Statt EM-Euphorie gibt es viele Fragezeichen
Den Ausdruck „Sommermärchen“ können viele nicht mehr hören. Und die Hoffnung, dass sich die tolle Stimmung, das weltoffene Deutschland und das Wetter mit viel Sonnenschein wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nun bei der Europameisterschaft 2024 in Deutschland wiederholen, kann eigentlich nicht erfüllt werden. Noch keine EM-Euphorie. Die Zeiten sind andere, Deutschland ist weltoffen, keine Frage, aber Rassismus und Radikalismus greifen immer mehr um sich, sorgen für unruhige Zeiten. Keine Basis für unbeschwertes Feiern, die Sicherheitslage ist komplex, es herrscht eher Unsicherheit. Es gibt Leute, die haben Angst vor Großveranstaltungen, denn eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, die Terrorgefahr ist allgegenwärtig. Und vier Wochen herrliches Wetter gibt die langfristige Wettervorschau auch nicht her. Dennoch sollten wir die Fußball-Europameisterschaft vom 14 Juni bis 14. Juli positiv sehen, als Chance, Abstand vom Alltag zu gewinnen, als Chance, zu zeigen, dass es auch anders geht, als sich von Hass und Unsicherheit quälen zu lassen. Der Fußball als Frustlöser ist möglich.
Das liegt hauptsächlich natürlich auch an der deutschen Mannschaft. Ist sie erfolgreich, tun wir uns leichter mit guter Stimmung. Die Vorzeichen waren eigentlich nicht schlecht, aber statt EM-Euphorie gibt es rund um die Mannschaft aktuell viele Fragezeichen. Ein Sorgenfall ist dazugekommen, dabei galt Torhüter Manuel Neuer als der große Rückhalt in der Abwehr. Plötzlich aber macht der fünfmalige Welttorhüter Fehler, lässt wiederholt Bälle abprallen, was zu Gegentoren führte. Die Mehrheit der Fans plädiert für einen Wechsel, denn dahinter steht mit Marc-André ter Stegen ein zweiter erstklassiger Keeper. Julian Nagelsmann beachtet die Stimmung allerdings nicht, der Bundestrainer macht deutlich, dass er weiter auf Neuer setzt und er hat Gründe dafür. „Neuer hat vorher famos gehalten und war nur am Ende einer Fehlerkette. Ihm traue ich zu, dass er es schafft, solche Fehler zu vermeiden.“ Auch das Team steht hinter Neuer, er hat die bessere Ausstrahlung (auch auf den Gegner) und er verhindert durch seine offensive Spielweise oft spätere Torchancen, die es durch ihn eben nicht gibt.
Aber Neuer steht nicht allein, gegen die Ukraine kein Tor, gegen Griechenland eine schwache erste Halbzeit, immerhin fruchteten wieder die Wechsel, Nagelsmann kann immer für frischen Wind sorgen. Doch eine Stabilität in der Abwehr wird noch nicht sichtbar, zahlreiche Fehlpässe verwundern und sind eigentlich ein größeres Fragezeichen als die Neuer-Fehler. Der erhoffte Schwung mit den Jungstars Wirtz und Musiala ist noch nicht vorhanden. Dennoch wird Nagelsmann an seiner vorgesehenen Stammformation festhalten (Neuer – Kimmich, Tah, Rüdiger, Mittelstädt – Andrich, Kroos – Wirtz, Gündogan, Musiala – Havertz), doch er wird wohl oft wechseln, zumal es auch bei Kapitän Gündogan Zweifel gibt, ob er der geeignete Spielmacher ist und nicht eher das Tempospiel verzögert. Für solche Fälle warten Sané, Müller, für den Schwung Führich und für die Tore Füllkrug. Das gibt doch ein bisschen Hoffnung.
Die DFB-Elf gehört trotz allem zum Favoritenkreis, weil dem Gastgeber mit Unterstützung der Fans viel zugetraut wird, weil Deutschland den Ruf einer Turniermannschaft hat. Dabei wird vergessen, dass es zuletzt nur Turnier-Pleiten gab. Ach, doch diesmal nicht! Aber einen echten Favoriten gibt es sowieso nicht, es gibt keine Übermannschaft, aber viele auf gleicher Höhe, neben Deutschland werden vor allem Frankreich, Spanien und England genannt, obwohl die Engländer noch nie Europameister waren und seit ihrem glücklichen WM-Sieg 1966 auf einen Titel warten. Dagegen wird Italien keine erfolgreiche Titelverteidigung zugetraut. Rekord-Europameister sind übrigens Deutschland (1972, 1980, 1996) und Spanien (1964, 2008, 2012) mit je drei Siegen, Italien (1968, 2021) und Frankreich (1984, 2000) gewannen zweimal. Eines sollte beim deutschen Team beachtet werden: In der FIFA-Rangliste sind acht europäische Nationen besser platziert.
Es ist eine Binsenweisheit, dass von einem guten Start viel abhängt, ob es ein erfolgreiches Turnier werden. Diesbezüglich sind die Voraussetzungen für Nagelsmann und seine Jungs nicht schlecht, am Freitag (21.00 Uhr) ist in München zur EM-Eröffnung mit Schottland die vermutlich schwächste Mannschaft der Gruppe A der Gegner. Die Schotten sind durchaus kämpferisch, gelten aber als spielerisch nicht so stark und haben mit Ausfällen zu kämpfen. In den letzten neun Spielen gab es nur einen Sieg, der letzte Test endete gegen Finnland 2:2 nach einer 2:0-Führung. Die Spiele gegen Ungarn (Mittwoch, 19.6. 18.00 Uhr in Stuttgart) und die Schweiz (Sonntag, 23.6., 21.00 Uhr in Frankfurt) schließen sich an und die Gegner sind wohl andere Kaliber. Die beiden ersten Teams jeder Gruppe und die vier besten Gruppendritten kommen ins Achtelfinale. Sollte Deutschland Gruppensieger werden, wartet dann der Zweite der Gruppe C, also England, Serbien, Slowenien oder Dänemark. Diese Gruppe klingt schon stärker, die „Hammergruppe“ bilden wohl Frankreich, die Niederlande, Österreich und Polen. Keine leichte Aufgabe für Austria-Coach Ralf Rangnick und viele Bundesliga-Stars. Überhaupt können sich die deutschen Fans auf viele aktuelle und ehemalige Bundesliga-Stars freuen. Weit weg ist noch das Endspiel am Sonntag, 14. Juli (21.00 Uhr) in Berlin. Insgesamt absolvieren die 24 Nationen 51 Spiele.
Am Ende wird nicht nur sportlich Bilanz gezogen, der Verband, nein ganz Deutschland wird Bilanz ziehen. So hofft Turnierdirektor Philipp Lahm, dass das Konzept aufgeht, er startete vor dem Start einen Aufruf für Solidarität und Fürsorge sowie ein Wiedererstarken des europäischen Gedankens, passend zur Europawahl. In diesem Sinne hat auch die UEFA den Slogan ausgegeben „United by Football – Vereint im Herzen Euroopas“. Und auch wirtschaftlich gibt es Hoffnungen, überall in den Turnierstädten (München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Gelsenkirchen, Hamburg, Leipzig, Berlin) gibt es Fan-Partys, etwa 2,8 Millionen Fans werden erwartet, aus England haben sich allein rund eine halbe Million angekündigt. 1,7 Millionen Tickets wurden verkauft und die Wirtschaft hofft, dass die Fans einiges an Geld ausgeben. Jedes große Turnier ist schließlich ein großes Geschäft. Lasset die Spiele also beginnen!
Die Frauen sind bei der EM 2025 dabei
Die Frauen-Nationalmannschaft schaut schon ein bisschen weiter voraus, mit dem 3:1-Sieg in Gdingen gegen Gastgeber Polen haben sich die Mädchen vorzeitig für die Europameisterschaft 2025 in der Schweiz qualifiziert. Deutschland ist mit vier Siegen in der Gruppe klarer Tabellenführer vor Island (7 Punkte) und Österreich (4), das nach einer 1:2-Niederlage in Island noch um Teilnahme bangen muss.
Für die deutsche Mannschaft steht jetzt erst einmal Urlaub an, bevor die letzten Qualifikationsspiele ausgetragen werden, die gleichzeitig den Start der Olympia-Vorbereitung bedeuten. Gegen Island (12.7.) und Österreich (16.7. in Hannover) wird Bundestrainer Horst Hrubesch experimentieren um aus 23 Kandidatinnen die erlaubten 18 für den Olympia-Kader zu finden und bestehende Mängel auszumerzen. Auffallend, dass die Frauen in allen Spielen eine schwache erste Halbzeit hatten und erst mit einem energischen Endspurt die Siege einfuhren. Auch gegen Polen lagen sie in beiden Spielen in Rückstand. Bei Olympia warten mit Australien (25.7.), den USA (28.7.) und Sambia (31.7.) schwere Gegner.