Die EM bringt Deutschland die Freude zurück
Was der Fußball doch alles bewirken kann: Deutschland jubelt wieder, Deutschland freut sich wieder, die Tristesse der letzten Monate, ja Jahre, ist beiseite geschoben. Die Europameisterschaft 2024 knüpft da an, wo die Weltmeisterschaft 2006 beeindruckte, ein Sommermärchen und gelöste Stimmung. Die war beim EM-Start vor allem wieder beim Public Viewing und in den EM-Städten zu spüren, die Nationalmannschaft sorgte mit ihrem 5:1-Sieg über Schottland und einer überzeugenden Leistung für gute Laune. Vergessen die bittere Corona-Zeit, verdrängt der Ärger über eine zerstrittene Ampel-Regierung und das Aufkommen des neuen Rechtsradikalismus, der allen vernünftigen Menschen Sorgen bereitet. Endlich also wieder positive Stimmung.
Hoffentlich bleibt es so, hoffentlich können die Nagelsmänner an die Leistung vom Freitag anknüpfen, denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer bzw. ein Sommermärchen. Vorsicht bei aller Euphorie ist geboten, denn die Schotten waren erstaunlich schwach, Ungarn wird trotz der 1:3-Niederlage gegen die Schweiz eine ganz andere Herausforderung. Dort, wo die Schotten quasi den Weg zum Erfolg freimachten, wird er von den nächsten Gegnern versperrt sein. Kroos, Gündogan, Musiala, Wirtz und Co. müssen sich also neu bewähren.
Aber schön anzuschauen war der Sturmwirbel und endlich auch effektiv, wobei das frühe Tor von Florian Wirtz natürlich half und Jamal Musiala legte mit seinem ersten Tor im dritten Turnier (mit 21 Jahren!) gleich nach. Die zuletzt monierte Abschlussschwäche war vergessen. Das Spiel schrieb fast märchenhafte Geschichten, so brachte Musiala alle seine 32 Pässe an den Mann, war Toni Kroos mit 101 von 102 angekommenen Pässen der Überflieger, war Kapitän Ilkya Gündogan der erhoffte Denker und Lenker an der Nahtstelle zwischen Abwehr und Angriff. Mit Havertz und Füllkrug schossen beide eingesetzten Mittelstürmer ihr Tor und Emre Can erlebte einen besonderen Traum. Vom Urlaub zurück geholt, als Ersatz im Kader, plötzlich auf dem Feld und Torschütze! Erinnerungen an die Dänen von 1992 wurden wach, die Jugoslawien kurzfristig bei der EM ersetzten, aus dem Urlaub kamen – und Europameister wurden! Kann Can das auch?
Nicht nur die deutsche Mannschaft machte Spaß, auch der Rest waren durchaus ansehnliche Spiele, sogar mit Rekorden und die Favoriten hatten es nicht leicht. Das schnellste Tor der EM-Geschichte schoss Nedim Bajrami nach 23 Sekunden gegen Italien, das am Ende doch mühsam 2:1 gewann. Es war das erste Tor in der ersten Spielminute, bisher hielt der Grieche Dmitri Kirichenko mit 67 Sekunden beim 2:1 über Russland 2004 den Rekord. Spanien wurde beim 3:0 über Kroatien seiner Favoritenrolle gerecht und dabei half Barcelonas Toptalent Lamine Yamal, der jetzt mit 16 Jahren und 338 Tagen der jüngste EM-Spieler aller Zeiten ist. Und Wout Weghorst war der beste Joker, kam, sah und schoss mit seinem ersten Ballkontakt in der 83.Minute das 2:1-Siegtor für die Niederlande gegen Polen. So kann es weitergehen.
Dass es in Deutschland eine Vorfreude auf die EM 2024 gab (obwohl es vorher eigentlich gar nicht so ausgeschaut hat), beweisen die Einschaltquoten im Fernsehen. 22.49 Millionen verfolgten am Freitag den EM-Auftakt vor dem TV, das war ein Marktanteil von 69 Prozent und deutlich mehr als alle Spiele bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Dort war der Bestwert fünf Millionen weniger. Zum Start des späteren Sommermärchens 2006 verfolgten damals am 9. Juni mit 20,06 Millionen ebenfalls weniger Fans das erste deutsche Spiel. Aber auch die anderen EM-Spiele finden Interesse, am Sonntag waren es 11,84 Millionen, die im ZDF England – Serbien verfolgten, am Samstag 9,7 Millionen bei Italien – Albanien in der ARD und selbst um 18.00 Uhr sahen 7,86 Millionen bei Slowenien – Dänemark zu. Das Turnier geht ja erst richtig los und wird noch interessanter, da werden die Quoten sogar steigen. Dabei sind die Hunderttausende beim Public Viewing und die Zuschauer von MagentaSport nicht mitgerechnet.
Auch bei der deutschen Mannschaft könnten am Mittwoch (18.00 Uhr) im zweiten Spiel gegen Ungarn trotz der frühen Anstoßzeit noch mehr Fans an den Bildschirmen sitzen. Ein nächstes Torfestival sollten sie allerdings nicht erwarten, denn die Ungarn sind schon fast so etwas wie ein Angstgegner für das DFB-Team. Die Bilanz ist fast ausgeglichen, 13 Siegen stehen jeweils 12 Unentschieden und Niederlagen gegenüber. Die letzten drei Spiele konnte Deutschland zudem nicht gewinnen. Bei der EM 2021 verhinderte Leon Goretzka mit einem Tor zum 2:2 gerade noch das vorzeitige Vorrunden-Aus, danach gab es in der Nations League ein 1:1 in Budapest und eine 0:1-Heimpleite in Leipzig. Also Achtung, Ungarn nicht an dem Spiel gegen die Schweiz messen, der italienische Trainer Marco Rossi führte das Team vorher zu 16 Siegen am Stück! Die Abwehr wird nicht mehr so fehlerhaft spielen, das Mittelfeld nicht so einfallslos sein und den deutschen Wirblern will man keinen Raum lassen. Bundestrainer Julian Nagelsmann wird dabei wohl wieder der Startelf vom Freitag vertrauen. Einen Unsicherheitsfaktor könnte Schiedsrichter Danny Makkelie darstellen, der Niederländer pfeift manchmal ein bisschen seltsam.
Dortmund und Bayern machen Schlagzeilen
Auch während der Europameisterschaft geht die Vorbereitung der Bundesligisten auf die neue Saison weiter. Für Schlagzeilen sorgte vor allem Borussia Dortmund, wo Trainer Edin Terzic sein Amt niederlegte. Sein Nachfolger stand schon in den Startlöchern, denn als Nuri Sahin im Winter als Co-Trainer kam, da sahen ihn viele als Back-up, wenn Terzic entlassen werden sollte. Jetzt wird Sahin tatsächlich sein Nachfolger, wieder ein Mann des Vereins, denn die Fans liebten Sahin einst als Spieler. Er soll die Dortmund wieder an die Bundesliga-Spitze führen. Er wird dies allerdings ohne Mats Hummels tun müssen, denn der Abwehrrecke verlässt den Verein nach insgesamt 13 Jahren. Das Ziel des 35-jährigen scheint Italien zu sein, der AS Rom wird genannt.
Bei Bayern München geht es jetzt um neue Spieler, nachdem der neue Trainer da ist, schließlich soll ein verstärkter Kader wieder die Meisterschale aus Leverkusen zurück erobern. Erster Zugang ist etwas überraschend der Japaner Hiroki Ito (25, Vertrag bis 2028), der drei Jahre lang beim VfB Stuttgart überzeugte. Der 1,88 m große Linksfüßler gilt als zweikampfstark und gut im Spielaufbau, er soll die linke Seite in der Abwehr oder für Davies als Linksverteidiger abdecken, kann aber auch im Mittelfeld spielen, ein idealer Allrounder also, für den die Bayern 23 Millionen Euro anlegen. Für die Abwehr soll auch EM-Crack Jonathan Tah aus Leverkusen kommen, mit ihm sind sich die Bayern offensichtlich einig, Bayer fordert allerdings 40 Millionen Euro als Ablöse, die Münchner bieten bisher nur 20 Millionen, der Poker läuft. Dafür sollen de Ligt und Upamecano den Verein verlassen. Langfristig bleiben soll dagegen Talent Aleksandar Pavlovic, der seinen Vertrag bis 2029 verlängert hat, dies soll auch mit Josip Stanisic, dem Rückkehrer aus Leverkusen, passieren.
Die Profis mussten ihr Titelserie beenden, Meisterschaften gab es bei den Bayern aber dennoch zu feiern. Zuerst wurden die Frauen bekanntlich Deutscher Meister, jetzt zogen die Basketballer nach. Die besiegten im Play-Off-Finale am Freitag den Konkurrenten Alba Berlin mit 88:82 und gewannen die Finalserie Best-of-Five damit mit 3:1 Siegen. Fünf Jahre musste das Star-Ensemble auf diesen Tag warten, bis die insgesamt sechste Meisterschaft unter Dach und Fach war. Der Titel wurde punktgenau gewonnen, denn ab Herbst wollen die Basketballer in der neuen Arena im Olympiapark spielen.
Leichtathleten nicht vorn dabei
Die Europameisterschaft im Fußball läuft, die Kontinentaltitelkämpfe der Leichtathleten sind vorbei. Die deutschen Frauen und Männer waren dabei kein Vorbild für die Kicker. Während der DLV vor zwei Jahren in München noch als beste Nation abschnitt, gab es diesmal in Rom nur Rang zwölf, wobei die weltbeste Weitspringerin Malaika Mihambo für das einzige deutsche Gold sorgte. Am Schlusstag gab es zwar noch einen Medaillensegen (insgesamt 1 Gold, 3 Silber, 7 Bronze), doch der Abstand zur Spitze war groß (Italien 24 Medaillen, davon 11 Gold, Frankreich 16/4) und lässt keine großen Hoffnungen für die Olympischen Sommerspiele in Paris zu. Zur Erinnerung: Bei der letzten Weltmeisterschaft blieb Deutschland ohne Medaille! Immerhin, neben Mihambo gibt es mit Zehnkämpfer Leo Neugebauer, der bei den US-College-Meisterschaften glänzte, und Speerwerfer Julian Weber, der erst im letzten Wurf unterlag, Medaillenhoffnungen.