Hansi Flick und die halbe Wahrheit

Als „Die Spiele der Wahrheit“ hat der Sport-Grantler den Viererpack der Nations League für die Fußball-Nationalmannschaft und Hansi Flick ausgerufen. Jetzt haben wir Halbzeit und der Bundestrainer wird mit einer geteilten Gefühlswelt leben müssen. Da die Erkenntnisse über einzelne Spieler mit Höhen und Tiefen, dort die bittere Tatsache, dass bis zur absoluten Weltspitze noch ein ganzes Stückchen fehlt. Hansi Flick bleibt als Bundestrainer zwar weiter ungeschlagen, aber ein Sieg gegen einen sogenannten Großen gelang immer noch nicht, da ist das 1:1 das Standard-Ergebnis. Nach dem 1:1 gegen die Niederlande diesmal ein 1:1 gegen Italien und eins gegen England. Kein Erfolgserlebnis also, aber zumindest die erfreuliche Erkenntnis, dass es aufwärts geht.

Genauso zwiespältig wie sich der Bundestrainer fühlen muss, ist die Beobachtung der Spiele in der Nations League. Da Nationen, die mit vollem Ehrgeiz zu Werke gehen, dort Trainer, die vor allem ihren Kader sichten wollen, kein Ernstfall, sondern Tests. Bezeichnend Italien, als Coach Roberto Mancini nach dem WM-Aus und dem 0:3 gegen Argentinien gegen Deutschland eine fast völlig neue und junge Elf aufstellte. Ähnlich Hansi Flick, der gegenüber dem Remis gegen Italien mit sieben Änderungen gegen England aufwartete. Und die Engländer selbst, die waren bei der Niederlage in Ungarn lustlos, gegen den alten Rivalen Deutschland natürlich voller Ehrgeiz. Fazit: Das 1:1 gegen England zählt mehr als das 1:1 gegen die „Junioren“ Italiens. Jetzt stehen noch die Spiele in Ungarn und das Rückspiel gegen Italien aus. Es wird Zeit für einen Sieg, trotz aller Experimente.

Hansi Flick hat aber sicherlich schon einige Erkenntnisse gewinnen können. Kein Wunder, dass auf Manuel Neuer Verlass ist, dies bewies er gegen die Engländer mit Weltklasseparaden. Gegen England stellten auf den Außenbahnen Lukas Klostermann und David Raum defensiv, sowie Jonas Hofmann und Jamal Musiala offensiv ihre Konkurrenten aus dem Italien-Spiel in den Schatten. Benjamin Henrichs und Thilo Kehrer sowie Serge Gnabry und Leroy Sané konnten da keineswegs überzeugen. Vor allem die linke Seite mit Raum und Musiala sorgte für die Belebung, die Flick gegen Italien vermisst hatte.

In der Abwehr scheint Antonio Rüdiger der Platzhirsch zu sein, neben ihm streiten Routinier Niklas Süle und Jungspund Nico Schlotterbeck um den Platz. Er könnte dem Noch-Freiburger (und Bald-Dortmunder) gehören, wenn er zuverlässiger wird. Immer wieder streut er Schlampigkeiten ein, der Elfmeter gegen Kane kann ihm allerdings kaum angelastet werden, der war hart. Und Kane nutzte ihn sogar, die Engländer können also doch Elfmeter schießen. Schlotterbeck verursachte aber schon den zweiten Elfer im dritten Spiel. Dennoch lobt Flick: „Er ist eine Bereicherung.“

Im Mittelfeld ist Leon Gorotzka dabei, seine gefühlte Stammposition neben Joshua Kimmich zu verspielen, mit Ilkay Gündogan kam mehr Sicherheit ins Team und je nach Gegner wäre ja auch Musiala eine Option. Gegen Italien zeigte sich übrigens, dass der Bayern-Block (sieben Akteure) da weiter machte wie vorher in der Bundesliga: Die Meister-Spieler konnten nicht überzeugen! Vor allem Gnabry und Sané blieben blass (Sané spielte sich fast aus dem Team, wenn nicht Flick auf sein großes Talent bauen würde), aber auch Thomas Müller irrte eher orientierungslos herum, als dass er der Mannschaft Halt gab. Und ganz vorne hat Flick auch ein Problem, egal ob Timo Werner als Mittelstürmer oder Kai Havertz, ein echter Torjäger fehlt. Da spricht viel dafür, dass vor allem gegen Ungarn Lukas Nmecha oder Karim Adeyemi ihre Chance bekommen. Ohne echten Torjäger wird es öfters ein 1:1 geben…

Positiv aufgefallen ist die Stimmung rund um die Mannschaft und im Team selbst. Die Spieler lobten und pushten sich gegenseitig, das lässt auf ein gutes Betriebsklima schließen, wie es von den Akteuren betont wird. Das färbt auch nach außen ab, die Allianz Arena war ausverkauft (viell. weil der DFB beim Sport-Grantler auf den Ticketkauf hinwies?), im Fernsehen sahen fast neun Millionen Zuschauer zu (das ZDF lockt mehr Zuschauer als RTL!).

Nach den restlichen zwei Spielen des Viererpacks am Samstag in Budapest gegen Ungarn und am Dienstag in Mönchengladbach gegen Italien will der Bundestrainer also einigermaßen Klarheit haben. Die heiße Phase beginnt aber erst im September, dann gibt es am 23. und 26. September die beiden restlichen Gruppenspiele gegen Ungarn und England. „Dann geht es um den Feinschliff“, kündigt Hansi Flick schon jetzt an, heißt also, der WM-Kader ist dann schon ziemlich konkret. Unwägbarkeiten gibt es aber noch viele, vor allem, wie es mit der Belastung der Spieler aussieht. Zwischen Ende Juli und Mitte November stehen für die Spitzenspieler etwa 25 Spiele in 15 Wochen an, Verletzungen sind fast schon vorprogrammiert, die Belastungssteuerung wird vor allem in den Vereinen wichtig sein. Hansi Flick kann fast ohne Einflussnahme nur auf die richtigen Dosierungen hoffen. Und dann muss er selbst entscheiden, wer fit ist und wer ins Team passt für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft in Katar. Zumindest das Halbfinale ist schließlich im Visier.