Jürgen Klopp als Tröster, nicht als Triumphator

Immer wieder wurde Jürgen Klopp damit konfrontiert: Er könne der große Triumphator werden und mit dem FC Liverpool gleich vier Titel holen, was bisher noch keinem Trainer in England gelungen ist. Der deutsche Erfolgstrainer wehrte jeweils ab, „das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit“, zumal das Programm Stress pur bedeutete. Jetzt sieht er sich bestätigt, die Meisterschaft knapp gegen Manchester City und Pep Guardiola um einen Punkt verloren, im Finale der Champions League wieder unterlegen, beim 0:1 gegen Real Madrid zwar Liverpool die bessere Mannschaft, aber Sieger war Real mit Carlo Ancelotti. Klopp bleiben die beiden Pokalsiege im FA Cup und League Cup, gefeiert wurde am Sonntag in Liverpool trotzdem eine tolle Saison und der 54-jährige verspricht den Fans: „Nächstes Jahr greifen wir wieder an.“ Klopp aber hat sein drittes CL-Finale verloren, 2013 mit Dortmund gegen die Bayern (1:2), 2018 mit Liverpool gegen Real Madrid (1:3) und jetzt wieder. In die Siegerliste konnte er es sich dennoch eintragen, als er den Fans der „Reds“ nach langer Leidenszeit 2019 den Henkelpott bescherte (2:0 gegen Tottenham). Eins ist sicher: Liverpool erwartet von Klopp, der seinen Vertrag bis 2026 verlängert hat, weitere Titel!

Der Held im Finale in Paris war kein Trainer oder Stürmer, sondern Real-Torhüter Thibaut Courtois. Der Zwei-Meter-Mann machte das Spiel seines Lebens, zeigte bisher schon in dieser Saison die meisten Paraden aller Torhüter in der Königsklasse und stoppte bei neun Großchancen (so viele wehrte noch nie ein Torhüter in einem Finale ab!) fast allein die gegnerischen Stars Salah, Mané, Luis Diaz oder Alexander-Arnold. Real kam fast nur einmal gefährlich vor das gegnerische Tor, das reichte zum Treffer von Vinicius Junior. Torjäger Benzema spielte diesmal keine Rolle. Reals Triumph kam umso überraschender, da die CL-Saison holprig begann (u. a. 1:2 gegen Sheriff Tiraspol) und vier Niederlagen den Weg ins Finale säumten. Allerdings zeigten die „Königlichen“ in den K.o.-Runden gegen Paris, Chelsea und Manchester City ungeheure Come-Back-Qualitäten.

Nicht Klopp, sondern Carlo Ancelotti hinterlässt Spuren in der Königsklasse. Der 62-jährige Italiener ist einer der erfolgreichsten Trainer Europas, holte als Einziger in den fünf großen Ligen die Meisterschaft, sammelte insgesamt 19 Titel und gewann als Rekord jetzt viermal die CL, schon 2014 mit Real, 2003 und 2007 aber auch mit dem AC Mailand. Aber nicht seine taktischen Leistungen werden gerühmt, sondern sein Umgang mit den Spielern. „Ancelotti behandelt die Spieler wie eine Familie“, lobt Real-Präsident Perez und notfalls übernehmen die Stars die Taktik-Aufgaben. „Er fragt uns nach der Meinung“, freuen sich Toni Kroos und Co. Der Mittelfeldstratege stand selbst auch im Mittelpunkt, er gewann nämlich den Henkelpott jetzt schon zum fünften Mal (Real zum 14. Mal) und ist damit der erfolgreichste deutsche Spieler. Gute Laune hatte er nach dem Spiel zunächst nicht, die Fragen des ZDF-Reporters gefielen ihm nicht, „was sind das für Scheißfragen“, kanzelte er Nils Kaben ab und murrte „typisch deutsch“. Gute Laune hatte er erst danach mit seinen Kindern auf dem Platz. Gute Laune hatte auch David Alaba, der grinste zum Wechsel von Bayern nach Madrid: „Alles richtig gemacht“!

Überschattet wurde das Endspiel von chaotischen Zuständen rund um das Stadion. Laut UEFA hatten Hunderte von Liverpooler Fans versucht, sich mit gefälschten Eintrittskarten Zugang zu verschaffen und hätten die Drehkreuze am Eingang lahmgelegt. Dazu versuchten viele Fans auch ohne Karte über den Zaun ins Stade de France zu gelangen. Die Polizei war offensichtlich überfordert, versuchte die Fans mit Tränengas zurückzudrängen, das Geschehen war am Rande der Massenpanik. Die Bilanz: 238 Verletzte, 105 Festnahmen, Spielbeginn 36 Minuten später. Ein schönes Fußball-Fest sieht anders aus. Krawall gab es auch am Sonntag in Frankreich, als in St. Etienne vermummte Zuschauer als Reaktion darauf, dass ihr Verein gegen Auxerre das Elfmeterschießen verlor und absteigen muss, den Platz stürmten und mit Pyros und Raketen auf Spieler und Polizei losgingen. Die Schattenseiten des Fußballs sind zurück.

Dabei hatte es noch viele Feste gegeben. Am Mittwoch holte sich der AS Rom mit einem 1:0 gegen Feyenoord Rotterdam den Sieg in der Europa Conference League. Die anfangs belächelte drittklassige Konkurrenz wurde für die UEFA zu einem Erfolg, durch prominente Namen gewann sie an Bedeutung. Rom feierte, als hätte es die Champions League gewonnen und Trainer José Mourinho war es auch egal, welchen Pokal er in den Händen hielt, er hatte seinen fünften europäischen Titel gewonnen – ein Rekord! AS Rom war zuletzt 1961 auf Europas Bühnen erfolgreich – siegte im damaligen Messepokal!

Gefeiert wurde auch in Deutschland, genauer in Wolfsburg. Das ist schon Gewohnheitssache, die Wölfinnen gewannen in Köln vor 17.000 Zuschauern wieder den DFB-Pokal mit einem klaren 4:0 gegen Turbine Potsdam und ihr Name wurde seit 2015 immer auf dem Pokal eingraviert. Gefeiert wurde zum Abschied vor allem Torhüterin Almuth Schult, die in neun Jahren Wolfsburg sechs Meisterschaften und acht Pokalsiege gefeiert hat. Dazu gewann sie mit dem VfL 2014 die Champions League, wurde mit Deutschland 2013 Europameister und 2016 Olympiasieger. Jetzt schlägt sie ein neues Kapitel auf, wechselt nach der Europameisterschaft im Juli nach Los Angeles zum Angel City FC, gegründet u. a. von der Schauspielerin Natalie Portman, Eigentümerinnen sind u. a. Tennis-Star Serena Williams, Ski-Star Lindsey Vonn und NBA-Legende Dwyane Wade. Alle haben eins gemeinsam: Sie wollen den Frauensport voranbringen. Almuth Schult hat für 18 Monate unterschrieben, zieht mit Familie um und weiß: „In Deutschland ist das nicht möglich.“

Ukraine kämpft um die WM

Nach all den Festivitäten haben im Fußball die Nationalmannschaften das Wort, in der Nations League wird gespielt und ein noch bedeutenderes Match steht an: Die vom Krieg gebeutelte Ukraine kämpft um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Winter. Im Play-Off-Halbfinale tritt die Ukraine am Mittwoch im altehrwürdigen Hampden Park in Glasgow gegen Schottland an. Es ist das erste offizielle Spiel, seit Putins Russland im Februar die Ukraine überfallen hat.. Die Mannschaft will ein Zeichen setzen, trainiert seit Wochen im westlichen Europa, ist aber außer einem Benefizspiel in Mönchengladbach ohne Spielpraxis. Es ist also wahrlich kein Spiel wie jedes andere.

Die deutsche Nationalmannschaft hatte letzte Woche „Familientrainingslager“ in Marbella (vier Kinder waren dabei), am Wochenende frei und traf sich am Montag in Herzogenaurach zur Vorbereitung auf vier Spiele. Los geht es am Samstag in Bologna gegen Italien. Mehr dazu beim Sport-Grantler noch in dieser Woche.

Aus der Traum im Eishockey

Gefeiert wurde bei der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft nicht. Das Team von Bundestrainer Toni Söderholm war zwar mit Optimismus bei der Weltmeisterschaft in Helsinki und Tampere gestartet, doch die hohen Erwartungen, die die Spieler selbst geschürt hatten, konnten sie nicht erfüllen. Nichts war es mit dem Kampf um die Medaillen, das DEB-Team schied im Viertelfinale mit einer 1:4-Niederlage gegen Tschechien vorzeitig aus. Die erfolgreiche Vorrunde mit fünf Siegen in sieben Spielen hatte wohl geblendet, bzw. es wurde von allen ausgeblendet, dass es noch nie eine so schwache Vorrundengruppe gab. Die Konstellation ergab sich durch den nachträglichen Ausschluss von Russland und Belarus. Etablierte Gegner waren nur Kanada und die Schweiz – gegen beide unterlag Deutschland.

Dennoch, das Auftreten war schon eine Art Werbung für das deutsche Eishockey, doch von Turnier zu Turnier sind die Kräfteverhältnisse im internationalen Eishockey nicht gut einzuschätzen, weil man nie weiß, wie stark jede Mannschaft besetzt ist. Stehen Stars aus der NHL zur Verfügung oder nicht? Insofern nimmt Eishockey eine Sonderstellung ein, Medaillen sind nicht planbar. Deutschland fehlte z. B. Superstar Leon Draisaitl, der will lieber den Stanley Cup gewinnen. Der neue 2. DEB-Vorsitzende für Sport, Ex-Nationalspieler Andreas Niederberger, prophezeit allerdings: „Irgendwann wird der Tag kommen für eine Medaille, wir sind auf dem richtigen Weg.“ In den letzten 30 Jahren hat Deutschland 13 Mal im Viertelfinale gestanden, nur zweimal im Halbfinale und keine WM-Medaille gewonnen – dies ist der Ausgangspunkt.

In Finnland war am Sonntag die Stimmung mindestens ebenso gut wie in Madrid. Den Eishockey-Stars gelang gegen Kanada mit einem 4:3 nach Verlängerung die Revanche für die Niederlage im Vorjahr. Als Olympiasieger und Weltmeister halten sie somit das seltene Double. Da wird sich auch Toni Söderholm als Finne ein bisschen gefreut haben.