Jetzt hat Deutschland das erste Endspiel

Bei der Fußball-Europameisterschaft träumen alle vom Endspiel, gemeint ist das Finale am 14. Juli in Berlin. Aber warum in die Ferne schweifen, das Spannende liegt so nah. Wenn Deutschland am Sonntag (21.00 Uhr) in Frankfurt auf die Schweiz trifft, dann gibt es bereits das erste Endspiel. Na gut, es geht nur um den Gruppensieg und so spannend ist es dann auch wieder nicht, denn viele spekulieren sogar darüber, ob dem Sieger in einem späteren Viertelfinale nicht die schwerere Aufgabe bevorsteht. Der Gegner dürfte dann nämlich Spanien heißen, die Mannschaft, die bisher am meisten überzeugt hat und bereits als Gruppensieger feststeht. Deutschland hat auch gefallen, das wäre dann also fast schon ein vorgezogenes Endspiel bzw. Finale.

Bundestrainer Julian Nagelsmann wird natürlich kaum verraten, ob er spekulieren will. Vernünftigerweise wird er es auch nicht tun, denn schon oft kam der Schwung einer Mannschaft abhanden, wenn plötzlich Teile der ersten Garnitur geschont wurden, um anderen eine Einsatzmöglichkeit zu geben. Das Trainerteam wird aber diskutieren, ob einer der gelbgefährdeten Kandidaten aussetzen soll, denn die nächste Gelbe Karte bedeutet eine Sperre im Achtelfinale. Vor allem das Abwehrduo Tah/Rüdiger ist gefährdet, dazu Mittelstädt und Andrich.

Beim 2:0-Sieg gegen Ungarn wurde die DFB-Elf wie erwartet mehr gefordert als von Schottland, aber sie hat sich wieder gut aus der Affäre gezogen und einige Spieler haben vielleicht sogar besonders profitiert. So Torhüter Manuel Neuer, der nach einigen Fehler Zweifel gesät hatte, aber diesmal mit großartigen Paraden zum Wegbereiter des Erfolgs wurde. Oder Torschütze Jamal Musiala, der mit seinem zweiten Treffer weiter Selbstvertrauen getankt hat, damit vorübergehend sogar die Torschützenliste anführt und sicher den Schwung für weitere Großtaten hat. Am augenscheinlichsten surft aber ausgerechnet Kapitän Ilkay Gündogan und einer Welle des Selbstvertrauens. War er vor dem Turnier noch von einigen „Experten“ in Zweifel gezogen worden (Lothar Matthäus: „Ich würde auf ihn verzichten“), so bewies er jetzt in beiden Turnierspielen, welch großen Wert er für das Team hat. Da muss man wohl auf den größten Fachmann verweisen, auf den Ex- Bayern- und jetzigen ManCity-Trainer Pep Guardiola nämlich, der immer herausgestrichen hat, welchen Wert Gündogan für die Mannschaft habe. Bei ihm wurde er zum Weltklassemann und war auch im Verein Kapitän. Entscheidend war der Schachzug von Nagelmann, Gündogan nicht neben, sondern vor Toni Kroos spielen zu lassen, mit Führungsaufgaben für die Jungstars Wirtz und Musiala. Seinen Ehrgeiz zeigte Gündogan beim ersten Treffer, als er sich gegen Verteidiger Orban durchsetzte, der später ein Foul monierte, aber eigentlich zuerst Gündogan den Weg versperren wollte, um den Ball abzuschirmen. Gündogan handelte cleverer und war durchsetzungsstärker („In England hätten sie gelacht, wenn das als Foul geahndet worden wäre“). Die Krönung war, dass der Chef selbst das zweite Tor erzielte.

Dieses Durchsetzungsvermögen wird im weiteren Turnierverlauf die ganze Mannschaft benötigen, egal, wer der Gegner ist. Und wer auf den übernächsten Gegner schaut, dem sollte klar sein, nach der Schweiz sind noch vier Siege bis zum Titelgewinn notwendig! Der Weg dahin geht als Gruppensieger gegen den Zweiten der Gruppe C mit England/Dänemark/Slowenien/Serbien, danach könnte es Spanien sein. Als Gruppenzweiter ist zunächst der Zweite der Gruppe B der Gegner, also Italien/Kroatien/Albanien, danach könnte es England sein, das bisher allerdings wenig überzeugt hat. Es wird deutlich: Lieber gut spielen, als kalkulieren.

Zunächst geht es gegen die Schweiz und das ist schließlich ein Prestigeduell. Die Schweiz ist immer ein besonderer Gegner, denn jeweils nach den Weltkriegen waren es die Eidgenossen, die wieder die ersten Spiele gegen Deutschland absolvierten. Gegen keine Nation spielte die DFB-Elf öfter, 53 Duelle sind es bisher, aber noch nie stand man sich bei einer EM gegenüber. Die Schweiz kann mit einem Erfolg Gruppensieger werden, wird aber selbst bei einer Niederlage ziemlich sicher Gruppenzweiter, da sie gegenüber Schottland die wesentlich bessere Tordifferenz hat und Schottland muss ja gegen Ungarn erst einmal gewinnen. In erster Linie zählt aber die alte Rivalität und so sagt der Schweizer Kapitän Granit Xhaka: „Wir wollen Paroli bieten.“ Sollte Robert Andrich spielen, würde das Meister-Mittelfeld aus Leverkusen sich als Gegner gegenüberstehen.

Die Europameisterschaft kommt an in Deutschland, die Stimmung ist landesweit überragend, dafür sorgen vor allem auch die tausende ausländischen Fans und bisher ging es vor allem friedlich zu. Man spürt, dass die Fans nach der Corona-Zeit und der WM im fernen Katar ein Turnier in Europa genießen. Allein die Organisation der öffentlichen Verkehrsmittel gibt zu Kritik Anlass, vor allem die Bahn wurde mit der Masse der Fahrgäste nicht fertig, aber wann war die Deutsche Bahn zuletzt schon zuverlässig. Die Nagelsmann-Schützlinge haben zudem wieder die Herzen der Fans erobert, trotz der frühen Anfangszeit um 18.00 Uhr sahen am Mittwoch fast 24 Millionen Zuschauer das Spiel an den Fernsehschirmen. Die TV-Sender können überhaupt Rekordzahlen vermelden, denn alle EM-Spiele sind die Renner des Tages. Eine Begeisterung, die vor einigen Monaten noch für undenkbar gehalten wurde.