Fest der Kleinen im Schatten von Olympia

Die Olympischen Sommerspiele in Tokio beginnen ihren Schlussspurt, im Fußball geht es jetzt erst richtig los, da steht die Saison am Anfang. Die 2. Bundesliga und die 3. Liga haben einen Frühstart hingelegt, am kommenden Wochenende aber kommen sich der Fußball und Olympia ins Gehege. Die erste Runde im DFB-Pokal ist normal immer ein Fest für die Kleinen, wenn die Amateurklubs auf die Bundesligisten treffen. Im Vorjahr raubte ihnen die Corona-Pandemie diese Freude und den Geldsegen, in diesem Jahr steht der Pokal im Schatten von Olympia. Allerdings hilft die Zeitverschiebung und Feste wird es geben, weil erstmals auch wieder Zuschauer dabei sein dürfen. Im Vorjahr traten die Amateure aus Kostengründen oft bei den Profis an, was in den Stadien zumindest für die Spieler auch ein Erlebnis war, jetzt aber können die Amateure wieder mit den eigenen Fans feiern und vielleicht sogar für Überraschungen sorgen.

Die liegen in diesem Jahr vermehrt in der Luft, weil vor allem die Spitzenklubs in ihrer Saisonvorbereitung noch nicht das gewünschte Level erreicht haben. Die Europameisterschaft und Olympia sorgten fast überall für Lücken im Kader, manche EM-Fahrer beginnen erst jetzt mit dem Mannschaftstraining. Die Testspiele wurden oftmals eher zu einem Schaufenster für Talente, vor allem in München und Dortmund, aber auch Wolfsburg und Leverkusen hatten Probleme. Der Pokal bedeutet die erste Pflichtaufgabe, er ist gleichzeitig der erste Test für die vermeintlich beste Mannschaft, doch eingespielt werden viele Profiteams nicht sein. Die Amateure sind da oft schon weiter, das könnte sich für sie auszahlen. Das Überraschungspotenzial ist so hoch wie nie. Schalten sie Profiteams aus, dann sind echte Feste garantiert. Bereits am Freitag feiert der Oberligist Bremer SV im Weserstadion gegen Bayern München (live bei Sport1), mit dem Greifswalder FC ist ein weiterer Oberligist dabei (Samstag gegen FC Augsburg), der Drittligist Wehen-Wiesbaden erwartet am Samstag Borussia Dortmund. Ein Treffen zweier Traditionsklubs gibt es am Montag mit der Partie 1. FC Kaiserslautern – Borussia Mönchengladbach (live in der ARD).

Abseits davon war der 1. August noch ein besonderer Tag. Deutschland hat ab sofort einen neuen Fußball-Bundestrainer. Hansi Flick hat zwar bereits vorher die Weichen für seine neue Tätigkeit gestellt, doch erst jetzt ist er offiziell Nachfolger von Joachim Löw. So richtig vorgestellt werden soll er vom DFB erst am 10. August, doch Flick hat sich bereits zu Wort gemeldet und folgende Botschaft verbreitet: „Bundestrainer ist für mich eine Verpflichtung, eine Riesenverantwortung. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Ich werde wirklich mein Bestes geben, dass wir wieder begeisternden Fußball spielen.“ Vor allem wird er grundsätzlich wohl mehr in den Stadien zu sehen sein als es bei Jogi Löw der Fall war, wichtig nach dem Bundesliga-Start im August, denn Anfang September stehen die nächsten drei Spiele für die WM-Qualifikation an. Da ist Flick erstmals gefordert und kann sich zeigen, ob Länderspieltage für die Fans auch wieder Festtage werden.

Spiele der Stille

Dass die Olympischen Spiele kein rauschendes Fest werden würden war klar, weil es durch die Corona-Pandemie in allen Bereichen erhebliche Einschränkungen gab und gibt, vor allem fehlen die Zuschauer und damit die Stimmung. Die Sportler lassen sich ihre Spiele nicht vermiesen, aber es sind eben Spiele der Stille. Die Stadt Tokio und das Land Japan haben tolle Stadien hingestellt, die hoffentlich wenigstens nach dem Großereignis ihren vollen Glanz entfalten können und am Ende nicht Ruinen der Stille werden.

Was allerdings auffiel, dass vor allem Geschehnisse abseits der Wettbewerbe am meisten diskutiert wurden. So vor allem die mentalen Probleme von zwei Sportlerinnen. Zuerst ging es um Japans Tennis-Star Osaka, die das Olympische Feuer zum Leuchten bringen durfte, dann aber gestand, dass sie durch den öffentlichen Druck nicht ihre Leistung bringen konnte. Sie hatte schon einmal wegen Depressionen pausiert. Noch spektakulärer der Rückzug der Turn-Königin Simone Biles aus den USA, die mitten im Teamwettbewerb aus mentalen Gründen ausstieg. Sie wurde als verletzt gemeldet, sprach dann aber von mentalen Problemen und einem „Kampf gegen Dämönen“. Die Mädchen standen lange Zeit im Mittelpunkt, körperliche Verletzungen sind Alltag, seelische Verletzungen sorgen für Schlagzeilen. Biles will es allerdings am Schwebebalken wieder probieren.

Die deutsche Mannschaft machte dagegen durch Rassismus Schlagzeilen. Radsportdirektor Patrick Moster feuerte am Streckenrand des Zeitfahrens seinen Fahrer mit dem Ausdruck „Hol Dir die Kameltreiber“ an, damit er die vor ihm fahrenden Sportler aus Algerien und Eritrea überholen sollte. Weil dies von Mikrofonen verbreitet wurde, war der Skandal groß, die Reaktion der deutschen Mannschaft allerdings zunächst klein. Erst auf Druck von außen wurde Moster suspendiert und heimgeschickt. DOSB-Präsident Alfons Hörmann agierte aber wieder einmal extrem ungeschickt.

Dann doch lieber der Blick auf den Sport, bei Olympia vor allem auf die Medaillen. 42 waren es vor fünf Jahren in Rio, davon 17 Goldene. Bis dato sind es jetzt gerade mal 20 und nur vier Goldene. Zu den erfolgreichsten Nationen wird Deutschland nicht gehören, die ersten sechs Teams haben zweistellige Goldzahlen, China überrennt alles mit 58 Medaillen, davon 28 Gold, 16 Silber und 14 Bronze. Der Verband selbst hatte ja für Tokio mit weniger Medaillen gerechnet, aber es geht ja vor allem um die Sportler selbst. Deren Ziel heißt „eine Medaille“, auch über Bronze herrscht große Freude, Angst macht nur Platz vier, knapp daneben ist auch vorbei. Die Goldgrube stand beim Dressurreiten, überaus erfolgreich das Team im Kanuslalom mit Gold bzw. Medaillen in allen Rennen.

Der absolute Star war aber der Sieger vom Sonntag, Tennis-Crack Alexander Zverev. Bisher wurde ihm vergeudetes Talent bescheinigt, er gilt als Zornnickel und jetzt hat er Gold. Alles gut also? Es scheint, der 24-Jährige ist in Tokio erwachsen geworden, Olympia hat bei ihm einen Bewusstseinswandel gebracht, er ging in seiner selbst gestellten Aufgabe auf, „für Deutschland eine Medaille zu holen“. Wegbereiter war sein spektakulärer Erfolg über die Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic, der Finalsieg über den Russen Khachanov mit 6:3, 6:1 war fast nur noch Formsache. So hat der gebürtige Hamburger doch noch das Zeug, der neue deutsche Tennis-Liebling zu werden. Gold holten bisher Boris Becker und Michael Stich 1992 im Doppel und Steffi Graf 1988 im Einzel. Damals schaffte Steffi Graf den „Golden Slam“, gewann alle Grand-Slam-Turniere und Olympia-Gold. Das wollte jetzt auch Djokovic schaffen, Zwerev hat Steffis Rekord gerettet. Auch das ist etwas für die Gunst der Fans.

Insgesamt brachten die Spiele in Tokio bisher großen, interessanten Sport. Schade, dass es Spiele der Stille sind.