Eine WM der besonderen Überraschungen

Gianni Infantino hat es natürlich schon vorher gewusst. Der FIFA-Präsident prophezeite als oberster Katar-Repräsentant „die beste WM aller Zeiten“. Er nahm den Mund so voll, weil sein Geldbeutel schon voll war. Die beste WM aller Zeiten ist es natürlich nicht, auch wenn vor dem Halbfinale in punkto Organisation und Stimmung das Zwischenfazit einer überraschend guten Weltmeisterschaft gezogen werden kann, aber sie ist eine WM der Überraschungen. Sportlich reiht sich ein besonderes Schicksal an das andere.

Beginnen wir bei den großen Nationen des Fußballs. Italien – nicht dabei. Deutschland – die Gruppenphase wegen 20 schwacher Minuten gegen Japan nicht überstanden. Spanien – träumte vom Titel, wurde von Marokko im Elfmeterschießen ausgeschaltet. Brasilien – weint, zauberte teilweise wie der künftige Weltmeister, nur gegen Kroatien nicht. Das vorzeitige Aus wie schon immer seit dem letzten Titelgewinn 2002. 2006 Aus im Viertelfinale, genauso 2010, 2014 bei der Heim-WM 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland, 2018 wieder Ende im Viertelfinale, wie jetzt auch. England – der Elfmeter-Fluch ist nicht besiegt. Torjäger Harry Kane traf erst, dann beim entscheidenden Schuss (natürlich) nicht, 1:2 gegen Frankreich. Elfmeter-Schicksal halt.

Das Gegenstück zu diesen Namen sind Marokko und Kroatien. Marokko ist die Überraschung schlechthin, ist als erste afrikanische Mannschaft im Halbfinale dabei und fordert Titelverteidiger Frankreich heraus, der als erste Nation seit 60 Jahren das Double schaffen will. Kroatien wiederum besticht damit, dass es bei Weltmeisterschaften auf den Punkt seine beste Leistung abruft, mit Taktgeber Luka Modric im Mittelpunkt. 1998 war Kroatien Dritter, wurde vor vier Jahren erst im Endspiel von Frankreich gestoppt. Ein Titel fehlt noch, im Halbfinale das große Duell Modric gegen Messi.

Da sind wir bei den großen Spielern, die dieser WM den Stempel aufdrücken. Natürlich zuerst die beherrschenden Weltfußballer der letzten Jahre. Doch welche Diskrepanz: Hier Cristiano Ronaldo, im Verein nicht mehr gewollt und bei Portugal zum Mitläufer verkommen, der mit 37 Jahren das Ende seiner Karriere nicht sehen will. Im Nationaltrikot bleibt bei zehn Turnieren (bei denen er immer traf. Rekord!) der EM-Titel 2016 der größte Erfolg. Eine andere Figur gibt sein alter Widersacher Lionel Messi ab, der Argentinien ins Halbfinale führte, aber auch darum kämpft, sich endlich seinen großen Traum zu erfüllen: Als Weltmeister würde er sich und Argentinien glücklich machen. Ganz anders Neymar. Er will ein ganz Großer sein, aber wieder gehört er zu den Verlierern, wird in Brasilien nie auf einer Stufe mit Pelé oder Ronaldo stehen. Die Zukunft gehört dagegen Kylian Mbappé, auch wenn es mit der erfolgreichen Titelverteidigung mit Frankreich nichts werden würde. Wenn doch, dann wäre er das Gesicht dieses Erfolgs. Wohlgemerkt, er wird am 20. Dezember erst 24 Jahre alt, Messi ist 35, Neymar spricht mit 30 vom Ende seiner Karriere in der Selecao.

Und dann gibt es noch die kleinen Begebenheit am Rande der großen Geschichten. So zum Beispiel die Rolle von Olivier Giroud, der mit 36 zum Torgaranten von Frankreich aufstieg und den amtierenden Weltfußballer Benzema vergessen ließ. Oder die Elfmetertöter Dominik Livakovic und Emiliano Martinez aus Kroatien und Argentinien, die ihren Teams das Weiterkommen ermöglichten. Wer hat von diesen Torhütern vor dem Turnier gesprochen? Und dann natürlich Marokko, das afrikanische Wunder, mit Keeper Bono an der Spitze, mit einer starken Abwehrleistung, bisher ohne Gegentreffer vom Gegner in 90 Minuten, das einzige kassierte Tor war ein Eigentor. Der Erfolg ist das Ergebnis einer starken Mannschaftsleistung, auch das fast ein Wunder, denn die Spieler arbeiten reihenweise im Ausland, sind teilweise nicht einmal in Marokko geboren, sind aber mit Herz für die „Heimat“ dabei, orchestriert von Walid Regragui, der schon jetzt als „der“ Trainer des Turniers bezeichnet werden muss. Schon vor den Halbfinals Argentinien – Kroatien und Frankreich – Marokko und dem Finale am Sonntag – Katar hatte viel zu bieten.

Die Bayern im Neuer-Dilemma

Eine Weltmeisterschaft steht natürlich immer im Mittelpunkt, aber die Bundesliga tut einiges dafür, dass sie zum Comeback am 20. Januar nicht in Vergessenheit gerät. Auf diese Schlagzeile hätten Meister Bayern und Bundestrainer Hansi Flick allerdings gern verzichtet: Saison-Aus für Manuel Neuer! Der Nationaltorhüter hat sich beim Skiwandern verletzt, einen Ski verkantet, ist gestürzt und hat sich einen Schien- und Wadenbeinbruch zugezogen. Neuer wurde bereits operiert, muss sechs Wochen Gips tragen und wird frühestens im Sommer wieder zur Mannschaft stoßen. Und die Frage bei dem 37-jährigen lautet dann: Können Nagelsmann und Flick noch auf Neuer setzen? Schon in Katar war er keineswegs einer der weltbesten Torhüter.

Die Bayern jetzt im Neuer-Dilemma. Was tun? Natürlich heißt es, dass Ersatzmann Sven Ulreich (34) und seinem Vertreter Johannes Schenk (19) das Vertrauen gilt. Weitere Kandidaten im Verein sind ebenfalls verletzt. Ulreich hat als Neuer-Vertreter nie enttäuscht, zuletzt gab es in acht Spielen acht Siege, davon fünf Zu-Null. Neuer fehlte wegen einer Schulterverletzung. Er fehlt immer öfter. Für die entscheidenden Wochen der Saison fehlen auch Weltstar Mané und Verteidiger Hernandez. Die großen Ziele in Meisterschaft und vor allem Champions League könnten zu einer Fata Morgana werden. Natürlich werden aber auch sofort Namen genannt, die Neuer ersetzen künnten. Zuerst geht es logischerweise um Alexander Nübel, der den Bayern gehört und zum AS Monaco ausgeliehen ist. Aber Nübel wird nicht als Teilzeitvertreter kommen, Monaco will ihn überdies halten und auch Klubs der Premier League sind an ihm dran. Ein Ersatz könnte Keylor Navas (35) sein, der bei Costa Rica glänzt, in Paris aber auf der Bank sitzt, der Italiener Donnarumma ist die Nummer 1. Aber lässt Paris den Torhüter zum CL-Gegner Bayern gehen? Da wäre auch noch der kroatische Held Dominik Livakovic, den sein Verein Dinamo Zagreb jetzt für gutes Geld verkaufen könnte. Eine Gelegenheit für die Bayern, die finanziell ja gut situiert sind.

Die Bayern müssen diesbezüglich noch Weichen stellen, der VfB Stuttgart hat es rund um seine Mannschaft bereits getan. Er nutzte die Pause zur personellen Erneuerung. Mit Fabian Wohlgemuth kam vom SC Paderborn ein neuer Manager, mit Bruno Labbadia zudem ein neuer Trainer, der ja in Stuttgart ein alter Bekannter ist, zum dritten Mal engagiert wurde, nachdem er zuletzt allerdings 2013 vorzeitig gehen musste. Jetzt soll das neue Gespann den Klassenerhalt schaffen. Neue Hoffnung auch bei Bayer Leverkusen, da hat Talent Florian Wirtz seine Leidenszeit beendet und ist in die Mannschaft zurück gekehrt. Es sagt einiges aus, wenn Trainer Xabi Alonso bereits nach 45 Minuten von seinem „Neuzugang“ begeistert ist. Außerdem: Hertha BSC würde dem DFB helfen und Sportdirektor Fredi Bobic als Bierhoff-Nachfolger ziehen lassen.

Bayern-Frauen lassen aufhorchen

Die Männer im Dilemma, die Frauen im Siegesrausch. Die Bayern-Frauen lassen in diesen Tagen aufhorchen, mit einem 3:1 über den FC Barcelona in der Champions League schafften sie mit einer großen Leistung vor 24.000 Zuschauern in der Allianz Arena ihren größten internationalen Erfolg. In der Bundesliga legten sie mit einem 2:0 gegen Leverkusen nach und gehen damit als Zweiter in die Winterpause. Erfolge aber auch am Verhandlungstisch, denn nach Klara Bühl, Lea Schiller und Sarah Zadrazil hat nun auch Linda Dallmann ihren Vertrag bis 2026 verlängert. Im Verein heißt es, „damit wurde die Grundlage für weitere Erfolge geschaffen“. Zwei Spiele stehen noch in der CL an, zunächst am Donnerstag in Malmö gegen Rosengard.

Noch aber behauptet der VfL Wolfsburg seine Rolle als führende Mannschaft in Deutschland. In der Bundesliga sind es immerhin fünf Punkte Vorsprung vor den Bayern und in der Champions League sind die Wölfinnen nach dem 4:2 gegen den AS Rom bereits für das Viertelfinale qualifiziert. In der Bundesliga überwintert Eintracht Frankfurt als Dritter ebenfalls auf einem Platz für die CL, am Tabellenende müssen sich Schlusslicht Turbine Potsdam (nur ein Punkt), das nach großartigen Jahren den Anschluss verloren hat, und Werder Bremen (4) Abstiegssorgen machen. Duisburg, Essen und Köln (je 10 Punkte) sind schon etwas enteilt. Am 4. Februar geht mit dem letzten Spieltag der Hinrunde weiter.

Eine positive Nachricht gab es für die Klubs abseits der Punktrunde, der neue Fernsehvertrag von 2023 bis zur Saison 2026/27 bringt das Vierfache an Geld. Künftig werden 5,175 Millionen Euro pro Saison an die zwölf Vereine ausgeschüttet, was für die Männer natürlich immer noch Peanuts wären. Für die Frauen-Bundesliga ist es aber eine erhebliche Steigerung und ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu mehr Anerkennung, zumal sich die TV-Zeiten steigern werden.

Werbung