Auch ohne Titel: Fußball-Frauen müssen die Begeisterung nutzen

Deutschland hat eine neue Lieblings-Mannschaft: Die deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen! 17,9 Millionen Zuschauer saßen am Sonntag an den Bildschirmen, um das Endspiel der Europameisterschaft gegen England zu sehen, 64,8 Prozent betrug der Marktanteil, fast zwei Drittel wollten die glorreichen Frauen sehen. Das Happy End blieb leider aus, England siegte mit 2:1, nichts war es mit dem neunten EM-Titel für Deutschland. Und doch war das DFB-Team bei der Europameisterschaft ein großer Sieger. Die Mädchen begeisterten mit ihrem Spiel und ihrem Auftreten, sie stahlen den Männern die Show, England wird die WM im November/Dezember in Katar in punkto Begeisterung schlagen. Doch jetzt kommt eine große Aufgabe auf den Verband, die Vereine und alle Funktionäre zu: Sie müssen die Begeisterung nutzen, der Frauen-Fußball muss endgültig aus einem Schattendasein mit nur etwa 1000 Zuschauern bei den Bundesligaspielen geführt werden.

Mit einem Titel wäre es vielleicht noch leichter gewesen, doch ausgerechnet im Finale verließ das Glück das DFB-Team. So war es eine entscheidende Schwächung, dass sich ausgerechnet die Kapitänin Alexandra Popp beim Aufwärmen verletzte und nicht einsatzbereit war. Sie hatte die Mannschaft mit ihrer Wucht und sechs Toren maßgeblich ins Finale gebracht, so fehlte eine Antreiberin. Und dann die 26. Minute: Ein Handspiel von Englands Kapitän Leah Williamson vor dem eigenen Tor wurde weder von der schwachen Schiedsrichterin noch vom Video-SR geahndet. Parallelen zu 1966 und dem berühmten Wembley-Tor kamen hoch. Dazu kam, dass es die Deutschen nicht schafften, den Ball in einer entscheidenden Szene über die Linie zu stochern, wohl aber die Engländerinnen durch Maggie Kelly in der 111. Minute der Verlängerung nach einem Eckball. Die „Lionesses“ (Löwinnen), wie die Engländerinnen genannt werden, feierten am Ende überglücklich, die deutschen Mädchen sanken in einem Strom von Tränen traurig zu Boden. Nicht einmal Lena Oberdorf brachte ein Lächeln zuwege, obwohl sie zur besten jungen Spielerin gekürt wurde.

Für England ging eine Ära des Schmachs zu Ende. Seit 1966 gelang keiner englischen Nationalmannschaft mehr ein Titelgewinn bei EM oder WM, bis jetzt die Frauen kamen. Und oft stand ihnen Deutschland im Wege, auch bei den Frauen – das ist jetzt alles vorbei! Englands Frauen-Fußball hat einen langen Weg der Entwicklung erfolgreich abgeschlossen, Verband und Vereine haben die Frauen unterstützt, die reichen Klubs der Premier League, vor allem Manchester City, Chelsea und Arsenal London, haben in den Frauen-Fußball investiert. Zur Nationalmannschaft kam mit der Holländerin Sarina Wiegman eine erfahrene Trainerin, die bei der letzten EM 2017 die Niederlande zum Titel führte. Mit England ist sie seit ihrem Amtsantritt im September 2021 ungeschlagen. Das löste auch Begeisterung in England aus, auch dort sahen noch nie so viele Zuschauer den Frauen am Fernsehen zu, über 17 Millionen bei BBC. Aber auch weltweit brach die EM alle Einschaltrekorde im Frauen-Fußball.

England muss jetzt Vorbild für Deutschland sein. Nicht, dass die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg abgelöst werden muss, sie hat erfolgreich gearbeitet und sie hatte schon im Vorfeld gesagt, dass die Entwicklung der jungen Mannschaft noch nicht abgeschlossen sei. Im Visier ist die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Australien und Neuseeland. Voss-Tecklenburg würde ihren Vertrag, der bis dahin läuft, gern vorzeitig bis 2027 verlängern. Sie hat es sich verdient.

Wichtiger aber noch ist, dass die Weichen dafür gestellt werden, dass die Mädchen mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Acht EM-Titel verpufften bekanntlich ohne nennenswerte Aufwärtsentwicklung. Da müssen vor allem auch die Medien mithelfen, die jetzt oft scheinheilig urteilen, dass die Frauen mehr Aufmerksamkeit verdient haben, den Frauen-Fußball aber als fünftes Rad am Wagen sehen. Auch hier muss es Gleichberechtigung mit den Männern geben, die manche auch beim Geld fordern. Doch das ist utopisch, denn die Frauen-Teams können dieses Geld nicht einspielen. 30.000 Euro Prämien sollen jetzt für die Finalteilnahme ausgezahlt werden.

Wir werden sehen, ob es Fortschritte schon in der kommenden Bundesliga-Saison gibt, die am 16. September mit dem Eröffnungsspiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München in der großen Arena, dem Deutsche-Bank-Park, beginnt. Die Pause ist kurz, davor gibt es nämlich sogar noch zwei Länderspiele, leider nicht in Deutschland, sondern in der WM-Qualifikation am 3. September in der Türkei und am 6. September in Bulgarien. Deutschland ist Tabellenführer und braucht noch einen Sieg, um zur WM zu fliegen. Die Terminierung zu Beginn der Saison ist allerdings sportlich seltsam und typisch für den Frauen-Fußball. Bei den Auftritten in Deutschland muss es künftig aber auch attraktive Anfangszeiten (bisher meist am Nachmittag) und TV-Übertragungen geben.

Erster Titel für die Bayern

Wer hätte das gedacht, im Schatten der Frauen-EM läutete die Männer-Bundesliga die neue Saison ein. Traditionell mit dem Supercup, mit dem Duell Pokalsieger gegen Meister. Wie meist, ging auch diesmal Bayern München als Sieger vom Platz. Als wollten die Männer zeigen, dass sie wie die Frauen tollen Fußball bieten können, zeigten zuerst die Bayern, dann auch Leipzig ein unterhaltsames Spiel. So lange die Füße trugen nach einer nur kurzen Vorbereitung, zeigten die Münchner, welch flotten Fußball sie künftig zu spielen gedenken, Leipzig schaute fast schon konsterniert zu, vor allem der junge Jamal Musiala und Neuzugang Mané sorgten für Furore. Nach dem 1:4 wachte RB auf und es wurde ein Final-Torreigen wie noch nie. Doch den Titel ließ sich der Meister nicht mehr nehmen, das 5:3 deutet an, welche Sturmkraft die Bayern haben, die Gegentore wiederum weisen auf alte Schwächen hin.

Leipzig gewann nicht auf dem Feld, aber bei den Verpflichtungen. Nach dem verlorenen Finale wurde Verstärkung an Land gezogen, für rund 30 Millionen kommt Nationalspieler David Raum von der TSG Hoffenheim. Mittelfeldspieler Konrad Laimer soll zudem gehalten werden und erst 2023 zu den Bayern wechseln. Außerdem baggert Leipzig an der Rückkehr von Torjäger Timo Werner, der ja bei Chelsea London nicht glücklich wurde, damit RB wirklich als ernsthafter Anwärter für den Titelkampf gilt.

Einen Sieger hatte Leipzig übrigens doch. Vor dem neuen Spieljahr wurden die Besten der letzten Saison gewählt. Der kicker ruft dazu die Sportjournalisten auf. Als bester Spieler wurde Christopher Nkunku (Leipzig) vor Robert Lewandowski (Bayern) und Kevin Trapp (Frankfurt) gewählt, als bester Trainer Christian Streich vom SC Freiburg gekürt (vor Oliver Glasner, Frankfurt, und Steffen Baumgart, Köln). Beste Spielerin wurde Bayerns Torjägerin Lea Schüller vor Alexandra Popp. Schade, dass sich Schüller nicht mit noch einem Titel belohnen konnte.

Favoritenstürze im Pokal

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze heißt es, dies wurde gleich wieder in der ersten Runde 22/23 deutlich. Wie im Vorjahr erwischte es drei Bundesligisten (ohne Montagspiele), für Bayer Leverkusen und den 1. FC Köln gab es einen „doppelten Rheinfall“ (kicker). In Leverkusen brannte nach dem 3:4 beim Drittligisten SV Elversberg gleich die Hütte, den jungen Spielern wurde mangelnde Konzentration und Überheblichkeit vorgeworfen. Ist diese Niederlage ein Alarmsignal Richtung Bundesliga oder der Beweis, dass Leverkusen doch kein ernsthafter Bayern-Konkurrent sein kann? Fast könnte man sagen, die Antwort gibt es am Samstag im Duell mit Borussia Dortmund, das beim 3:0-Sieg bei 1860 München erfrischenden Fußball zeigte.

Der 1. FC Köln erlebte bei Jahn Regensburg beim 3:4 (nach 120 Minuten 2:2) im Elfmeterschießen ein Deja-vu, denn schon einmal schieden die Rheinländer mit diesem Ergebnis in Regensburg aus. Jetzt beklagt der finanziell klamme Verein vor allem die fehlenden Einnahmen. Auch hier die Frage: Wird es nach dem Höhenflug im letzten Jahr jetzt eine schwierige Saison? Gleiches erlebte Hertha BSC Berlin mit Eintracht Braunschweig, alle Hoffnungen auf Besserung erhielten mit der Niederlage beim Zweitliga-Neuling einen Dämpfer. Nach dem furiosen 4:4 siegte Braunschweig im Elfmeterschießen mit 6:5. Schon 2004 und 2020 hatte Braunschweig die Hertha ausgeschaltet. Die Berliner werden sich wohl wieder auf einen Abstiegskampf einrichten müssen.

Zur neuen Saison der Bundesliga, die bekanntlich am Freitag mit dem Spiel Eintracht Frankfurt – Bayern München beginnt, gibt es im Laufe der Woche noch einen eigenen Blog mit allen Hintergründen.