Bei der Nati ist jetzt Schluss mit lustig

Der Umzug vom Golfhotel im Weimarer Land ins EM-Quartier in Herzogenaurach bedeutet für die Fußball-Nationalmannschaft gleichzeitig eine Zeiten- und Stimmungswende. Am Freitag wurde zwar noch einmal trainiert, bevor es mit dem Zug nach Nürnberg ging, doch die Tage in Thüringen standen eher im Zeichen der Regeneration und Entspannung. Teilweise waren Familienmitglieder dabei und locker wurden auch die Pflichttermine absolviert. Als Anführer der Gruppe präsentierte sich Thomas Müller in Abwesenheit der Kapitäne Gündogan und Neuer, der allerdings seine Chefrolle als Unterhalter gegen einen Neuling verteidigen muss. Der Stuttgarter Deniz Undav machte deutlich, welchen Spaß er bei der DFB-Auswahl hat und wenn er denn nicht zum Einsatz kommt, dann will er wenigstens für gute Laune sorgen. Mit der Ankunft in Herzogenaurach ist allerdings Schluss mit lustig. So langsam rückt das Turnier in den Mittelpunkt und da gibt es eine gute Nachricht für die Spieler: Für einen Titelgewinn erhält jeder vom DFB eine Rekordprämie von 400.000 Euro!

In der Öffentlichkeit stand die Nationalmannschaft in den letzten Tagen allerdings im Schatten anderer Fußballereignisse. So die Finalspiele von Leverkusen und Dortmund, die Relegation in den verschiedenen Ligen und Bayern München sorgte mit der Trainersuche für eine besondere Beschäftigung der Medien. Bundestrainer Julian Nagelsmann wird die Verbannung ins zweite Glied gar nicht ungern gesehen haben, zumal sein Kader sowieso nicht komplett war. Eine besondere Überraschung hatte er noch für zwei U21-Nationalspieler parat, denn Brajan Gruda (Mainz) und Rocco Reitz (Gladbach) durften zum Nationalteam reisen, um den Trainingskader aufzufüllen. Sie haben ihre Sache dabei so gut gemacht, dass sie auch mit ins EM-Camp umziehen durften und sogar Aussicht auf ein Länderspieldebüt in den Testspielen bekamen. Erst am Donnerstag hatte Nagelsmann 24 Mann im Training, nachdem auch die Leverkusener Pokalsieger und Kapitän Gündogan eingetroffen waren. Den protokollarischen Höhepunkt mit dem Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch verpassten sie allerdings knapp. Deutschlands Staatsoberhaupt hatte beim Zusammensein mit den Spielern erkannt: „Der Ehrgeiz ist riesengroß“. Er wünscht sich ein Wiedersehen am 14. Juli – der Tag des Endspiels. Die Neuankömmlinge werden nicht so traurig gewesen sein, Steinmeier verpasst zu haben, beim Grillabend des Teams waren sie ja dabei.

Schluss mit lustig, aber das erste Testspiel vor dem Turnier am Montag in Nürnberg gegen die Ukraine ist noch kein Ernstfall, von Einspielen der EM-Formation kann keine Rede sein, fehlen doch noch wichtige Akteure aus Dortmund und Madrid. Eher wird der Bundestrainer testen wollen, wer sich für die Stammelf notfalls anbieten könnte. Vor der endgültigen Nominierung am 7. Juni, Tag des zweiten Testspiels in Gladbach gegen Griechenland, muss er noch einen Kandidaten streichen. Sollte es einen weiteren Ausfall im Mittelfeld geben, hat sich sogar Nachwuchsmann Gruda angeboten. „Er hat ungeheure Fähigkeiten“, attestierte ihm Thomas Müller – und schon ist Gruda als möglicher Neuzugang bei Bayern im Gespräch.

Mit Kompany soll alles wieder gut werden

Der FC Bayern München hat die Trainersuche beendet. Über den Zirkus der letzten Wochen möchte man bei den Vereinsbossen gar nicht mehr reden, sondern lieber positiv in die Zukunft schauen und den nun verpflichteten Belgier Vincent Kompany als „Wunschtrainer“ verkaufen. „Er stand immer auf unserer Liste“, betonte Sportvorstand Max Eberl, der allerdings eingestand, dass sich der Verein das eine oder andere blaue Auge geholt habe. Jetzt aber ist alles wieder gut, der 38-jährige neue Trainer, 1,90 m groß, ist zwar ein Newcomer, kann aber als Pluspunkt die Empfehlung von Pep Guardiola vorweisen. Bei seiner Vorstellung in der Allianz Arena machte er eine gute Figur, zeigte sich schlagfertig und lobte natürlich die Bayern als „großen Verein“.

Dass es im Vorfeld Unstimmigkeiten gegeben habe, wies Bayern-CEO Jan-Christian Dreesen zurück und bezeichnet Kompany als „der eine für alle“, also, dass auch die weisen Herren im Hintergrund, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, die gern in den Vordergrund drängen, einverstanden seien. Auf einer Linie sind alle im Verein auch wie Kompany spielen lassen will, dominant und aktiv, und er will natürlich „jedes Spiel gewinnen“. Ein Wink nach Leverkusen. Max Eberl bemerkte nicht nur zur Kompany-Verpflichtung „das Beste kam zum Schluss“, sondern ließ genüsslich fallen, dass man durch das Theater um den neuen Trainer in Ruhe im Hintergrund am Umbau des Kaders arbeiten konnte. „Wir sind vielleicht schon ein Stück weiter, als man denkt“. Eines machte Eberl dabei deutlich, „weggejagt wird niemand, aber der eine oder andere muss hinnehmen, dass er nicht mehr die Rolle spielt, wie er es sich vorstellt“. Außerdem hat der neue Coach ebenfalls versprochen, Talenten eine Chance zu geben. Gerade diesbezüglich hat es ja in den letzten Tagen des scheidenden Thomas Tuchel fast schon eine Lawine an neuen, jungen Gesichtern gegeben. Es wartet also viel Arbeit auf Vincent Kompany, der auch mit der Hypothek leben muss, er sei „einer der interessantesten Trainer in Europa“, wie ihn Eberl bezeichnete. Sein Vertrag läuft bis 2027, es soll endlich einmal ohne vorzeitige Kündigung abgehen.

Übrigens: Besonders im Gespräch bei den Bayern war auch eine Rückkehr von Hansi Flick, aber dies war im Verein umstritten. Der frühere Bundestrainer hat jetzt aber seinen neuen Traumverein gefunden und beim FC Barcelona unterschrieben, der Trainer Xavi, ein Vereinsidol, entlassen hatte. Die neue Saison wird zeigen, wer das glücklichere Händchen hatte, aber vielleicht sind beide Trainer und Vereine ja zufrieden…