Handball-EM mit Corona und Wundertüte Deutschland

Ja, Deutschland hat das Zeug dazu Europameister zu werden. Nein, Deutschland ist zu unerfahren und muss bei der Handball-EM erst einmal lernen. Beim Kontinentalturnier vom 13. bis 30. Januar in der Slowakei und Ungarn, dem ersten sportlichen Höhepunkt im neuen Jahr, gibt es viele Fragezeichen, nicht nur um das Abschneiden der DHB-Auswahl. Das größte Fragezeichen stellt Covid-19 zusammen mit dem Ableger Omikron dar, weil das Virus mitspielt. Nicht umsonst sagt mancher Trainer, „Europameister wird, wer die wenigsten Infektionen hat.“ Geht es nach rein sportlichen Kriterien werden vor allem Frankreich, Dänemark, Titelverteidiger Spanien und Norwegen als Favoriten genannt. Auch Ungarn könnte mit dem Heimvorteil (Finalrunde in Budapest) und Zuschauern als Mutmacher überraschen. In Budapest, Debrecen und Szeged dürfen Fans die Hallen füllen, in Bratislava (wo Deutschland spielt) und Kosice ist die Kapazität wegen Corona auf 25 Prozent begrenzt.

Aber was dürfen wir von der deutschen Auswahl erwarten? Die Frage ist eigentlich nicht zu beantworten. Der neue Kapitän Johannes Golla gibt sich optimistisch, „wir können jeden schlagen“, Kollege Timo Kastening glaubt auch, das alles passieren kann, warnt aber: „Wir können in der Vorrunde rausfliegen, wenn wir schon an die Finalrunde denken.“ Gegner in der Vorrunde sind Belarus (Freitag), Österreich (Sonntag) und Polen (Dienstag). In Deutschland übertragen ARD und ZDF die deutschen Spiele, dazu ist Eurosport dabei.

Was kommt also raus bei der Wundertüte Deutschland? Tatsache ist, dass im 19-köpfigen Kader zehn EM-Neulinge dabei sind. Der alte Kader wurde arg gerupft, Kapitän Uwe Gensheimer und Europameister Steffen Weinhold traten nach Olympia in Tokio zurück, Abwehrchef Hendrik Pekeler macht eine längere Pause, Torhüter Johannes Bitter steht nur im Notfall zur Verfügung, Paul Drux und Fabian Wiede sagten wegen Verletzungen ab, Patrick Groetzki aus familiären Gründen und Talent Juri Knorr darf als Ungeimpfter nicht antreten. So müssen es die Jungen richten, Till Klimpke (Wetzlar) soll als zweiter Torwart neben dem erfahrenen Andreas Wolff die alten Gesichter Bitter und Heinevetter ersetzen, der erst 21-jährige Julian Köster (Gummersbach) die Abwehr zusammen halten. Überraschungsmann im Sturm ist Djibril M’Bengue vom FC Porto.

Der Hoffnungsträger schlechthin ist Trainer Alfred Gislason, der 62-jährige Isländer hat gerade seinen Vertrag bis 2024 verlängert, obwohl die deutsche Mannschaft zuletzt eher Enttäuschungen zu verkraften hatte. Jetzt will man auf den Spuren vom Titelgewinn 2016 wandeln, als sich das Team vor dem Turnier auch nichts ausgerechnet hatte und eine Euphoriewelle über Deutschland schwappte. „Auf einmal lief es, klappte alles“, erinnert sich der damalige Finalheld Andreas Wolff (24:17 gegen Spanien). Mehr im Visier hat man allerdings 2024 mit der EM im eigenen Land, da soll Deutschland wirklich um den Titel mitspielen können. Wie man Meisterschaften gewinnt, weiß Gislason, der von 2008 bis 2019 den THW Kiel trainiert hat, dreimal die Champions League gewann, sieben deutsche Meisterschaften holte und fünfmal zum Trainer des Jahres gewählt wurde. Seit 2020 ist der Isländer jetzt Bundestrainer. Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass 2016 beim letzten Titelgewinn mit Dagur Sigurdsson ein Landsmann das Sagen hatte. Davor holte Deutschland 2004 in Slowenien den EM-Titel. Rekordsieger ist Schweden, die Skandinavier gewannen viermal den Pokal (1994, 1998, 2000, 2002).

Die deutsche Gruppe gilt als ausgesprochen ausgeglichen, Gislason sieht vor allem viel Erfahrung als Vorteil bei den Gegnern, die in der Champions League erprobte Asse aufbieten können. Belarus, Österreich und Polen sind zwar schlagbar, aber Deutschland eben eine Wundertüte. Zwei Mannschaften kommen weiter, in der Hauptrunde (wieder in Bratislava) sind die beiden besten Teams der Gruppe E (Spanien, Schweden, Tschechien, Bosnien-Herzegowina) und F (Norwegen, Russland, Slowakei, Litauen) die Gegner. Der Weg ins Halbfinale wird hart. Insgesamt 24 Nationen spielen in sechs Gruppen. Die Hauptrunde wird vom 20. bis 26. Januar ausgetragen, die Finalrunde in Budapest vom 29. bis 30. Januar mit dem Finale am 30. 1. um 18.00 Uhr.

Das deutsche Aufgebot: Tor: Andreas Wolff (Kielce/Pol), Joel Birlehm (Leipzig), Till Klimpke (Wetzlar). – Linksaußen: Marcel Schiller (Göppingen), Lukas Mertens (Magdeburg). – Rückraum links: Julius Kühn (Melsungen), Sebastian Heymann (Göppingen), Julian Köster (Gummersbach). – Rückraum Mitte: Philipp Weber (Magdeburg), Luca Witzke, Simon Ernst (beide Leipzig). – Rückraum rechts: Kai Häfner (Melsungen), Djibril M’Bengue (Porto), Christoph Steinert (Erlangen). – Rechtsaußen: Timo Kastening (Melsungen), Lukas Zerbe (Lemgo). Kreis: Johannes Golla (Flensburg), Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar-Löwen), Patrick Wiencek (Kiel). 16 Mann dürfen für ein Spiel nominiert werden.