Nationalteam als Problemfall: Jetzt gehen auch die Fans
Was haben die deutsche Wirtschaft und die Fußball-Nationalmannschaft gemeinsam? Von einem Aufschwung ist nichts zu sehen. Wenn die Wirtschaft schwächelt, dann trifft das uns alle, wenn die Nationalmannschaft schwächelt, dann wird geschimpft, danach mit den Schultern gezuckt und am Ende interessiert es nur noch am Rande. Die Nationalmannschaft als Problemfall. Für Besserung soll der Bundestrainer sorgen, doch Hansi Flick wirkt ratlos. Dabei ist seine Aufgabe klar. Jetzt geht es nicht mehr nur um die Leistung, um ein Stück Hoffnung, jetzt hat auch der Kampf um die Fans begonnen. Die wenden sich ab. Die Einschaltquoten im Fernsehen sind im Keller, nur 400 Fußball-Begeisterte begleiteten die Nationalmannschaft nach Warschau und sahen eine 0:1-Niederlage gegen Polen. Für das Spiel gegen Kolumbien am Dienstag in Gelsenkirchen sind gerade mal 35.000 Karten verkauft. Das Interesse sinkt, Hansi Flick weiß sich nur mit Durchhalteparolen zu helfen. Der Bundestrainer muss aber handeln, der Nationalmannschaft wieder ein Gesicht geben, die Rotation im großen Stil abschaffen.
Der nächste Gegner könnte ja Hoffnung geben, gegen Kolumbien ist Deutschland noch ungeschlagen, die Südamerikaner treten auch nicht mit der stärksten Mannschaft an, haben eine Mischung aus Routiniers und Talenten. Und was hat Flick? Endlich ist die Zeit für Ilkay Gündogan gekommen, der sich nach dem Champions-League-Finale und den anstrengenden Feiern ausruhen durfte. Der Kapitän von Manchester City könnte ein Hoffnungsträger sein, wenn er von Flick so viel Vertrauen bekommen würde wie von seinem Vereinstrainer Pep Guardiola. Doch das war bisher nicht der Fall, Gündogan eher ein Mitläufer. Dabei könnte Flick von Pep durchaus lernen. Aber als die Sprache auf Gündogan kam und auf die Rolle des Leaders lobte Flick lieber Joshua Kimmich, der aber über ehrgeizig scheint und an seinen eigenen übersteigerten Erwartungen offensichtlich scheitert.
Gündogan feiert sein quasi Comeback ausgerechnet in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen und auch ein anderer freut sich auf Gelsenkirchen: Malick Thiaw, Talent von Schalke 04, heute beim AC Mailand, beeindruckte gegen Polen und müsste sich eigentlich in die Mannschaft gespielt haben, er hat die fehlerhaften Kehrer, Schlotterbeck und Ginter in den Schatten gestellt. An der Dreierkette wird der Bundestrainer festhalten, doch er muss endlich eine Mannschaft präsentieren, die als EM-Team in Frage käme. Die Stimmung ist im Keller, nur Siege können für eine Wende und mehr Ruhe in der Sommerpause sorgen. Ausflüchte können wir nicht mehr hören. Jede weitere Enttäuschung bringt den Stuhl von Hansi Flick mehr ins Wackeln, trotz aller Rückenstärkung durch Rudi Völler. Oder hoffen wir überhaupt vergebens, weil die Klasse fehlt? Die Fachzeitung kicker stuft in ihrer neuesten Rangliste keinen einzigen Bundesligaspieler in die Kategorie „Weltklasse“ ein!
U21 als Hoffnungsträger
Vielleicht gibt es für Deutschland dennoch eine gute Zukunft, die U21 startet am Donnerstag gegen Israel ins Finalturnier der Europameisterschaft in Georgien und Rumänien. Tschechien (Sonntag) und England (Mittwoch, 28. Juni) sind die weiteren Gruppengegner. Die jungen Kerle würden zu gern in die Fußstapfen der Vorgänger treten, die 2021 den Titel holten. Allerdings hat Bundestrainer Antonio Di Salvo, damals noch Assistent von Stefan Kuntz und seitdem selbst in der Führungsrolle, mit zahlreichen Ausfällen zu kämpfen. Zuletzt erwischte es im Trainingslager in Prad/Südtirol auch noch Ansgar Knauff von Eintracht Frankfurt. Nachnominiert wurde der Hoffenheimer Finn Ole Becker, der gerade im 50 km entfernten Meran Urlaub machte. Deutschland sieht sich selbst als Mitfavorit, hat aber eine relativ unerfahrene Mannschaft, diesbezüglich hat die Hälfte des Teilnehmerfeldes bessere Voraussetzungen, an der Spitze die Favoriten Frankreich und Niederlande sowie Belgien.
Die Krise um das A-Team könnte auch die U21 belasten, wenn sie nicht erfolgreich ist. Andererseits könnte die U21 mit Erfolgen für Sonnenstrahlen sorgen. Diesbezüglich ist der Rucksack für die jungen Kerle vielleicht sogar zu schwer.
Modric geht wieder leer aus
Bezeichnend, auch in der noch jungen Nations League war Deutschland bisher nicht erfolgreich. Das Finale bestritten am Sonntag in Rotterdam Kroatien und Spanien. Beide Teams waren voller Hoffnung, für sie wurde die Nations League zu einem wichtigen Turnier. Eine Enttäuschung erlebte vor allem Kroatiens Kapitän Luka Modric, denn ein glanzvolles Ende seiner Karriere blieb ihm versagt, Spanien siegte nach dem 0:0 nach Verlängerung im Elfmeterschießen, Modric blieb damit ohne Titelgewinn mit dem Nationalteam. Kroatien war schon oft nah dran, konnte aber noch nie einen Titel holen.
Spanien war glücklicher, weil Torhüter Unai Simon zwei Elfmeter halten konnte. So gewann Spanien erstmals nach der Europameisterschaft 2012 wieder ein großes Turnier. Damit feierte der neue Coach Luis de la Fuente, zuletzt bei der U19 und U21, einen tollen Einstand. Entgegen seiner bisherigen Aufgabe setzte im Finalturnier auf eine „Ü30-Auswahl“. Sein Vorgänger Luis Enrique ist übrigens als neuer Trainer bei Paris St. Germain im Gespräch, Julian Nagelsmann wird es jedenfalls nicht.
Das Gegenstück zu Europa gewann in Amerika die USA mit einem 2:0-Sieg im Finale über Kanada. Hier konnte die Bundesliga glänzen, Giovanni Reyna von Borussia Dortmund war er der Matchwinner, er gab die Vorlagen zu beiden Toren. Der Ex-Bayernspieler und Ex-Hoffenheimer Chris Richards sorgte für das 1:0 nach Ecke von Reyna. Bayern-Spieler Alphonso Davies kurbelte Kanadas Spiel vergebens an.
Es wird Ernst für die Frauen
Der Countdown für die Weltmeisterschaft beginnt. Am Dienstag trifft sich die Frauen-Nationalmannschaft zum ersten Trainingslager für die WM in Australien und Neuseeland. In zwei Lehrgängen in Herzogenaurach will man sich den letzten Schliff für das Turnier holen. Auch bei den Frauen ging es nicht ohne Ärger ab, die fünf Bayern-Spielerinnen kommen verspätet erst am Freitag, der Verein hielt länger Urlaub für notwendig. Dieser Rückstand sollte aber aufzuholen sein. Am Samstag (18.15 Uhr) gibt es in Offenbach das erste Testspiel gegen Vietnam, am 7. Juli folgt in Fürth gegen Sambia der zweite Test im Rahmen des zweiten Trainingslagers vom 1. bis 8. Juli. Dann wird Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg den endgültigen Kader benennen, am 11. oder 12. Juli folgt der Flug nach Australien. Das erste Gruppenspiel ist am 24. Juli um 10.30 Uhr MESZ gegen Marokko. ARD und ZDF übertragen doch alle deutschen WM-Spielen, der TV-Streit mit der FIFA wurde beendet. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat sich einmal mehr blamiert.
Gute Nachricht für die Frauen-Bundesligen: Der Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach haben den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft. Es rücken also immer mehr prominente Namen in den Mittelpunkt, nachdem RB Leipzig und der 1. FC Nürnberg den Sprung ins Oberhaus geschafft hatten. Der Boom des Frauen-Fußballs in Deutschland hat in der Bundesliga voll durchgeschlagen, der Zuschauerschnitt stieg von 804 auf 2723! Insgesamt passierten 359 428 Fans die Stadiontore, der 1. FC Köln stellte mit 38356 Zuschauern gegen Eintracht Frankfurt einen neuen Rekord auf! Von einem Boom können die Männer nur träumen.