Stress-Test vor den Stress-Monaten

Die Fußball-Bundesliga hatte einen guten Start in die neue Saison. Die ersten vier Spieltage brachten begeisternden Fußball, tolle Aufholjagden und viel Spannung. Aber jetzt geht es erst richtig los. Die Fußball-Fans kommen in den nächsten Monaten auf ihre Kosten, allerdings könnte schon bis zur Weltmeisterschaft im November/Dezember ein hoher Grad an Sättigung eintreten. Quasi jeden Tag Fußball, das ist selbst für die Harten unverdaulich.

Den ersten Stress-Test vor den Stress-Monaten gab es bereits in diesen Tagen. Der FC Bayern wurde von Gladbach gestresst, musste an seine Grenzen gehen und rettete gerade noch ein Pünktchen beim 1:1, weil sich vor allem Torhüter Yann Sommer (Rekord mit 19 Paraden) und seine Vorderleute sich als Gladbach-Wand gegen eine Niederlage stemmten. Eigentlich wäre Erholung nötig, ein bisschen gab es die beim vereinsinternen Familienfest am Sonntag, aber jetzt geht es Schlag auf Schlag weiter. Am Mittwoch wird die Pokalpartie bei Viktoria Köln nachgeholt, danach gibt es bis Ende September und dann im Oktober und anfangs November fast jede Woche Champions League (CL). Den ersten Stress-Test hat auch der 1. FC Köln hinter sich, der in die Qualifikation zur Conference League musste und den Test in Ungarn bestand. Köln spielt jetzt am 8. September in Nizza (Trainer Lucien Favre), außerdem gegen Partizan Belgrad und FC Slovacko. In der Europa League sind Union Berlin (Gegner Saint-Gilloise, Sporting Braga und Malmö FF) und der SC Freiburg (Qarabag Agdam, Olympiakos Piräus, FC Nantes) gefordert. Willkommen in den Stress-Monaten.

Für den Stress sorgt die WM, das Europa-Programm musste deshalb verdichtet werden. Die Spieler stöhnen, die Trainer schimpfen. Vor-Grantler ist Jürgen Klopp, der nicht müde wird, das unzumutbare Programm anzuprangern, wobei die Engländer quasi gar keine Erholungspausen bekommen. Er bringt es auf den Punkt: „Die Besten sollten nicht alle drei Tage auf dem Feld sein müssen, weil das der Körper einfach nicht mitmacht. Wohin das führt? Gegen die Wand. Es können nicht ständig neue Wettbewerben erfunden werden und die Turniere immer größer werden, nur wegen dem Geschäft. Da muss sich etwas ändern.“

Die CL verspricht aber für die deutschen Klubs und Fans spannend zu werden. Vor allem die Rückkehr der abgewanderten Torjäger war der Clou der Auslosung. Bayern gegen den FC Barcelona mit Robert Lewandowski, der auch beim neuen FCB in alter Manier trifft, und Dortmund gegen Manchester City mit Erling Haaland, der bereits die Torjägerliste der Premier League mit sechs Treffern anführt. Das kann ja heiter werden. Die Bayern treffen noch auf Inter Mailand (auch ein Brett) und Viktoria Pilsen, Dortmund auf FC Kopenhagen und FC Sevilla. Bayer Leverkusen bekommt es mit Atletico Madrid, FC Porto und Club Brügge zu tun, RB Leipzig mit Celtic Glasgow, Real Madrid und Schachtjor Donezk, Europa-League-Champion Eintracht Frankfurt mit Sporting Lissabon, Tottenham Hotspur und Olympique Marseille. Schwere, aber durchaus machbare Gruppen. Am 6. September geht es los.

RB Leipzig und Bayern München müssen bereits in dieser Woche ran, sie müssen ihre Spiele im DFB-Pokal nachholen, weil sie sich beim ursprünglichen Termin um den Supercup duellierten. Beide Begegnungen haben Besonderheiten. Viertligist Teutonia Ottesen darf auf heimischen Kunstrasen nicht spielen und suchte vergeblich in der Nähe von Hamburg ein Stadion. Es ging bis ins über 300 km entfernte Dessau, doch dort wurde der Rasen offensichtlich aus Protest gegen die ungeliebten Leipziger, verunstaltet. Nun wird am Dienstag in Leipzig gespielt. RB will den Amateuren dabei finanziell unter die Arme greifen. Prima! Viktoria Köln hat es leichter, spielt am Mittwoch im Rhein-Energie-Stadion vor 50.000 Zuschauern, wo sonst der „effce“ beheimatet ist. Viktoria hat außerdem eine „Münchner Woche“: In der 3. Liga gab es am Samstag ein 1:1 gegen Spitzenreiter 1860 München, jetzt folgen die Bayern. Die sind natürlich noch eine ganz andere heiße Nummer. Vor allem deshalb, weil sie in dieser Saison endlich auch mal wieder im Pokal erfolgreich sein wollen, der Meistertitel allein ist ihnen zu wenig. Die letzten Jahre waren die Bayern frühzeitig gegen Kiel und Mönchengladbach (0:5!) gescheitert. Aber das Spiel ist ein Stress-Test vor den Stress-Monaten, in denen für die Trainer Rotation angesagt ist, ohne den Erfolg zu gefährden.

Ende des Wechseltheaters

Zum Stress-Test für manche Vereine werden die letzten Tage der Wechselfrist. Die endet in diesem Jahr ausnahmsweise am Donnerstag, 1. September (und nicht wie gewohnt, das ist sogar Journalisten entgangen, am 31. August). Auf jeden Fall werden die meisten froh sein, dass das Wechseltheater zu Ende ist. Oft wird ja bis zur letzten Sekunde gefeilscht und manchmal geht das Fax oder die Mail auch Sekunden zu spät raus. Froh wird Gladbach sein, denn Yann Sommer hat signalisiert, dass er bleibt. Auch Kamada hat sich zu Eintracht Frankfurt bekannt. Dagegen gibt es Ärger in Stuttgart, weil der VfB in Sachen Abgang von Torjäger Sasa Kalajdzic in der Luft hängt. Der Spieler bat am Wochenende um eine Pause, sucht einen neuen Verein. Es könnte Wolverhampton in England sein. Einen Klub gefunden hat offensichtlich Schalkes Abwehrspieler Thiaw, der für zehn Millionen Euro zum AC Mailand gehen wird. Doch damit hört der Stress für Schalke nicht auf, denn der Verein braucht Ersatz. Auch andere Klubs (z. B. Hertha, FCA) wollen noch aktiv werden, sie suchen Verstärkungen. Die Stunden ticken unerbittlich runter…

Auf dem Transfermarkt tätig werden vor allem Vereine, die mit ihrem Saisonstart nicht zufrieden sind, eben Hertha BSC Berlin. Der FC Augsburg wiederum leidet vor allem unter großem Verletzungspech. Das muss man beim bisherigen Abschneiden berücksichtigen, aber im Kampf gegen den Abstieg zählt jedes Spiel. Da ist vor allem das nächste Wochenende interessant. Schlusslicht Bochum (wie Hertha, Schalke und Wolfsburg noch ohne Sieg, aber ohne Punkt) erwartet Mitaufsteiger Bremen. Werder ist aber wesentlich besser gestartet, bietet scheinbar immer spektakuläre Spiele, nach der Aufholjagd in Dortmund lief es jetzt beim 3:4 gegen Frankfurt aber umgekehrt. In Sachen Abstiegskampf treffen Augsburg und die Hertha am Sonntag (15.30 Uhr) aufeinander. Im Vorjahr blieb der FCA sieglos (0:1, 1:1), auch jetzt würden die Berliner wichtige Zähler brauchen. Auch die Partie Stuttgart – Schalke steht im Zeichen des Abstiegs, beide zeigten durchaus gute Ansätze, blieben aber ohne Sieg.

Ungeschlagen sind mit den Bayern, Union, Gladbach und Köln (!) vier Mannschaften. Die größte Überraschung sind dabei die „Eisernen“, die trotz Abgängen von wichtigen Spielern Jahr für Jahr eisern erfolgreich bleiben. Es scheint, sie verkaufen Spieler und werden trotzdem besser. Die Tiefstapelei, von wegen Kampf gegen den Abstieg, muss aber ein Ende haben. Jetzt kommen die Bayern, wieder ein Schlagerspiel, wieder Erster gegen Zweiter, beide zehn Punkte, wobei sich die Münchner von den Vorjahressiegen (5:2, 4:0) nicht blenden lassen sollten. Union hat mit Becker (vier Tore) und Siebatcheu ein schnelles Angriffsduo, das weh tun kann. Die Spannung in der Liga sorgt für Aufmerksamkeit, vielleicht aber auch Stress bei den Fans.

Keinen Stress hat bisher die Bundesliga der Frauen, die startet erst am 16. September. Der Terminplan ist allerdings ein bisschen seltsam. Nach dem Ende der Europameisterschaft begannen die Saison-Vorbereitungen der Vereine, doch die wird durch weitere Spiele der WM-Qualifikation unterbrochen. Das ist keine attraktive Konstellation für den Sport. So ist auch fraglich, ob sich die Euphorie rund um die deutsche Mannschaft fortsetzen wird. Die Gegner sind nicht so attraktiv, einmal müssen die Schützlinge von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die die Tabelle mit 23 Punkten vor Serbien (18) anführen, zur endgültigen Qualifikation noch gewinnen. Zuerst wird am Samstag (14.45 Uhr) in der Türkei gespielt, dann am Dienstag, 6.9. (18.30 Uhr) bei Schlusslicht Bulgarien. ARD und ZDF übertragen beide Spiele live, die TV-Einschaltquoten werden mit der EM nicht vergleichbar sein. Die Bundestrainerin setzt mehrheitlich auf die EM-Lieblinge, allerdings gibt es Ausfälle. Bei Torhüterin Ann-Katrin Berger ist eine Krebserkrankung wieder ausgebrochen, Martina Hegering fehlt wegen einer Fußverletzung und Giulia Gwinn musste wegen Knieproblemen absagen.

Ein weiteres sportliches Großereignis steht außerdem in dieser Woche in Deutschland bevor, am Donnerstag, 1. September, beginnt die Basketball-Europameisterschaft. Deutschland träumt von einem Medaillengewinn. Mehr in einem eigenen Blog in dieser Woche.