Lionel Messi war keine goldene Wahl

Ist doch gut, wenn der Fußball auch mal abseits der Stadien etwas zu feiern hat. Der Gala-Abend der Sportzeitschrift France Football wurde danach aber gar nicht feierlich kommentiert, sondern die Vergabe des „Ballon d’Or“, des goldenen Balls, wurde heiß diskutiert. Die Aufregung war international groß und es bleibt das Fazit: Lionel Messi als Sieger war keine goldene Wahl. Die Sympathien gelten eher dem Verlierer, dem Zweiten Robert Lewandowski.

Schon 1956 wurde die Wahl erfunden, zuerst wurde der beste Fußballer Europas geehrt, später wurde der „Ballon d’Or“ für den besten Fußballer der Welt vergeben. Zwischen 2010 und 2015 wurde die Wahl mit der Ehrung der FIFA verbunden, doch jetzt gibt es wieder zwei Ehrungen. Die FIFA zieht im Januar nach, amtierender Weltfußballer ist da Robert Lewandowski! Der Bayern-Torjäger wäre auch 2020 Favorit auf den „Ballon d’Or“ gewesen, schließlich räumte er mit den Bayern alle Pokale ab. Sein Pech, die Wahl fiel wegen Corona aus.

Diesmal wurde gefeiert und diskutiert und sogar geschimpft. Die Bild tönte von einer „Skandal-Wahl“ aber selbst die La Nacional in Argentinien, Messis Heimatland, urteilte „France Football lag falsch“ und der Telegraph in England ging noch weiter „Lewandowski wurde betrogen“. Aber auch die Experten des Spiels waren nicht einverstanden. Toni Kroos sah nicht Messi vorn, sondern seinen Mannschaftskameraden Benzema (er wurde Vierter), Trainer Jürgen Klopp (einst Coach von Lewandowski in Dortmund) hält den Polen für die bessere Wahl, wundert sich aber auch, dass sein Torjäger Mo Salah nicht mehr im Blickpunkt steht. Klopp hält ihn für den derzeit besten Spieler der Welt, der Ägypter wurde aber nur Siebter.

Lag die Jury also falsch? Man darf den Kopf schütteln, denn Messi hatte in den letzten Monaten nicht auf dem Spielfeld für Schlagzeilen gesorgt, sondern mehr durch Vertragsverhandlungen. Erst gab es Knatsch, weil er den FC Barcelona nicht verlassen durfte, dann Theater und Tränen, weil er Barca verlassen musste, weil dort das Geld fehlte. Es waren wohl Krokodilstränen des Argentiniers, denn bei Paris St. Germain stimmt die Kohle wieder. Hätte Messi bei seinem Verein des Herzens das Herz wirklich sprechen lassen und für wenig Geld dort weiter gespielt, dann hätte er ein Argument für die Wahl zum „Weltfußballer des Jahres“ geliefert. So waren die Argumente eher dünn für die Juroren (überwiegend Sportjournalisten), es blieb als Highlight allein der Gewinn der Copa America, als Messi sein Team zum Pokalgewinn führte. Lewandowski kann mit der Nationalelf von Polen keine Meriten gewinnen, aber er traf und traf bei Bayern, löschte den Rekord des großen Gerd Müller aus und war bester Torjäger Europas. Wie hat es Klopp so schön gesagt: „Die Jury hat sich wohl gedacht, einen Messi kann man immer wählen.“

In der Tat scheint sich die Jury wenig Gedanken zu machen, denn seit 2008 holten sich mit einer Ausnahme (2018 Luka Modric, Real Madrid, Kroatien) nur Rekordsieger Messi (jetzt siebenmal) und sein großer Gegenspieler Cristiano Ronaldo (6) den goldenen Ball ab. Lionel Messi, im Glitzeranzug genauso wie seine kleinen Söhne, muss wohl gespürt haben, dass seine Wahl nicht von allen gutgeheißen wird und hat versöhnliche Töne angestimmt. „Du hättest ihn genauso verdient,“ tröstete er Robert Lewandowski und forderte France Football auf, dem Bayern-Star nachträglich noch den goldenen Ball für 2020 zu verleihen, den er zweifellos gewonnen hätte. France Football meldete nun, dass man sich darüber Gedanken machen werde.

Vielleicht war sowieso ein Stück schlechtes Gewissen da, denn erstmals wurde der „Torjäger des Jahres“ geehrt, Sieger natürlich Robert Lewandowski, der also auch die große Bühne betreten durfte. Die anderen Sieger gingen natürlich ein bisschen unter, Donarumma (Paris) wurde als bester Torhüter ausgezeichnet, Chelsea London ist „Mannschaft des Jahres“, weil der Tuchel-Klub die meisten nominierten Spieler stellte. Dazu gesellte sich auch eine Frau, Alexia Putellas vom FC Barcelona bekam den goldenen Ball als beste Spielerin der Welt. Die Wahl der Frauen wurde überhaupt vom FC Barcelona dominiert. Offensichtlich macht sich da das fehlende Geld noch nicht bemerkbar.

Insgesamt zeigen die Wahl und die Diskussionen wieder einmal, dass solche Ehrungen immer ein zweischneidiges Schwert sind, es werden Äpfel mit Birnen verglichen und beim Fußball kommt noch hinzu, dass es eine Mannschaftssportart ist. Die Torjäger stehen im Mittelpunkt, aber alle anderen sind ebenso wichtig, aber sowohl Torhüter, als auch Abwehrrecken oder Mittelfeldstrategen finden selten die nötige Aufmerksamkeit. So landete Jorginho, Champions-League-Sieger mit Chelsea London und Kopf des Europameisters Italien, nur auf Rang drei. Vorher galt der Italiener brasilianischer Abstammung als Hauptkonkurrent Lewandowski bei der Wahl. Aber Lionel Messi kann man halt immer wählen… Und, ist es aufgefallen? Von deutschen Spielern war nicht die Rede und von Cristiano Ronaldo auch nicht!