Meisterkusen: Das Triple fehlt zu einer perfekten Saison
Endlich hielten die glücklichen Leverkusener Spieler die Schale in ihren Händen. Als Deutscher Fußball-Meister standen sie schon lange fest, doch so richtig Wirklichkeit wurde der erste Titelgewinn der Vereinsgeschichte halt doch erst, als die Schale da war. Mit einem 2:1 gegen Augsburg krönte Bayer die Bundesliga-Saison, ist inzwischen seit 51 Pflichtspielen ungeschlagen und erreichte noch nie 90 Punkte. Die Konkurrenz konnte nur neidisch zuschauen, aber für eine große Feier haben die Rekordjäger keine Zeit. Aus Vizekusen wurde Meisterkusen, aber das Triple fehlt zu einer perfekten Saison. Noch zwei große Aufgaben stehen in dieser Woche an: Am Mittwoch in Dublin das Finale in der Europa League gegen Atalanta Bergamo und am Samstag in Berlin das Finale im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern. Die Italiener werden eine harte Nuss sein, die Pfälzer werden sich nach Kräften wehren, sollten aber chancenlos sein. Wie auch immer, die große Sause wird es erst am Sonntag im Leverkusener Stadion geben, weil ein Balkon am Leverkusener Rathaus fehlt. Da hätten die Stadtväter eigentlich vorsorgen können…
Trainer Xabi Alonso ist der Held von Leverkusen, der Spanier machte aus einem abstiegsgefährdeten Team eine Pass- und Punktemaschine. Er bleibt trotz Angebote einiger Topvereine, weil ihn wohl die Aufgabe reizt, mit diesem Team auch in der Champions League zu bestehen. Seit dem 6. Spieltag stand Bayer auf Platz 1, die Vorentscheidung im Kampf um die Meisterschaft fiel am 21. Spieltag, als Titelverteidiger Bayern mit einem Sieg in Leverkusen hätte vorbeiziehen können, aber Leverkusen wehrte den Angriff mit einem 3:0-Triumph ab, hatte fünf Punkte Vorsprung und am Ende waren es sogar 18 Zähler vor den Münchnern, die zum Schluss mit einer 2:4-Niederlage bei Hoffenheim sogar noch die Vizemeisterschaft verspielten.
Nach erfolgreichen Jahren lief in München vor und in dieser Saison alles schief. Es begann mit dem Sommertheater und der Kündigung für die Macher Kahn und Salihamidzic ausgerechnet am Tag des Titelgewinns. In der Transferzeit konzentrierte man sich darauf, Englands Torjäger Harry Kane an Land zu ziehen, versäumte es aber, die Mannschaft darüber hinaus sinnvoll zu verstärken. Trainer Thomas Tuchel bettelte vergebens um eine „Holding Six“ im Mittelfeld. Eine Verletzungsserie tat ihr übriges, die Bayern kamen nur in der Champions League auf die Beine, am Schluss stehen sie aber mit leeren Händen da, nach einem blamablen Ausscheiden im Pokal in Saarbrücken und dem unglücklichen Ende im CL-Halbfinale gegen Real Madrid. Acht Niederlagen in einer Saison gab es zuletzt 2006/07, Dritter der Bundesliga waren die Bayern zuletzt 2011 hinter Dortmund und Leverkusen, was damals Trainer Louis van Gaal den Job kostete. Jetzt bleibt auch Thomas Tuchel nicht, mit dem noch einmal verhandelt wurde. Die aktuelle Trainersuche verkommt fast zu einer Komödie oder Tragödie, je nach Sichtweise. Max Eberl hat keinen guten Start als Sportvorstand. Nicht umsonst fordern die Führungsspieler Neuer und Müller einen Neuanfang. Harry Kane war allerdings ein Volltreffer, wurde mit 36 Treffern Torschützenkönig, fehlte am Ende aber ebenfalls verletzt. Sein Traum von einem Titelgewinn, für den die Münchner eine sichere Bank schienen, ging nicht Erfüllung.
Gäbe es nicht Meisterkusen wäre der VfB Stuttgart die „Mannschaft der Saison“, von der Relegation zur Vizemeisterschaft, das ist ein ebenso erstaunlicher Aufstieg. Und auch im „Ländle“ wird der Trainer gefeiert, Sebastian Hoeneß, Sohn von Dieter und Neffe von Uli – und dennoch offensichtlich keine Lösung für die Bayern. Hoeneß setzte ähnlich wie Alonso auf Spielkultur, sorgte für ein gutes Klima im Team und hat mit Guirassy (28 Treffer) ebenfalls einen Torjäger in seinen Reihen. Allerdings bangen die Stuttgarter, ob ihnen der Torjäger erhalten bleibt. Mit Nick Woltemade kommt aus Bremen neu ein Torjäger-Talent. Dahinter stand ja bereits fest, dass die CL-Plätze an Dortmund und Leipzig gehen, Frankfurt verteidigte glücklich Rang 6 und die Europa League, Hoffenheim sprang sogar auf Rang 7 und hat die Conference League sicher. Dahinter darf mit Neuling Heidenheim das nächste Überraschungsteam bei glücklicher Konstellation noch auf internationale Ehren hoffen.
Am Tabellenende ging es hoch her, für den 1. FC Köln reichte es nicht, er muss neben Darmstadt wieder einmal in die zweite Liga runter, sein siebter Abstieg, der Effzeh ist eine Fahrstuhlmannschaft, in erster Linie sind das aber Folgen schlechter Vereinspolitik. Glücklicher war Union Berlin, dass im Sommer bei den Neuzugängen auch viele Fehler gemacht hat, am Ende aber gerade noch die Kurve bekam und in einem spannenden Match gegen Freiburg mit einem vergebenen und einem erst im Nachschuss verwandelten Elfmeter die eigenen Nerven und die der Fans strapazierte, dennoch sprang ein 2:1-Sieg heraus. Glücklich auch Mainz, vom neuen Trainer Bo Henriksen angetrieben gab es ausgerechnet im entscheidenden letzten Spiel mit 3:1 in Wolfsburg den ersten Auswärtssieg der Saison (!) und so stürzte Bochum noch in die Relegation. Am Donnerstag und Montag, 27. Mai, ist der Dritte der 2. Bundesliga, Fortuna Düsseldorf der Gegner. Die Bilanz spricht für Bochum, in 15 Duellen hatten nur dreimal die Zweitligisten das bessere Ende für sich, einmal war das jedoch 2012 die Fortuna. Aber ausgerechnet jetzt verzichtet Bochum auf den heißblütigen Stammtorhüter Manuel Riemann wegen „unüberbrückbarer Differenzen“.
In der zweiten Liga verteidigte St. Pauli erfolgreich Platz 1 und holte sich den Titel vor Holstein Kiel, das mit dem Aufstieg in die Bundesliga ein Märchen erlebt. Absteigen müssen Osnabrück und Rostock, wobei die Hansa-Fans wieder über die Stränge schlugen und mit Pyro-Ärger für eine Spielunterbrechung gegen Paderborn sorgten. Es ist, als wollten die Randalierer deutlich machen, wir haben den Abstieg verdient! Wehen-Wiesbaden rettete sich in die Relegation am 24. und 28. Mai gegen den Dritten der 3. Liga, Jahn Regensburg. Dort sind SSV Ulm 1846 als Meister und Preußen Münster sensationelle Aufsteiger, weil sie als Neulinge von der Regionalliga in die 2. Bundesliga durchmarschierten!
Mehr zur Saison der Bundesliga in einem weiteren Blog in dieser Woche.
Die Zeit des Abschieds
Unabhängig davon, dass ein Saisonende immer eine Zeit des Abschieds ist, gab es diesmal besondere Momente. So ist in erster Linie Freiburgs Trainer Christian Streich zu nennen, der seine Karriere in seiner Heimat nach 12 Jahren beendet, da flossen die Tränen. Es war kein glückliches Ende, sein SCF stürzte nach der Niederlage bei Union noch auf Rang 10 und verpasste das internationale Geschäft. Streich in seiner Art: „Es tut mir leid für die Fans. Ich bin enttäuscht von mir selbst.“ Glücklicher der Abschied in Dortmund, wo Marco Reus durch ein Spalier mit Mitspielern vorzeitig vom Platz ging. Die Borussia-Ikone hatte ja zuvor seinen Abschied verkündet, will aber im Ausland noch spielen.
Beim Thema Abschied ein Blick ins Ausland, in England wurde Jürgen Klopp nach seinem letzten Spiel in Liverpool gefeiert. Er wurde zur Legende bei den „Reds“, gewann mit ihnen die Meisterschaft 2020 und die Champions League 2019, insgesamt waren es sieben Titel. Vor allem aber gewann er die Herzen der Fans. Jetzt will der 56-jährige eine längere Pause machen. „Ich werde ihn vermissen,“ tat auch Konkurrent Pep Guardiola kund, der Spanier holte am letzten Spieltag mit Manchester City wieder den Titel, den vierten in Folge, das gab es in der Premier League noch nie, insgesamt der 17. Titel für Pep, der dann auch von Abschied sprach. Er will den Vertrag bis 2025 erfüllen, „dann weiß ich noch nicht, was ich mache.“
EM-Start am Sonntag
Es stehen noch entscheidende Spiele an, aber das größte Finale der Saison ist bereits im Visier: Das Endspiel der Europameisterschaft in Berlin am 14. Juli. Der EM-Start für die deutsche Mannschaft ist bereits am Sonntag, wenn die Spieler den ersten Teil der Vorbereitung im Hotel „Spa & GolfResort Weimarer Land“ beginnen. Hotel und Golfplatz stehen nur dem DFB-Team zur Verfügung, die Spieler dürfen auch ihre Familien mitbringen. Es geht bis zum 31. Mai aber nicht nur um Urlaub. Einige Kandidaten werden fehlen, weil eben noch Endspiele anstehen. Das EM-Quartier in Herzogenaurach wird im Anschluss bezogen, am 3. und 7. Juni gibt es dann in Nürnberg und Gladbach Testspiele gegen die Ukraine und Griechenland. Am 7. Juni muss auch der endgültige EM-Kader gemeldet werden.
27 Mann hat Bundestrainer Julian Nagelsmann bisher auf seiner Liste, nicht endgültig geklärt ist, wie viele er mit zur EM nimmt, 26 dürfen es sein. Die Nominierung des Kaders verlief bekanntlich in einer neuen PR-Aktion scheibchenweise, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann. Als Nagelsmann am Donnerstag mit allen Namen an die Öffentlichkeit ging, gab es natürlich nur wenige Überraschungen. So zum Beispiel, dass die Stars Hummels und Goretzka fehlen, auch der Dortmunder Brandt fand keine Aufnahme mehr. Überraschend auch, dass bei den Torhütern der Frankfurt Trapp kein Thema war, dafür rückte der Stuttgarter Alexander Nübel, der noch den Bayern gehört und Neuer-Nachfolger werden soll, für den verletzten Leno nach. Nagelsmann wollte auf seiner eingeschlagenen Linie bleiben und betonte, „jeder kennt seine Rolle“. Die Stammformation steht mehr oder weniger fest. Fit meldeten sich auch die Münchner Musiala und Pavlovic.
Der EM-Kader: Tor: Neuer, ter Stegen, Baumann, Nübel. – Abwehr: Kimmich, Koch, Mittelstädt, Rüdiger, Schlotterbeck, Tah, Raum, Anton, Henrichs. – Mittelfeld: Andrich, Wirtz, Führich, Groß, Gündogan, Pavlovic, Sané, Musiala, Kroos. – Sturm: Füllkrug, Havertz, Undav, Müller, Beier.