Der Klassiker als Duell der Unzufriedenen

Jetzt also im Wembley-Stadion gegen England – interessanter könnte das Achtelfinale bei der Fußball-Europameisterschaft für Deutschland nicht sein! Es ist der Klassiker schlechthin im deutschen Fußball, doch aktuell eher ein Duell der Unzufriedenen. Beide Teams haben in ihren Gruppenspielen nicht vollends überzeugt, bei Deutschland ging es Auf und Ab, statt als Gruppensieger wieder in München antreten zu können, geht es als Zweiter jetzt eben nach London. England marschierte sogar ohne Gegentor durch, doch Glanz verbreitete die Mannschaft beim 1:0 gegen Kroatien, 0:0 gegen Schottland und 1:0 gegen Tschechien keinen. Aber gerade die Tschechen bewiesen jetzt gegen die Niederlande, dass sie beileibe kein Kanonenfutter sind.

Bleiben wir beim Klassiker und werfen erst einmal einen Blick auf die Statistik, die nicht für Deutschland spricht. Bisher gab es 36 Spiele, davon gewann England 16, verlor 13-mal bei sieben Unentschieden. Das letzte Aufeinandertreffen gab es am 10. November 2017 in London und das endete 0:0. Könnte auch am Dienstag so sein (interessanter wäre ein 2:2 oder 3:3!) und dann ein Elfmeterschießen – darauf warten viele, nur die Engländer nicht… Was Joachim Löw Mut macht: Als Bundestrainer blieb er in allen drei Duellen mit England im Heiligtum Wembley ungeschlagen, holte zwei Siege, bei einem Remis.

Schwelgen wir lieber in der Vergangenheit, da werden wieder die vielen alten Duelle des Klassikers bei Welt- und Europameisterschaften herausgeholt. Im Mittelpunkt vielleicht drei Vergleiche: Erstens natürlich die WM 1966 mit dem berühmtesten aller Tore, dem Wembley-Tor, als England dann 4:2 gewann und Weltmeister wurde. Beim DFB erinnert man sich lieber an 1972, da gewann Deutschland am 29. April im EM-Viertelfinale beim 3:1 erstmals in England und wurde auch Europameister. Für viele war dies die beste Mannschaft aller Zeiten, die sich dann zudem mit dem WM-Titel 1974 krönte. Der Erinnerung ein bisschen nachhelfen: Torschützen waren Uli Hoeneß (2. Tor im 2. Länderspiel, er galt als Amateur, war Bayern-Angestellter in der Geschäftsstelle), Günther Netzer und natürlich Gerd Müller. Deutschland spielte mit Maier, Höttges, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Wimmer, Netzer, Hoeneß, Held, Müller, Grabowski. Englands Trainer Gareth Southgate wird dagegen mit der EM 1996 konfrontiert, da verschoss der heutige Coach den entscheidenden Elfmeter (Köpke hielt), Deutschland zog ins Finale ein und wurde zum dritten Mal Europameister. Und jetzt?

England ist nur eine Hürde auf dem Weg zu einem möglichen erneuten Titelgewinn, an dem aber die wenigsten glauben. Aber es scheint ja eine EM der Überraschungen zu sein, und der Sieger des Klassikers sollte auch Schweden, die Ukraine, Dänemark oder Tschechien als nächste mögliche Gegner nicht unterschätzen. Für Deutschland ginge es von Wembley erst mal nach Rom am Samstag und dann zurück nach London. Und wenn am Ende der Titel steht? Siehe 1972 und 1974, wird Deutschland 2022 in Katar der erste Wüsten-Weltmeister?

Vorher muss aber ein Sieg her und Jogi Löw wird wohl nicht umhin kommen und auf die Stimmen der Fachwelt und der Laien hören müssen und für mehr Schwung im Laden sorgen. Das Mittelfeld Kroos/Gündogan kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, da fehlt einfach das Tempo. Joshua Kimmich wiederum hat sich auf rechts unentbehrlich gemacht, zumal Löw wohl an der Dreierkette festhalten wird, weil er sonst Gosens die Stärke nimmt. Leon Goretzka ist der natürliche Tempomacher fürs Mittelfeld, an ihm führt kein Weg vorbei. Keinen Anspruch auf einen Platz kann Sané erheben, neben Dirigent Thomas Müller und Kai Havertz (der Müller als den „dritten Co-Trainer“ bezeichnet) könnte Löw Überlegungen anstellen, ob er es mal mit Timo Werner anstelle von Serge Gnabry probiert. Und wenn es nicht klappt, kommt Jamal Musiala, das Bambi der Mannschaft, der bekanntlich in Stuttgart geboren, aber zum Teil in England aufgewachsen ist. Er hat sich aber für Deutschland entschieden und wenn er jetzt der Matchwinner für die Löw-Jungs würde, wäre es die Geschichte schlechthin. Der Sport hat was übrig für solche Storys.

Gegenspieler Southgate wird auf eine starke Defensive bauen und Deutschland mit Konter unter Druck setzen wollen, diesbezüglich sind die Schwächen keinem verborgen geblieben. Das Quartett Sterling, Foden, Mount und Torjäger Kane will sich austoben, da droht Gefahr.

Es war ja klar, die EM nimmt jetzt richtig Fahrt auf, am Freitag und Samstag steht dann das Viertelfinale an, Belgien – Italien und Tschechien – Dänemark stehen als Paarungen schon fest. Belgien schaltete mit viel Kampf und Glück Titelverteidiger Portugal aus, Dänemark avancierte nach dem Eriksen-Zwischenfall zum Liebling der Zuschauer. Als Ausgleich für den Schock wünschen ihnen die meisten den Titel, der mit diesem Rückhalt und viel Elan durchaus möglich wäre. Dass die EM immer interessanter wird, beweisen auch die TV-Zuschauer in Deutschland, gegen England gibt es nach jeweils über 20 Millionen Zuschauer bei den Auftritten der Löw-Jungs mit Sicherheit einen neuen Rekord. Bereits das Duell Belgien – Portugal sahen 12,9 Millionen Fans.

Keine Begeisterung findet die UEFA als Veranstalter mit ihrem Gewaltakt Zuschauer unbedingt in die Stadien zu bringen ohne Rücksicht auf die Corona-Pandemie. Die Austragungsorte und die Politik wurden zum Teil erpresst, die Maskenpflicht wird vielfach ignoriert und die Zahlen der Infizierten steigen. Da ist ein großes Stück Rücksichtslosigkeit dabei und das hat im Sport nichts zu suchen. Es zeigt sich, dass der ursprünglich reizvolle Plan, die Spiele über Europa zu verteilen, einfach nicht mehr situationsgemäß war. So gibt es am Ende auch einen Jubel mit einem schalen Beigeschmack, egal, wer Europameister wird.