Eine neue DFB-Elf: Nagelsmann schaffte die Trendwende
Vom geprügelten Hund zum gefeierten König, das war in einem Jahr der Weg von Julian Nagelsmann als Trainer. Von den Bayern gefeuert, nachdem im Vorjahr die Meisterschaft in Gefahr geriet, vom DFB als Hoffnungsträger verpflichtet, schaffte er nach Jahren der Tristesse bei der Nationalmannschaft tatsächlich die Trendwende. 2:0 gegen Frankreich, 2:1 gegen die Niederlande – zwei Große des internationalen Fußalls geschlagen, Deutschland ist rechtzeitig vor der Europameisterschaft im eigenen Land zurück im Konzert der Großen. Und Nagelsmann hat seinen guten Ruf wieder hergestellt.
Eigentlich unterstellen viele Nagelsmann, er sei nicht lernfähig. Bei der Nationalmannschaft bewies er das Gegenteil. Nachdem er in den ersten Spielen mit seinen Experimenten und komplizierten taktischen Spielchen Schiffbruch erlitten hatte, machte er einen radikalen Schnitt. Er setzte auf Einfachheit im System und Frische in der Mannschaft. Dass sein Konzept wirklich aufging, hätten die wenigstens gedacht. Er sotierte manche trägen Stammspieler der letzten Jahre aus und setzte auf die Begeisterung von Neulingen. Das „Momentum“ wurde zu seinem Schlagwort und er öffnete die Tür für gleich sechs Neulinge. Der Bundestrainer wurde nicht enttäuscht, zwar hatten der Heidenheimer Beste und Bayerns Talent Pavlovic Pech mit Verletzungen bzw. Krankheit, aber die Richtung stimmte. Die Tristesse vom November ist wie weggeblasen, Nagelsmann freute sich: „Der Spirit war einfach anders, es hat sich ganz anders angefühlt als im November“. Jamal Musiala, einer der „Zauberer“ im Team pflichtete dem bei: „Man fühlt es jetzt den ganzen Tag im ganzen Camp: Die Vibes sind richtig gut.“ Thomas Müller brachte es auf den Punkt: „Es hat Spaß gemacht.“
Dort wo Gewinner sind, gibt es natürlich Verlierer. Die sind vor allem in Dortmund zu treffen, weil deutlich wurde, dass sich die wankelmütige Form der Borussia-Stars auch in der DFB-Auswahl niederschlug. Süle, Brandt und Co. spielten mehr vor sich hin, ohne Schwung. Für Hummels ist die Zeit wohl abgelaufen, Nico Schlotterbeck und Can haben mit guten Leistungen vielleicht noch eine Chance, doch einziger fester Kandidat ist Torjäger Füllkrug. Julian Nagelsmann hat seine frühere Aussage „die Tür steht für alle offen“ inzwischen begrenzt. „Der Kreis für die EM steht fest, es geht höchstens noch um ein, zwei Positionen, außer natürlich, wir haben Pech mit Ausfällen“
Auffallend ist, wie schnell sich die neue Mannschaft gefunden hat und problemlos die neuen Aufgaben angenommen wurden. Kein Klagen von Kimmich, dass er auf die rechte Seite „abgeschoben“ wurde (in seinen Augen), kein Klagen von Kapitän Gündogan, dass sein Rolle als Denker und Lenker nun Toni Kroos besetzt. Daneben ist kein Platz für den Münchner Goretzka, weil Andrich, der sich überraschend festgespielt hat, und Groß die Rolle des „Worker“ besser ausfüllen. Im Mittelfeld bleibt eher noch ein Platz für Pavlovic frei. Links hat sich mit Mittelstädt ein Neuling festgespielt, dessen Entwicklung vom Absteiger mit Hertha BSC Berlin zum Nationalspieler mit Stuttgart wie ein Märchen klingt. In der Mitte sorgen Rüdiger und Tah für mehr Stabilität als alle Kombinationen, die vorher getestet wurden. Da geht es nur darum, wer die Ersatzrolle spielen darf und will, für Koch oder Anton käme eben auch Schlotterbeck in Frage, doch auf eines legt der Bundestrainer wert: Eine Bankrolle muss klaglos angenommen werden.
Das gilt natürlich auch im offensiven Bereich, wo Nagelsmann dem zuletzt gesperrten Sané bereits einen EM-Platz in Aussicht stellt. Aber er muss sich vielleicht auch klaglos hinter den „Zauberern“ Wirtz und Musiala anstellen. Dahinter hat sich auch Führich einen Platz gesichert, er wartet klaglos auf seinen Einsatz, das könnte Bayern-Star Gnabry die EM kosten. Und Füllkrug wartet auf seine Chance, auch wenn Havertz als spielstarker Mittelstürmer die Nase vorn hat. Aber reinkommen und Tore schießen wie es der Dortmunder gegen die Niederlande zeigte, ist eine besondere Qualität. Bleibt noch der Torhüter, aber da hat der Bundestrainer bereits im Vorfeld für klare Verhältnisse gesorgt, Neuer ist die Nummer 1, ter Stegen konnte nur bedingt für sich werben, zeigte gegen die Niederlande Unsicherheiten.
Die Medien feiern die DFB-Elf, die Fans sind zurück, elf Millionen TV-Zuschauer verfolgten bei RTL das Länderspiel. Jetzt hat erst einmal wieder die Bundesliga Vorrang, vom 26. bis 31 Mai beginnt dann der EM-Countdown mit dem Trainingslager in Blankenheim/Thüringen. Danach wird das EM-Quartier in Herzogenaurach bezogen, Testspiele gibt es am 3. Juni in Nürnberg gegen die Ukraine und am 7. Juni in Mönchengladbach gegen Griechenland. An diesem Tag muss auch die offizielle Spielerliste gemeldet werden, 23 Spieler dürfen nominiert werden. Am 14. Juni geht es schließlich in München gegen Schottland los.
Da wird Deutschland sicherlich das „normale“ Schwarz-Weiß tragen, das neue Ausweichtrikot in pink und lila hat für Furore gesorgt, ist aber bei den Fans beliebt, Ausrüster Adidas ist mit dem Umsatz glücklich. Nicht so glücklich ist der DFB-Partner seit 70 Jahren darüber, dass seine Ära 2027 zu Ende geht. Der DFB hat sich für das weitaus bessere Angebot von Nike entschieden, der US-Konzern zahlt angeblich das doppelte, statt 50 Millionen Euro pro Jahr etwa 100 Millionen. Der DFB musste viel Kritik dafür einstecken, dass er einen bewährten Partner vor den Kopf gestoßen hat, aber vor allem zahlreiche Politiker hätten sich ihre Kritik schenken können und sich erst informieren sollen. Auch in den Medien wurde zu wenig beachtet, dass der DFB zu einer kurzfristigen Bekanntgabe gezwungen war, nachdem es sich bei den Bewerbern meist um Unternehmen an der Börse handelte, außerdem hätte er das wesentlich bessere Angebot auch aus rechtlichen Gründen nicht ausschlagen dürfen. Die Verantwortlichen hätten haftbar gemacht werden können. Zudem braucht der einst reiche Verband dringend Geld, mit dem Coup kann er die Fehler früherer Jahre (so wurde der Campus wesentlich teurer) wieder einigermaßen ausgleichen.
Noch glücklicher als Deutschland über gelungene Testspiele waren drei Nationen, die sich über den Umweg Play-Offs noch für die EM qualifizieren konnten. Besonders glücklich die vom Krieg gebeutelte Ukraine, die mit dem 2:1-Sieg gegen Island dem Land mal wieder eine frohe Botschaft schenkte. Ähnlich gefeiert wurde in Georgien und da vor allem der frühere Bayern-Star Willy Sagnol, der als Trainer schon kritisiert wurde, dem Land jetzt aber eine Premiere geschenkt hat – erstmalige EM-Teilnahme. Ein 4:2 im Elfmeterschießen gegen Griechenland machte es möglich. Aufatmen dagegen in Polen, dass sich eigentlich als logischer Endrundenteilnehmer sieht, aber den Sprung über die Gruppenspiele nicht schaffte. Auch hier musste ein Elfmeterschießen helfen, nachdem es in Wales beim 0:0 blieb. Den letzten Elfer hielt Polens Torhüter Szczesny gegen James, nachdem vorher alle getroffen hatten, auch Torjäger Lewandowski, der beim entscheidenen Schuss gar nicht mehr hinschauen konnte.
So sehen die sechs EM-Gruppen aus: Gruppe A: Deutschland, Schottland, Schweiz, Ungarn. – Gruppe B: Albanien, Italien, Kroatien, Spanien. Gruppe C: Dänemark, England, Serbien, Slowenien. – Gruppe D: Frankreich, Niederlande, Österreich, Polen. – Gruppe E: Belgien, Rumänien, Slowakei, Ukraine. – Gruppe F: Portugal, Tschechien, Türkei, Georgien.