europameister werden. Alles hängt da allerdings von Cristiano Ronaldo ab, dem Torschützenkönig des Turniers und jetzt EM-Rekordtorjäger. Freuen wir uns also auf das Achtelfinale.

Wir sollten nicht vergessen, dass auch die beiden deutschen Schiedsrichter im Achtelfinale im Einsatz sind. Daniel Siebert leitet die Auftaktpartie Wales – Dänemark, Felix Brych das Schlagerspiel Belgien – Portugal. Auffallend, dass die Schiedsrichterleistungen durch die Bank erfreulich gut waren, ein Ärgernis über den Video-Schiedsrichter gab es bisher nicht, vor allem wurde sehr schnell entschieden. Wünschenswert wäre eine Fortsetzung dieser Leistungen in der neuen Bundesliga-Saison.

Apropos Bundesliga, Sportfans wird es im Sommer nicht langweilig, stehen doch in den nächsten Wochen Tour de France, Wimbledon, Olympische Sommerspiele und – der Start in die neue Bundesliga-Saison an. Die attraktivste 2. Bundesliga aller Zeiten startet am 23. Juli mit der attraktivsten Partie aller Zeiten, nämlich Schalke 04 – Hamburger SV! In der Bundesliga geht es am 13. August wieder los, mit dem Novum, dass der Meister diesmal kein Heimrecht genießt, sondern Bayern München muss zum Schlagerspiel zu Borussia Mönchengladbach. Dort hatten die Bayern bekanntlich schon oft Probleme. Aber noch sind die Spieler in Urlaub oder bei der EM.