Der Schnee ist weg, das Chaos bleibt

Die Erwartungen waren hoch, die Wirklichkeit ist deprimierend: Der alpine Ski-Zirkus steht vor einem Dilemma, die Zukunft ist in doppelter Weise ungewiss. Schuld daran sind zum Teil wieder einmal Funktionäre, im aktuellen Fall vor allem Weltverbandspräsident Johan Eliasch. Der Schwede hat in einer dubiosen Wahl, über deren Gültigkeit noch gerichtet werden muss, sein Amt verteidigt und der ehemalige Chef der Intersport-Kette hat offensichtlich nur ein Ziel: Den Skisport noch spektakulärer und gewinnbringender zu machen. Sein Motto: „Wir müssen zu Abenteurern werden, uns von der Masse abheben.“ Er hat aber nicht den Klimawandel mit einbezogen und nun lautet das bittere Fazit: Der Schnee ist weg, das Chaos bleibt.

Rückblick auf das Jahr 1993. Damals wurde erstmals die neue Ski-Saison mit Weltcup-Rennen auf dem Gletscher in Sölden eröffnet. Industrie und Tourismusbranche jubelten, das Fernsehen schickte tolle Bilder um die Welt und die Ski-Fans wurden überall mobilisiert – es geht wieder los. Das Geschäft brummte.

Fast 30 Jahre später sieht es anders aus. Die Fernsehbilder reizen nicht mehr zum Skifahren, ein dünnes weißes Band zieht sich durch die Landschaft, statt weißen Bilderbuchbilder gibt es nur traurige braune Hänge, auch auf dem Gletscher. Der hat sich zurückgezogen. Der Klimawandel beschäftigt schon lange die Menschen und die Frage steht im Raum: Hat der Skisport noch eine Zukunft? Der Schnee fehlt und künstlich erzeugt mit Schneekanonen kommt die Frage der Energieverschwendung auf.

Das alles war dem neuen FIS-Präsidenten egal, Johan Eliasch lechzt nach spektakulären Bildern und hatte sich eine Sensation ausgedacht: Abfahrt vom Matterhon, Start in über 3000m Höhe, Fahrt über den Gletscher, eine noch nie dagewesene Eröffnung der Saison. Hunderte von Arbeitern waren im Sommer mit der Präparierung der Strecke beschäftigt, doch die Natur legte ihnen das Handwerk. Der Sommer war zu warm, der Schnee weg, dafür Gletscherspalten da, die am Ende nicht mehr zugeschüttet werden konnten. Die Natur siegte, die Rennen der Männer und Frauen wurden abgesagt. Hochfliegende Pläne landeten in der Schublade des Wahnsinns. Es wäre an der Zeit für den Schweden, den Hut zu nehmen.

Seine Großmannssucht wird auch im Weltcup-Kalender deutlich. Keine Rücksicht auf Wirklichkeit, keine Rücksicht auf das neue Denken mit Klimaschonung und unnötiger Vermeidung der Luftbelastung. Erstmals wurden gleich zwei Termine in den USA in den Weltcup-Kalender aufgenommen, einfach unnütz doppelt über den großen Teich zu fliegen, wenn alle Athleten in Europa sind. Aber Eliasch will das Geschäft in Amerika ankurbeln, so wird im November in Lake Louise und Beaver Creek gefahren, im Frühjahr zusätzlich in Palisades Tahoe und Aspen. Da klingt es vernünftig, dass die Männer gleich zweimal in Garmisch-Partenkirchen gastieren, die Saison beginnt jetzt Mitte November in Lech/Zürs, Höhepunkt ist die Weltmeisterschaft vom 6. – 19. Februar 2023 in Courchevel und Méribel.

Insgesamt gibt es nur ein Zurück zur Vernunft, dafür plädieren vor allem die Sportler, die mit den Spektakeln um des Geldes Willen gar nicht einverstanden sind. Zumal in der Höhe des Matterhorn das Atmen in der dünnen Luft schwer fällt. Abfahrer Thomas Dreßen moniert zudem den überladenen Terminkalender und er warnt: „Die FIS muss aufpassen, dass sie nicht die Glaubwürdigkeit verliert.“ Chef-Renndirektor Markus Waldner gesteht bereits Fehler in der Planung ein und stellt sich gegen seinen Boss: „Wir müssen Mutter Natur respektieren. Wir haben den Klimawandel und extrem warme Sommer. Das sind Signale, die wir sehen müssen.“ Der Skisport hofft jetzt auf einen kalten Winter mit Schnee, was sich allerdings auf die Temperaturen bezieht, was den Weltverband angeht, ist ein heißer Winter programmiert. Im Gegensatz zur Natur würde ein Klimawandel dem Verband guttun!

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