Nagelsmanns WM-Desaster: Zweifel statt Euphorie

So richtig beliebt war Julian Nagelsmann als Trainer nie. Zweifel an ihm gab es auf allen seinen Stationen, vor allem Bayern München erwies sich für ihn als eine Nummer zu groß. Er hatte nie eine klare Linie, überfrachtete die Spieler oft mit seinen Ideen und am Ende kam nichts raus. Dennoch behielt er einen guten Ruf in der Fußballbranche und wurde als Bundestrainer ein Hoffnungsträger. Aber auch hier gab es ein Auf und Ab, irritierte er mit absurden Entscheidungen (Havertz als Verteidiger), immerhin lernte er aber hinzu, ritt mit dem Team sogar auf einer Erfolgswelle. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft allerdings kam wieder der unerfahrene Nagelsmann zum Vorschein. Keine klare Linie bei der Mannschaft, ein Schritt vor, einer zurück, zu einer eingespielten Mannschaft fand er nicht, was zuletzt auch Bayern-Patron Uli Hoeneß kritisierte.

Mit besonderer Spannung wurde deshalb die Nominierung des deutschen Kaders für die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada erwartet. Im Vorfeld dieser durchaus brisanten Eröffnung machte der Bundestrainer allerdings ungefähr alle Fehler die man machen kann. Keine klare Kante für Spieler und Öffentlichkeit, ein Hin und Her und ein Interview im Aktuellen Sport-Studio des ZDF das sinnbildlich wurde: Ein Desaster, Nagelsmanns WM-Desaster. Euphorie will so nicht aufkommen, stattdessen gibt es Zweifel an Nagelsmann und der Mannschaft. „Wir wollen Weltmeister werden“, gibt er als Ziel aus, natürlich, alles andere wäre für eine deutsche Mannschaft unwürdig. Aber es sieht eher danach aus, dass sich das zuletzt schlechte Abschneiden bei Turnieren fortsetzt.

Vertrauen verspielt hat der Bundestrainer vor allem bei der Nominierung der Torhüter. Oliver Baumann war seine feste Nummer 1, Manuel Neuer, eigentlich Deutschlands bester Torhüter, war schließlich zurückgetreten. Doch umso besser der 40jährige Münchner wieder hielt, umso mehr bekam Nagelsmann die Lust dazu, diesen anerkannten Keeper doch wieder in sein Team zu holen. Baumann blieb außen vor, ihm zeigte Nagelsmann die kalte Schulter und wurde erst informiert, als die Degradierung ein offenes Geheimnis war. Das Nagelsmann-Desaster. Vielleicht hat er sich gleich zweimal keinen Gefallen getan: Einmal seinen Stammkeeper persönlich verletzt, zum anderen setzt er auf einen verletzungsanfälligen Mann. Beweis: Neuer verzichtet auf das Pokalfinale mit seinem Verein, der ihn bezahlt, damit er nach einer erneuten Verletzung mit zu frühen Einsatz die WM nicht gefährdet. Die Prognose ist leicht: Neuer wird die WM nicht durchspielen können. Als vierter Torhüter ist übrigens zur Sicherheit Neuers Stellvertreter bei den Bayern dabei, Jonas Urbig. Er wird nicht offiziell gemeldet, gilt als Trainingshelfer, aber ist vor Ort, wenn ein Keeper verletzt ausfällt, dann kann nämlich nachgemeldet werden.

Überhaupt wirkt der WM-Kader nicht rund. Zum Beispiel gibt es keinen Ersatz für Joshua Kimmich auf der rechten Seite. Dafür wurden aber fünf Innenverteidiger für zwei Positionen nominiert. Besser wäre da ein Allrounder gewesen, wie es Tom Bischof zuletzt sehr stark bei den Bayern spielte. Er könnte vom Verteidiger bis zur Acht aushelfen. Dafür holte Nagelsmann lieber Nadiem Amiri, ein durchaus spiel- und offensivstarker Mann, auf dessen Position aber kein Mangel herrscht mit Wirtz, Musiala, Karl oder Sané. Apropos Sané, er scheint ein Liebling des Bundestrainers zu sein, denn in der Türkei konnte er zuletzt nicht auftrumpfen und war oft Ersatz. Er zeigt zu selten sein tatsächliches Können, im Nationalteam zuletzt gerade einmal, ansonsten war er nur Mitläufer. Da hätte Nagelsmann lieber dem Kölner Talent Said El Mala eine Chance geben sollen als Mann für Tore in den Schlussminuten. Ach ja Tore, einen echten Torjäger gibt es nicht, Havertz, Woltemade, Undav – alles ähnliche Typen, die gerne aus der Tiefe kommen. Und vorn drin? Kein Füllkrug (nicht in Form), kein Tim Kleindienst (Rückstand nach Verletzung), keine andere Idee. Wer ist das „Kopfball-Ungeheuer“ gegen eine Abwehrfestung? Tah und Schlotterbeck müssen es bei Standards richten oder Rüdiger als Mittelstürmer?

Im Vorfeld hatte Nagelsmann davon gesprochen, dass er 62 Telefonate führen müsse, um alle Kandidaten zu informieren. Er hat also mehr als die 55 Mann starke WM-Liste abtelefoniert. Einige Härtefälle gibt es, denn der Freiburger Ginter war zuletzt in Bestform, anders al Thiaw. Die Stuttgarter Mittelstädt und Führich hofften bis zuletzt, Dortmunds Adeyemi zog wie im Verein gegen Maximilian Beier den Kürzeren, zum Stammpersonal zählen beide nicht. Nagelsmanns Unsicherheit wird auch bei seinem Hin und Her in den Aussagen deutlich. Einmal kritisierte er Stuttgarts Angelo Stiller, dass ihm noch einiges fehlt, jetzt ist er im Aufgebot. Leon Goretzka sah er als Stammspieler im Mittelfeld neben seinem Bayern-Kollegen Pavlovic, jetzt schwärmt er vom Dortmunder Felix Nmecha, dem er einen Stammplatz im Mittelfeld neben Pavlovic in Aussicht stellt. Was denn nun?

Hoffentlich fragen wir uns nicht nach der Weltmeisterschaft, „was war das denn?“. Zeit zum Einspielen gibt es nicht. es sei denn die Gruppenspiele zählen dazu. Die WM-Vorbereitung startet am Mittwoch im Adidas Home Ground, am 31. Mai steht das erste Testspiel gegen Finnland an, am 2. Juni folgt der Flug nach Chicago, wo am 6. Juni noch gegen die USA gespielt wird. Start der WM ist am 14. Juni gegen Curacao.

Das Aufgebot: Tor: Neuer, Baumann, Nübel. – Abwehr: Anton, Brown, Kimmich, Schlotterbeck, Raum, Rüdiger, Tah, Thiaw. – Mittelfeld: Amiri, Nmecha, Goretzka, Karl, Sané, Leweling, Musiala, Groß, Pavlovic, Stiller, Wirtz. – Sturm: Beier, Havertz, Undav, Woltemade.