Fußball-Deutschland kann noch Weltmeister
Ach, was war zuletzt in Deutschland über den Fußball gejammert worden, kein guter Nachwuchs, keine Zukunft mehr und die deutschen Tugenden wären verloren gegangen. Fußball-Deutschland ein Jahr vor der Europameisterschaft im eigenen Land im Jammertal. Aber hoppla, plötzlich ist ein Stimmungsumschwung da. Die Jugend macht’s! Fußball-Deutschland kann noch Weltmeister und plötzlich sehen einige wieder rosarot in die Zukunft. Für die neue Euphorie sorgte die U17-Nationalmannschaft, die in Indonesien mit einem 2:2 nach 90 Minuten und 4:3 im Elfmeterschießen gegen Frankreich erstmals Weltmeister wurde! „Weltmeister“, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Doch so unwahrscheinlich war das gar nicht, es war eine Wiederholung der Ereignisse vom Sommer, da gewann Deutschlands U17 bereits die Europameisterschaft – im Elfmeterschießen gegen Frankreich!
Die Burschen um Kapitän Noah Darvich (Barcelona) und Paris Brunner (Dortmund) sowie Elfmeter-Torhüter-Held Konstantin Heide (Unterhaching) gingen schon selbstbewusst ins Turnier – „Warum sollen wir nicht Weltmeister werden?“ – und zeigten die deutschen Tugenden, Leidenschaft und Widerstandskraft. Im Halbfinale musste das Elfmeterschießen her und im Finale spielte Deutschland 30 Minuten in Unterzahl, mit viel Leidenschaft und Kampf. Paris Brunner ist ein Beispiel dafür, wie 17jährige so sind und nicht nur brave Burschen gebraucht werden. Er wurde erst kürzlich vom Verein suspendiert, ein Grund nicht genannt, aber bei der WM trumpfte er auf, führte das Team, glänzte als Schütze entscheidender Tore und wurde zum besten Spieler des Turniers gekürt. Jetzt befinden sich einige Medien schon im Höhenflug, fordern, dass Brunner mit zur EM der Erwachsenen müsste und der erfolgreiche Bundestrainer Christian Wück (50 Jahre alt) wird schon als Nachfolger von Julian Nagelsmann ins Gespräch gebracht, wenn der nach der EM 2024 nicht mehr will oder darf. Aber tausende Kilometer vom WM-Triumphgeheul bei einer ausgiebigen Party zeigte sich Nagelsmann schon als lernfähig: „Wir müssen ein paar andere Dinge zeigen, und dafür brauchen wir auch den einen oder anderen Spieler und die eine oder andere Herangehensweise“, sinnierte er nach der Gruppenauslosung der EM. Er deutete damit an, dass er künftig nicht nur auf Schönspieler setzt, sondern auch Arbeiter gebraucht werden. Die Alten sollen kämpfen (und erfolgreich sein) wie die Jungen.
Ein weiteres erfreuliches Ergebnis ging mit dem Jubel um die U17 und dem Trubel der EM-Auslosung fast unter, dass nämlich die Frauen den Weg zurück zum Erfolg ebenfalls gefunden haben und alle Möglichkeiten für das Olympia-Ticket wieder in der eigenen Hand haben. Die Wende schaffte Interimstrainer Hrubesch, der den Mädchen gleichzeitig Disziplin und Lockerheit zurückbrachte und die Tristesse unter Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beendete. In Dänemark gab es noch eine 0:2-Niederlage, jetzt steht nach einem 3:0-Sieg im Rückspiel in Rostock die Tür zu Olympia wieder offen. Der nächste Schritt muss ein Sieg am Dienstag in Wales sein, dann gibt es im Frühjahr die Play-Offs der vier Gruppensieger um zwei Tickets.
Mit der Einstellung und Lockerheit von Rostock kann es die DFB-Elf schaffen. „Einstellung, Wille, Glaube – sensationell“, lobte der Trainer, während die Spielerinnen glücklich über den lockeren Trainer sind, „jede hat ein Lachen auf den Lippen“, bemerkte Giulia Gwinn. Sollte es mit der Teilnahme in Paris 2024 klappen, dann muss dort Horst Hrubesch ebenso als Trainer fungieren wie in den Play-Offs. Danach sollte die wohl neue Sportdirektorin für Frauen, Nia Künzer wird es wohl sein, auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger oder Nachfolgerin gehen. Er oder sie sollte viel von Hrubeschs Art haben. Die Begeisterung der Fans ist ebenfalls ungebrochen, 4,3 Millionen schauten beim ZDF zu.
Das EM-Los war gnädig
Die Gruppen-Auslosung zur Europameisterschaft 2024 in Hamburg wäre fast ohne den deutschen Bundestrainer über die Bühne gegangen. Das Schnee-Chaos in Bayern stoppte Züge und Flüge und so nahm der gesundheitlich angeschlagene Julia Nagelsmann acht Stunden Autofahrt auf sich und war rechtzeitig in der Elbphilharmonie. Vielleicht war deshalb das Los gnädig, keine Hammergruppe, kein Österreich oder Italien, sondern eine interessante, aber machbare Gruppe mit Schottland (Eröffnungsspiel am Freitag, 14. Juni, 21.00 Uhr, in München), Ungarn (Mittwoch, 19 Juni, 18 Uhr, in Stuttgart) und Schweiz (Sonntag, 23. Juni, 21 Uhr, in Frankfurt) als Gegner. Als Hammergruppe gilt eher die Gruppe B mit Spanien, Kroatien, Italien und Albanien. Von den 24 Nationen scheiden sowieso nur acht aus, die ersten beiden Teams jeder Gruppe und die vier besten Gruppendritten kommen ins Achtelfinale. Das Finale wird am Sonntag, 14. Juli (21 Uhr) in Berlin ausgetragen. Ihr Quartier wird die DFB-Elf im Adidas-Sportpark in Herzogenaurach aufschlagen.
Vor dem EM-Finale sieht das Berliner Olympiastadion noch drei Gruppenspiele, je ein Spiel in Achtel-, Viertel- und Halbfinale. Vielleicht wird das Endspiel des DFB-Pokal am 25. Mai aber noch interessanter. Da steht am Dienstag und Mittwoch das Achtelfinale an, bekanntlich sind nur noch sechs Bundesligisten dabei, vier davon stehen sich in direkten Duellen gegenüber: Gladbach – Wolfsburg am Dienstag, Stuttgart – Dortmund am Mittwoch. Frankfurt muss zum Bayern-Bezwinger Saarbrücken, Leverkusen erwartet Paderborn. Als einziger Amateurverein ist der Regionalligist FC 08 Homburg dabei und der will seinen Erfolgsweg am Dienstag auch gegen St. Pauli fortsetzen. Dazu gibt es drei Zweitligaduelle: Kaiserslautern – Nürnberg, Magdeburg – Düsseldorf (beide Dienstag) und Hertha BSC – HSV (Mittwoch).
Jetzt gilt es für den VfB Stuttgart
In der Bundesliga wurde Bayern München zum Zuschauen verurteilt, das Schneechaos in München ließ kein Spiel in der Allianz Arena zu, weil eine Anfahrt zum Stadion unmöglich wurde und auch Dachlawinen die Zuschauer gefährdet hätten. So durften sich die Bayern auch auf dem Sofa als Sieger fühlen, denn Tabellenführer Bayer Leverkusen gab gegen Dortmund einen Punkt ab. Hätten die Bayern ihr Spiel gegen Union Berlin gewonnen, hätte sie das an die Spitze gebracht, weil die Tordifferenz besser ist. Beide Teams sind noch ungeschlagen, Union rutschte ohne Spiel ans Tabellenende, wo vor allem Köln seinen zweiten Sieg mit dem 1:0 in Mainz feierte und die Abstiegsränge verließ.
Dortmund gab zwar den Sieg in Leverkusen aus der Hand, darf aber eine erfolgreiche Woche registrieren. Für Aufwind sorgte vor allem der 3:1-Erfolg in der Champions League beim AC Mailand. Damit ist die Borussia in ihrer Hammgruppe (mit Paris und Newcastle) ebenso wie Leipzig und die Bayern bereits für das Achtelfinale qualifiziert. Nur Union fällt aus der Rolle, kann aber vielleicht noch in Europa überwintern, wenn es das letzte Spiel gewinnt, Gegner ist allerdings Real Madrid. Bei Dortmund ärgerte sich Trainer Edin Terzic aber über das 1:1 in Leverkusen, er sah sein Team eher als Sieger und klagte Schiedsrichter Daniel Siebert an, dass er keinen Elfmeter bei einem Foul gegen Adeyemi gab. Das aber wäre wirklich eine harte Entscheidung gewesen, eher hätte Siebert einen Elfmeter für Leverkusen pfeifen müssen, als Can rüde Palacios foulte. Auch da blieb die Pfeife stumm, aber auch Dortmunds Trainer, der die Größe hätte haben und sehen müssen, dass dies eher ein Elfmeter war. Schade, dass auch die Trainer der Bundesliga oft die Objektivität vermissen lassen und vereinsblind sind.
Die Wochen der Wahrheit gehen für Dortmund im Pokal in Stuttgart weiter und am Samstag gegen Leipzig im nächsten Spitzenspiel. Es gilt aber auch für den VfB Stuttgart, der eben gegen Dortmund im Pokal, dann am Sonntag gegen Spitzenreiter Leverkusen und einen Sonntag später in München zeigen muss, ob er dauerhaft in der Spitzengruppe mitmischen kann. Im Zweifelsfall sollen es die Torjäger Serhou Guirassy und Denz Undav richten, die schon als „magisches Zweieck“ in Erinnerung an das glorreiche „magische Dreieck“ mit Elber/Bobic/Balakow tituliert werden. Trainer Sebastian Hoeneß griff zur logischen Lösung, nachdem mal beide Torjäger einsatzfähig waren. Aber der VfB hat nicht nur Torjäger, sondern auch Arbeiter. Er sollte die Chance jetzt nutzen, wer weiß, wer nach dem Winter oder im nächsten Jahr noch da ist.