Jürgen Klopp macht Europas Fußball nervös
Die Meldung traf ein wie eine Bombe, als Jürgen Klopp am Freitag verkündete, dass er im Sommer seinen Job als Trainer beim FC Liverpool vorzeitig aufgebe. Die Begründung ist nach neun Jahren bei den „Reds“ nachvollziehbar: „Ich bin ausgebrannt, ich brauche dringend eine Pause“. Der 56-Jährige ist in Liverpool eine Ikone. Er brachte den Erfolg zurück, schenkte dem Verein und vor allem den Fans 2020 nach 30 Jahren Wartezeit wieder die Meisterschaft, gewann das Jahr zuvor bereits die Champions League und holte 2022 den FA-Cup. Angesichts dieser Erfolge wurde Klopp 2019 und 2020 zum Welttrainer gewählt. Der Erfolg war sein Begleiter, schon vorher bei Borussia Dortmund. In der Premier League erreichte er einen Punkteschnitt von 2,12 und holte in 466 Pflichtspielen 283 Siege. Eine besondere Ära geht auch für Liverpool zu Ende.
Jürgen Klopp sprach zwar davon, dass er ein Jahr Pause einlegen will, aber Europas Fußball wurde dennoch nervös. Welcher Verein kann den Erfolgstrainer an Land ziehen? In Liverpool machen sie sich vor allem Gedanken, wer Nachfolger werden kann. Schon im November teilte Klopp dem Verein mit, dass er seinen bis 2026 laufenden Vertrag vorzeitig beenden wird. Bei der Vertragsverlängerung 2022 riet ihm seine Frau zu einer Verlängerung, obwohl sie zuvor eigentlich an einen Abschied aus England dachte, damit ihr Mann wieder mehr Zeit für sie hat. Jetzt sollte dies bald der Fall sein, wenn sich Klopp nicht umstimmen lässt (und seine Frau).
Aber es geht nicht nur um die großen Vereine in Europa (Real Madrid, FC Barcelona, Bayern München) die für Klopp in Frage kommen, sofort wurde auch das Amt des Bundestrainers in Deutschland ins Gespräch gebracht. Wäre eigentlich eine Win-Win-Situation: Weniger Stress und mehr Zeit für Klopp und die Ideallösung für den DFB.
Die Trainer-Frage einiger Vereine wird die Öffentlichkeit jetzt über Monate hinweg beschäftigen, die Gerüchte werden ins Kraut schießen, so wird ja auch Leverkusens erfolgreicher Coach Xabi Alonso als aussichtsreicher Kandidat bei allen großen Vereinen genannt. Und zufällig kündigte am Wochenende auch Barcelonas Ikone Xavi an, dass er sein Trainer-Amt im Sommer beim FCB beenden werde. Eine Reaktion auf eine Niederlagenserie, nach dem Ausscheiden im Pokal war für ihn mit der 3:5-Niederlage gegen Villarreal das Fass übergelaufen. Xavi klagt: „Trainer bei Barca zu sein, ist grausam, unschön, man fühlt sich respektlos behandelt. Die psychische Gesundheit leidet enorm.“ Er denkt aber auch an den Verein: „Ich will dem Klub nicht im Wege stehen, wir brauchen eine neue Dynamik.“
Tore für Nagelsmann
Bundestrainer bis zur Europameisterschaft im Sommer bleibt auf jeden Fall Julian Nagelsmann und er kann sich glücklich schätzen, dass sich seine EM-Kandidaten in Stellung bringen wollen. Bestes Beispiel sind die Torjäger, die sich einen Wettkampf liefern. Da schoss Deniz Undav den VfB Stuttgart mit einem Dreierpack aus der Krise und einen Tag später zog Niclas Füllkrug mit dem gleichen Schützenfest nach. Es scheint, dass sich Nagelsmann keine Sorgen um einen Mittelstürmer machen muss. Füllkrug ist als Platzhalter in der Pole Position und er brachte Borussia Dortmund trotz einiger Ausfälle auf den Erfolgsweg zurück. Drei Siege in Folge lassen die Träume von der Champions League wieder realistisch werden, zumal Konkurrent RB Leipzig eben von Undav beim 2:5 quasi abgeschossen wurde.
Der VfB beendete ebenfalls seine Ergebniskrise, RB steckt nach drei Niederlagen in Folge mittendrin. Die erste schwierige Phase für Trainer Marco Rose, denn ein Platz in der Champions League gilt als Pflicht und da wirkt die Niederlage beim Tabellendritten Stuttgart doppelt nach, durch Dortmunds 3:1 im Derby gegen Bochum rutschte Leipzig auf Rang fünf ab. Da wird das Ost-Derby am Sonntag (17.30 Uhr) gegen Union Berlin noch interessanter. Union befreite sich am Tabellenende ein wenig mit dem 1:0 gegen Schlusslicht Darmstadt. Trainer Nenad Bjelica litt auf der Tribüne, er darf nach seinen Verfehlungen gegen Sané drei Spiele nicht beim Team sein, steht zudem im Verein unter Beobachtung. Das gilt auch für den Kollegen Niko Kovac in Wolfsburg. Das 1:1 gegen Köln war das dritte Unentschieden in Folge, von Erfolgen kann da nicht die Rede sein. Eigentlich war Europas Bühne das Wolfsburger Ziel, das Niemandsland der Tabelle ist die Realität.
Interessant bleibt es an der Spitze. Leverkusen konnte den Abwehrriegel von Mönchengladbach nicht knacken, musste ein 0:0 akzeptieren, bleibt aber ungeschlagen. 68 Prozent Ballbesitz, sagenhafte 943 Pässe, 27:4 Torschüsse – aber kein Treffer. Da soll ab sofort Mittelstürmer Borja Iglesias (31), der von Betis Sevilla ausgeliehen wurde, helfen. Der Vorsprung auf die Bayern schrumpfte auf zwei Punkte, doch Bange machen gilt nicht bei Bayer. Schließlich haben jetzt die Bayern Gladbach vor der Brust. Beim Meister hapert es nicht im Angriff, trotz der Verletzung von Coman, sondern in der Abwehr. Deshalb wurde jetzt nach Eric Dier noch Rechtsverteidiger Sacha Boey von Galatasaray Istanbul geholt. Der 23-jährige Franzose gilt als Verteidiger der Zukunft, defensiv und offensiv stark. In Augsburg fehlte Boey noch, so musste Guerreiro auf rechts ausweichen und verlief sich prompt. Da mussten ihn erst die Mitspieler sagen „Du spielst heute rechts“. Zum glücklichen 3:2-Sieg reichte es in Augsburg, weil von vier knappen VAR-Entscheidungen drei zugunsten von Bayern ausfielen und Torhüter Neuer am Ende noch einen Elfmeter hielt. Da darf man schon heute mit Spannung auf das Gipfeltreffen am 10. Februar schauen, vor allem auch, in welcher Besetzung Bayern und Bayer antreten können.
Aber auch die 2. Bundesliga steht im Mittelpunkt, sie hat in dieser Woche den DFB-Pokal für sich, der im Viertelfinale erstmals über zwei Wochen und vier Spieltage gestreckt ist. So gibt es am Dienstag gleich die Revanche zwischen Düsseldorf und St. Pauli, das 2:1 bei der Fortuna gewann und die Tabellenspitze verteidigte. Im Pokal haben die Hamburger Heimrecht. Das zweite Duell steigt am Mittwoch in Berlin zwischen Hertha BSC und Kaiserslautern. Die TV-Zuschauerzahlen werden zeigen, wie attraktiv die zweite Liga wirklich ist. Dank der Übermacht der 2. BL stehen zwei Vereine auf jeden Fall im Halbfinale. Nächste Wochen folgen die Spiele Leverkusen – Stuttgart und Saarbrücken – Gladbach.
Auch bei den Frauen wird es spannend. Bayern München fand nach drei Unentschieden und einer Niederlage auf den Erfolgsweg zurück mit einem 1:0 gegen Hoffenheim in der Bundesliga. Gerade rechtzeitig, denn am Dienstag (21 Uhr) folgt das entscheidende Spiel in der Champions League gegen Paris St. Germain. Nur bei einem Sieg kommen die Bayern-Mädchen weiter, in Paris siegten sie 1:0, aber die Französinnen sind inzwischen Tabellenführer und drei Punkte voraus, weil Bayern zuletzt in Rom nicht über ein 2:2 in Rom hinauskam. Ausgeschieden ist bereits Eintracht Frankfurt vor dem letzten Match am Mittwoch gegen Rosengard.
Handballer noch nicht Spitze
Die Handball-Europameisterschaft war zweifellos ein Erfolg, aber am Schluss gab es sportlich doch die bittere Erkenntnis, dass der deutschen Mannschaft zur Spitze noch etwas fehlt. Mit drei Niederlagen wurde das Turnier beendet und damit auch die Olympia-Qualifikation verpasst. Im Spiel um Bronze gab es ein 31:34 gegen Schweden, nachdem man die erste Halbzeit total verschlafen hat. „Uns gehört die Zukunft“, tröstet man sich beim DHB, weil man eine junge, talentierte Mannschaft vorweisen kann. So glänzte der 21-jährige Renars Uscins mit acht Toren gegen Schweden. Europameister wurde schließlich Frankreich, das Weltmeister Dänemark im Finale mit 33:31 nach Verlängerung bezwang.
Die EM war aber ein Turnier der Rekorde. Das begann schon mit dem Eröffnungsspiel, das über 50.000 im Fußballstadion in Düsseldorf sahen. Insgesamt waren es am Ende mehr als eine Million Zuschauer in den Hallen, das gab es bei einer EM noch nie. Und auch die deutschen Fernsehzuschauer begeisterten sich für Handball, Spitzenwert waren die 9,69 Millionen an den Bildschirmen beim Halbfinale gegen Dänemark. Das ist Zuschauerrekord bisher im Jahr 2024.
Jetzt muss die Mannschaft allerdings für Olympia nachsitzen. Im März sind in der Qualifikation erneut Österreich und Kroatien die Gegner, gegen die man diesmal schlecht aussah. Außerdem ist Afrikameister Ägypten dabei. Der Vertrag von Bundestrainer Alfred Gislason läuft nach diesem Turnier aus, der DHB wäre gut beraten, mit dem Isländer vorher zu verlängern. Der wäre bereit. Dann gäbe es im Handball keine Trainer-Diskussion wie im Fußball.