Die Joker spielen heute eine Hauptrolle

Die Zahl der Spielerwechsel im Fußball von drei auf fünf zu erhöhen, war der Corona-Pandemie geschuldet, der Zeitplan wurde enger, die Belastungen größer, also sollten die Akteure eher geschützt und Verletzungen vermieden werden. Allerdings verbesserten sich auch die taktischen Möglichkeiten der Trainer. Die fünf Spielerwechsel wurden beibehalten und inzwischen tragen sie zur Steigerung des Unterhaltungswertes bei. Die Trainer haben immer noch ein Ass im Ärmel, die Joker spielen heute in der Fußball-Bundesliga eine Hauptrolle.

Ein besonders typisches Beispiel in diesen Tagen ist Borussia Dortmund. Vor einer Woche beim 3:1-Sieg in Freiburg war Trainer Edin Terzic der Held, er wechselte mit Bynoe-Gittens, Moukoko und Wolf den Sieg ein, alle drei trafen. Einmal Himmel, einmal Hölle. Beim 2:3 gegen Bremen schaute Terzic dumm aus der Wäsche, sein Gegenüber Ole Werner wechselte diesmal den Sieg ein: Buchanan, Schmidt und Burke kamen und trafen. Die Unterhaltung wurde allerdings auf die Spitze getrieben, da Werder bis zur 89. Minute 0:2 zurücklag und innerhalb von sechs Minuten die Wende schaffte. „Brutal dämlich“ fand das Terzic. Das hatte es in 60 Jahren Bundesliga auch noch nie gegeben, dass eine Mannschaft so spät noch eine 2:0-Führung aus der Hand gab. Fußball-Statistiker haben übrigens festgestellt, dass Werder das erste Team von allen fünf Top-Ligen Europas ist, das in den letzten 13 Spieljahren mit zwei oder mehr Toren zurücklag und noch gewann. In 8529 Fällen gab es 8511 Niederlagen und 18 Remis!

Für die Borussia natürlich besonders ärgerlich, weil sie gut in die neue Saison gestartet war und endlich wirklich zum echten Bayern-Konkurrenten werden wollte. Das schaut jetzt nicht danach aus, wieder ein Rückschlag, der vermeidbar schien, ein Dilemma, das Dortmund immer wieder erlebt. Die Bayern dagegen marschieren und auch bei ihnen stachen Joker. Diesmal in Form neuer Spieler, die ihr Saison-Debüt in der Startelf feierten und prompt die ersten drei Tore beim 7:0 in Bochum erzielten. Vor allem Coman und Sané sprühten vor Spiellaune, de Light wirkte sicher und führte sich mit einem Treffer gut ein. Und die Bayern feierten wieder Rekorde, drei Siege zum Start und eine Tordifferenz von plus 14 gab es noch nie (bisher Dortmund und Bayern +10), 15 Treffer sind ebenso Rekord (bisher der VfB 14) wie elf Tore in der ersten Halbzeit. Erstaunlich: Bisher hielt ausgerechnet Bochum mit acht Toren in der Saison 2002/03 den Rekord. Jetzt lecken sie eher ihre Wunden, stürzten sie doch ans Tabellenende. In der letzten Saison hatten sie die Bayern noch mit 4:2 überraschend geschlagen.

Doch die Bayern 22/23 sind derzeit anders, schwungvoller, mit viel Elan, unberechenbar. Ohne Torjäger Robert Lewandowski wurden sie offensichtlich nicht schlechter, sondern besser und schneller. Bezeichnend die Äußerung von Trainer Julian Nagelsmann: „In der Mannschaft steckt Energie, gute Stimmung, da gönnt jeder jedem alles. Das war letztes Jahr nicht immer so.“ Ein deutlicher Seitenhieb auf Lewandowski, der die Hauptrolle für sich beanspruchte, der Torjäger gilt als Egoist. Ein besonderer Fall ist auch Leroy Sané, ein Stimmungsmensch. „Er ist einer der besten Spieler Europas“, lobt Nagelsmann, mit der Einschränkung, „wenn er 100 Prozent Bock hat.“ In Bochum war es so, bei Coman auch. Und jetzt folgt wohl die erste echte Prüfung im Schlagerspiel am Samstag (18.30 Uhr) gegen den Zweiten Borussia Mönchengladbach. Ja, Gladbach, nicht Dortmund. Die andere Borussia zeigt unter dem neuen Trainer Daniel Farke alten Schwung. Nagelsmann kann unter den formstarken Musiala, Gnabry und Coman sowie Sané wählen. Wahrscheinlich macht er vorher einen Stimmungstest.

Angst vor einer CL-Pleite

Es sieht fast wieder so aus, als sollte die Konkurrenz den Bayern freiwillig den Weg zum Alleingang freimachen. Neben Dortmund schwächeln auch die auserkorenen Herausforderer Leipzig und Leverkusen. Zwei starke Kader, aber beide Teams noch ohne Sieg, Leverkusen sogar ohne Punkt, bei beiden wird gerätselt. Im letzten Jahr erfolgreich, plötzlich Sand im Getriebe. Die Trainer Domenico Tedesco und Gerardo Seoane stehen angeblich noch nicht zur Debatte, aber eine Wende muss her. Leipzig verlor zum vierten Mal in Folge gegen Union Berlin mit 1:2, Leverkusen konnte mit einer 0:3-Niederlage gegen Hoffenheim sogar das Schlusslicht abgeben (weil Bochum durch das 0:7 noch abrutschte). Wie gerne wäre Bayer jetzt Vizekusen, nun also eher Abstiegskusen oder doch Vizekusen, nämlich als Zweiter von unten… Leipzig sollte jetzt zu Hause gegen Wolfsburg den ersten Sieg einfahren, Leverkusen in Mainz zu alter Form finden. Ob es gelingt?

Nimmt man noch Eintracht Frankturt hinzu, das als Sieger der Europa League in der Champions League starten darf und sogar in Topf eins gesetzt ist, dann wird einem – mit Ausnahme der Bayern natürlich – vor der nächsten CL-Saison Angst und Bange. Die steht nämlich vor der Tür, am Donnerstag, 25. August (ab 18.00 Uhr), erfolgt die Auslosung bei der UEFA. Start der Gruppenphase ist am 6./7. September, weitere Spieltage sind am 13./14. September, 4./5., 11./13. und 25./26. Oktober sowie am 1./2. November. Freie Tagen werden für die besten Mannschaften also selten, für Leipzig und Bayern gibt es sowieso die letzte Woche ohne Spiele, weil sie am 30. und 31. August ihre DFB-Pokalspiele nachholen müssen. Die zweite Runde wird dann am 18./19. Oktober ausgetragen. Mit München, Dortmund, Leipzig, Leverkusen und Frankfurt fünf Bundesligisten in der Champions League, das sieht nach einer tollen Liga aus, doch die Leistungen sagen etwas anderes. Vielleicht kommt die gute Form noch…

Begeisternden Fußball wie ihn die Frauen-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft zeigte, sehen wir bei den Männern bisher oft nicht. Die Medien forderten, dass der Frauen-Fußball mehr in den Blickpunkt gerückt werden muss. Doch folgen Taten? Der Sport-Grantler hatte schon immer ein Herz für die Frauen, deshalb hier Informationen, die seine Leser in ihren Tageszeitungen wohl nicht finden: Die befürchtete Pleite der Männer gab es leider bei den Frauen bereits, denn Eintracht Frankfurt musste als Bundesliga-Dritter in eine Qualifikation der Champions League und unterlag dabei in Runde zwei gegen Ajax Amsterdam mit 1:2. Pech: Das entscheidende Tor fiel in der Nachspielzeit durch einen Fallrückzieher von Eshly Bakker aus rund zwölf Metern. Ein Traumtor, leider das Aus! Nächste große Aufgabe ist der Bundesliga-Start gegen Bayern München am 16. September. Die Bayern-Mädchen zeigten sich schon besser in Form, sie gewannen in Toulouse ein Turnier mit Siegen von 1:0 gegen den FC Barcelona und 3:0 im Finale gegen Manchester United! Die Tore erzielten Klara Bühl, Lina Magull und Saki Kumagai. Am Freitag testen die Bayern-Girls gegen Atletico Madrid.

Ein großer Erfolg waren die European Championships München 2022, als neun Sportarten in der ganzen Stadt und drumherum ihre Europameisterschaften austrugen. Begeisternde Stimmung, rund 1,5 Millionen Besucher und großartigen Leistungen werden in Erinnerung bleiben. Am Freitag, 26. August, vor 50 Jahren begannen die Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Mehr zu beiden Veranstaltungen in einem weiteren Blog in dieser Woche.