Frauen hoffen auf eine WM gegen den DFB-Trend
Die Zeiten haben sich einerseits geändert, andererseits sollen die alten Zeiten wieder aufleben. Vor einem Jahr bei der Europameisterschaft in England begann die Euphoriewelle im Frauen-Fußball. Die deutsche Mannschaft war erfolgreich, begeisterte mit ihrem Spiel und dem Auftreten außerhalb des Feldes, so dass sie die Herzen der Menschen eroberte. Am Ende stand die Vize-Meisterschaft, nur Gastgeber England war stärker. Ähnliches soll sich jetzt bei der Weltmeisterschaft wiederholen, die am Donnerstag in Australien und Neuseeland beginnt (9.00 Uhr Neuseeland – Norwegen in Auckland, 12.00 Uhr Australien – Irland in Sydney) und am Sonntag, 20. August mit dem Finale (12.00 Uhr) in Sydney endet. Die Frauen hoffen dabei auf ein Turnier gegen den DFB-Trend. Der Verband selbst macht durch Misswirtschaft und Korruption negative Schlagzeilen, die A-Mannschaft der Männer erlebte bei ihrer WM in Katar eine Pleite und die U21 war bei der Europameisterschaft nicht besser. Besser werden soll es jetzt bei den Frauen am anderen Ende der Welt.
Down Under ist ja kein Niemandsland im Sport, Olympischen Spiele und zahlreiche Weltmeisterschaften wurde ausgetragen, Olympia 2000 in Sydney war ein großer Erfolg, die Formel 1 ist Stammgast in Melbourne. Die Frauen-Weltmeisterschaft im Fußball soll jetzt aber alles andere in den Schatten stellen, vor allem dem Frauen-Fußball in Australien und Neuseeland weiter Auftrieb geben. Die „Matildas“, wie die Frauen Australiens genannt werden, zählen sich sogar zum Favoritenkreis. Die FIFA hat viel getan für ein großes Fest, erstmals sind 32 Nationen am Start, eine Art Entwicklungshilfe für schwächere Nationen, und die Prämien für Spielerinnen und Mannschaften wurden kräftig aufgestockt, auch wenn sie noch weit entfernt sind von den Leistungen für die Männer. Aber 30.000 Euro für jede Spielerin als Antrittsprämie und 250.000 Euro für jede Weltmeisterin können sich sehen lassen. Was Europa angeht, so wurde auch der drohende Blackout an den Bildschirmen abgewendet, die Fans stehen nicht im Abseits, wenn sie auch zu ungewohnter Zeit fernsehen müssen, durch den Zeitunterschied finden die Spiele in der Nacht oder am Vormittag statt. Eine Euphoriewelle wie in England wird unter diesen Bedingungen schwer wiederholbar sein. 17 Millionen Zuschauer sahen damals das EM-Finale.
Aber mit Erfolgen und guten Leistungen will die deutsche Mannschaft die Euphoriewelle hierzulande am Leben erhalten. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga haben sich vervielfacht, das Fernsehen steigt verstärkt ein, der Start der Bundesliga am 15. September mit dem Spiel Freiburg – Bayern wird live im ZDF übertragen. Zuerst aber gehen die Blicke nach Australien. Die deutsche Mannschaft hat ähnlich wie die Männer bei ihrem Titelgewinn 2014 ein Basiscamp in ruhiger Lage bezogen, in Wyong, rund 90 km von Sydney enfernt. Das Mercure Kooindah Waters bezeichnet sich als „preisgekröntes Golfresort“. Ein Golfplatz befindet sich am Hotel, der Trainingsplatz ist rund 10 Minuten Busfahrt entfernt. Die Mädchen wohnen zu zweit in Bungalows. Beim Training haben die Gastgeber schon alles für den Erfolg getan, Nachfahren der australischen Ureinwohner begrüßten die Mannschaft mit altem Ritual und Tönen der Didgeridoo, dem traditionellen Musikinstrument der Aborigenes. Es soll die bösen Geister vertreiben und als Glücksbringer hat Nationalspielerin Klara Bühl allen noch einen Koala im Deutschland-Trikot gehäkelt. Da kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Allerdings gibt die Vorbereitung keinen Anlass für Euphorie. Wirklich gute Leistungen waren Mangelware, seit November gab es in sieben Spielen nur drei Siege, der Abschluss mit der 2:3-Niederlage gegen Sambia war ernüchternd. Kapitänin Alexandra Popp will sich den Optimismus nicht nehmen lassen: „Vor der EM hat auch nicht alles geklappt, wir holen uns jetzt die nötige Frische und wollen wieder in den Flow kommen.“ Eine Statistik sollte Mut machen: In der Bilanz der WM-Turniere seit 2003 hat Deutschland die meisten Tore pro Spiel geschossen und die wenigsten Gegentore kassiert. Deutschland gewann den Titel 2003 und 2007, Rekordsieger ist die USA mit Erfolgen 1991,1999, 2015 und 2019, Norwegen gewann 1995 und Japan 2011. Der letzte Titelgewinn einer deutschen Mannschaft gelang 2013, also genau vor zehn Jahren, bei der Europameisterschaft. Aus diesem Team sind Sara Däbritz, Svenja Huth und Melanie Leupolz noch dabei. Auffallend, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg eine sehr junge Mannschaft nominiert hat, neun Spielerinnen sind Jahrgang 2000 oder jünger.
Der Stamm des DFB-Teams steht, auffallend, dass die Vize-Meisterinnen aus Wolfsburg (Bundesliga und Champions League) das Gros der Mannschaft stellen und nicht Meister Bayern. Die Achse zum Rückhalt bilden Torhüterin Merle Frohms, Abwehrchefin Marina Hegering (noch verletzt), Lena Oberdorf (solllte fit werden) im Mittelfeld und Torjägerin Alexandra Popp, die auch bei der EM für die entscheidenden Tore sorgte. Die Schwachstelle ist wohl die rechte Seite, wo die schnelle Münchnerin Giulia Gwinn verletzt fehlt. In ihrer Not probierte es die Bundestrainerin mit den Stürmerinnen Nicole Anyomi und Svenja Huth. Defensiv stärker wäre wohl Sophia Kleinherne, sie scheint aber keine Ideallösung zu sein. Mehr Auswahl gibt es in Mittelfeld und Angriff.
Die Gruppengegnerinnen gehören nicht zur Spitzenklasse, können aber Ärger machen. Marokko ist ein wohlwollender Auftakt am Montag, 10.30 Uhr MESZ, die Afrikanerinnen mussten lange um die Ausübung ihres Sports kämpfen, bis der König ein Machtwort sprach. Der Aufwärtstrend zeigt sich darin, dass Marokko zuletzt im Finale des Afrika-Cups stand. Nächster Gegner ist sechs Tage später (Sonntag, 30.7., 11.00 Uhr) mit Kolumbien eine Mannschaft aus Südamerika, die sogar das Halbfinale als ihr Ziel nennt und auf ihr „Wunderkind“, die erst 18-jährige Stürmerin Linda Caicedo baut. Zum Schluss folgt Südkorea (Donnerstag, 3.8., 12 Uhr), eine unangenehme, defensivstarke Mannschaft, bei der der englische Trainer Colin Bell (61) für große Fortschritte sorgte.
Die dicken Brocken kommen freilich danach, so warten schon im Achtelfinale die Mitfavoriten Frankreich oder Brasilien und bei einem Weiterkommen könnte es dann gegen Europameister England gehen. Zum Favoritenkreis gehören außerdem noch Titelverteidiger USA, Kanada, Norwegen, Japan, Schweden, Dänemark und die Niederlande. Eine Bandbreite, welche die Männer nicht zu bieten haben. Australien und Neuseeland standen auch nicht wie Männer-Gastgeber Katar in der Kritik, sondern jeder freut sich auf nette, weltoffene Gastgeber. Nur ein bisschen weit ist es halt ans andere Ende der Welt. 27 Stunden war die deutsche Mannschaft unterwegs.
Das deutsche Aufgebot: Tor: Merle Frohms (Wolfsburg), Ann-Kathrin Berger (Chelsea), Stina Johannes (Frankfurt). – Abwehr: Marina Hegering, Kathrin Hendrich, Felicitas Rauch (alle Wolfsburg), Sara Doorsoun, Sophia Kleinherne (beide Frankfurt), Sjoeke Nüsken (Chelsea). – Mittelfeld: Lena Oberdorf, Lena Lattwein, Chantal Hagel, Svenja Huth, Jule Brand (alle Wolfsburg), Lina Magull, Sydney Lohmann, Klara Bühl (alle Bayern), Sara Däbritz (Lyon), Melanie Leupolz (Chelsea), Janina Minge (Freiburg, auf Abruf). – Sturm: Alexandra Popp (Wolfsburg), Lea Schüller (Bayern), Nicole Anyomi, Laura Freigang (beide Frankfurt).