Kann Deutschland keine WM mehr?
Die WM-Gegner der deutschen Fußball-Nationalmannschaften konstatierten nach Niederlagen oft mit einem Achselzucken: „Deutschland ist halt eine Turniermannschaft.“ Bei Welt- und Europameisterschaften traten die DFB-Teams immer selbstbewusst auf und zeigten plötzlich bessere Leistungen als in der Vorbereitung. Jetzt allerdings reiht sich Enttäuschung an Enttäuschung und es stellt sich die Frage: Kann Deutschland keine WM mehr? Die Männer patzten 2018 in Katar, die U21 versaute die Europameisterschaft und auch die Frauen machen keine Ausnahme. Die nicht erwartete 1:2-Niederlage gegen Kolumbien kippte die Stimmung bei der Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland, sie wechselte schlagartig von Himmelhochjauchzend nach dem 6:0 gegen Marokko auf zu Tode betrübt. Jetzt stellt sich die Frage: Wie stark ist die deutsche Mannschaft wirklich? War Marokko die Ausnahme, bringen die Mädchen von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht mehr zustande als schon in der Vorbereitung gezeigt? Das war bekanntlich zu wenig.
Noch ist allerdings nichts verloren, die Tür zum Achtelfinale steht noch offen, der Gruppensieg ist allerdings nicht mehr machbar. Als nächster Gegner würde Frankreich warten, das Brasilien mit 2:1 in die Schranken verwies und sich als ernsthafter Titelanwärter präsentierte. Das taten die deutschen Frauen nicht, die aber mit Südkorea am Donnerstag zweifellos eine leichtere Aufgabe als Kolumbien erwartet. Aber unterschätzen sollte man die Asiatinnen nicht, die wohl auf verstärkte Abwehr setzen werden und so ein Bollwerk muss man erst mal knacken. Da taten sich gegen Kolumbien vor allem Lina Magull und Sara Däbritz im Mittelfeld neben der überragenden Lena Oberdorf schwer, aber auch im Angriff rannten sich Jule Brand und Klara Bühl auf den Außen immer wieder fest. Hochkarätige Chancen waren Mangelware und wenn sie da waren, wurden sie kläglich vergeben. Die Frauen sollten an die Männer denken, die bei der WM 2018 in Katar auch dachten, dass die letzte Aufgabe gegen Südkorea nur Formsache sei, eine 0:2-Niederlage war dann die bittere Wahrheit. Wie überraschend die Niederlage gegen Kolumbien kam, zeigt ein Blick auf die Statistik: Deutschland verlor erstmals seit 1995 wieder ein Gruppenspiel!
Die Bundestrainerin muss wohl nicht nur aus Verletzungsgründen neues Leben in die Mannschaft bringen. Jetzt fällt mit Sara Doorsoun die bisher beste Abwehrspielerin aus, aber dafür ist die eigentliche „Chefin“ Marina Hegering offensichtlich wieder fit. In Mittelfeld und Offensive wirken Lena Magull und Jule Brand überspielt und müde, da könnten Melanie Leupolz und Nicole Anyomi ihre Chance bekommen, weil leider die Münchnerin Sydney Lohmann als Antreiberin immer noch ausfällt. Aber auch Lea Schüller könnte neben Alexandra Popp stürmen, um das erwartete gegnerische Bollwerk zu knacken. Die Bundestrainerin wird unruhige Nächte bis Donnerstag haben (Spielbeginn in Brisbane um 12.00 Uhr MESZ). Die deutschen Fans werden wohl wieder mit der deutschen Mannschaft zu Hause zittern und sie von der Ferne unterstützen. Fast schon sensationelle 10,36 Millionen schauten am Sonntag um 11.30 Uhr an den Bildschirmen zu, ein überwältigender Marktanteil von 61,6 Prozent. Jetzt liegt es an den Mädchen selbst, die Euphoriewelle, die bei der EM im letzten Jahr startete, am Leben zu erhalten.
Insgesamt kommt die Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland bisher gut an, auch die Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 24 auf 32 Mannschaften hat sich bewährt. Hier hat die FIFA zur Entwicklung des Frauen-Fußballs richtig gehandelt, während die Aufstockung bei den Männern von 32 auf 48 Nationen von reiner Geldgier geprägt ist. Die Neulinge bzw. schwächeren Nationen machten auf sich aufmerksam, die befürchteten zweistelligen Kantersiege gab es nicht. Ein Schock für Co-Ausrichter Neuseeland war die 0:1-Niederlage gegen die Philippinen und das damit verbundene Ausscheiden, Jamaika verschaffte sich gegen Brasilien am Mittwoch ein Endspiel ums Weiterkommen. Zum Glück für die Ausrichter zogen die australischen Matildas durch einen 4:0-Sieg über Kanada den Kopf aus der Schlinge, nachdem durch das 2:3 gegen Nigeria ebenfalls das Ausscheiden drohte. Dank dieses Erfolges ziehen die Afrikanerinnen, nach einem 0:0 gegen Irland, als Gruppenzweiter ins Achtelfinale ein. Ausgeschieden dagegen das als Mitfavorit gehandelte Kanada. Die erste faustdicke Überraschung. Die Gruppe B hatte es also in sich.
Jetzt startet die 3. Liga
Häppchenweise beginnt im Fußball die neue Saison. Nachdem die 2. Bundesliga spektakulär startete, hat sie gleichzeitig Werbung für die anderen Ligen gemacht. Ganz so attraktiv ist die 3. Liga, die am Freitag mit der Partie Halle – Essen startet, natürlich nicht besetzt, aber erstmals seit ihrer Gründung besteht die 3. Liga mit 11 von 20 Teams zu mehr als die Hälfte aus Ex-Bundesligisten. 1860 München, Preußen Münster, der 1. FC Saarbrücken und der MSV Duisburg (als Meidericher SV) waren sogar Gründungsmitglieder. Auch die Fans nehmen die Liga an, 3,1 Millionen Zuschauer fanden in der letzten Saison den Weg in die Stadien, nur 2018/19 waren es vor Corona mit drei Millionen ähnlich viele. Die meisten Besucher zählte Dynamo Dresden mit rund 24.000 im Schnitt, Rot-Weiß Essen brachte es auf 16.000, 1860 auf 15.000, das Grünwalder Stadion war immer ausverkauft. Als Favoriten werden Dresden, Saarbrücken, Regensburg und Ingolstadt gehandelt, aber auch die Zweitliga-Absteiger Bielefeld und Sandhausen sollten eine gute Rolle spielen können.
Für die 2. Bundesliga war der Auftakt zwischen dem Hamburger SV und Schalke 04 ein Glücksfall, die rasante Partie mit offenem Visier beider Mannschaft begeisterte auch fast vier Millionen Zuschauer an den Bildschirmen. Vor allem in Hamburg war man wegen großer Verletzungsprobleme skeptisch gewesen. Das 5:3 zeigte aber, mit dem Schwung könnte dem HSV endlich die Rückkehr ins Oberhaus gelingen. Aber es war ja erst der Anfang. Nicht nur Absteiger Schalke musste einen Dämpfer hinnehmen, auch Hertha BSC sucht noch Form und endgültige Mannschaft, eine 0:1-Niederlag ein Düsseldorf war die Quittung. Auch der 1. FC Nürnberg will wieder oben mitmischen, ob das klappt, ist aber nach dem Eindruck des 0:2 in Rostock fraglich. Überraschend auch der erste Tabellenführer, nämlich Greuther Fürth nach dem 5:0 gegen Paderborn, das sich allerdings ebenfalls in höheren Regionen ansiedeln will. Der Auftakt macht also Appetit auf mehr.
Ob da die Bundesliga mithalten kann? Die Vereine suchen in den Tests noch ihre Form und teilweise auch den endgültigen Kader. Natürlich bleibt vor allem Bayern München in den Schlagzeilen, so lange die Wunsch-Verpflichtungen der Engländer Harry Kane und Kyle Walker noch nicht geklärt sind. Auch ein Torhüter wird weiter gesucht, Alexander Nübel ist an den VfB Stuttgart ausgeliehen, machte aber im ersten Test keine gute Figur. Die Bayern befinden sich ebenso noch auf Weltreise (zuerst Tokio, jetzt Singapur) wie Borussia Dortmund, das in den USA gastiert und in Las Vegas mit 3:2 gegen Manchester United einen Prestigeerfolg landete. Im Mittelpunkt stand Ex-Bayernspieler Marcel Sabitzer, der ein gutes Debüt bei seinem neuen Verein gegen seinen alten (er war zu United ausgeliehen) gab. Allerdings machen einige Verletzungen den Dortmundern Sorgen. Nach wie vor heißt es aber bei den meisten Vereinen immer noch „Wer kommt, wer geht?“, die Wechselfrist läuft bis Ende August.