Die Fußball-EM in Deutschland war ein Erfolg und die Fans die größten Gewinner

Nach Russland, Katar und zudem Corona wirkte die Europameisterschaft in Deutschland für die Fußballfans wie eine Befreiung. Das „D“ für Deutschland stand hier auch für Demokratie, sprich Freiheit. Die Freiheit überall ausgelassen zu feiern, sich ohne Zwänge zu bewegen und so machten die Fußballfans aus ganz Europa dieses Turnier erst zu einem Erlebnis, zu einem Ereignis, das vor allem bis auf kleine Ausnahmen heiter und friedlich blieb. Die Politik ist nie ganz auszuschließen, Rechtsradikale störten mitunter das schöne Bild, der Gruß an die Grauen Wölfen war absolute deplatziert, aber die Süddeutsche Zeitung schreibt sehr richtig: „Der Fußball kann die politischen Brüche des Kontinents nicht heilen. Aber er macht ein Maß an Gemeinsamkeit sichtbar, das die Spalter verstören muss. Das ist der gute Geist dieses Sommer.“

Vor der EM war immer die Frage, ob es wieder ein „Sommermärchen“ gibt wie 2006. 2024 war anders, aber genauso schön – und das bei teilweise wirklich schlechtem Wetter. Aber so gehörten im Regen tanzende Zuschauer zu dieser stimmungsvollen EM, die ein Turnier aller Fans in Europa war und deshalb waren sie die größten Gewinner. Die Schotten eroberten gleich zum Start München, tranken die Bierstadt gewissermaßen leer, die Holländer tanzten in Massen, dirigierten „rechts, links“ und wurden uns sympathisch. Aber auch die kleinen Nationen setzten sportlich wie atmosphärisch Zeichen, Slowenen oder Georgier feierten unbeschwert mit. Im Gegensatz zu den Ultras in den Bundesliga-Stadien brauchten diese Fans keinen Krawall, keine Pyros, sie feierten einfach. Dazu waren die Deutschen gute Gastgeber, zeigten sich wie 2006 weltoffen, zeigten aber auch, dass Deutschland nicht immer perfekt ist, siehe die Probleme mit der Bahn. Aber genau das machte das Land sympathisch, heitere Menschen, keine sturen Perfektionisten. Nur die Wirtschaft hatte sich ihren Aussagen nach mehr Aufschwung erhofft, die Gasthäuser aber profitierten.

Und hiermit zum Sport. Diese Bilanz fällt nicht ganz so positiv aus, die großen und begeisternden Spiele waren an einer Hand abzuzählen, weil die Trainer aus Angst vor Niederlagen meist auf Absicherung setzten. Der offene Schlagabtausch fand erst in der Not statt und führte zu vielen Toren in der Nachspielzeit oder gar Verlängerung. Kein Wunder also, dass die Torjäger ein Schattendasein führten, bezeichnend dafür, dass sich gleich sechs Spieler die Ehre des Torschützenkönigs mit gerade mal drei Treffern teilen. Neben Jamal Musiala und Harry Kane, der beste Torjäger Europas in den Ligenspielen, sind dies Mikautadze (Georgien!), Gakpo (Niederlande), Schranz (Slowakei) und Dani Olmo (Spanien). Es war auch kein Turnier der großen Stars, Cristiano Ronaldo machte sichtbar, dass die Rente bevorsteht, Kylan Mbappé litt unter seiner Maske nach Nasenbeinbruch, er war nur ein Schatten seiner selbst. Harry Kane war offensichtlich auch nicht richtig fit, mehr Mitläufer als Retter für England, auch deshalb blieb der Traum, endlich wieder seit 1966 einen Titel zu holen, unerfüllt.

Ein Turnier der Hoffnung

Die EM 2024 war dafür ein Turnier der Hoffnung. Die Hoffnung für die Zukunft, dass es ähnliche Veranstaltungen mit ausgelassenen Fans wieder geben wird. Die Hoffnung auf guten Fußball nähren die jungen Spieler, die sich in den Vordergrund spielten. Der beste von ihnen (auch offiziell geehrt) war der inzwischen (Samstag) 17-jährige Lamine Yamal, der entscheidenden Anteil am Titelgewinn von Spanien hatte und als jüngster Torschütze überhaupt in die Geschichte eingeht. Aber er steht in diesem Team nicht allein, der 22-jährige Nico Williams (als bester Spieler des Finales geehrt) ist von ähnlichem Kaliber. Mit dieser Flügelzange steht Spanien vor einer großen Zukunft, zumal sich die Mittelfeld-Asse Rodri (bester Spieler des Turniers) und Dani Olmo noch im besten Fußballalter befinden. Aber auch bei anderen Nationen stachen Youngster heraus, Florian Wirtz und Musiala bei Deutschland, Jude Bellingham, Mark Foden und Cole Palmer bei England, Xavi und Torhüter Bart Verbruggen bei den Niederländern, William Saliba und Warren Zaire-Emery bei Frankreich. Der Ungar Dominik Szoboszai war mit 23 sogar der jüngste EM-Kapitän aller Zeiten.

Spanien steht vor einer großen Zukunft, hat eine große Vergangenheit und meisterte souverän die Gegenwart. Der 2:1-Erfolg über England nach Toren von Williams (47.) und Joker Oyarzabal (86.) bei einem Gegentor von Palmer (73.) war der siebte Sieg im siebten Spiel! Deutschland bereitete ihnen wohl die größten Probleme, ausgerechnet ein englischer Schiedsrichter bewahrte sie vor einem Handelfmeter gegen sich. Nicht schön war es allerdings von den deutschen Fans, dass sie „Sünder“ Cucurella in den Spielen danach immer auspfiffen. Spanien ist jetzt mit vier Titeln alleiniger Rekord-Europameister (1964, 2008, 2012, 2024) vor Deutschland (1972, 1980, 1996). England dagegen hoffte vergebens, geht ganz im Gegenteil als erste Mannschaft in die Geschichte ein, die zwei Endspiele hintereinander verloren hat. 2021 waren die Italiener glücklicher. Kein Wunder also, dass Trainer Gareth Southgate einen besonders unglücklichen Eindruck machte.

Die deutsche Mannschaft war im Finale leider nur Zuschauer, aber die Zukunft sieht nicht unbedingt rosig, jedoch einigermaßen hoffnungsvoll aus. Der größte Gewinn war, dass die Nagelsmänner sich wieder in die Herzen der Zuschauer gespielt haben, die DFB-Elf hat wieder viel Sympathien zurückgewonnen, was eine gute Basis für eine erfolgreiche Zukunft ist. Zukunft ist auch das Stichwort für das Team, das künftig neben Toni Kroos auch auf Thomas Müller verzichten muss, der offiziell seinen Rücktritt aus dem Nationalteam bekanntgegeben hat. Anfang September geht es weiter, da sollte ein guter Start in der Nations League gelingen, damit das zarten Pflänzchen des Zusammenhalts weiter gedeihen kann.

Nach der EM ist vor der Bundesliga. Das macht der kicker deutlich, der den Bayern die Titelseite mit dem neuen Trainer Vincent Kompany widmet. Schlagzeile: Das Experiment beginnt. Die Bayern blieben bekanntlich erstmals seit 2012 ohne Titel, jetzt startet eine neue Jagd auf die Trophäen. Das erste offizielle Training dafür war am Montag, damit waren die Münchner der letzte Bundesligist, der die Vorbereitung auf die neue Saison begann. Gut Nachricht: Auch in der Bundesliga soll das „Meckerverbot“ gegenüber Schiedsrichtern eingeführt werden, das sich bei der EM bewährt hat, die Spiele liefen wesentlich ruhiger und schneller ab. Nur der Kapitän ist berechtigt, mit dem Referee Kontakt aufzunehmen.

Weckruf für die Frauen

Auf dem Weg zu Olympia sind die deutschen Fußball-Frauen zunächst einmal ins Stolpern geraten. Im ersten Spiel nach der Pause verloren sie in Island sang- und klanglos mit 0:3. Eigentlich wollten sie die EM-Qualifikation ungeschlagen zu Ende bringen, verschenkten aber mit drei eklatanten Abwehrfehlern die Punkte. Da machte sich vor allem das Fehlen von Oberdorf (gesperrt) und Hegering (verletzt) bemerkbar. Am Dienstag (19 Uhr) folgt das letzte Spiel der EM-Qualifikation und letzte Test vor Olympia in Hannover gegen Österreich. Peinlich, die Niederlage in Island sorgte auch dafür, dass Österreich in der Qualifikation hinter Island bleibt und ausschied. Gegen den Nachbarn geht es also doppelt ums Prestige. „Island war ein Weckruf“ sagen die Spielerinnen, gegen Österreich geht es um den guten Ruf und die Gunst der Fans. Auch die Frauen haben nämlich von der neuen Lust auf Fußball profitiert, so dass mit 40.000 Zuschauern in Hannover gerechnet wird. Danach beginnt dann die konzentrierte Vorbereitung auf die Sommerspiele. Noch vor der Eröffnungsfeier am 26. Juli startet Deutschland am Donnerstag, 25. Juli (19 Uhr) in Marseille gegen Australien ins Olympia-Turnier.