Nationalteam als Kuraufenthalt für die Bayern-Patienten

Das „mia san mia“ bleibt den Bayern derzeit im Halse stecken. Jetzt heißt es eher „wer san mia denn?“ Der Oktoberfestbesuch am Sonntag hatte nichts von Heiterkeit, die Stimmung war trüb wie das Wetter, die Bilanz nach den ersten sieben Spieltagen ist schließlich niederschmetternd: Nur Platz 5 (nicht mal Champions League!), nur drei Siege, das 0:1 in Augsburg war die erste Niederlage der Saison, erstmals wieder nach einer Rekordserie von 87 Spielen ohne Torerfolg, erstmals seit 20 Jahren vier Spiele ohne Sieg, der schlechteste Start seit zwölf Jahren – die Bayern am Boden!

Doch Rettung droht, bei persönlichen Negativserien hatte schon Gerd Müller ein probates Mittel: Ab zur Nationalmannschaft – und schon traf er wieder. So wird vielleicht auch diesmal das Nationalteam zum Kuraufenthalt für die Bayern-Patienten, insgesamt 18 Spieler sind bei ihren verschiedenen Nationalteams. Die Bosse zu Hause beraten stattdessen, wie die Wende geschafft werden kann. „Wir werden dem Ganzen auf den Grund gehen“, hat Oliver Kahn angekündigt, gleichzeitig will er an Trainer Julian Nagelsmann (noch?) nicht rütteln. Doch der ist zweifellos ein erheblicher Teil des Problems.

Der Trainer ließ sich ebenso blenden wie alle anderen auch, als zu Saisonbeginn die Tormaschine lief, die Spieler die Gegner verwirrten und trafen. Heute verwirren sie sich selbst und wirken vor dem Tor unsicher und überhastet, die Gier fehlt. Und Nagelsmann, anfangs bei strittigen Themen als perfektes Sprachrohr des Vereins gelobt, macht Fehler, bei Rotation und Auswechslungen bleibt den Beobachtern oft nur Kopfschütteln. Was soll eine Auswechslung von Musiala (bester Torschütze!) gegen Abwehrspieler Stanisic beim Stand von 0:1? Bezeichnend, dass ausgerechnet Torhüter Manuel Neuer die Pleite hätte abmildern können. Er tauchte, was ja Torhüter oft tun, in den letzten Minuten vor dem FCA-Tor auf und hatte zwei Abschlüsse, beim zweiten Versuch verhinderte FCA-Torhüter Rafal Gikiewicz mit einer Glanzparade den Einschlag. In seinem 473. Bundesligaspiel (gleichauf mit Sepp Maier, auf Platz 5 in der ewigen Rangliste) hatte er damit ebenso viele Torabschlüsse wie in den 472 Spielen vorher!

Es ist also offensichtlich, ohne einen echten Mittelstürmer keine Tore. Die erzielt Robert Lewandowski beim FC Barcelona am Fließband. Und nur, weil er mit Barca in München nicht traf, die Bayern glücklich in der Champions League mit 2:0 gewannen (wie vorher schon bei Inter Mailand), brennt die Hütte in München nicht gänzlich. Aber die Meisterschaft gilt als das erste Ziel, als ehrlichster Titel, deshalb ist die Stimmung im Keller. Geht die Siegesserie mit zehn Titeln in Folge also doch zu Ende? Die Kritiker freuen sich, die Verfolger schöpfen Hoffnung.

Beim FC Augsburg sorgte der erste Heimsieg der Saison natürlich für Begeisterung, selbst die Spieler lobten Trainer Enrico Maaßen für seine mutige taktische Ausrichtung. Offensiv ging er den Meister an und hinten hat er ja Torhüter Gikiewicz, der bei allen drei Saisonsiegen der Matchwinner war. Der manchmal umstrittene Pole sorgte für den einzige Mißton, er kündigte einen möglichen Abgang an. Die FCA-Führung kontert damit, dass sie Gespräche über eine Verlängerung des Vertrages, der bis 2023 läuft, ankündigte. Wer will schon seine Lebensversicherung verlieren.

Der Tabellenführer ist eine ebenso große Überraschung wie das Tief der Bayern. Union Berlin ist die einzige noch ungeschlagene Mannschaft der Liga und schlich sich heimlich still und leise an die Spitze. Das genaue Gegenteil zu den Münchnern ist der Fall, in der Europa League erlebte Union zwei Pleiten, was seltsam ist für einen Spitzenreiter der Bundesliga. Immerhin wurden schon Leipzig und die Bayern abgewiesen, dass wahre Spitzenspiel steigt jetzt nicht am 8. Oktober zwischen Dortmund und München, sondern am 16. Oktober zwischen Union und Dortmund!

Die Dortmunder liegen in Lauerstellung, drei Punkte vor den Bayern. Sie erlebten ein „süßes 1:0“ (Trainer Terzic) im Revier-Derby gegen Schalke, hat aber eine Schrecksekunde als sich Marco Reus verletzte. Es sah schlimm aus, sollte er schon wieder ein großes Turnier der Nationalmannschaft verpassen? Inzwischen leichte Entwarnung, drei bis vier Wochen Pause, alles ist noch möglich. Alles möglich gilt auch für Youssoufa Moukoko. Der 17-Jährige möchte so gern von Anfang an spielen, ist derzeit aber noch Backup für Mittelstürmer Modeste, der aber ein bisschen Ladehemmung hat. So kommt Moukoko und siegt. Er köpfte das Siegtor und ist jetzt der jüngste Torschütze im Revier-Derby. Schon sein 7. Bundesliga-Tor, so jung war noch keiner beim 7. Treffer. Die Dortmunder wiederum glänzen nicht, punkten aber ziemlich zuverlässig. So kann man auch Meister werden. Oder doch Union als Überraschungsmeister wie weiland 1998 der 1. FC Kaiserslautern? Der wurde lange Zeit von der Konkurrenz nicht richtig ernst genommen, dann war es zu spät. Na ja, noch ist die Saison jung. Jetzt heißt es für alle die Länderspielpause nutzen, am 30. September geht es weiter, mit dem Duell der Sorgenkinder Bayern und Leverkusen.

Für Hansi Flick beginnt die WM

Die Weltmeisterschaft beginnt für Deutschland erst am 23. November gegen Japan, aber wenn am Freitag das Spiel der Nations League gegen Ungarn ansteht, da simuliert der Bundestrainer quasi den Ernstfall. Für Hansi Flick beginnt die WM! Er will von seinen Mannen Leistung sehen und die Spiele in Leipzig und am 3. Oktober in England gewinnen, um als Gruppensieger ins Finalturnier einzuziehen.

Sein 24-köpfiges Aufgebot sieht der Bundestrainer aber nicht als WM-Kader an. Da darf er dann sogar 26 Spieler nominieren. Der verletzte Marco Reus steht jetzt auf der Kandidatenliste, aber vor allem die Weltmeister Mats Hummels und Mario Götze lobt Flick und das sie durchaus noch auf den WM-Zug aufspringen könnten. „Die Tür bleibt offen“, betont der Trainer und bewies dies mit der überraschenden Nominierung von Youngster Armel Bella Kotchap, der beim FC Southampton unter Trainer Ralph Hasenhüttl imponiert. Den Leichtsinn aus seiner Bochumer Zeit hat der 20-jährige Abwehrspieler offensichtlich abgelegt, er wird mit Abwehrchef Rüdiger verglichen. Hansi Flick wird sich aber vor allem den Sorgenkindern des FC Bayern widmen müssen. Die Münchner würden sich freuen, wenn er Sané, Musiala, Gnabry und Co. den Weg zum Torerfolg zeigen kann.

Fußball-Frauen im Aufwind

So hatten es sich die Frauen zum Beginn der neuen Saison gewünscht: Der Wind der EM-Euphorie wehte auch in die Bundesliga hinein und sorgte für einen neuen Zuschauer-Rekord. 23.200 sahen das Eröffnungsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern, wobei das 0:0 durchaus interessant war und Werbung bedeutete. Auch in Wolfsburg kamen 1000 Zuschauer mehr als normal beim 4:0 über Essen. Nur in Duisburg und Bremen wurden keine vierstelligen Besucherzahlen registriert. Das nächste Highlight steht bevor, die Partie Hoffenheim – Wolfsburg am Samstag (17.55 Uhr) überträgt die ARD live aus der großen Arena und Felicitas Rauch und Laura Freigang zeigten sich als sympathische Gäste im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Die Medien haben plötzlich ein Faible für die Fußball-Frauen, die viel mehr Spiele in die großen Stadien legen müssen. So sollten vor allem die Bayern-Frauen bald in er Allianz-Arena zu sehen sein.

Die Bayern-Frauen müssen sich vorerst aber vor allem auf den internationalen Wettbewerb konzentrieren. Im neuen Spielmodus der Champions League stehen zunächst einmal Qualifikationsspiele an. Mit Lyon, Barcelona, Wolfsburg und Chelsea London sind vier Mannschaften für das Achtelfinale qualifiziert, zwölf weitere werden gesucht. Münchens Gegner ist der Vize-Meister aus Spanien, Real Sociedad. Am Dienstag gibt es das erste Kräftemessen in Spanien, eine Woche später folgt das Rückspiel. Trainer Straus warnt: „Eine spielstarke Mannschaft.“ Die Frauen müssen der Krise der Männer trotzen!

Von Krise nichts zu sehen war bei den deutschen Basketballern. Das Team um Kapitän Dennis Schröder schaffte mit dem Gewinn der Bronzemedaille im Finalturnier der Europameisterschaft in Berlin den größten Erfolg seit 2005! Europameister Spanien stoppte das DBB-Team zwar im Halbfinale, aber im Kampf um Bronze hatte Polen beim 82:69 keine Chance. Trotz vieler Ausfälle begeisterte die deutsche Mannschaft und gewann viele Fans, nachdem der TV-Sender RTL die letzten Spiele live übertrug und zum Beispiel 3,5 Millionen Zuschauer den Krimi gegen Spanien verfolgten. Dennis Schröder schwärmte vom Zusammenhalt: „Das habe ich noch nie in einer Mannschaft erlebt.“