Die EM zwischen Abschiedsschmerz und großen Hoffnungen

Wenn bei einem Turnier das Achtelfinale ansteht, dann sagen viele, jetzt geht es erst richtig los. Das gilt natürlich auch für die Fußball-Europameisterschaft, die am Samstag in ihre entscheidende Phase eintritt, wenn die K.o.-Spiele losgehen. Jetzt hat es ein Ende mit den Unentschieden, es muss einen Sieger geben, notfalls per Elfmeterschießen. Bevor es also richtig losgeht, gibt es am Donnerstag und Freitag zwei Tage Pause (harte Fans sinnieren „was mach ich jetzt bloß“), die EM befindet sich zwischen Abschiedsschmerz und großen Hoffnungen.

Wir können natürlich sagen, der Abschiedsschmerz hält sich in Grenzen, weil nur acht der 24 Mannschaften nach Hause fahren mussten, es sind dies die Schlusslichter Schottland, Albanien, Serbien, Polen, die Ukraine und Tschechien. Dazu traf es zwei unglückliche Dritte, so Ungarn mit drei Punkten, das gegenüber den punktgleichen Slowenien die schlechtere Tordifferenz aufweist, und Kroatien. Das größte Pech hat die leidgeprüfte Ukraine, die in der Gruppe E mit allen vier Mannschaften mit je vier Punkten die schlechteste Tordifferenz mit 2:4 aufwies und Letzter wurde, während eben Slowenien mit drei Punkten im Turnier bleibt. Weil Rumänien mehr Tore als Belgien erzielt hat (4:3 zu 2:1) wurde es Gruppensieger und die Slowakei (3:3) Dritter. Dieses Theater könnte man sich sparen, wenn man das Teilnehmerfeld, wie vielfach gefordert, gleich auf 32 erhöhen würde, so dass immer zwei Mannschaften der acht Gruppen aufsteigen.

Aber Abschiedsschmerz gibt es schon, wir werden vor allem die schottischen Fans vermissen, die zum Auftakt gleich die Lieblinge von München wurden, die aber auch in den weiteren Spielorten Köln und Stuttgart mit ihrem stimmungsvollen Benehmen die Herzen eroberten und eine echte Bereicherung der EM waren. Schade, mit diesen Fans hätte Schottland ein Weiterkommen verdient gehabt. Aber überhaupt gab es bereits in den Gruppenspielen eine tolle Atmosphäre, waren die Fanzonen überfüllt, die EM ist in Deutschland gut angekommen. Negativ waren die Begleiterscheinungen, dass die Deutsche Bahn deutlich machte, dass sie kein zuverlässiges Verkehrsmittel ist (EM-Direktor Philipp Lahm: „Da wurde das Versäumnis in Deutschland deutlich, da sind wir Organisatoren machtlos“), außerdem waren einige Fans mit politischen Parolen (vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien) das Gegenteil der Schotten. Zudem ist das Wetter nicht gewillt, ein Sommermärchen zu veranstalten, Gewitter und Starkregen machten Fans und Teams das Leben schwer.

Jetzt aber das Achtelfinale, das mit großen Hoffnungen und Träumen behaftet ist. Erstes Ziel, weiterkommen ins Viertelfinale, das große Ziel heißt Finale. Es gibt dabei die Überraschungen durch Georgien, die Slowakei oder auch Österreich als Sieger der „Hammergruppe“. Besonders überzeugen konnten Spanien und Portugal, Deutschland begeisterte zum Teil seine Fans, während die stark eingeschätzten Mannschaften aus England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden ihr Potential noch nicht abrufen konnten.

Das Achtelfinale: Samstag, 29.6., Berlin 18 Uhr: Schweiz – Italien (RTL), Dortmund 21 Uhr: Deutschland – Dänemark (ZDF). Sonntag, Gelsenkirchen 18 Uhr: England – Slowakei (ZDF), Köln 21 Uhr: Spanien – Georgien (ARD). Montag, Düsseldorf 18 Uhr: Frankreich – Belgien (ZDF), Frankfurt 21 Uhr: Portugal – Slowenien (ARD). Dienstag, München 18 Uhr: Rumänien – Niederlande (ARD), Leipzig 21 Uhr: Österreich – Türkei (MagentaTV exklusiv). – Der Blick aufs Halbfinale: Spanien/Georgien – Deutschland/Dänemark, Portugal/Slowenien – Frankreich/Belgien, England/Slowakei – Schweiz/Italien, Rumänien/Niederlande – Österreich/Türkei.

Deutschland hat den Gruppensieg mit Füllkrugs Treffer kurz vor Schluss gefeiert, was gut für die Stimmung war, aber ein Blick auf das Tableau zeigt, das der schwerere Weg bevorsteht, weil in einem Viertelfinale Spanien wartet. Zunächst gilt die Weisheit, dass das nächste Spiel das schwerste ist, es wartet Dänemark. Für die DFB-Elf ist die K.o.-Runde ungewohntes Terrain, denn zuletzt war nach den Gruppenspielen immer Schluss. So ist die K.o.-Runde auch für das Gros der Spieler ungewohnt. Macht sich da vielleicht Nervosität breit? Neuer, Müller und Kroos sind diejenigen, die da Halt geben können. Der kicker spricht vom „Aufbruch ins Neuland“, 78 Prozent der Leser erwarten einen Sieg gegen Dänemark.

Neuland gegen Dänemark wird es für Trainer und einige Spieler auf jeden Fall, denn rund ums Team gibt es Diskussionen und Änderungen. Bundestrainer Julian Nagelsmann wird erstmals nicht auf die gleiche Startelf zurückgreifen können. Tah ist gesperrt, Rüdiger verletzt und sein Einsatz ungewiss. Es könnte also zur künftigen Dortmunder Innenverteidigung Anton/Schlotterbeck kommen. Diskustiert wird bei Fans und in Medien, ob nicht Füllkrug ob seiner Trefferquote von Anfang spielen muss. Das könnte für, aber auch neben Havertz sein. Eher wird Nagelsmann wohl Füllkrug für Havertz bringen, aber vielleicht setzt er auch darauf, dass er mit dem Torjäger als Joker ein Ass in der Hinterhand hat. Spielt Füllkrug, könnte auch Vorlagengeber Raum den Platz von Mittelstädt auf der linken Seite einnehmen. Auch die Dänen werden Veränderungen im Team vornehmen müssen, denn mit Morten Hjulmend ist der beste Stürmer ebenfalls Gelbgesperrt. Die Dänen erinnern sich wohl gern an 1992, als sie Europameister wurden und gegen Deutschland im Finale mit 2:0 gewannen. Zahlreiche Spieler und Trainer haben die Bundesliga bereichert, ein besonderes Spiel wird es aber für Standardtrainer Mads Buttgereit. Von 2018 bis 2020 arbeitete er in der Rolle für das dänische Team, jetzt steht er auf der deutsche Seite, kennt natürlich viele dänische Spieler mit ihren Stärken und Schwächen. Er müsste gute Tipps geben können.

Ein Blick auf den Turnierplan zeigt, dass die großen Schlagerspiele im Achtelfinale noch fehlen. Das Nachbarduell Frankreich – Belgien ist wohl die brisanteste Partie mit zwei Mannschaften, die bisher nicht überzeugen konnten. In Belgien steht vor allem der deutsche Trainer Domenico Tedesco in der Kritik, Frankreich hofft, das Kylan Mbappé wieder das richtige Näschen für Tore hat! Interessant auch das Duell der Schweiz mit Italien, das die Runde der letzten 16 einleitet. Zum Abschluss treffen sich Österreich und die Türkei, wohl eine Chance für Österreich, nach dem überraschenden Gruppensieg sogar noch ein Stück weiter zu kommen. Schweiz und Österreich stecken jedenfalls in der Hälfte, wo die Teams eher enttäuscht haben. Mit Spanien, Portugal und Deutschland stehen sich auf der anderen Seite die bisher besten Teams im Weg. Wer geht K.o.?