Armes Tokio: Olympische Geisterspiele ohne Sinn

„Dabei sein ist alles“ war eigentlich immer das Motto der Sportler wenn es um Olympische Spiele ging. Natürlich wollen sie nach Medaillen greifen, aber Olympia gilt eigentlich als besonderes, außergewöhnliches Erlebnis mit Begegnungen, wie sie selbst bei Weltmeisterschaften nicht möglich sind. 2021 bei den Spielen in Japan vom 23. Juli bis 8. August gibt es ein anderes Motto: „Gesund wieder nach Hause kommen“.

Armes Tokio, Japans Millionenstadt ist gebeutelt, wenn es um Olympia geht. Schon 1940 mussten die Spiele wegen des Zweiten Weltkriegs ausfallen, bei der Bewerbung für 1960 verlor Tokio, 1964 klappte es endlich und jetzt standen die Spiele für 2020 wieder auf der Kippe, werden mit einem Jahr Verspätung mit erheblichen Geburtswehen ausgerichtet. In Zeiten der Corona-Pandemie sind es Olympische Geisterspiele ohne Sinn. Die Inzidenzzahlen sind in Tokio enorm hoch, die Bevölkerung lehnt die Spiele ab, Zuschauer dürfen wegen Corona nicht in die Stadien. Die Spiele finden dennoch statt, weil das IOC Druck gemacht hat und die Einnahmen von Fernsehen und Sponsoren dringend benötigt. Aber auch Tokio hat sich für die Austragung entschieden, weil die Stadien ja schon fertig waren, die Kosten ins Unermessliche gestiegen sind und jetzt wenigstens Einnahmen erzielt werden können. Allerdings: Immer mehr Sponsoren distanzieren sich von den erzwungenen, seelenlosen Spielen. Die Athleten standen immer im Hintergrund, aber ohne sie gibt es keine Olympischen Spiele. Die Funktionäre machen dagegen den Eindruck, die Olympia wäre für sie erfunden.

Vorfreude wird bei den Frauen und Männern aus 203 Nationen nicht aufkommen, rund 11.000 Athleten sollen im Olympischen Dorf wohnen, aber die Partys fallen aus. Statt den erträumten Begegnungen der Nationen heißt es diesmal Abstand halten. Der Aufenthalt soll möglichst kurz sein, fünf Tage vor dem Wettkampf dürfen sie erst ins Dorf einziehen, nach dem Wettkampf schnell wieder ausziehen. Aber trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und strengen Hygieneregeln zeigte sich schon im Vorfeld, dass sich Corona-Infektionen nicht ausschließen lassen. Bei dem einen oder anderen wird es hinterher heißen, „wäre ich nur nicht nach Tokio gereist“. Vor allem Profi-Sportler, zum Beispiel im Tennis und Golf, bleiben massenhaft zu Hause, weil sie eine Ansteckung befürchten. Wer in Tokio in Quarantäne muss, kann nicht richtig trainieren, verliert seine Form und wohl alle Medaillenchancen.

Das deutsche Aufgebot umfasst 434 Sportler, 42 Wettkampfstätten warten, es fallen 339 Entscheidungen in 33 Sportarten. Die deutsche Mannschaft bleibt in ihrer Prognose zurückhaltend, ein Jahr nach der eigentlichen Planung und mit Trainingsproblemen im Zeichen von Corona wird die Medaillenausbeute als geringer eingeschätzt als zuletzt 2016 in Rio de Janeiro. Da gab es 42 Medaillen, davon 17 Gold, 10 Silber und 15 Bronze. Zehn weniger könnten es diesmal sein, obwohl es einige heiße Gold-Anwärter gibt. Auch die Männer-Teams im Fußball, Handball und Basketball sollen ebenso wie die Frauen und Männer im Hockey nach einer Medaille greifen. Deutschland profitiert wohl auch nicht von den neuen Sportarten Skateboard, Sportklettern, Karate und Surfen. Baseball und Softball kehren zurück.

Der Zeitunterschied von Japan zu Europa lässt hierzulande sicherlich nur eine gedämpfte Stimmung aufkommen, viele Entscheidungen fallen in der Nacht. Dennoch senden ARD und ZDF in Deutschland unverdrossen, allerdings immer nur bis 17.00 Uhr. Es werden sich aber sicherlich nicht allzu viele Arbeitnehmer Urlaub genommen haben, um die Nacht vor dem Fernseher zu verbringen. Aber: 140 Stunden sendet das Erste, 135 sind es beim Zweiten. Zusammenfassungen am Abend bleiben leider aus.

Mit dem Blick auf das arme Tokio gehen die Gedanken auch zurück an das zunächst glückliche München 1972, tolle Tage, die bis zum fürchterlichen Attentat auf die israelische Mannschaft als heitere Spiele in die Geschichte eingingen. Das Olympiagelände ist heute noch ein Anziehungspunkt, die Olympiabauten sollen sogar zum Weltkulturerbe erhoben werden. München hat zweifellos von Olympia profitiert, für Tokio sind die Spiele eine schwere Last. München wird nächstes Jahr 50 Jahre Erinnerung an Olympia feiern, Tokio wird sich noch lange mit Sorgen an die Spiele 2020, die 2021 stattfinden, erinnern. Wer hätte das gedacht, dass Olympische Spiele eine traurige Sache des Sports sein können.