Hass und Spannung sind beste PR für die Formel 1

Die Formel 1 macht Sommerpause. Vollkommen verkehrt getimt. Die Formel 1 präsentiert sich nämlich derzeit so spannend wie nie, doch jetzt geht es erst am 29. August in Spa weiter. Die Fans aber sind unruhig, der beste Renn-Film endet praktisch abrupt? Es scheint, als hätte nach der Langeweile in den letzten Jahren mit der Dominanz von Mercedes und Lewis Hamilton ein Autor das Drehbuch für mehr Spannung geschrieben. Und er hat dabei auf ein beliebtes Stilmittel der erfolgreichen Filme zurückgegriffen: Den Hass zwischen zwei Konkurrenten, der eben für Spannung sorgt. Gute PR-Arbeit also der Formel 1. Doch was sich zwischen Hamilton und Max Verstappen sowie Mercedes und Red Bull abspielt, ist nicht nach einem Drehbuch geschehen, sondern die Renn-Aktualität in dieser Saison. Zumindest möchte man das hoffen…

Eigentlich galt die Saison 2021 als Übergangsjahr. Zwar präsentiert sie den dicksten Terminkalender aller Zeiten, aber die Gedanken gingen bei allen voraus auf das Jahr 2022, wenn sich das Reglement grundlegend ändert. Vor allem die Aerodynamik soll sich verändern, Überholvorgänge erleichtert werden, mehr Rad-an-Rad-Duelle möglich sein, das Feld durch einheitliche Technik enger zusammenrücken. So soll es kommen, so haben wir es aber schon in diesem Jahr. Spektakulärer als das Duell Rad an Rad wie zwischen Hamilton und Verstappen in Silverstone kann es nicht kommen, doch der Abflug des Niederländers machte auch deutlich, welches Gefahrenpotenzial bei diesen Zweikämpfen gegeben ist. Keiner machte Platz und jetzt streiten sich die Gegner über die Schuld an dem Crash. Red Bull als Leidtragender war natürlich schnell mit Schuldzuweisungen bei der Hand, Mercedes und Hamilton wehrten sich. Der Engländer wurde von der Renn-Jury als Schuldiger eines Rennunfalls mit zehn Sekunden Zeitstrafe belegt, er hätte innen noch ein paar Zentimeter gehabt, und siegte trotzdem. Das führte zu Hasstiraden bei Red Bull, der Psycho-Krieg war eröffnet.

Die Szenerie hätte sich vielleicht beruhigt, wenn es in Budapest mit einem normalen Rennen weitergegangen wäre. Doch normal ist derzeit nichts in der Formel 1. Im Drehbuch stand diesmal auch Regen, der dann Auslöser für den nächsten Crash war. Leidtragender war wieder Max Verstappen, Auslöser wieder ein Mercedes, diesmal aber Valtteri Bottas. Der Finne crashte und schleudernde Boliden trafen auch Verstappen. Hamilton blieb an der Spitze des Feldes unbehelligt, verlor später durch einen falschen Reifenpoker an Boden und war zwischendurch sogar Letzter, aber Verstappen fühlte sich eher in einem Spielzeugladen als auf einer Rennpiste, er fuhr seine Runden mit einem geklebten Auto. Der TÜV hätte wohl Einwände gehabt. Was aber den bis dahin in der WM-Wertung Führenden am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass er in zwei Rennen 40 Punkte auf den Konkurrenten verlor, in seinen Augen schuldlos. Jetzt führt Lewis Hamilton die WM mit 195 Punkten an vor Verstappen mit 187 und Mercedes hat in der Konstrukteurswertung die Nase vorn mit 303 Punkten vor Red Bull mit 291.

Rachegedanken, Hass und Spannung statt Langeweile – beste PR für die Formel 1. Am 29. August geht es in Belgien weiter, am Wochenende später am 5. September in Zandvoort in den Niederlanden. Zwei Heimspiele für Max Verstappen, zwei Rennen, welche die Spannung noch steigern. Und ausgerechnet jetzt hat sich RTL in Deutschland von den TV-Übertragungen ausgeklinkt. Das Drehbuch war also geheim. Spannung auch, wie die Rennställe die Sommerpause nutzen. Mercedes sah sich im ersten Teil der Saison im Hintertreffen und wollte hier aufholen, obwohl das Augenmerk eher auf das neue Fahrzeug für das nächste Jahr gerichtet ist. Red Bull kündigte an, noch etwas im Köcher zu haben. Lewis Hamilton wiederum will sich in erster Linie erholen, er fühlt sich gesundheitlich angeschlagen nach einer Corona-Erkrankung im Winter, und gestand, mit Nachwirkungen zu kämpfen und fühlt sich müde.

Aber selbst die Chefs der Formel 1 wurden von den Geschehnissen überrollt, denn sie starteten einen Versuch, die Renntage noch interessanter zu machen, indem mit Sprintrennen (die so aber nicht heißen sollen) statt Qualifikation die Startreihenfolge für das Hauptrennen ermittelt wird. Der erste Versuch in Silverstone kann nicht als geglückt bezeichnet werden, zweimal noch, am 12. September in Monza und am 7. November in Brasilien, soll es eine Wiederholung geben. Danach sollte diese Idee wieder in den Schubladen verschwinden.

Eine bessere Rolle als in den letzten Jahren spielt Sebastian Vettel mit Aston Martin, aber das Drehbuch hat für ihn weiterhin eine unglückliche Rolle vorgesehen. In Budapest haderte er sogar mit Platz zwei, weil er an dem führenden Esteban Ocon mit Renault Alpine einfach nicht vorbeikam. Doch selbst Platz zwei war ihm nicht vergönnt, weil er am Ende zu wenig Benzin im Tank hatte. Ein Liter muss es mindestens sein, es war nur ein Pfütze von 0,3 Liter. Für den Deutschen hat das Drehbuch wohl den tragischen Helden vorgesehen. Elf Rennen gibt es noch bis zum Saisonende am 12. Dezember in Abu Dhabi, vielleicht kann Vettel doch noch irgendwo der strahlende Held werden. Wie aber geht es bei Rache und Hass weiter, das ist die wirklich spannende Frage für den Rest der Saison. Sind Crashs an der Tagesordnung?