Ausfälle trüben die Vorfreude auf die Leichtathletik-WM
Gehört das Auf und Ab zur deutschen Leichtathletik? Es scheint so zu sein, Konstanz gibt es offensichtlich nicht, dem Debakel von den Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Eugene/Oregon mit nur zwei Medaillen, folgten vier Wochen später die Europameisterschaften im Olympiastadion in München, die zu einer Sternstunde der Leichtathletik wurden, mit toller Stimmung unter den insgesamt 300.000 Zuschauern, insgesamt 16 Medaillen, davon viermal Gold. Und jetzt folgt wegen Corona gleich die nächste WM vom 19. bis 27. August in Budapest. Von einer erneuten Sternstunde ist nirgends die Rede, ganz im Gegenteil, die Angst vor einem weiteren Debakel geht um.
Das hat zwei Gründe. Der sportliche Grund ist die mangelnde Breite in der deutschen Leichtathletik, gerade in der Nachwuchsförderung liegt einiges im Argen, unterstützt werden vor allem Spitzenathleten, dahinter klafft aber ein Loch. Und so kommt man zu Grund zwei: Viele Medaillen-Anwärter sind verletzt, die Ausfälle trüben die Vorfreude auf die WM. Die erste Hiobsbotschaft kam von der größten Hoffnung, der Weitspringerin und Weltmeisterin Malaika Mihambo, danach verging fast kein Tage ohne Absage, die Speerwerfer Vetter und Hofmann fehlen ebenso, wie Stabhochspringer Lita Baehre oder Mittelstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen. Dazu wurde die Sprintstaffel der Frauen durch Verletzungen gesprengt und Hindernis-Ass Gesa Krause befindet sich in einer Babypause. Na, da ist wenigsten Nachwuchs in Sicht!
Ein großes Aufgebot von insgesamt 75 Athleten hat der DLV anfangs nominiert, viele Masse, wenig Klasse ist jetzt die bittere Wahrheit. „Ein Abschneiden wie in Eugene wollen wir nicht noch einmal haben“, sagt der neue Sportdirektor Jörg Bügner und erhält Unterstützung von Chef-Bundestrainerin Annett Stein: „Das Team wird leistungsfähiger sein.“
Ein paar Hoffnungen gibt es noch, so Speerwerfer Julian Weber oder die starken Diskusfrauen mit Kristin Pudenz in vorderster Front sowie Shanice Craft und Claudine Vita. Ein starkes Team sind auch die Zehnkämpfer mit Europameister Niklas Kaul und dem Überraschungsrekordler Leo Neugebauer, der wie aus dem Nichts den ehrwürdigen Rekord von Jürgen Hingsen verbesserte. Seine Form holte er wie viele in den USA, eigentlich eine Ohrfeige für den DLV. Bezeichnend, dass Sprint-Aushängeschild und Europameisterin Gina Lückenkemper als Ziel „endlich die Teilname am Finale“ ausgibt, bisher galt das Halbfinale schon als Erfolg. Hoffnungen gab es auch für die EM-Staffel um Gina, doch die ist aus Verletzungsgründen geschwächt.
Deutschen Fans fällt es natürlich schwer, sich an den Leistungen der anderen Nationen zu erfreuen, aber ein Leichtathletikfest könnte es schon werden. In Eugene verteilten sich die Medaillen auf 45 Nationen, so viele wie noch nie vorher, 29 Nationen holten einmal Gold. 2000 Athleten aus 192 Nationen waren am Start, das gibt es sonst in keiner anderen Sportart. Auch deshalb erwarb sich die Leichtathletik den Ruf der „Königin von Olympia“ und auch dem DLV bleibt noch die Hoffnung auf die Sommerspiele 2024 in Paris und auf gesunde Frauen und Männer.
Übrigens: Im Gegensatz zur Empfehlung des IOC sind in Budapest keine Athleten aus Russland und Belarus dabei, der Welt-Leichtathletikverband versagte ihnen wegen des Ukraine-Krieges eine Startberechtigung. Gut so, ein Wink für Thomas Bach und Konsorten.