Nagelsmann bezahlt Wortbruch mit Niederlage

Bei seinem Start als Fußball-Bundestrainer schaffte es Julian Nagelsmann auf der USA-Tour, dass rund um die gebeutelte Nationalmannschaft nach dem 3:1 gegen die USA und 2:2 gegen Mexiko wieder ein bisschen Euphorie aufkam oder sagen wir vorsichtig positive Stimmung. Offensichtlich ist ihm dieser Auftakt mit viel Lob zu Kopf gestiegen, in seinem Eifer fand er zurück zu seinen komplizierten taktischen Einfällen, die schon in München moniert wurden. Als er sein Amt antrat, sprach er davon, dass er einfachen Fußball spielen lassen wolle, für komplizierte taktische Veränderungen fehle es bis zur Europameisterschaft im nächsten Jahr an Zeit.

Beim Spiel gegen die Türkei am Samstag in Berlin beging er allerdings Wortbruch. „Wie kommt er denn auf diese Idee?“, hat sich mancher gefragt, als in der Aufstellung Offensivkraft Kai Havertz als linker Außenspieler auftauchte. War nicht die Rede davon, dass der Schwerpunkt der Arbeit auf mehr Sicherheit in der Abwehr ausgelegt war? Und jetzt ein Stürmer als, na ja, Verteidiger? Havertz sollte der Joker auf der Außenbahn sein, zudem als verkappter Zehner operieren, der Rest der Abwehr (Rüdiger, Tah, Henrichs) bildete eine Dreierkette, die eigentlich ad acta gelegt wurde, auf dem Papier war es ja mit Havertz eine Viererkette. Kompliziert, statt Sicherheit auszustrahlen glich die Abwehr einem Hühnerhaufen. Henrichs hatte mehrere Aufgaben: Abwehr, Sané außen unterstützen, ins Mittelfeld vorrücken – es waren zu viele Jobs, die Lücken wurden auf der rechten Seite zu groß, zumal Leroy Sané Abwehraufgaben nur zögerlich nachkam. Plan gescheitert.

Dabei fing alles so schwungvoll an, als wollte die Mannschaft die Sterne vom Himmel holen. Sané wirbelte, Havertz traf, der verletzte Musiala wurde nicht vermisst. Nach 20 Minuten war alles vorbei, kein Stern mehr zu sehen, der Himmel verdunkelte sich, Lethargie griff um sich. Eine Ansammlung von großen Talenten ließ den Biss vermissen, lud die Türkei zu Toren ein. Einfaches Mittel, das gegen Deutschland immer wirkt: Lange Bälle. Am Ende stand ein 2:3. Weil die Entscheidung durch einen zu harten Handelfmeter fiel, nach einen unglücklichen Ball an den Arm von Havertz, wollte Julian Nagelsmann nicht von einer Niederlage sprechen: „Für mich war es ein Unentschieden“. Und bockig wie ein kleines Kind im Sandkasten betonte er „Havertz war Weltklasse, einer unserer besten Spieler“ und – oh Schreck – es sollte kein Experiment sein, sondern Standard werden. Nagelsmann sollte sich mal die letzten Spiele anschauen und den 2:1-Sieg gegen Frankreich, den Rudi Völler als Aushilfe verantwortete. Sein Motto: Einfach spielen, zurück zu den Basics. Das hatten die Spieler verstanden.

Vor dem letzten Länderspiel in diesem Jahr am Dienstag in Wien gegen Österreich werden im deutschen Trainerteam die Köpfe rauchen, man darf gespannt sein, was rauskommt, es sollte nur nicht zu kompliziert sein, am besten im wahrsten Sinne des Wortes einfach gewinnen. Zumal der Trainer sowieso verschiedene Baustellen hat. Womöglich ist das Mittelfeldproblem größer als die Außenbahnen. Das Duo Gündogan/Kimmich passt einfach nicht zusammen, sie lieben die gleichen Spielweise, sind nach vorne orientiert und sorgen keineswegs für Sicherheit. Da muss halt Joshua Kimmich in den sauren Apfel beißen und rechter Verteidiger spielen, Benjamin Henrichs dafür links und schon haben wir eine funktionierende Viererkette (mit zwei Innenverteidigern). Und Kimmich darf gern durch Pascal Groß ersetzt werden, der die Aufgabe des Abräumers intus hat. Davor hatte ja Nagelsmann eine gute Idee mit dem System 4-2-2-2 mit Musiala und Wirtz als offensive Wirbler und Sané/Füllkrug vorn. Daran sollte der Bundestrainer einfach festhalten und keine taktischen Irrwege beschreiten. Nur dann kann er die derzeit absurden Träume von seinem Präsidenten Bernd Neuendorf verwirklichen, der von EM-Euphorie faselte und davon sprach, „dass Deutschland natürlich ins EM-Finale kommen müsse“. Die Türken, eigentlich nur Mittelklasse in Europa, gewannen erstmals wieder nach 72 Jahren in Deutschland, sind bei der EM auch dabei, feierten aber schon in Berlin ein Fest und machten die Begegnung zu einem Heimspiel. Sie zeigten die Emotionen, die Team und Fans in Deutschland fehlen.

Mehr zur Nationalmannschaft im Laufe der Woche mit einer Bilanz nach dem Vergleich in Österreich.

Jahresendspurt in der Bundesliga

Am kommenden Wochenende steht wieder die Bundesliga im Mittelpunkt, die zum Jahresendspurt ansetzt, der ziemlich stressig wird. Fünf Spieltage gibt es noch in den vier Wochen bis Weihnachten, dabei geht die Vorrunde aber erst zum Neustart am 12. – 14. Januar 2024 mit dem 17. Spieltag zu Ende. Das Restprogramm hat es aber in sich, so stehen brisante Duelle der Spitzenmannschaften an, vor allem der VfB Stuttgart muss sich beweisen, ob er wirklich eine Spitzenmannschaft ist. Er trifft nämlich auf das Führungsduo, am 10. Dezember gegen Leverkusen und sieben Tage später geht es nach München. Bereits am 3. Dezember gibt es das Duell Leverkusen – Dortmund, die Woche darauf folgt Dortmund – Leipzig. Bayern München bestreitet den Auftakt am Freitag in Köln und ist darüber gar nicht glücklich, weil fast alle Spieler mit ihren Nationalteams unterwegs waren und einige erst am Donnerstag wieder zurückkommen. Da hätte man wirklich auf eine Ansetzung der Bayern für Freitag verzichten können.

Am Wochenende steht aber erst einmal das untere Tabellenende im Vordergrund, so vor allem Schlusslicht Union Berlin, das am Samstag beim Spiel gegen Augsburg erstmals nach einer erfolgreichen Ära nicht von Urs Fischer betreut wird. Zum Wochenanfang einigten sich Verein und Trainer gemeinsam auf ein Ende des Vertrages. Von beiden Seiten wird betont, dass es sich keineswegs um eine Entlassung oder einen Rücktritt handelt, sondern um eine gemeinsame Entscheidung, eine sauberer Trennung gibt es also nicht. Der Schweizer führte Union in die Bundesliga und war jedes Jahr Stück für Stück erfolgreicher bis zur Champions League. Doch in dieser Saison war plötzlich der Wurm drin, eine Rekord-Niederlagenserie bedeutete das Ende. Zunächst hat U19-Coach Marco Grote als Interimslösung übernommen, ihm zur Seite steht Marie Louise Eta, die am Samstag die erste Trainerin in der Bundesliga sein wird. Es wird sich zeigen, ob es ein neues Union geben wird. Bedeutend im Abstiegskampf aber auch das Duell Heidenheim – Bochum, Darmstadt und Mainz werden in Freiburg bzw. bei Hoffenheim von Mannschaften geprüft, die nach Europa schielen.

Nach Europa schielen auch die Frauen bzw. eben Eintracht Frankfurt und Bayern München, die in der Champions League vertreten sind. Frankfurt feierte mit dem 2:1-Sieg gegen Rosengard einen erfolgreichen Einstand, hat aber jetzt am Mittwoch (21 Uhr) mit Titelverteidiger FC Barcelona die schwerste Aufgabe überhaupt vor sich. Kaum leichter wird es am Donnerstag (18.45 Uhr) für die Bayern beim Spitzenteam von Paris St. Germain. Mit einem Patzer sind die Münchnerinnen in der Hammergruppe gestartet, haben gegen AS Rom beste Chancen liegen lassen und mussten sich am Ende mit einem 2:2 begnügen, was die Ausgangsposition wesentlich verschlechtert. Die Sache wird auch dadurch nicht leichter, dass Paris bei Ajax Amsterdam überraschend 0:2 unterlag.

In der Frauen-Bundesliga geht es erst am 8. Dezember wieder weiter, nächste Woche stehen die letzten Olympia-Qualifikationsspiele für die Nationalmannschaft an. In der Bundesliga konnten die Bayern mit einem glanzlosen 2:0 in Bremen den Platz an der Sonne erfolgreich verteidigen, Wolfsburg bleibt der schärfste Verfolger, aber das 2:0 (ohne Popp) gegen Duisburg war nicht besser. Team der Stunde ist die SGS Essen, die mit einem 3:0-Sieg bei Hoffenheim zu den Spitzenteams aufschloss und mit je 14 Punkten zusammen mit Hoffenheim und Frankfurt das Verfolgerfeld des Führungsduos bildet, dazu darf man auch noch Bayer Leverkusen (13) zählen, das aber mit dem 1:1 gegen Neuling Leipzig an Boden verlor.