Deutschland fehlen Spezialisten zum Erfolg

Wenn die Fußall-Europameisterschaft in dieser Woche zum Endspurt in London ansetzt, ist Deutschland nur noch Zuschauer. Ein Blick auf die Protagonisten des Halbfinales zeigt auf, warum sich Italien und Spanien sowie England und Dänemark gegenüberstehen und Deutschland fehlt. Den Löw-Schützlingen fehlte zu viel von dem, was die Halbfinalisten auszeichnet. Deutschland fehlen vor allem die Spezialisten zum Erfolg: Kein richtiger Mittelstürmer, kein Fachmann für erfolgreiche Standards, dazu konnte der Bundestrainer keine Begeisterung wecken. Nachfolger Hansi Flick muss vor allem mehr Leben in die Mannschaft bringen.

Jeder der vier Halbfinalisten hat seine eigene Geschichte. Eine besondere ist die von Dänemark, da das Team erst den Schock vom Eriksen-Zusammenbruch überwinden musste. Aus dem Schock wurde Euphorie, Begeisterung macht Kräfte frei. Italien hat sich neu erfunden, an die Stelle der Mauer-Taktik trat spielerisches Können mit viel Schwung, Trainer Roberto Mancini machte alles besser als Joachim Löw. Bei England wartete man schon lange darauf, dass die Mannschaft mit Routiniers und großen Talenten das Können endlich effektiv auf den Rasen bringt – jetzt ist es so weit! Unfassbar: Bisher musste Torhüter Pickford noch keinen einzigen Gegentreffer hinnehmen. So etwas wünscht sich Manuel Neuer immer. Die einzige „normale“ Leistung zeigt Spanien, keine Überraschung ist es, im Halbfinale zu stehen, keine Überraschung im Spiel, das Zusammenspiel zwischen Routiniers und Talenten klappt. Wir dürfen uns also auf die letzten drei Duelle freuen.

Die deutschen Spieler machen dagegen Urlaub und der eine oder andere überlegt, ob er seine internationale Karriere beenden soll. Toni Kroos hat schon die Konsequenzen gezogen, er will mit Real Madrid Erfolg und mehr Zeit für die Familie haben. Vielleicht hat er auch erkannt, dass das Tempo-Spiel mit Pressing als Markenzeichen vom neuen Bundestrainer Hansi Flick nicht sein Spiel ist. Diesbezüglich wäre es nur logisch, wenn Ilkay Gündogan folgen würde. Die Mittelfeldzentrale bei Flick wird sicherlich Kimmich-Goretzka heißen, dahinter stehen Talente wie der Gladbacher Florian Neuhaus. Auch bei Mats Hummels stehen die Zeichen wohl eher auf Abgang, während Thomas Müller bei Flick eher gesetzt sein könnte.

Um aber das erfolgreiche Spiel des FC Bayern München unter Flick auf die DFB-Elf zu kopieren, braucht Flick vor allem einen Mittelstürmer. Den gibt es nicht! Bezeichnend, dass Trainer Stefan Kuntz bei der Olympia-Auswahl auf Max Kruse und Cedric Teuchert (beide Union Berlin) im Angriff setzt. Was wir aber brauchen, wäre ein Immobile, Schick, Kane oder Dolberg, die für die nötigen Tore sorgten, damit ihre Mannschaft erfolgreich sein konnte. Vielleicht setzt sich Lukas Nmecha. der Torjäger der erfolgreichen U21 durch. Die Notlösung mit rochierenden Stürmern, die aber alle keine echten Torjäger sind, wie Gnabry, Sané und Müller, ist nichts weiter als eben eine Notlösung, wie der Name schon sagt. Da darf man auf das erste Aufgebot von Hansi Flick im August gespannt sein, zumal es auch bei den Außenverteidigern wohl Neuerungen geben wird oder sogar muss.

Jetzt stehen aber erst einmal Halbfinale und Finale bei der EM in London an. Dabei wird die Kritik an der UEFA immer größer, weil der Verband die Corona-Pandemie einfach ignoriert und hohe Zuschauerzahlen zulässt. Schon jetzt sind hohe Infektionszahlen bekannt geworden. Seltsam, dass sich die einzelnen Länder und Städte von UEFA erpressen lassen und ihre eigenen Richtlinien umgehen. Was vor allem in St. Petersburg, Budapest und London in punkto Fans abgegangen ist, spottet jeder Beschreibung. Vorsicht und Rücksicht wurden zu Fremdwörtern. Angesichts der Quarantäne-Bestimmungen in vielen Ländern ist London nicht der richtige Austragungsort für die Finalspiele.

Schlimmer ist es nur in Brasilien, wo die Copa America ausgetragen wird. Nachdem Argentinien und Kolumbien abgesagt hatten, holte Präsident Bolsonaro die Copa nach Brasilien, weil er ja die Toten und Infizierten im eigenen Land ignoriert. Der Fußball wird so zur Farce bzw. sogar zum Totengräber. Da freuen sich selbst die Spieler nicht. Nur zur Info: Brasilien – Peru und Argentinien – Kolumbien heißen hier die Halbfinals – im Schatten von Corona.

Wenn die Titel vergeben sind, werden wieder verstärkt die Vereine in den Vordergrund treten, zumal in dieser Woche bereits die Bundesligisten ihre Vorbereitung auf die neue Saison aufnehmen. Nach den Turnieren wird vor allem das Transfer-Karussell heiß laufen. So stehen vor allem die Wechselgerüchten der größten Stars im Mittelpunkt: Leonie Messi ist vertragslos, sein Kontrakt beim FC Barcelona ist ausgelaufen, der Präsident will ihn aber unbedingt halten. Cristiano Ronaldo ist bei Juventus Turin nicht mehr glücklich, seine Berater suchen offensichtlich einen neuen, zahlungswilligen Verein trotz Vertrag bis 2022. Kein Wunder, dass in beiden Fällen Paris St. Germain als erster Interessent gehandelt wird. Doch neben Neymar und Mbappe noch zwei Hochkaräter wird sich mit den finanziellen Obergrenzen kaum vereinbaren lassen. Könnte sein, dass der Fußball nach EM und Copa America und vor der neuen Saison erst richtig interessant wird.