Nur ein neuer Trainer ist ein Volltreffer

Die Fußball-Bundesliga hat sich in die kürzeste Winterpause aller Zeiten verabschiedet, denn bereits nach drei Wochen, am 7. Januar, geht es weiter. Dies ist der Winter-Weltmeisterschaft im November in Katar geschuldet. Für die Profis gibt es also keine wirkliche Erholung, ein bisschen Generation, für einige heißt es Wunden lecken, andere können fröhliche Weihnachten feiern. Zur Halbzeit der Saison heißt es aber auch Bilanz zu ziehen. Vor allem die Trainer standen im Mittelpunkt, weil gleich eine Rekordzahl von acht Neuen die Arbeit zu Saisonbeginn aufnahm. Nach 17 Spieltagen kann man sagen: Nur ein neuer Trainer ist ein Volltreffer!

Die Antwort fällt nicht schwer, es ist natürlich Julian Nagelsmann, der überraschend reibungslos den erfolgreichen Hansi Flick ablöste. Die hohe Ablösesumme an RB Leipzig hat sich für die Bayern gelohnt, Nagelsmann verpasste dem Meister ein noch offensiveres und erfolgreicheres Konzept, glänzte zudem als Moderator und Krisenmanager. Als in der Impf-Diskussion um Joshua Kimmich und der Katar-Debatte rund um die missglückte Jahreshauptversammlung die Hütte brannte, da zeichnete sich Nagelsmann als bester Feuerwehrmann aus. Man merkt ihm an, dass er seinen Traumplatz gefunden hat und heute träumt er schon davon, dass er die Bayern nicht nur fünf Jahre, sondern doch eigentlich auch zehn Jahre oder mehr trainieren könnte.

Im Moment würde keiner Nein sagen, es läuft bei den Bayern, ein Rekord löst den anderen ab, Ausfälle werden spielend kompensiert, selbst Kimmich und Goretzka wurden kaum vermisst. Da trat der 18jährige Jamal Musiala in ihre Fußstapfen (nach kicker-Noten ist er der beste Feldspieler der Liga vor Nico Schlotterbeck und Robert Lewandowski!) und Ersatzmann Marc Roca spielt wie ein Stammspieler. Nagelsmann hat aus dem Talent Leroy Sané einen Weltklassemann gemacht und Thomas Müller hat seine alte Form wieder gefunden. Er wirkt, als könnte er ebenfalls noch zehn Jahre bei den Bayern spielen!

Die größte Wandlung ist bei Robert Lewandowski festzustellen, erkennbar zum Beispiel beim 4:0 (passend zum 4. Advent) gegen Wolfsburg. Lewandowski machte sich nicht nur selbst glücklich mit dem Tor zum 4:0 kurz vor Schluss, womit er den Jahresrekord von Bomber Gerd Müller aus dem Jahr 1972 mit 43 Treffern auslöschte (bisher 42). Nein, Lewandowski zog sich auch zurück, glänzte als Spielmacher und wenn es hinten brannte, organisierte er bei Freistößen die Abwehr. Die ist zwar immer noch anfällig, aber das Pressing der Offensive ist so stark, dass dies kaum ins Gewicht fällt. Die Bilanz kann sich schließlich sehen lassen, 56:16 Tore, neun Punkte Vorsprung auf „Verfolger“ Borussia Dortmund. In der Vorrunde haben die Bayern nur acht Zähler abgegeben (Niederlagen gegen Frankfurt und Augsburg, Remis in Gladbach), es ist also durchaus verständlich, wenn es heißt, der Titel ist vergeben. Dazu wackelt der Saison-Torrekord, 1971/72 erzielten die Münchner 101 Tore, bei Halbzeit waren es damals 47 – jetzt liegen sie bei 56!

Lewandowski steht allerdings auch im Mittelpunkt nach der Frage für die Zukunft. Sein Vertrag bei den Bayern läuft bis 2023, unglücklich war er, weil er den Ballon d’Or nicht gewann und so bleibt immer offen, ob er sein Glück weiter bei den Bayern sieht oder es noch einmal bei einem anderen Top-Klub versuchen will. Erling Haaland wird als sein möglicher Nachfolger genannt, doch eigentlich passt seine Spielweise, die Körperlichkeit und Schnelligkeit, nicht zum Spiel der Bayern. Aber Haaland lässt die Dortmunder zittern, was seine Zukunft angeht. Kein Geheimnis ist, dass Real Madrid sein Lieblingsverein ist, doch Reals Lieblingsspieler heißt Mbappe (Paris). Da wird es unruhig bleiben.

In der Bundesliga schaut Dortmund ebenfalls wieder einmal in die Röhre. Der neue Trainer Marco Rose konnte nicht wie Nagelsmann in München für Schwung sorgen, er konnte den Borussen keine neue Mentalität einimpfen. Das „mia san mia“ geht den Westfalen ab, sie bleiben weiter zu schwankend in ihren Leistungen. Sind sie nah dran am Titelverteidiger, folgen Rückschläge. Ein Punkt Abstand war es nur vor dem Duell mit den Bayern, innerhalb weniger Spieltage sind es nach der unglücklichen Niederlage neun. Was bleibt, ist der Vizetitel und der Trost vielleicht im Pokal. Ein Volltreffer war Marco Rose also nicht.

Als kleiner König kann sich dagegen Steffen Baumgart in Köln fühlen. Er hat die Diva am Rhein auf Kurs gebracht und selbst Rückschläge so weg moderiert, dass keine Unruhe im Verein aufkam. Platz acht mit Blick auf die Europa-Plätze ist der Lohn beim vorjährigen Abstiegskandidaten, Baumgart ist also zumindest ein Treffer.

Danach schauen die Bilanzen schon zwiespältig aus. Oliver Glasner hatte in Frankfurt anfangs Probleme, jetzt läuft es. Sechs Siege und nur eine Niederlage in den letzten sieben Spielen machen die Eintracht zur Mannschaft der Stunde. Davon träumte auch Gerardo Seoane in Leverkusen, aber zu wankelmütig ist die talentierte Mannschaft. Da fehlt also noch was. So zog am Ende noch der SC Freiburg auf Platz drei vorbei, als die Überraschung der Vorrunde. Da ist sogar der eigenwillige Christian Streich glücklich.

Adi Hütter hatte schon in Frankfurt überzeugt, aber er hat sich in Gladbach wohl noch mehr versprochen, als der Trainerstuhl frei wurde. Jetzt fühlt er sich eher im falschen Film, ist mehr Karfreitag als fröhliches Weihnachten. Die Mannschaft hat höhere Qualität als sie derzeit auf den Platz bringt. Ein Rätsel. Manager Max Eberl wird aber am Trainer festhalten, zumal Hütter sich schon als Krisenmanager bewährte und viel Geld kostete. Aber die Situation im Abstiegskampf ist gefährlich. Nicht glücklich wurden Mark van Bommel in Wolfsburg und Jesse Marsch in Leipzig. Beide Klubs sprachen von ihrem Wunschtrainer, beide hatten auf das falsche Pferd gesetzt. Florian Kohfeldt und Domenico Tedesco sind jetzt mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt, der Erfolg will sich nicht recht einstellen. Besonders gefährlich für Kohfeldt nach sieben Niederlagen in Folge. Das gab es in Wolfsburg noch nie.

Erfreulich und erstaunlich, die vier Trainer der Teams am Tabellenende sitzen momentan scheinbar noch fest im Sattel. Stefan Leitl wurde in Fürth für den Aufstieg gefeiert, jetzt muss er wie der Verein leiden. Frank Kramer hat in Bielefeld noch Kredit, zuletzt ging es aufwärts. Pellegrino Matarazzo litt in Stuttgart vor allem unter Verletzungspech, das Abrutschen auf den Relegationsplatz lässt aber langsam Unruhe aufkommen. Die gibt es immer wieder auch in Augsburg, wo es zumindest ein kleines Erfolgserlebnis gab. Wenigstens ist es zur Halbzeit der rettende 15. Platz, 18 Punkte sind etwa die Hälfte dessen, was man am Ende zum Klassenerhalt braucht. Trotz schwankender Leistungen, eines ständigen Auf und Ab alles also mehr oder weniger im Lot. Das Weihnachtsfest ist zumindest nicht versaut.

In der 2. Bundesliga liegen mit St. Pauli und Darmstadt zwei Überraschungsteams vorne, der Abstand ist mit sechs und fünf Punkten beachtlich. Dahinter drängen sich außer Außenseiter Heidenheim die Traditionsklubs HSV, Schalke, Nürnberg und Bremen – alle wieder erstarkt, alle im Aufwind. Das wird ab dem 14. Januar in der stärksten zweiten Liga aller Zeiten die vielleicht spannendste Rückrunde aller Zeiten. Dann feiert mal schön auf Vorrat fröhliche Weihnachten.

Ein Blick noch auf die Frauen-Bundesliga, die bis zum 4. Februar Winterpause macht. Da hat Corona den Schlager Potsdam – Wolfsburg gestoppt, so stürmte Titelverteidiger Bayern mit einem 2:0 in Bremen vorübergehend an die Spitze. Für Furore sorgten die Frauen (anders als die Männer) aber in der Champions League. Hoffenheim fieselte Arsenal London mit 4:1 ab, die Bayern distanzierten Benfica Lissabon mit 4:0 und genauso siegte Wolfsburg überraschend gegen den Vorjahresfinalisten Chelsea London und wurde sogar Gruppensieger. Damit stehen die Bayern und Wolfsburg im Viertelfinale im März! Ein deutsches Duell blieb ihnen erspart. Wolfsburg hat mit Arsenal sicher das leichtere Los als die Münchnerinnen, die auf den Mitfavoriten Paris St. Germain treffen, der in sechs Gruppenspielen kein einziges Gegentor kassierte!

Es gab aber auch eine unerfreuliche Premiere im deutschen Profi-Fußball. Erstmals wurde ein Spiel wegen Rassismus abgebrochen. Betroffen war die Partie der 3. Liga zwischen Duisburg und Osnabrück, als Gästespieler Opuku rassistisch beleidigt wurde. Der Schiedsrichter brach schließlich ab, da sich Osnabrück und der Spieler nicht im Stande sahen, weiterzuspielen. Andere Zuschauer konnten den Übeltäter identifizieren, er wurde festgenommen. MSV-Präsident Ingo Wald entschuldigte sich, „wir sind alle fassungslos, wie man den Fußball so zerstören und sabotieren kann.“ Keine fröhliche Weihnachten also.

Der Sport-Grantler hofft aber, dass seine Leserinnen und Leser fröhliche und geruhsame Weihnachten feiern können und er hat zwei Wünsche: Bleiben Sie gesund und dem Blog treu.