Vor 50 Jahren triumphierte die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten

2022 ist ein Jahr der besonderen Erinnerungen bzw. Jubiläen im deutschen Sport. 50 Jahre sind vergangenen seit den grandiosen Olympischen Sommerspielen 1972 in München, die als heitere Spiele begannen und leider mit einem traurigen Terrorakt gegen Israels Team endeten. Vor 50 Jahren triumphierte aber auch die beste deutsche Fußball-Mannschaft aller Zeiten, die manchmal sogar ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, weil alle vor allem den WM-Sieg 1974 im Gedächtnis haben. Aber der Weltmeister spielte keineswegs so gut wie der Europameister. In Erinnerung bleibt aber der 29. April 1972, da gelang der erste deutsche Sieg im Wembley-Stadion von London über England. Die Deutschen, ansonsten als Kraftmeier und Kämpfer verschrien, beeindruckten mit spielerischer Leichtigkeit, allen voran Franz Beckenbauer und Günther Netzer.

Natürlich kann man immer darüber diskutierten, welches die beste deutsche Mannschaft war, Kritiker sagen oft, der Fußball von früher ist mit dem von heute nicht vergleichbar. Der Mythos von der besten Mannschaft aller Zeiten entstand vielleicht auch dadurch, weil der 3:1-Erfolg in Wembley so überraschend kam, er deutete sich im Vorfeld nicht an, Franz Beckenbauer soll sogar orakelt haben „hoffentlich kriegen wir nicht fünf Stück“.

Es war das Viertelfinale der Europameisterschaft 1972, die damals nur ab dem Halbfinale in Turnierform in Belgien ausgetragen wurde. Vorher waren die einzelnen Runden terminlich zerfleddert, zwischendurch gab es sogar Bundesliga-Spieltage. Und gerade vor dem Viertelfinale in England krachte es im deutschen Lager, befanden sich doch die Münchner Stützen in einer Krise. Die Bayern hatten im DFB-Pokal im Hinspiel den 1. FC Köln mit 3:0 geschlagen, am 12. April stand das Rückspiel an, das es damals noch gab, und nach einem hitzigen, harten Gefecht gingen die Bayern mit 1:5 unter! Der Ärger war groß, den Kölnern wurden Tätlichkeiten vorgeworfen, einen Kölner Spieler wollten die Münchner an ihrer Seite im DFB-Team nicht sehen. Zudem war Nationaltorhüter Sepp Maier verletzt.

Bundestrainer Helmut Schön war als Psychologe gefragt, aber die wichtige Spieler wie Weber, Overath und Schnellinger fielen sowieso verletzt aus (auch Vogts). Schon damals stellten die Bayern den Kern des Nationalteams mit der legendären Achse Maier-Beckenbauer-Müller, dazu kamen Schwarzenbeck, Hoeneß und Breitner. Sepp Maier war bis England wieder spielfähig, aber litt noch unter einer Schleimbeutelentzündung, die Arzt und Masseur dem sensiblen Bundestrainer aber verheimlichten. Helmut Schön hätte wohl sonst schlaflose Nächte gehabt. Und weil Overath ausfiel, schlug die Stunde des Gladbachers Günther Netzer, dem Mittelfeldexperten mit den wehenden blonden Haaren. Er vereinbarte mit Beckenbauer auch eine Taktik des Wechselspiels zwischen Libero und Regisseur, das später in den Medien als „Ramba-Zamba“ gefeiert wurde und die Engländer durcheinander brachte. Mit Toren von Hoeneß (25. Minute), Netzer (84. per Elfmeter) und Gerd Müller (88.) siegte Deutschland bei einem Gegentreffer von Lee (77.) mit 3:1.

So sah die Mannschaft aus: Maier – Beckenbauer – Höttges, Schwarzenbeck, Breitner – U. Hoeneß, Netzer, Wimmer – Grabowski, G. Müller, Held.

Halbfinale und Finale wurden dann vom 14. bis 18. Juni in Belgien ausgetragen. Gastgeber Belgien wurde im Halbfinale mit 2:1 geschlagen und im Finale ging es gegen die damalige Sowjetunion, die Ungarn mit 1:0 besiegt hatte. Im Endspiel ließen die Deutschen dem Gegner keine Chance, Gerd Müller traf zweimal (27. + 58.), dazu steuerte der Netzer-Adjudant und Dauerläufer Hacki Wimmer einen Treffer bei. So sah die Endspiel-Elf aus: Maier – Beckenbauer – Höttges, Schwarzenbeck, Breitner – U. Hoeneß, Netzer, Wimmer – Heynckes, G. Müller, E. Kremers. Das war damals noch möglich: Siggi Held fehlte, weil er zur gleichen Zeit mit Kickers Offenbach in der Heimat um den Aufstieg in die Bundesliga kämpfte!

Auffallend, dass bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland dann der kampfstarke Kölner Wolfgang Overath dem „Luftikus“ Netzer im Mittelfeld den Rang ablief. Günther Netzer spielte bei der WM ganze 20 Minuten! Helmut Schön führte Deutschland zwar zum Titelgewinn, aber es holperte im DFB-Team doch gewaltig und zwischendurch kam es sogar intern zum Aufstand. Vor allem eine 0:1-Niederlage gegen die DDR sorgte für Unruhe, aber sie war am Ende sogar hilfreich, rüttelte alle wach und am Ende stand der Titelgewinn nach dem legendären Finale am 7. Juli in München mit dem 2:1 gegen die Niederlande nach Toren von Breitner (25., Elfmeter) und Gerd Müller (43.). Johan Neeskens hatte den favorisierten Gegner bereits in der 2. Minute in Führung gebracht. Deutschland glänzte vor allem durch Willen und Kampfgeist, kam aber nicht an den spielerischen Glanz von 1972 heran. Es war das erste Mal, das eine Nation gleichzeitig die Pokale für Europa- und Weltmeisterschaft in ihren Vitrinen stehen hatte!

Das waren die Weltmeister von 1974: Maier – Beckenbauer – Vogts, Schwarzenbeck, Breitner – Hoeneß, Overath, Bonhof – Grabowski, G. Müller, Hölzenbein.