Die neue Welle in der Bundesliga

Mancher, der auf die Tabelle der Fußball-Bundesliga schaut, wird sich erstaunt die Augen reiben: Erster ist der SC Freiburg vor Borussia Dortmund! Und wo sind die Bayern? Dritter mit einem Punkt Rückstand, gleichauf mit Union Berlin, und dahinter tummeln sich Mainz 05 und der 1. FC Köln. Klubs, die den Klassenerhalt als Ziel ausgegeben haben und jetzt als neue Welle die Bundesliga aufmischen. Allerdings: Sie bleiben auf dem Boden der Tatsachen, vom Titel redet keiner, eher davon, dass es weiterhin zunächst einmal um die 40 Punkte geht, da ist der Klassenerhalt sicher. Typisch die Antwort von Freiburgs Trainer Christian Streich: „Tabellenführer, das interessiert mich jetzt gar nicht. Wenn wir eine gute Saison im Europokal spielen und die Klasse halten, dann sind wir glücklich.“ Dennoch, das Wortspiel muss sein, ein hübscher Streich der Freiburger, die vor 22 Jahren das bisher einzige Mal an der Spitze standen, am 1. Spieltag der Saison 2000/21.

Den Weg freigemacht hat Union Berlin, das gegen die Bayern ein fast unüberwindliches Bollwerk aufbaute, die wenigen Chancen nutzten die Münchner nicht. Dennoch denkt keiner im Verein an Torjäger Lewandowski, der jetzt auch in Barcelona trifft wie er will. Auffallend, dass vor allem die Torhüter in den Spielen gegen die Bayern über sich hinaus wachsen. Yann Sommer absolviert immer sein bestes Spiel, Frederik Rönnow machte es ihm jetzt nach und selbst der Amateur Voll von Viktoria Köln bildete im Pokal trotz des 0:5 keine Ausnahme. Rönnow (vorher Frankfurt und Hertha) bestritt sein 12. Spiel für Union und ist noch ungeschlagen, übrigens auch gegen die Bayern! Die Bayern wirbelten aber auch nicht wie in den ersten Spielen. Anfangs wie Weltmeister, am Ende nur Waldmeister? Aber zur Erinnerung: Vor einem Jahr übernahmen die Münchner am 5. Spieltag erstmals die Tabellenführung und gaben sie danach bis zum Samstag nicht mehr ab. Kommt die Wende am Wochenende? Freiburg erwartet Gladbach, Dortmund muss nach Leipzig, die Bayern haben den VfB als Gegner, der noch keinen Sieg errang, aber auch nur fünf Gegentore kassierte.

Auffallend jedenfalls die neue Welle, doch die erfolgreichen Vereine haben eine Gemeinsamkeit: Charakteristische Trainer! Auf Streichs Linie befinden sich auch Urs Fischer bei Union, Steffen Baumgart in Köln und Bo Svensson in Mainz, Typen, die aus dem Rahmen fallen. Sie sorgen dafür, dass es im Verein stimmt, dass der eigentlich von der Nationalmannschaft unbeliebte Begriff „Die Mannschaft“ hier Wahrheit wird: Die Teams präsentieren sich als Mannschaft, als echte Gemeinschaft und es wird clever eingekauft, wie in Freiburg, das mit Gregoritsch ein wichtiges Puzzle dazu holte und Baumgart klagte in Köln nicht über den Weggang von Torjäger Modeste. Ist halt so, weiter geht’s! Mal sehen, wie lange die Welle rollt. Dortmund ist mittendrin, mit einem anderen Phänomen: Bisher wurde kaum spielstarker Fußball gezeigt, eher rumpelte man sich mit an die Spitze, hatte (Ausnahme Bremen) das nötige Spielglück. So kann man auch Meister werden!

Es gibt auch das Gegenteil. Frag nach in Wolfsburg, der VfL war vor einem Jahr Tabellenführer von Spieltag zwei bis vier, jetzt folgte der schlechteste Saisonstart aller Zeiten. Trainer Niko Kovac steht dennoch nicht zur Debatte, er moniert mangelnden Einsatz der Spieler. Auch in Leverkusen wird nicht über Trainer Gerardo Seoane diskutiert, der aber erstmals eine Krise bewältigen muss. Abstiegskampf war nicht vorgesehen. Feuer auf dem Dach ist aber in Leipzig, das 0:4 in Frankfurt war eine Blamage, der vielgelobte Coach Domenico Tedesco gilt jetzt als Kandidat Nummer eins für eine Trainer-Entlassung. Angeblich wartet schon Marco Rose im Hintergrund, er wohnt in Leipzig und war ja vor dem Missgriff Dortmund durchaus erfolgreich.

Auf Dauer wird man diesen Mannschaften nicht unten sehen, eher das jetzige Schlusslicht Bochum, Augsburg, Schalke und Hertha. Die Berliner landeten allerdings beim FCA mit ihrem ersten Saisonsieg einen kleinen Befreiungsschlag. Eine echte Fußball-Geschichte, dass zum 2:0 Marco Richter traf, ein Ex-Augsburger, der nach einer Krebserkrankung seine ersten Minuten wieder spielen kann und in der Heimatstadt für seinen neuen Verein jubeln durfte. Die Eltern saßen auf der Tribüne. Der FCA hat viel Verletzungspech und wenig Klasse. Er investierte vor allem in Stürmer, doch die Tore fehlen (nur 3, wie Bochum). Mergim Berisha kam von Fenerbahce Istanbul, dafür wurde der einst gefeierte US-Nachwuchsstar Pepi nach Groninen verliehen. Vor der Länderspielpause sind Werder Bremen und die Bayern die Gegner, da könnte die Punktausbeute ebenfalls mager ausfallen.

Fußball, Essen, Schlafen

Noch zwei Spieltage stehen in der Bundesliga an, ehe es eine kleine Länderspielpause gibt. Der Stress für die nächsten Monate beginnt aber sofort, die Europapokal-Wettbewerbe starten. Im Vorfeld haben viele Vereine noch mit Spielerwechseln zugeschlagen, wobei manche Zahlen beeindruckend sind. Die Klubs der Premier League warfen bei den Transfers mit Geld um sich, investierten laut kicker 2,2 Milliarden Euro und nahmen dabei nur rund 1,3 Milliarden an Erlösen ein. Allein Aufsteiger Nottingham Forest zahlte für 21 Neue 160 Millionen Euro. Spaniens Vereine schlossen mit einem Minus von 57 Millionen ab (vorne dran Schuldenklub Barcelona), die Bundesliga dagegen machte einen Überschuss von 77 Millionen! 480 Millionen wurden zwar investiert, aber 557 Millionen eingenommen. Damit war die Bundesliga unter den Spitzenligen in Europa die vernünftigste.

Stellen sich jetzt auf Europas Bühne aber auch die Erfolge ein? In der UEFA-Rangliste ist Deutschland die Nummer drei hinter England und Spanien und vor Italien, den Platz gilt es zu verteidigen. Zweifel sind angesagt, wenn man die Formkurve von Leipzig und Leverkusen anschaut. Frankfurt befindet sich dagegen im Aufwind und die Klubs der neuen Welle, Freiburg, Union und Köln, gehen mit viel Vorfreude die Aufgabe Europa an. Was den Stress angeht, hat es Christian Streich auf den Punkt gebracht: „In der nächsten Zeit gibt es nur Fußball, Essen, Schlafen.“

Die Augen sind zunächst vor allem auf Bayern München gerichtet. Bei dem Raketen-Start staunte auch die europäische Konkurrenz, jetzt soll Inter Mailand am Mittwoch prüfen, was mit den Bayern wirklich los ist. Am Dienstag drauf kommt der FC Barcelona. Dortmund hat zweifellos den leichteren Start am Dienstag gegen den FC Kopenhagen, RB Leipzig erwartet Schachtar Donezk und hofft auf ein Erfolgserlebnis, ebenso wie Eintracht Frankfurt gegen Sporting Lissabon und Leverkusen bei Club Brügge. Das Ziel: Die Tristesse der Bundesliga vergessen machen oder sogar, siehe Frankfurt, erstmals in der Champions League tolle Europapokal-Abende feiern.

In der Europa League haben Union Berlin und der SC Freiburg Gruppen, in denen das Weiterkommen möglich ist. Los geht es für Berlin gegen die Belgier von Saint-Gilloise, Freiburg trifft auf Qarabag Agdam. Der 1. FC Köln debütiert bei OGC Nizza, eine Mannschaft, die in Frankreich im unteren Tabellendrittel zu finden ist.

Erfolgreich waren bereits die Fußball-Frauen, die Nationalmannschaft hat sich mit einem 3:0-Sieg in der Türkei für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Australien und Neuseeland qualifiziert. Vom Glanz der Europameisterschaft war allerdings nicht viel zu sehen, die Türkinnen bauten ein Abwehrbollwerk auf, um keine vernichtende Niederlage zu kassieren, den Mädchen von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg fehlte der Schwung, um wirkungsvoll die Mauer einzureißen. „Die neue Saison geht erst los, nach der Pause fehlte noch der das richtige Zusammenspiel,“ hatte die Trainerin Verständnis. Gegen Schlusslicht Bulgarien wird die Qualifikation am Dienstag abgeschlossen, am 16. September beginnt die Bundesliga.