Bei den Transfers wird der Meister zum Lehrling
Das Wort „Transfer“ möchte Uli Hoeneß nicht mehr hören. Die Bayern-Ikone mischt im Tagesgeschäft bekanntlich wieder mit, aber beim sogenannten „Deadline Day“, am Schlusstag der Transferperiode, da half alle Erfahrung nichts mehr. Der Meister stand da wie ein belämmerter Lehrling, Bayern München hatte sich gründlich blamiert. Auf der einen Seite gab es quasi einen Sommer-Schlussverkauf, bei dem Beobachter schon den Kopf schüttelten, denn neben den Abwehrspielern Pavard (Inter Mailand), Stanisic (Leihe nach Leverkusen) und Mittelfeldspieler Grevenberch (Liverpool) wurden auch zahlreiche Talente verliehen oder verkauft. Ersatz kam aber nicht, im letzten Moment verhinderte sein Verein FC Fulham, den Transfer von „Sechser“ Palhinha, der den Medizincheck schon in München absolviert hatte und vor der Vertragsunterschrift stand, aber auch die angedachten Abwehrverstärkungen Bella-Kotchap (zu Eindhoven), Chalobah (Chelsea) oder die Rückholaktion von Cancelo (zu Barcelona) klappten nicht. Nur der Coup mit Kane gelang früher, aber jetzt guckt Trainer Thomas Tuchel in die Röhre und klagt: „Der Kader ist der sehr dünn, gerade mal 18 Spieler, es darf nichts passieren. Das neue Bayern-Motto: Durchwursteln bis zum Winter und sich dann verstärken. Dann soll Palhinha tatsächlich kommen.
Andere arbeiteten besser bei den Spielerwechseln, so holte sich Dortmund kurz vor Torschluss noch Torjäger Niclas Füllkrug von Werder Bremen, der FC Augsburg verstärkte sich für die Abwehr, doch diese Kandidaten waren den Bayern wohl nicht gut genug. Neben dem Kampf um Palhinha schaffte Eintracht Frankfurt das größte Theater. Der mögliche Wechsel von Torjäger Randal Kolo Muani zu Paris St. Germain war schon abgesagt worden, das Angebot stimmte nicht. Als in Deutschland bereits Transferschluss war, kam die Wende, weil in Frankreich Deadline erst um 24.00 Uhr ist. Die Eintracht lenkte beim Angebot von 95 Millionen Euro doch noch ein. Viel Geld für ein hoffnungsvolles Talent, fehlende Tore können den Verein in den nächsten Monaten aber auch viel Geld kosten.
Am Wochenende standen beim Geschehen in den Stadien wieder die Transfers im Mittelpunkt. Wer war zufrieden mit seinen Neuzugängen, wer nicht? Die kurzfristigen Verpflichtungen saßen meist nur auf der Bank, so wie Bonucci bei Union Berlin. Wieder bestätigte sich, dass sich Bayer Leverkusen am klügsten verstärkt hat, beim 5:1 gegen Darmstadt glänzte vor allem der neue Torjäger Victor Boniface, der die Bundesliga buchstäblich aufmischt. Wieder traf er, buchte in drei Spielen vier Tore und zwei Scorerpunkte.
Dagegen tun sich bei Borussia Dortmund Lücken auf, der Abgang von Jude Bellingham kann nicht kompensiert werden, auch der Weggang von Guerreiro (Bayern) schmerzt. Bellingham, der jetzt bei Real Madrid trifft wie er will und als Mittelfeldspieler auch den Torjäger mimt, wurden noch unfreundliche Worte nachgeschickt. „Zu egoistisch, ein Fremdkörper im Team“ hieß es jetzt. Aber er fehlt. Sabitzer, Nmecha oder Bensebaini können ihn nicht ersetzen. Beim 2:2 gegen Neuling Heidenheim erlebte Dortmund den letzten Spieltag der vergangenen Saison als Wiederholung, als mit dem 2:2 gegen Mainz der Titel verspielt wurde. Damals wurden die Spieler dennoch von den Fans gefeiert, jetzt ausgepfiffen. Schon am dritten Spieltag ist die Hoffnung auf die Meisterschaft gedämpft, erst fünf Punkte, nur ein Sieg und zwei Unentschieden, die Borussia ist in der neuen Saison noch nicht angekommen, es brennt im Verein. Statt Ruhe gibt es in der Länderspielpause Krisensitzungen. Ein Sonntagsblatt stiftet zudem Unruhe, sieht Ex-Bayern-Coach Jürgen Nagelsmann als neuen Trainer, der den unglücklichen Edin Terzic ablösen könnte und gleich noch Matthias Sammer als neuen Bundestrainer, wenn Hansi Flick mit der Nationalmannschaft nicht mehr leistet als zuletzt. Dortmunds Krise könnte sich auf das DFB-Team übertragen.
Auffallend war, dass einige Serien endeten. Glücklich waren die Bayern, die dem Transfer-Theater trotzten und bei Angstgegner Gladbach eine Serie von fünf Pflichtspielen ohne Sieg beendeten. Der glückliche Torschütze war ausgerechnet Joker Mathys Tel, der eigentlich verliehen werden sollte, um Spielpraxis zu sammeln. Der junge Mann weigerte sich aber, er wolle u. a. von Kane lernen. Kane blockte Gegenspieler ab, Tel stand frei und köpfte die 15. Ecke zum Siegtreffer ein. Das erst 18-jährige Talent ist damit der Spieler mit der besten Torquote in der Bundesliga von allen Spielern mit mindestens 25 Einsätzen. Es war sein 7. Tor im 25. Spiel, er trifft alle 65 Minuten. Bayern bleibt ohne Punktverlust und hat nun Schlagerspiele vor der Brust: Leverkusen am 15. September, Manchester United fünf Tage später in der Champions League.
Glücklich war vor allem auch RB Leipzig, dass eine Serie von fünf Niederlagen gegen Union Berlin beendete. Wohlgemerkt, Leipzig gewann in Berlin und beendete eine Union-Serie von 24 Heimspielen ohne Niederlage! Erstaunlich: Zuletzt verlor Union im Februar 2022 mit 0:3 gegen Dortmund, der Trainer dort hieß damals Marco Rose – jetzt ist er bei Leipzig! Der Coach macht einen glücklicheren Eindruck als zum Beispiel Thomas Tuchel, die Tore erzielten die Neuzugänge Simons und Sesko. Gut eingekauft! Eine Serie hat offensichtlich der VfB Stuttgart gestartet: Immer fünf Stück! Zweimal 5:0 zu Hause gewonnen, einmal fünf Tore in Leipzig kassiert. Das 5:0 gegen Freiburg ist schon beachtlich, Freiburgs Trainer Christian Streich zeigte sich ratlos. Stuttgarts Coach Sebastian Hoeneß dagegen doppelt glücklich: Last-Minute-Einkauf Angelo Stiller schlug gleich ein, Torjäger Serhou Guirassy ist ein Glücksfall – weil er eben nicht verkauft wurde. Erstaunliches auch von Werder Bremen, Torjäger Füllkrug verkauft und dann der erste Sieg mit einem 4:0 gegen Mainz. Die Bundesliga bleibt eine Wundertüte. Nun heißt es erholen bis zum 15. September.
Erholung ist auch für die 2. Bundesliga angesagt, dort tut sich ebenfalls Erstaunliches. Bundesliga-Absteiger Hertha BSC Berlin steht schon wieder auf einem Abstiegsplatz – eine Etage tiefer! Das 4:6 in Magdeburg war ein Spektakel, spricht aber nicht für Hertha. Das gab es noch nie, dass eine Mannschaft viermal in Führung ging und noch verlor. Fast genauso mies schaut es für Schalke 04 aus, der zweite Absteiger kommt eine Etage tiefer auch nichts in Rollen, holte erst vier Punkte und kassierte bei Neuling Wehen-Wiesbaden den Ausgleich zum 1:1 in der 95. Minute! Ganz das Gegenteil ist derzeit der Hamburger SV. Mit dem 2:0 gegen Rostock schoss sich der HSV wieder auf Platz eins, ist also auf dem besten Weg nach oben, muss allerdings noch einige Monate durchhalten.
Nun also hat die Nationalmannschaft das Wort, aber vor dem ersten Test gegen Japan am Samstag gibt es erst einmal wieder seltsame Nachrichten. Auf Amazon Prime läuft ab Freitag eine Dokumention über das Geschehen hinter den Kulissen rund um das Nationalteam, beobachtet vor allem bei der missglückten WM in Katar. Die Doku ist kein Vorzeige-Film. Der kicker schreibt von „jede Menge Peinlichkeiten von Hansi Flick … bis hin zu Oliver Bierhoff. Schon der Trailer transportiert über eine Minute lang miese Stimmung.“ Auch ein Streit im Team zwischen Kimmich und Rüdiger wird offengelegt. Dabei soll es doch rund um die Nationalmannschaft endlich wieder gute Stimmung geben, aber der DFB lässt halt kein Fettnäpchen aus. Hansi Flick ist nicht zu beneiden und er hat Sorgen. Jamal Musiala angeschlagen, aber nominiert. Torjäger Füllkrug hat Probleme mit der Schulter, deshalb wurde Thomas Müller nachnominiert. Der stand erstmals wieder in der Startformation der Bayern. Eine Umfrage vom kicker wird dem Bundestrainer auch keinen Mut machen: 88 Prozent der Teilnehmer glauben, dass Flick die Wende nicht schafft!
Mehr zur Nationalmannschaft und zur Auslosung der europäischen Wettbewerbe im nächsten Blog mit dem Titel „Der harte Hansi: Flick verzichtet auf Lieblinge“.