Harry Kane ist der neue „Mister FC Bayern“

Es ist die Zeit der Torjäger in der Fußball-Bundesliga. Wer denkt noch an Erling Haaland oder Robert Lewandowski? „In“ sind nach den ersten fünf Spieltagen Harry Kane, Serhou Guirassy und Victor Boniface, sie treffen und treffen und so purzeln Rekorde. Gut, Harry Kane ist schon ein Weltstar, ob auch Guirassy und Boniface auf Dauer in die großen Fußstapfen der Stars von einst treten können, kann erst die Zukunft zeigen. Noch gibt es eher Skepsis, ob die Leichtigkeit von heute später einem Frust der Torlosigkeiten weichen könnte.

Die Torjäger und die Fans sollten also erst einmal den Moment der Glücksseligkeit genießen. Die aktuelle Torschützenliste wird von diesen drei angeführt, Guirassy liegt mit zehn Treffern vor Kane (7) und Boniface (6), er trifft alle 43 Minuten, eine sensationelle Quote. Auch in der Skorerliste liegt Guirassy (11) vorn, allerdings gab er bisher nur einen Assist, da sticht Kane (10) mit drei Vorlagen heraus und auch Boniface (8) legte schon zweimal auf. Egoisten sind sie also nicht, aber Rekordler. Guirassy, 27 Jahre alt, ein in Arles geborener Franzose, der jetzt für Guinea spielt, stellte die Bestleistung von Lewandowski mit zehn Treffern nach fünf Spieltagen ein. Lewandowski hatte 2020/21 am Saisonende mit 41 Treffern den Allzeitrekord von Gerd Müller geknackt, das dürfte dem Stuttgarter wohl kaum gelingen. Seinen VfB schoss er aber auf Rang drei.

Eher darf man dem 100-MIllionen-Mann Kane weitere Großtaten zutrauen. Immerhin hat er alle Bayern-Größen wie Gerd Müller und Robert Lewandowski mit sieben Treffern in fünf Spielen übertroffen, der alte Rekord lag nur bei fünf Toren. Zehn Skorerpunkte in seinen ersten fünf Bundesligaspielen sind Liga-Rekord, das gelang vorher noch niemanden. Harry Kane ist der neue „Mister Bayern“, denn er besticht zudem durch tolle Vorlage (siehe den Traumpass zum 4:0 gegen Bochum auf Sané) und er hilft auch effektiv in der Abwehr aus. Englands Kapitän wird nie zu den Schnellsten des Spieltags gehören, aber er ist ein genialer „Schleicher“ auf dem Feld.

Tore sind das Salz in der Suppe, entscheidend aber sind die Punkte und da müssen natürlich erst mal Tore her. Die Bayern haben sich gegen Bochum (schon das dritte 7:0 gegen einen wehrlosen Gegner) sogar an die Tabellenspitze geballert, Leverkusen gewann zwar gegen Heidenheim 4:1, verlor aber die Tabellenspitze um drei Tore. Das kann sich am Samstag schon wieder ändern, denn Leverkusen könnte bei Schlusslicht Mainz in Torlaune geraten, während die Bayern in Leipzig eine harte Nuss zu knacken haben. Im Vorjahr blieben sie gegen RB sieglos (1:1/1:3) und verloren auch im Supercup vor der Saison. Beide Mannschaften haben eine weitere englische Woche, müssen ihre Pokalspiele in Münster (die Bayern) bzw. Wehen-Wiesbaden nachholen. Schwung dafür haben sich die Bayern übrigens am Sonntag auf dem Oktoberfest geholt und auch in der Lederhose war Harry Kane fast ein Volltreffer.

Nach fünf Spieltagen ist die Tabelle noch nicht aussagekräftig, es herrscht oben und unten noch Gedränge. Union Berlin und Freiburg kommen nicht richtig auf die Füße, überraschend ist Frankfurt noch ohne Niederlage, aber bei vier Unentschieden bleibt nur Rang acht. Am Tabellenende sind vor allem Mainz und Köln nicht erwartete Sorgenvereine, wobei Mainz vor allem mit Verletzungspech hadert und Köln die Tore fehlen. Aber bei beiden Klubs stehen die Trainer Bo Svensson und Steffen Baumgart nicht zur Debatte, sie haben ja Kultstatus. Dagegen zog in Augsburg Enrico Maaßen mit dem glücklichen 2:1 gegen Mainz (sogar rund 30 Minuten in Unterzahl) den Kopf aus der Schlinge. Ermedin Demirovic zeigte sich als echter Kapitän und ging mit zwei Treffern voran, sein Vorgänger Jeff Gouveleeuw war fast schon abserviert (er soll nächsten Sommer gehen), kehrte aber zurück und stabilisierte die Abwehr. Da hat es sich für den Trainer gelohnt, dass er über seinen Schatten gesprungen ist.

Bei den ersten Aufgaben auf Europas Bühne waren nicht alle Bundesligisten glücklich. Vor allem Dortmund enttäuschte mit einem blutleeren Auftritt beim 0:2 in Paris, da war mehr drin. Leipzig hat es in Bern relativ leicht, die Bayern dagegen machten es sich unnötig schwer, gegen ein harmloses Manchester United war mehr als ein 4:3 möglich, immerhin riss die Siegesserie in den Gruppenspielen nicht. Im Pech Union Berlin, das bei Real Madrid eine Mauer errichtete, die die Spanier kaum knacken konnte. Erst in der 94. Minute gelang dies Jude Bellingham. Dass Real derzeit nicht in Bestform ist, zeigte sich am Sonntag im Lokalderby beim 1:3 bei Atletico.

Besser machten es die deutschen Vertreter in den anderen Wettbewerben. In der Europa League waren die Schweden von BK Häcken für Leverkusen kein ernsthafter Gegner (4:0), der SC Freiburg zeigte beim 3:2 bei Olympiakos Piräus großen Kampfgeist und holte sich das dringend notwendige Erfolgserlebnis. Der Aufwind zeigte sich ja dann beim 0:0 in Frankfurt. Die Eintracht selbst hatte in der Conference League beim 2:1 gegen Aberdeen einige Mühe, aber sie landete einen Sieg, in der Bundesliga sind ja Remis an der Tagesordnung (siehe oben).

Der DFB und seine Trainer-Sorgen

Raus aus dem Dilemma, rein in das Dilemma. Der Deutsche Fußball-Bund wird seine Trainer-Sorgen nicht los, kaum dass er bei den Männern das Problem gelöst hat, tut sich der gleiche Ärger bei den Frauen auf. Gut, Martina Voss-Tecklenburg ist krank und steht eigentlich nur vorübergehend nicht zur Verfügung, aber es ist nicht kommuniziert, wie krank die Bundestrainerin wirklich ist und es mehren sich die Stimmen, die einen baldigen Rücktritt erwarten. Hintergrund ist auch, dass immer mehr interne Kritik an Voss-Tecklenburg nach außen getragen wird. Die Mannschaft ist verunsichert und die Frauen müssen jetzt um den Boom bangen, den sie im Vorjahr entfacht haben. Bei der 0:2-Niederlage in Dänemark in der Nations League zeigte sich kaum Besserung unter Co-Trainerin Britta Carlsson. Kampfgeist ja, aber die spielerischen Mängel waren eklatant. Problem: Die Niederlage könnte fast schon das Aus für die Olympischen Spiele 2024 in Paris bedeuten, da nur zwei Plätze zu vergeben sind und nur der Gruppensieger ins Finale kommt. Da hat Dänemark jetzt die besseren Karten. Die nächste Aufgabe wartet am Dienstag in Bochum gegen Island, 14300 Karten wurden bereits verkauft, noch ist also Interesse da. Aber wie lange noch?

Die Männer schauen mit einem neuen Trainer natürlich zuversichtlich in die Zukunft. Was schon jeder wusste, wurde nun offiziell bestätigt, Julian Nagelsmann ist der Nachfolger von Hansi Flick. Der Trainer verzichtet ebenso auf Geld wie sein alter Verein Bayern München, wo Nagelsmann noch unter Vertrag stand. Dabei hat Nagelsmann deutlich gemacht: „Ich bin mir bewusst, dass mein Job ein Privileg ist und ich genügend Geld verdiene. Ich will dafür keine Lorbeeren.“ Mit 36 Jahren ist er der jüngste Bundestrainer aller Zeiten, für DFB und Coach ist es eine Art Experiment. Klappt es und stellen sich Erfolge ein, dann könnte es eine längere Zeit werden, ansonsten ist nach der EM Schluss. Dabei hat auch Nagelsmann den großen Wunsch aufgegriffen: „Wir wollen die Nation als gesamte Mannschaft mit guten Fußball begeistern.“ Dafür will er in den Lehrgängen alles tun, aber nichts verkomplizieren und verspricht „gesunde Aggressivität Richtung gegnerisches Tor“. Ein Zeichen hat er gesetzt, Ilkay Gündogan bleibt Kapitän, damit macht er deutlich, dass es keine alten Münchner Seilschaften geben wird.

Auf den Bundesliga-Tribünen waren Nagelsmann und seine Co-Trainer Glück und Wagner schon zu sehen, die ersten Aufgaben nahen mit den Spielen am 9. und 14. Oktober in den USA und Mexiko und so darf man gespannt auf das erste Aufgebot warten.

Spannung ist im Sport sowieso immer gegeben, so am kommenden Wochenende beim Ryder Cup in Rom, dem Erdteilkampf im Golf zwischen Europa und den USA. Außerdem startet die Basketball-Bundesliga, die wohl mit dem Weltmeistertitel im Hintergrund besondere Aufmerksamkeit erfahren wird. Mehr darüber in einem weiteren Blog in dieser Woche.