Nur den Glücklichen läuft das Können hinterher
Der Spruch ist allgemein bekannt und wird oft gebraucht, die Rede ist vom Duselbruder (von Schwestern ist nie die Rede!), dem das Glück hinterher läuft. Dies wurde lange Zeit im Fußball auch dem FC Bayern München unterstellt, als sprichwörtlicher „Bayern-Dusel“ bekannt. Der erfahrene Trainer Hermann Gerland hatte dies aber schon vor Jahren relativiert: „Immer Dusel ist Können“. Insofern ist es also einen besondere Leistung, wenn Meister Bayer Leverkusen bei Rückständen mit späten Toren (inzwischen 20 in der Nachspielzeit) Niederlagen abwendet. So auch wieder in Dortmund, als die erste Saison-Niederlage nach 44 ungeschlagenen Pflichtspielen drohte, aber mit Josip Stanisic ausgerechnet ein Verteidiger spät, aber nicht zu spät (90+7) das Serienende abwendete. Es war also kein Glück, sondern Können, oder anders gesagt, dem Glücklichen läuft das Können hinterher.
Wer im Tabellenkeller steckt, der gehört nicht zu den Glücklichen und der muss anderes verkraften, dem Unglücklichen läuft bekanntlich das Pech hinterher. Es heißt allerdings auch, dass man sein Glück zwingen kann, doch das gelingt nicht jedem. Im Sport und natürlich in der Fußball-Bundesliga können Fehler und Fehlentscheidungen nicht mit dem Hinweis auf fehlendes Glück kaschiert werden. So steht der 1. FC Köln vor dem Absturz in die 2. Liga, der sicherlich bei besserem Management zu verhindern gewesen wäre. Im letzten Sommer herrschte noch Euphorie, Köln schloss die Saison als Elfter ab, der Blick ging eher nach oben als nach unten, doch damit begann das Unheil. Der sportliche Substanzverlust mit den Abgängen von Kapitän Hector und Mittelfeldlenker Skhiri an der Spitze wurde ignoriert. „Wir sind mit dem Kader zufrieden, es gibt keine Notwendigkeit, ihn zu ergänzen“, war Geschäftsführer Christian Keller optimistisch. Er baute auf Trainer Steffen Baumgart, der Schwung in den Laden gebracht hatte, doch der Elan ging verloren. Am Ende musste Baumgart gehen, Nachfolger Timo Schultz wirkt eher überfordert. Die 0:2-Niederlage gegen Darmstadt war eine Art Offenbarungseid, der siebte Abstieg seit 1998 droht. Der Absturz könnte besonders bitter ausfallen, weil Köln wegen eines CAS-Urteils unter einer Transfersperre leidet. Fünf Punkte sind es für den Vorletzten bis zum rettenden Ufer (Platz 15), das Mainz mit dem 1:1 in Freiburg erstmals seit dem 2. Spieltag (!) wieder erreicht hat. Köln tritt am Sonntag (17.30 Uhr) in Mainz an. Wieder einmal ein „Endspiel“. Der Gegner hat es leichter, befindet sich im Aufwind, hat besser gearbeitet und steht davor, den Lohn des Tüchtigen zu ernten, egal ob Glück und Können hinterher laufen.
Bleiben wir beim Abstiegskampf. Die Glücklichen waren Werder Bremen und der VfL Wolfsburg, die mit ihren Siegen gegen Stuttgart bzw. Bochum sich ein Polster zur Abstiegszone geschaffen haben. Werder darf nach dem Überraschungscoup gegen den VfB mit 34 Punkten fast schon vom Klassenerhalt ausgehen, Wolfsburg hat das Abrutschen nach unten verhindert und Bochum ins Dilemma gestürzt. Die Relegation droht. Auch Gladbach ist noch nicht aus dem Schneider und darf sich mit 31 Zählern nicht in Sicherheit wiegen. Hier gibt es ebenfalls eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die gefährlich werden kann. Schlusslicht Darmstadt hat nach einer Dürre von 22 sieglosen Spielen erstmals wieder drei Punkte einsacken dürfen.
Zurück zur Tabellenspitze. Ausgerechnet Stanisic werden auch die Bayern gedacht haben, der Verteidiger fällt in Leverkusen auf, saß bei den Bayern aber auf der Bank und wurde bekanntlich zum Konkurrenten verliehen. Ein Fehler, aber deren hat entthronte Meister im Sommer viele gemacht. Jetzt darf er sich bei der Trainersuche keinen erlauben, steckt aber im Dilemma. Die Liste der Wunschtrainer umfasst Xabi Alonso, Jürgen Klopp und Sebastian Hoeneß, doch keiner steht jetzt zur Verfügung, aber in einem Jahr. Welcher starke Coach kommt für ein Jahr? Ist eine Übergangsverpflchtung die Lösung? Die Bayern wollen ja wieder erfolgreich sein und das Finale der Champions League findet 2025 in München statt. Von der Trainerliste wurden angeblich de Zorbi und der zuletzt gehandelte Zidane gestrichen, näher dran sind wohl Ralf Rangnick (aber doch nicht für ein Jahr!) und Hansi Flick. Als Kurzzeittrainer wird Lucien Favre genannt, mit dem Sportchef Max Eberl gute Erfahrung in Gladbach gemacht hat.
Eigentlich müssen sich die Münchner fragen, ob sie die Trennung von Thomas Tuchel nicht zu früh festgezurrt haben. Ein Rückzieher liegt wohl im Bereich des Möglichen, aber will Tuchel das? Er soll bei Manchester United im Gespräch sein. Jedenfalls surft er gerade auf einer Welle des Erfolgs: 2:0 gegen Köln, 1:0 gegen Arsenal und jetzt 5:1 bei Union Berlin. Auffallend, gegen Köln haperte es noch, gegen Arsenal bestimmten Wille und Ehrgeiz die Szenerie, in Berlin waren die Bayern frappierend nüchtern und erfolgreich. Dort fehlten die „Fummler“ Sané und Musiala, Bayern spielte einfach mit Pavlovic im Mittelfeld, Antreiber Goretzka und einem starken Thomas Müller, der wieder einmal einen Rekord aufstellte: Jetzt hat er auch am 30. Spieltag getroffen und damit in seiner Karriere an allen Spieltagen!
An der Unbesiegbarkeit von Leverkusen litt jetzt auch Borussia Dortmund. Nach dem Coup gegen Atletico Madrid in der Champions League, die alle deutschen Klubs ins Halbfinale brachte (Siehe auch den nächsten Blog „Festtage auf Europas Bühne und ein Triumph der Bundesliga“), stand die Borussia kurz vor dem Sieg, um wieder zu Leipzig aufzuschließen. Jetzt geriet Dortmund ins Hintertreffen und steht vor der nächsten großen Aufgabe: Welches Schicksal des Spielplans, dass sich Leipzig und Dortmund am Samstag (15.30 Uhr) im Kampf um Platz vier direkt gegenüberstehen! Aber wir wissen, auch Platz fünf könnte für die CL reichen. Das wird auch den VfB Stuttgart beruhigen, falls er mit seinen überraschend guten Leistungen doch nicht durchhält, schließlich warten Leverkusen (Samstag, 18.30 Uhr) und die Bayern als nächste Gegner.
Übrigens, in Sachen Organisation hat Dortmund schon Nägel mit Köpfen gemacht, nachdem Boss Hans-Joachim Watzke sich im Sommer zurückzieht, wird eine neue Führung installiert. Sportdirektor Sebastian Kehl hatte auf den Sprung an die Spitze gehofft, doch jetzt fiel die Wahl auf den ehemaligen CL-Helden Lars Ricken, der ab 1. Mai zu Geschäftsführer Sport aufsteigt (neben den anderen Geschäftsführern Carsten Cramer und Thomas Treß). Damit wird seine gute Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum gewürdigt. Dazu kommt Sven Mislinat zurück, der Technischer Direktor wird.
Leipzig ließ beim 2:1 in Heidenheim nichts anbrennen, der Sieg hat trotzdem gestunken. Auch im beschaulichen Städtchen gibt es Übeltäter, die hatten in der Nacht vor dem Spiel Buttersäure auf die Gästeränge verteilt, was unheimlich stinkt und von den Gastgebern nicht mehr gänzlich beseitigt werden konnte. Das war den braven Heidenheimern peinlich, aber den sogenannten Fans ist der gute Ruf ihres Vereins egal, sie wollten ihre Abneigung gegen den von Red Bull gesponserten „Geldverein“ kundtun, doch zeitgemäß ist das nicht mehr. RB hat sich längst Anerkennung verdient und erhält sie auch in ganz Deutschland. Für Leipzig nicht die einzige Kalamität, der Rückflug fiel wegen eines defekten Fliegers aus, mit dem Bus gab es eine anstrengender Rückreise, doch es gibt ja eine Woche der Erholung.
Frauen: Wachablösung oder nicht?
Im Frauen-Fußball wurde schon die Reklametrommel für das Pokalfinale am 9. Mai in Köln zwischen Titelverteidiger VfL Wolfsburg und Bundesliga-Spitzenreiter Bayern München gerührt. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob es bei den Frauen bereits zu einer Ablösung der Wölfinnen als Nummer 1 gekommen ist. Aus München kommt unverhohlen die Kampfabsage, für eine Wachablösung zu sorgen, was bei einem Gewinn des Doubles wohl der Fall wäre. Wolfsburgs Kapitänin Alexandra Popp will davon nichts wissen: „Da muss eine Mannschaft schon über einen längeren Zeitraum hinweg Erfolg haben, das wollen wir verhindern.“ Genau das ist das Ziel von München, aber es wird dem Frauen-Fußball guttun, wenn es interessant bleibt und keine Alleinherrschaft gibt. Erfreulich ist ja, dass sich hinter den beiden Spitzenklubs auch Frankfurt und Hoffenheim immer stärker präsentieren.
Anders sieht es in Duisburg aus, der MSV steht als erster Absteiger aus der Bundesliga fest. Allerdings wird weiter diskutiert, die Frauen-Bundesliga aufzustocken, mit nur 12 Vereinen ist die Saison einfach zu kurz, attraktive Vereine aus der 2. Bundesliga (der Hamburger SV zum Beispiel) könnten dem Oberhaus durchaus guttun. Mit dem 1. FC Nürnberg, dem auch der Abstieg droht, könnte ein bekanntes Gesicht die Liga ebenfalls verlassen müssen.