Eishockey-WM: Wer Silber gewann, kann auch Gold holen
Die Zeiten haben sich geändert. So lange ist es noch gar nicht her, dass die deutsche Nationalmannschaft zu einer Eishockey-Weltmeisterschaft allein mit dem Ziel gefahren ist, nur nicht abzusteigen. Wenn am Freitag die WM 2024 in Tschechien beginnt (bis 26. Mai), dann üben sich die deutschen Spieler zwar in Zurückhaltung, doch nach unten schaut keiner, sondern nur nach oben. Motto: Wer Silber gewann, kann auch Gold holen. Die Zurückhaltung wird dadurch deutlich, dass erst einmal das Viertelfinale das Ziel ist (unter die ersten vier in der Gruppe) und dann, sagt Kapitän Moritz Müller, „ist alles möglich“.
Der Umschwung im deutschen Eishockey wird an dem einstigen NHL-Star Marco Sturm aus Landshut festgemacht, der als Bundestrainer (2015 – 2018) ein neues Denken in die Mannschaft implantierte. Nach einer 1:4-Niederlage gegen Russland wunderte er sich, dass die Spieler damit zufrieden waren, nicht höher verloren zu haben. „Wir wollen immer gewinnen“, trichterte Sturm den Burschen ein und später wurde die Ernte eingefahren, mit Silber bei Olympia 2018 in Südkorea. Russland unterlag man erst in der Overtime. Es war keine Eintagsfliege, seitdem geht es mit dem deutschen Eishockey aufwärts. Immer mehr deutsche Spieler finden Beachtung in der berühmten NHL und im letzten Jahr konnte der nächste große Erfolg gefeiert werden: Silber bei der Weltmeisterschaft in Finnland, erst im Finale von Kanada mit 2:5 gestoppt, aber keineswegs chancenlos. Der Lohn der guten Leistungen, inzwischen rangiert Deutschland in der Weltrangliste nicht mehr „unter ferner spielen“, sondern befindet sich auf Rang fünf, noch vor Schweden (6.) und WM-Gastgeber Tschechien (8.). Für Olympia 2026 ist das DEB-Team bereits qualifiziert.
Die Erfolge werden in Deutschland honoriert, Eishockey boomt. Die Deutsche Eishockey Liga konnte ihre Zuschauerzahlen gegenüber den Vor-Corona-Zeiten sogar noch steigern, 7160 Zuschauer waren es im Schnitt, die DEL ist die damit die Nummer 1 in Europa vor der Schweiz (7131) und Schweden (6116). Die Kölner Haie stellten sogar einen Europarekord auf mit einem Besucherschnitt von 16993 Fans. Und wenn es jetzt um die WM geht, dann ist von „Unseren Helden auf dem Eis“ die Rede.
Das ist natürlich auch eine Hypothek für den sympathischen Bundestrainer Harold Kreis und seine Mannen. Kreis fährt optimistisch zum Turnier, obwohl die Testspiele keineswegs erfolgversprechend verliefen, nur drei Siege in acht Spielen waren zu verzeichnen. Den Schlusspunkt setzte ein 4:3-Sieg gegen Frankreich, unter anderem Gruppengegner im Spielort Ostrava. Los geht es am Freitag gegen die Slowakei, dann folgen mit Schweden und den USA weitere Konkurrenten um den Gruppensieg. Danach wird es gegen Lettland, Kasachstan, Neuling Polen und Frankreich zweifellos leichter. Das Viertelfinale wird am 23. Mai gespielt, am Samstag, 25., stehen die Halbfinals an und am Sonntag das Finale. In Deutschland übertragen gleich drei TV-Sender, nämlich ProSieben mit ProSiebenMaxx, MagentaSport und Sportdeutschland.tv.
Auf den aktuell größten Star des deutschen Eishockeys muss der Bundestrainer freilich verzichten, Leon Draisaitl kämpft mit seinen Edmonton Oilers in der NHL um den Stanley Cup und will ihn endlich gewinnen. Tim Stützle (Ottawa) fällt verletzt aus und Moritz Seider erhielt von seinem neuen Verein Detroit Red Wings keine Einsatzgenehmigung. Dafür ist aber der Rosenheimer Philipp Grubauer von den Seattle Kraken dabei, inzwischen einer der besten Torhüter der NHL, der mit Matthias Niederberger (Red Bull München) ein erstklassiges Gespann bildet. Der Torhüter ist bekanntlich im Eishockey die halbe Miete. Als Leistungsträger entpuppte sich auch John-Jason (genannt JJ) Peterka (Buffalo), der vor einem Jahr sogar zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Das DEB-Team hat also durchaus einige Pfunde, mit denen es wuchern kann. Bundestrainer Harold Kreis ist deshalb zufrieden, „wir sind diesmal vor dem Turnier weiter als vor einem Jahr“. Die Mannschaft ist also heiß auf die nächste Überraschung.
Die Rolle der Favoriten übernehmen jedoch andere Nationen. So Titelverteidiger und Rekordweltmeister Kanada, Schweden, das zuletzt auf NHL-Spieler verzichtete, aber eine Kehrtwende hinlegte und mit einigen NHL-Stars aufwartet. Im erweiterten Kreis sind Finnland, die USA und Gastgeber Tschechien zu nennen. Vor allem die Tschechen wollen den Heimvorteil nutzen, um wieder einmal einen Titel zu holen. Das gelang ihnen zuletzt 2010 in Deutschland!