Die Spiele der Wahrheit

Man glaubt es kaum: Die bei der Einführung kritisierte Nations League wird plötzlich zu einem attraktiven Wettbewerb. Wortführer dieser Wende ist DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff: „International ist die Nations League enorm wichtig. Sie hat an Bedeutung und Prestige gewonnen, es ist ein interessanter Wettbewerb, der für uns unter mehreren Aspekten wichtig ist.“ Na ja, vielleicht will er auch nur Zuschauer locken. In diesem Jahr heißt es aber im Sommer Nations League statt Weltmeisterschaft, die bekanntlich diesmal im Winter in Katar stattfindet.

So machen viele Trainer aus einem einst unbeliebten Wettbewerb einen wertvollen Härtetest. Dies gilt vor allem für Bundestrainer Hansi Flick, der trotz einer Erfolgsserie in der WM-Qualifikation endlich sehen will, wie stark seine Mannschaft wirklich ist. Siege über zweitklassige Gegner können nämlich blenden. Und so werden die vier Begegnungen in der Nations League gegen Italien (am Samstag in Bologna und am 14. Juni), England (7. Juni) und Ungarn (11. Juni) zu Spielen der Wahrheit. Flick will wissen, wer seiner Schützlinge wirklich das Zeug zur WM-Teilnahme hat.

Entsprechend muss der Bundestrainer auch keine Angst haben, dass sich seine Kandidaten hängen lassen. Keiner ist mit Belgiens Star Kevin de Bruyne auf einer Linie, der sagt, „die Nations League interessiert mich nicht“. Im DFB-Team werden in den nächsten Spiele die Plätze vergeben und Hansi Flick schürt den Wettbewerb: „Keiner darf sich sicher sein“. Sicher ist sich der Bundestrainer nur, dass er an seinem erprobten 4-2-3-1-System festhalten will und er fragt, „warum soll ich eine Offensivkraft für einen Innenverteidiger opfern?“ Was nicht heißt, dass er doch einmal umstellt…

Aber seine WM-Kandidaten können sich darauf einstellen, um welche Positionen es geht. Eigentlich hat nur einer seinen Platz sicher, nämlich Kapitän Manuel Neuer im Tor. Marc-Andre ter Stegen bleibt Zweiter und darf sich jetzt sogar ausruhen, Europa-League-Held Kevin Trapp und Hoffenheims Oliver Baumann sind diesmal seine Vertreter. Es gibt natürlich einige Favoriten, so Niklas Süle und Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung, das Mittelfeld-Duo Joshua Kimmich und Leon Goretzka, dazu die Bayern-Dreier-Reihe davor mit Gnabry-Müller-Sané. Schwächen könnte die Konkurrenz sofort ausnutzen, schließlich drängen mit Kai Havertz und Ilkay Gündogan Spieler in die erste Elf, die internationale Bewährungsproben in ihren Vereinen in England bestanden haben. Bayern-Youngster Jamal Musiala ist auf vielen Positionen einsetzbar und immer für eine Einwechslung gut und vergessen wir nicht, dass Flick in Katar wohl auch auf Leverkusens Talent Florian Wirtz bauen kann.

Die größten Fragezeichen gibt es bei den Außenverteidigern und beim Mittelstürmer, wo Timo Werner von Flick gestützt wird, aber nicht schwächeln darf, Lukas Nmecha und Karim Adeyemi sind mit unterschiedlichen Spielanlagen adäquate Vertreter. Auf den Außenbahnen aber heißt die Frage defensiv oder offensiv. Mit Thilo Kehrer meldet hier noch ein Flick-Schützling Ansprüche an, wenn es um die Defensive geht. Die offensiven Varianten heißen Jonas Hofmann und David Raum, der Flankenkönig der Bundesliga. Im Hintergrund lauern Benjamin Henrichs und Lukas Klostermann als solide Vertreter und ohne besondere Stärken in Offensive und Defensive.

26 Spieler hat der Bundestrainer für die Nations League nominiert, Marco Reus fehlt vorerst wegen Erkrankung. 23 werden im November nach Katar fliegen können, jetzt gilt es für einige, sich auch im Training anzubieten. Hansi Flick betont, dass die Tür (natürlich) geöffnet bleibt, diesmal sind u. a. Matthias Ginter, Christian Günter, Robin Goosens, Florian Neuhaus und Emre Can nicht dabei, andere wie Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah, Julian Brandt oder Anton Stach dürfen sich dagegen zeigen. Die Nations League kann für sie zum Sprungbrett werden. Im Zweifelsfall hat der Kandidat einen Vorteil, der auf mehreren Positionen einsetzbar ist.

Die Frage ist, ob Italien wirklich zum Härtetest wird, schließlich findet die WM ohne sie statt. Auch die Generalprobe ging verloren, im „Finalissima“, dem Duell zwischen Europameister und Südamerika-Champion unterlag Italien Gegner Argentinien (mit einem starken Messi) mit 0:3. Traurig war vor allem Abwehrikone Chiellini, der sich mit diesem Spiel aus der Nationalmannschaft verabschiedet hat. Deutschland so stark wie Argentinien, da liegt die Messlatte hoch. Aber wie ist der Tipp von „Dauerschwätzer“ Lothar Matthäus: „Deutschland zählt zu den WM-Favoriten.“ Wenn er da nicht zu voreilig ist. Warten wir erst mal die Spiele der Wahrheit ab!