Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Tag: Deutschland

Das Spiel selbst wurde zur Nebensache

Weihnachten ist bald und die jetzige Adventszeit soll eigentlich eine Zeit der Ruhe und der Besinnlichkeit sein. Davon ist im deutschen Fußball nichts zu spüren. Von Ruhe kann keine Rede sein bei Protesten der Fans in allen Stadien, beim Auflehnen der 3. Liga, bei einer turbulenten Hauptversammlung des FC Bayern München. Der Punktekampf in der Bundesliga ging natürlich weiter, aber das Spiel selbst wurde zur Nebensache.

In den Schlagzeilen natürlich Uli Hoeneß. Ein Fan beging bei der Hauptversammlung des Vereins eine Majestätsbeleidigung und griff den Bayern-Präsidenten verbal an. Als er dessen Verhalten gegenüber Ehrenspielführer Paul Breitner anprangerte (Breitner soll sich nach Kritik am Verein nicht mehr auf der Ehrentribüne sehen lassen) und Hoeneß fast schon zum Rücktritt aufforderte („Der Verein ist nicht ihr Eigentum“) erhielt er lautstarke Unterstützung, was Uli Hoeneß schier aus der Fassung brachte: „So etwas habe ich noch nie erlebt“.

Diese Kritik ist nichts anderes als ein Zeichen der Zeit. Die Fans meutern und nehmen Entscheidungen von Verband oder Verein nicht mehr einfach hin. Der Ton wird rauer, die Frage stellt sich wieder einmal, genauso wie sie der Sport-Grantler schon am 2. November in seiner Kolumne gestellt hat: „Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball?“ Vergessen wird bei der aktuellen Kritik, welche Verdienste sich gerade Uli Hoeneß um den FC Bayern erworben hat. Vergessen wird die Erfolgsgeschichte, die zu einem Rekordumsatz von 657,4 Millionen Euro führte, vergessen wird, dass es vor allem Uli Hoeneß als Manager war, der die Münchner mit jetzt 291.000 Mitgliedern zum größten Verein der Welt machte. Diese Turbulenzen zeigen jedoch auch, wie schwierig der Umbruch beim Meister wird, sowohl in der Mannschaft als auch in der Führung. Dies könnte zur größten Aufgabe für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werden, aber auch für den möglichen Nachfolger. Ob sich der gehandelte Oliver Kahn das wirklich antut?

Aber die Vergangenheit zählt nicht mehr, in der Gegenwart lassen die Fans mit ihren Protesten nicht locker, damit sie in der Zukunft wieder mehr Spaß an „ihrem“ Fußball haben. Im Visier bleiben vor allem die Montagsspiele, die zwar in der Bundesliga mit dem neuen Fernsehvertrag ab 2021 ad acta gelegt werden sollen, aber das reicht nicht. Auch die 2. Bundesliga und die 3. Liga spielen (für ein gutes TV-Honorar) gern am Montag. In der 2. Bundesliga wurden diese Montagspiele im TV zwar fast Kult, aber eigentlich ist der Montag wirklich der denkbar ungünstigste Tag für Punktspiele. Dortmunds Trainer Lucien Favre sprach es deutlich aus: „Montagspiele gehören verboten“. Mit einem Stimmungsboykott auf den Rängen sorgten die Fans jedenfalls dafür, dass im Fußball doppelt schlechte Stimmung herrschte. Das Spiel selbst war also Nebensache.

Auf der Suche nach einer zufriedenstellenden Lösung in punkto Auf- und Abstieg zwischen 3. Liga und Regionalliga versuchen sich Klubs, Landesverbände und der DFB daran, den gordischen Knoten zu entwirren. Die Fronten sind verhärtet und in der 3. Liga werden immer mehr Stimmen laut, die auf eine Loslösung vom DFB hin zum Profi-Fußball der DFL mit 1. und 2. Bundesliga wollen. Ihre Hoffnung: Dort gibt es mehr Geld. Dies könnte allerdings ein Trugschluss sein, denn schon heute streiten sie auch in der DFL um die Verteilung der Gelder, da wird es an Bereitschaft fehlen, noch etwas abzugeben. Die 3. Liga sitzt ähnlich wie die Regionalliga zwischen Baum und Borke, kein Profisport auf der anderen Seite, aber auch kein reiner Amateursport mehr auf der anderen. Hohe Kosten müssen geschultert werden, aber Anerkennung und entsprechende Zuschauerzahlen fehlen. Die fünf Regionalligen stören sich daran, dass die Meister nicht direkt aufsteigen können, andererseits wollen sie keine Reduzierung auf vier Gruppen. Angesichts dieser Weigerung zieht die 3. Liga ihr Angebot von vier möglichen Absteigern wieder zurück. Der gordische Knoten bleibt also fest, zumal eine zweigleisige 3. Liga auch nicht als Ei des Kolumbus angesehen wird.

Dortmund auf den Spuren der Bayern

Aber natürlich war auch das Geschehen auf dem Rasen interessant. Borussia Dortmund wandelt derzeit erfolgreich auf den Spuren der Bayern, die ja in den letzten Jahren die Bundesliga mit Rekordvorsprüngen schockten. Jetzt haben die Dortmunder freie Fahrt, mit sieben Punkten Vorsprung nach 13 Spieltagen. Das Bayern-Symptom zeigt sich daran, dass die Verfolger keine Konstanz aufweisen und daran, dass die Dortmunder derzeit in der Lage sind, auch mit schwächeren Leistungen Punkte einzufahren. Dazu haben sie wohl auch noch das Bayern-Dusel gepachtet bzw. halt einen entsprechenden Lauf, so wie ihr Torjäger Paco Alcacer, den Favre mit Vorliebe von der Bank ins Rennen schickt und der jetzt – bereits am 13. Spieltag – den Saison-Rekord von neun Jokertoren von Garea (Stuttgart) aus der Saison 02/03 und Petersen (Freiburg) 16/17 einstellte. Spielt er von Anfang an, klappt es nicht so gut, siehe das 0:0 in der Champions League gegen Brügge.

Im Verfolgerfeld ließen Gladbach im direkten Duell in Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim mehr oder weniger Federn. Das spielte auch den Bayern in die Karten, die nach dem 5:1 gegen Benfica Lissabon mit dem 2:1 in Bremen ihre Krise vorerst ad acta gelegt haben. Niko Kovac muss wohl vor Weihnachten nicht mehr um seinen Job bangen, zumal auch ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist und Gespräche alle zur Einsicht gebracht haben, dass es nur gemeinsam geht. Kovac wiederum hat eine Stammmannschaft und die richtige Taktik gefunden. Aber gefestigt ist noch nichts und ein Dortmund-Jäger sind die Bayern noch lange nicht. Es schaut aus, als könnten nur Verletzungen den Spitzenreiter Probleme bereiten. Davon blieb er bisher weitgehend verschont.

Im Abstiegskampf werden die Karten neu gemischt. Der VfB Stuttgart landete quasi einen Befreiungsschlag mit dem 1:0 gegen den FC Augsburg und schaffte es damit gleichzeitig, die Rote Laterne abzugeben und den Gegner mit nach unten zu ziehen. Die Augsburger Offiziellen blieben ja vor der Saison zurückhaltend und hatten nur das Ziel Klassenerhalt ausgerufen, die Spieler allerdings wollten mehr, schielten nach oben und hatten es eigentlich satt, nur gegen den Abstieg zu spielen. Die Realität hat sie inzwischen eingeholt, was fast ein bisschen verwundert, denn gute Leistungen und viel Lob waren bisher an der Tagesordnung. Was fehlte, waren Tore und damit auch Punkte. Es wäre ja auch kein Trost, als vielfach gelobtes Team am Ende doch abzusteigen…

Bisher gibt es allerdings zwei noch ernsthaftere Kandidaten: Neuling Fortuna Düsseldorf tat sich schwer nach dem Coup in München (3:3) wieder im Alltag zu bestehen und bei Hannover 96 träumt man von besseren Zeiten, vergisst aber die harte Gegenwart. Auch der Streit um Präsident Martin Kind überdeckt den Sport und am Ende hätten dort auch die Fans einen erheblichen Anteil daran, wenn es mit dem Verein nach unten geht. Auch da wird das Spiel selbst zur Nebensache.

Joachim Löw ist zufrieden

Am Rande des aktuellen Geschehens ging es auch um die Zukunft, nämlich um die Fußball-Europameisterschaft 2020. In Dublin fand die Auslosung der Gruppen für die EM-Qualifikation statt, die an fünf Spieltagen im März, Juni, September, Oktober und November 2019 über die Bühne geht. Dabei zeigt sich, dass es schon fragwürdig ist, dass das Teilnehmerfeld für die Endturniere immer mehr aufgebläht wird. Sportlich leidet nämlich auch die Qualifikation und es wird kaum Spannung geben, nachdem in jeder Gruppe zwei Nationen das EM-Ticket holen können. Da war dann auch Bundestrainer Joachim Löw zufrieden, der zwar den alten Kontrahenten Niederlande als Gegner Nummer 1 akzeptieren muss, aber gegen Nordirland, Estland und Weißrussland sollte die Qualifikation gelingen. Da Deutschland einer Fünfer-Gruppe angehört, bekommt Löw auch noch zwei Testspiele. Optimismus also für das Jahr 2019.

Am Rande der Auslosung wurde aber auch die nächste Erweiterung des Spielbetriebes festgezurrt. Die Verbandsfunktionäre lassen nicht locker, den kleinen Verbänden „Zuckerl“ zu reichen, auch wenn Qualität und Spannung der Wettbewerbe leiden. Hintergrund: Es geht um die Stimmen der Verbände bei den diversen Wahlen. Jetzt wird die Europa League 2 eingeführt. Wer bitte schön, hat daran noch Interesse? 32 Mannschaften spielen in der Champions League, der Königsklasse, 32 sind es in der Europa League, die einst auch als „Cup der Verlierer“ tituliert wurde, aber um was spielen dann die 32 Vereine in der Europa League 2? Das konnten die UEFA-Offiziellen nicht schlüssig beantworten.

Apropos Champions League, da war es letzte Woche so wie so oft in den letzten Jahren – nur die Bayern gewannen. Der Aufwärtstrend der ersten Runden bekam einen Knick, Schalke und Hoffenheim kassierten unnötige Niederlagen, aber am sehr guten Gesamtergebnis ändert sich auch am letzten Spieltag (11./12. Dezember) nichts, neben den Bayern, haben auch Dortmund und Schalke Sprung ins Achtelfinale geschafft. In der Europa League sind Frankfurt und Leverkusen weiter, ausgerechnet RB Leipzig steht nach zwei Niederlagen in den „Bruder-Duellen“ mit Salzburg vor dem Aus. Ein bisschen peinlich für die Sachsen.

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Jogi Löw wurde zum Mut gezwungen

Im Fußball greift der Jugendwahn um sich! Nimmt man die letzten Spiele der Nations League, dann sorgten die Teams für Furore, die sich dem Nachwuchs verschrieben haben. Allen voran England, das mit der jüngsten Mannschaft seit 60 Jahren einen Coup in Spanien landete. Jugend forsch hieß es auch bei der deutschen Nationalmannschaft, doch Bundestrainer lenkte nicht aus freien Stücken auf diese Linie um. Nach dem 0:3-Debakel gegen die Niederlande wurde er zum Mut gezwungen und präsentierte die deutschen Talente gegen Frankreich. Sie überzeugte nicht ganz so wie die Engländer, aber selbst die 1:2-Niederlage gegen den Weltmeister wurde in Deutschland wie ein Sieg gefeiert. So ändern sich die Zeiten.

Bundestrainer Joachim Löw nahm nach der Pleite bei der Weltmeisterschaft in Russland Änderungen in der Mannschaft nur sehr zögerlich vor, sein Argument war zum Teil sicherlich stichhaltig („Die haben den Fußball doch nicht verlernt“), aber die Weltmeister von 2014 sind müde geworden, befinden sich in einem Formtief bzw. zeigen einen nicht enden wollenden Abwärtstrend. Löw blieb also gar nichts anderes übrig, als auf die Jungen zu setzen, er konnte nur gewinnen: Bei guter Leistung hätte er alles richtig gemacht, bei schlechter Leistung hätte er seinen Kritikern sagen können, „seht, die Jungen sind noch nicht so gut“. Jetzt sind die Gefühle zwiespältig, Deutschland hat gute Talente, aber andere Nationen sind weiter. Ergo: Die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft ist ungewiss.

Die Begegnung gegen den Weltmeister als Basis: Deutschland hat keinen Griezmann, Deutschland hat keinen Mbappe. Deutschland hat aber auch keinen Rashford wie England oder Raheem Sterling, bei dem mit zwei Treffern gegen Spanien der Knoten geplatzt ist. Englands Sieger-Team hatte ein Durchschnittsalter von 23 Jahren, Löw Jungs kamen diesmal auf rund 25 Jahre im Schnitt (gegenüber 28 gegen die Niederlande). Die Ginter, Süle, vor allem Kimmich (fast schon ein Routinier), Werner, Gnabry, Sane, Kehrer, Draxler und Brandt lassen hoffen, sind aber kein Versprechen auf eine gute Zukunft.

Immerhin hat Bundestrainer Joachim Löw seinen Teil zu einer guten Leistung beigetragen, die taktische Einstellung überraschte den Gegner, das 3-4-3 kann auch das Rezept gegen die Niederlande sein im vielleicht entscheidenden Spiel um den Erhalt der Liga A in der Nations League. Die Formdelle des DFB-Teams kann nämlich gewaltige Ausmaße haben: Absturz in der Weltrangliste, Absturz in de Europarangliste und keine Nominierung als Gruppenkopf bei der Qualifikation zur EM 2020. Die UEFA ging nämlich in ihrem Zwang zur Aufwertung der neuen Nations League so weit, die alte Regelung wegzuwerfen und allein die Platzierung in der Nations League für die Einteilung der Gruppen heranzuziehen. Und da schaut Deutschland schlecht aus, ist momentan gerade mal Zehnter (vor Kroatien und Island). Auch für diese Tabelle wäre ein Sieg gegen die Niederlande am 19. November wichtig, um sich nicht einen dicken Brocken für die EM-Qualifitkation einzuhandeln.

Es könnte sein, dass die Stimmung im DFB dann ganz schnell wieder umschlägt. Wie Beobachter berichten, feierte man im DFB-Lager das 1:2 gegen Frankreich wie einen Sieg, DFB-Präsident Reinhard Grindel hat schon wieder eine rosa Zukunft vor Augen: „Das, was die junge Mannschaft gezeigt hat, darauf kann man aufbauen. Wir können mit Zuversicht auf die kommenden Wochen und Monate schauen.“ Dabei verschloss der DFB-Präsident die Augen vor den Problemen: Torhüter Manuel Neuer ist nicht mehr der schier unüberwindbare Rückhalt, bei den Außenverteidigern fehlt internationale Klasse, einen Spielmacher gibt es nicht mehr und einen Torjäger schon gleich gar nicht. Erschreckend, wie Werner und Sane mit ihren Torchancen umgingen. Ein Sieg wäre möglich gewesen, Tempo und Spielwitz allein reichen nicht.

Sie sind jung, sie müssen noch lernen, noch viel lernen für eine rosa Zukunft.

Vergabe Fußball-EM 2024: Wie ticken die Funktionäre?

Wieder steht für den deutschen Fußball eine bedeutsame, vielleicht sogar zukunftsweisende Entscheidung bevor: Die Vergabe der Fußball-Europameisterschaft 2024. Die Entscheidung fällt am Donnerstag, 27. September, in Nyon in der Schweiz, 18 Mitglieder des Exekutivkomitees der UEFA sind stimmberechtigt, nach Lage der Dinge werden 16 anwesend sein. Zwei Kandidaten stehen zur Wahl: Deutschland und die Türkei.

Der deutsche Fußball hat in der letzten Saison bekanntlich viele Rückschläge hinnehmen müssen, sportliche Fehlschläge wie das blamable Abschneiden der Klubs außer Bayern München in Champions- und Europa-League ebenso wie die Pleite der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland. Dazu kommt, dass der Bestechungsskandal rund um die WM 2006 in Deutschland immer noch nicht komplett aufgearbeitet ist. Eigentlich nicht die besten Voraussetzungen für einen Kandidaten, der ja Glanz und Gloria verbreiten soll oder zumindest versprechen. Dazu kommt, dass der umstrittene DFB-Präsident Reinhard Grindel unter besonderem Druck steht: Bekommt Deutschland die EM nicht, wird er wohl auch seinen Posten an der Spitze des Verbandes räumen müssen.

Die Hoffnung könnte groß sein, doch die Zweifel bleiben. Der Europäische Fußball-Verband hat den Evaluationsbericht zur Bewerbung der EM veröffentlicht und darin schneidet Deutschland in den meisten Kategorien besser ab als die Türkei. Dem DFB wird eine „inspirierende, kreative und sehr professionelle Vision“ bescheinigt. EM-Botschafter Philipp Lahm darf stolz sein, zumal die bekannten Mängel der Türkei hier schon aufgeführt wurden, Probleme mit der Infrastruktur, offene Fragen in punkto Wirtschaft und Menschenrechte. Dass Präsident Erdogan als größter Werbeträger auftritt, kann positiv und negativ bewertet werden. Die Türkei hofft auf einen Vorteil: Sie hat sich schon mehrfach beworben und oft wird so ein langer Atem belohnt.

Die Zweifel bleiben, weil keiner weiß, wie Funktionäre wirklich ticken, sie sind unberechenbar wie heutzutage viele Richter bei ihren Urteilen. Was ist im Hintergrund gelaufen, fließen doch wieder Gelder über dunkle Kanäle? Das Vertrauen in die Funktionäre bei der UEFA ist getrübt, auch wenn die Skandale in Europa nicht so groß waren wie beim Weltverband FIFA. Zählen nur die harten Fakten, dann kann die UEFA die EM 2024 nur nach Deutschland vergeben. Beobachter wollen wissen, dass die Mehrzahl der Delegierten dem DFB auch die Stimme geben wird, die Fachzeitung Sport-Bild will elf Sympathisanten für Deutschland festgestellt haben. Aber bis zum Donnerstag kann noch viel passieren.

Dass Funktionäre im Sport unberechenbar sind, zeigte sich ja jetzt auch wieder bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), deren Vorstände mit 9:2 Stimmen Russland den Weg zurück olympische Gemeinschaft ebneten. Der russischen Agentur Rusada wurde nach dreijähriger Sperre bescheinigt, dass sie wieder regelkonform arbeitet. Verschiedene Bedingungen müssen bis zum 30. Juni 2019 noch erfüllt werden, z. B. der freie Zugang zum Moskauer Analyselabor mit Einblick in die dortigen Doping-Daten und –Proben. Dabei hat Russland in letzter Zeit keine Anstalten gemacht, wirklich offen und sauber zu arbeiten, Insider bemängeln nach wie vor fehlende Kontrollen. Die Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht des sauberen Sports, deutsche Athleten, die ständig kontrolliert werden, müssen sich verschaukelt vorkommen. Für sie muss es so wirken, als ob sie auch in Zukunft wieder einen ungleichen Kampf führen müssen. Die Wada hat mit dieser Entscheidung Vertrauen verloren, sie kann sich eigentlich auflösen. Nicht klar ist auch, welche Rolle der russland-freundliche IOC-Präsident Thomas Bach gespielt hat.

Dieses aktuelle Beispiel zeigt einmal mehr deutlich, dass Sport-Funktionäre in ihrer eigenen Welt leben und keinesfalls den Sport und die Athleten sowie einen fairen Kampf in den Vordergrund stellen. Sie sehen sich leider vielfach nicht als Diener des Sports, sondern als die Herrscher, die alles dürfen. Deshalb darf sich auch Deutschland vor der EM-Vergabe trotz bester Beurteilung nicht sicher fühlen – man weiß nie, wie Funktionäre ticken!

Nations League: Sport mit Mehrwert oder Betrug an den Fans?

Vor sieben Tagen war an dieser Stelle von einer „Woche des Fußballs“ die Rede. Der Fußball hört aber nicht auf, sich international ins Gespräch zu bringen. In dieser Woche ist es die Premiere der neuen Nations League, eine Erfindung, um aus Testspielen einen Ernstfall zu machen und die Stadien zu füllen. Am Ende muss also die Frage beantwortet werden, ist die Nations League Sport mit Mehrwert oder nur Betrug an den Fans?

Sieht man sich die ganze Konstruktion an, so könnte die Nations League durchaus ihren Reiz haben, 55 Nationen sind in vier Leistungsklassen unterteilt, die ihren jeweiligen Sieger in vier Gruppen mit je drei oder vier Teams ausspielen. Die Gruppenspiele werden bis November absolviert, im Juni 2019 wird dann der Sieger der Nations League in einem Finalturnier der vier Gruppensieger der Liga A ausgespielt. Zudem soll ein Abstieg für Spannung sorgen, der Gruppenletzte muss in die nächst tiefere Liga zurück. Ein besonderer Anreiz wurde noch für die schwächeren Nationen geschaffen, denn vier Nationen können sich über die Nations League noch für die Europameisterschaft 2020 qualifizieren und zwar in einer Ausscheidung jeweils die Gruppensieger bzw. der Nächstplazierte der Gruppe, der sich nicht schon über die EM-Ausscheidung qualifiziert hat. Ein bisschen kompliziert, es werden aber quasi vier zusätzliche EM-Tickets verschenkt, mit einer Chance für die schwächeren Nationen (je ein Team aus Liga A, B, C und D).

Für Deutschland und die Fans hierzulande wird der Start besonders interessant, ist es doch das erste Auftreten der Nationalmannschaft nach der WM-Pleite in Russland mit dem ersten Fingerzeig, was Bundestrainer Joachim Löw in punkto Einstellung und Einsatz beim DFB-Team wirklich ändern kann. Selten wurde ein Länderspiel mit so viel Spannung erwartet, zumal ausgerechnet Deutschlands Weltmeister-Nachfolger Frankreich am Donnerstag, 6. September, in München der Gegner ist. Wie wird die Stimmung am Abend nach dem Spiel sein. Nationalspieler Thomas Müller bringt die zwei Möglichkeiten auf den Punkt: „Bei einem Sieg wäre es ein Riesenschritt in die richtige Richtung, dass wir die Pleite vom Sommer auswetzen, bei einer Niederlage wird die Diskussion weitergehen.“ Eins ist klar: Das DFB-Team befindet sich auf Wiedergutmachungskurs. Also Sport mit Mehrwert!

Dabei dürfen einige Entscheidungen von Jogi Löw mit besonderer Spannung erwartet werden. Wird er das System ändern? Wie will er die schnellen Stürmer des Weltmeisters stoppen? Mit einem 3-4-3 oder 4-2-3-1 oder 4-4-2? Wer wird den nach dem Erdogan-Skandal zurückgetretenen Mesut Özil ersetzen? Bekommt Thomas Müller eine neue Rolle in der Mitte, wo er sich am wohlsten fühlt und ersetzen ihn echte Flügelflitzer wie Brand oder Sané? Allerdings ist ein Schatten auf Löws Nominierung gefallen. Ausgerechnet Talent Leroy Sané kam negativ in die Schlagzeilen. Bei der WM verzichtete Löw auf ihn und unterschwellig drang durch, dass der Bundestrainer mit seiner Einstellung und Konzentration nicht zufrieden war. Jetzt setzte ihn auch sein Vereinstrainer Pep Guardiola bei Manchester City auf die Tribüne. Die englische Presse will wissen, dass dem Coach die Einstellung seines Juwels missfiel. Im Vorjahr war Sané in England bekanntlich das „Talent des Jahres“. Haben wir hier wieder einen jungen Mann, der sein Talent verschleudert?

Übrigens, zweiter Gruppengegner Deutschlands in der Nations League sind die Niederlande, die am 13. Oktober Gastgeber sind. Nach der WM-Pleite werden sogar Gedanken, dass ein Abstieg möglich wäre, laut. Auch hier also wird das erste Spiel gleich Wegweiser sein. Die öffentlichen-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben sich die Austragungsrechte bis 2022 gesichert.

Deutschlands Termine in der Nations League: 6. September Deutschland – Frankreich, 13. Oktober Niederlande – Deutschland, 16. Oktober Frankreich – Deutschland, 19. November Deutschland – Niederlande.

Die weiteren Gruppen der Liga A:
2: Belgien, Schweiz, Island. 3: Portugal, Italien, Polen. 4: Spanien, England, Kroatien.

Das Freundschaftsländerspiel des DFB-Teams am Sonntag, 20.45 Uhr, in Sinsheim gegen Peru wird angesichts der Premiere der Nations League fast vergessen. Da wird der Unterschied deutlich werden, Stars werden fehlen, viele Wechsel werden den Spielfluss stören. Kein Wunder, dass die Zuschauer wegbleiben. Gegenmittel des DFB kann nur sein, die Eintrittspreise zu senken, im Vorfeld Show-Trainings anzubieten und auf diese vielen Wechsel zu verzichten. Bei nur zehn Minuten Einsatzzeit kann der Trainer kaum große Erkenntnisse erlangen. Tests müssen wohl sein, dann aber über die ganze Spielzeit und eben auch nur drei Wechsel wie bei Pflichtspielen. Außerdem wären familienfreundliche, frühere Anfangszeiten für die Kinder dazu angetan, die Stadien zu füllen. Der DFB muss auch hier lernen. Länderspiele dürfen kein Betrug an den Fans sein.

Die nationalen Ligen haben kaum begonnen und müssen schon wieder Pause machen. Der internationale Spielkalender will es so. Die Bundesliga hat gerade mal zwei Spieltage absolviert und es ist wie immer: Bayern München ist Tabellenführer. Aber es gibt nicht nur glückliche Gesichter wie vor allem In Wolfsburg und Berlin (als „Bayern-Verfolger“), sondern auch erste Sorgenfalten wie in Leverkusen, auf Schalke oder Leipzig. Während die „Bullen“ wohl vor allem ihrem internationalen Frühstart wohl Tribut zollen müssen, fliegen in Leverkusen und Gelsenkirchen die großen Pläne davon. Jetzt heißt es erst einmal, einen Fehlstart zu vermeiden, was bei den nächsten Gegnern nicht einfach wird: Leverkusen muss nach München, Schalke nach Gladbach.

Dabei gab es unter der Woche noch zufriedene Gesichter, machbare Gruppen nämlich in der Champions- und Europa League. Sowohl Schalke gegen Porto, Lok Moskau und Galatasary Istanbul, als auch Leverkusen gegen Rasgrad, FC Zürich und Larnaka hoffen auf ein Weiterkommen. Überhaupt haben die deutschen Mannschaften Gruppen ausgelost bekommen, die auf ein besseres Abschneiden als im letzten Jahr hoffen lassen. Die Bayern zum Beispiel haben keinen großen Brocken, sie sind gegen Benfica Lissabon, Ajax Amsterdam und AEK Athen klarer Favorit. Gefahr: Nur nicht überheblich werden.

Eine Art „Outing“ vollzog der große Star Cristiano Ronaldo, er blieb der Ehrung zu „Europas Fußballer des Jahres“ in Monte Carlo fern. Es war unter seiner Würde, mit dem zweiten Platz vorlieb zu nehmen hinter Sieger Luka Modric. Das sagt alles über das Selbstverständnis affektierten Dauersiegers, der ja gestand, am liebsten sich im Spiegel zu sehen. Als Zweiter schaut er da nicht mehr rein…

Im Fall Özil waren viele schlecht beraten

Er hat es getan, aber seine Aussagen hatten einen anderen Inhalt, als es der DFB und die Öffentlichkeit erwartet hatten. Nach wochenlangem Schweigen zu den umstrittenen Erdogan-Fotos meldete sich Fußball-Nationalspieler Mesut Özil am Sonntag im Internet zu Wort und lederte los. Nicht einmal, nicht zweimal, nein dreimal. Häppchenweise lieferte er eine Abrechnung mit dem Verband, mit den Medien, praktisch mit allen. Die Abrechnung endete mit Rücktrittsforderungen von DFB-Präsident Dr. Reinhard Grindel und mit dem eigenen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Das Kapitel Özil ist beim DFB beendet, das Thema rund um den 29-Jährigen Deutsch-Türken wird uns aber noch lange beschäftigen. Je nach dem, wie sie es brauchen, werden vor allem rechtsgerichtete Kreise das Thema Özil am Leben erhalten.

Es begann mit den unglücklichen Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem Präsidenten der Türkei, Erdogan. Die Öffentlichkeit kritisierte diese Fotos als Wahlhilfe für einen Präsidenten, der Menschenrechte missachtete, entsprechend groß war die Unruhe im deutschen Team, was als Teil des enttäuschenden Abschneidens bei der Weltmeisterschaft in Russland ausgemacht wurde. Während Gündogan Stellung bezog, schwieg Mesut Özil beharrlich. Somit sorgte er dafür, dass das Thema immer am köcheln blieb, es kam keine Ruhe in die Mannschaft, zumal es keinen sportlichen Erfolg gab, der die politischen Strittigkeiten hätte überdecken können. Özil sorgte mit seinem Verhalten auch dafür, dass das Image der Nationalmannschaft als Vorbild für Integration Schaden nahm (dafür erhielt Özil sogar den Bambi). Vorbild für gelungene Integration wurde dann Frankreich als neuer Weltmeister. Vier Jahre zuvor in Brasilien wurde dafür noch Deutschland gefeiert, also eine Wachablösung auf der ganzen Linie!

Eines steht fest: Im Fall Mesut Özil waren viele schlecht beraten. Zunächst einmal Özil selbst (und natürlich auch Gündogan), dass sie die Fotos mit Erdogan nicht abgelehnt hatten. Möglich, dass ihre Berater diese Fotos sogar forciert hatten, doch die Publicity hatten sie vollkommen falsch eingeschätzt. Die Spieler wiederum, die sich von politischen Aussagen distanzierten, standen als Naivlinge da.

Mit Mesut Özil spielten die Berater auch ein schlechtes Spiel, dass sie ihn zunächst mal lange (zu lange) schweigen ließen und jetzt mit einer geballten Abrechnung in drei Teilen Tabula rasa machten. Özil fühlt sich seinen türkischen Wurzeln verpflichtet, fühlt sich missverstanden und schlechter behandelt als andere, weil er eben türkischen Wurzeln habe. Hier verwechselt einer Tatsachen und Wirkung, Einsicht zeigt er nicht. Özil beklagt sich über zu wenig Respekt, zeigt aber keinen Respekt gegenüber dem Nationaltrikot, gegenüber der Öffentlichkeit in Deutschland. Özil wurde ganz einfach schlecht beraten und warf seine Karriere im Nationaltrikot einfach weg. Da hat sich einer ganz schön verdribbelt.

Die Rücktrittsforderung gegenüber dem DFB-Präsidenten kommt nicht überraschend, Reinhard Grindels Rücktritt hatten auch schon andere gefordert, was nach dem schlechten Krisenmanagement des Verbandes auch logisch ist. Auch Grindel war schlecht beraten, ebenso Teammanager Oliver Bierhoff. Von Anfang an hatten die Verantwortlichen des DFB ebenso wie die Spieler die Wirkung der Erdogan-Fotos unterschätzt. Die einzige richtige Konsequenz wäre gewesen, die Özil und Gündogan aus dem WM-Kader zu streichen, um für Ruhe zu sorgen. Da hätte auch Bundestrainer Joachim Löw handeln können. Jetzt trägt er nämlich den Rucksack Özil mit sich rum. Wehe, die schlechten Leistungen wiederholen sich in den nächsten Spielen (immerhin ist Weltmeister Frankreich der nächste Gegner), dann wird es heißen „und Özil fehlt halt doch“.

Allerdings: Özil muss mit einem Makel leben, auch in seinem Verein Arsenal London erntete er oft Kritik, dass er besonders in wichtigen Spiele oft „abtauche“, nicht zu sehen sei, statt das Heft in die Hand zu nehmen. Diesbezüglich war Özil vor der WM wirklich ein Wackelkandidat im Hinblick auf die Nominierung (ganz im Gegensatz zu 2014). Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat zwar in seiner Art übertrieben, aber ganz unrecht hat er mit seiner Bemerkung „Özil habe seit 2014 keinen Zweikampf mehr gewonnen“ nicht. Gewonnen hat Özil jetzt auch nicht.

Wie auch immer, der Fall Özil zeigt sehr deutlich, wie Berater die Fußball-Stars beeinflussen können und wichtig für die Karriere sind. Leider ist es so, dass viele Berater die Eignung für diese wertvolle Aufgabe abgeht. Der Ruf, es handle sich bei ihnen meist von Abkassierern, kommt nicht von ungefähr. So darf sich derjenige Spieler glücklich schätzen, er gut beraten wird. Mesut Özil macht jedenfalls keinen glücklichen Eindruck.

Die alten Standards sind die neue Zukunft und die große Chance für die Kleinen

Was waren das für Zeiten, als wir mit dem Fußball begannen und beim Kleinstadtverein die Schuhe schnürten. Beim Training wurden u. a. Standards geübt und das Kopfballpendel durfte nicht ausgelassen werden. Beim Profi-Fußball hatte man zuletzt den Eindruck, dass diese sogenannten Basics vernachlässigt wurden, nach dem Motto, „das muss ein Profi sowieso können“. Verlernt er aber, wenn er es nicht ständig trainiert. Die Weltmeisterschaft in Russland brachte jetzt die Erkenntnis, dass die guten alten Standards eine neue Zukunft haben und gleichzeitig sind sie eine große Chance zum Erfolg für die kleinen Vereine. Die WM brachte keine neuen taktischen Erkenntnisse, aber sie kann das Spiel der Zukunft doch wesentlich beeinflusst haben – durch die Renaissance der Standards!

Eines werden die Trainer der Welt gesehen haben: Das „Tika Taka“, mit dem vor allem die Spanier vor Jahren schönen Fußball kreierten und erfolgreich waren, hat sich überholt. Das mussten auch die Deutschen erkennen. Die Klubs haben gegen den Ballbesitz-Fußball Gegenmittel gefunden und dem schönen Fußball mit schnellem Fußball, sprich Umschaltspiel, das Garaus gemacht. Tempo ist angesagt, auf der anderen Seite aber auch Sicherheit. Hast Du den Ball, dann schnell nach vorn. Ansonsten: Hinten dicht. Die Lösung aber für alle Teams, wenn es über das Spielerische nicht klappt, heißt ganz einfach Standardsituation, da hilft die Ecke ebenso wie der Freistoß und künftig vielleicht auch vermehrt wieder der Einwurf. Auch der kann nämlich trainiert werden, damit er einer Ecke gleichkommt (die Dänen haben es vorgemacht). Es wäre klug, diesbezüglich wieder Spezialisten zu schulen.

Die Zahlen der WM waren schon beeindruckend. Von allen WM-Treffern resultierten rund ein Drittel aus ruhenden Bällen. Vier Jahre zuvor in Brasilien waren es gerade 22 Prozent. Jede 30. Ecke wurde bei der WM zu einem Tor verwertet, in der Champions League war es nur jede 45. Die Standards kultiviert hat vor allem Englands Trainer Gareth Southgate, der sogar in Nordamerika beim American Football und Basketball nach Ideen gesucht hat, zum Beispiel einstudierte Laufwege. Damit verblüfften die Engländer die Konkurrenz, als sie im Strafraum hintereinander in einer Schlange standen. Typisch englisch vielleicht: Schlange stehen für ein Tor!

Das ist also der Fußball der Zukunft: Tor-Absicherung als erste Aufgabe, schnelles Umschaltspiel als Schlüssel zum Sieg und gute Standards als Geheimwaffe (die bald nicht mehr geheim ist). Ob dieser Fußball wirklich Spaß macht? Er könnte zumindest spannender werden, weil die Standards die Chance der Kleinen sind, wenn sie sich der spielerischen Übermacht der Großen (sprich Reichen) nicht beugen müssen. Das könnte zum Beispiel das Problem von Bayern München in der Bundesliga werden. Andererseits hat der neue Trainer Niko Kovac bereits angekündigt, dass er vermehrt Standards wird trainieren lassen. Das hat auch sein Freiburger Kollege Christian Streich erkannt, der gefragt wurde, welche Entwicklungen bei der WM am auffälligsten waren: „Die Standards natürlich, sie sind wichtig.“

Eines wurde außerdem deutlich, die Mittelstürmer erlebten ebenfalls eine Renaissance. Die falsche Neun ist nicht mehr gefragt, die echte Neun soll wieder zum Erfolg führen. Der große und kräftige Mittelstürmer hat wieder seine Daseinsberechtigung. Als Ersatz dienen seine großen und kräftigen Kollegen aus der Abwehr, die werden zu verkappten Torjägern – bei Standards nämlich. Die WM hat es gezeigt.

Übrigens sollte auch Bundestrainer Joachim Löw sein Augenmerk auf bessere Standards legen. Aus dem Spiel heraus vergab Deutschland nämlich die meisten Chancen. In der WM-Statistik der Chancenverwertung belegte Deutschland mit 9,5 Prozent aus 21 Chancen den letzten Platz! Der Iran und Panama erreichten 22,2 Prozent – nur so zum Vergleich.

Am Ende der WM gibt es nur Gewinner

Im Regen ging die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 am Sonntag in Moskau zu Ende, aber der Fußball ging nicht baden. Ganz im Gegenteil, die WM in Russland lief besser ab als befürchtet, die unerwarteten Erfolge des Gastgebers sorgten für gute Stimmung, Putins Reich zeigte sich von seiner besten Seite. Am Ende der WM gibt es eigentlich nur Gewinner, auch wenn sich das im Endspiel unterlegene Kroatien natürlich nicht als solcher fühlen wird.

Gewinner Nummer 1 ist natürlich Weltmeister Frankreich. Es war eine Punktlandung mit dem Titel genau 20 Jahre nach dem ersten Pokalgewinn. Trainer Didier Deschamps ist eine Meisterleistung geglückt, er hat aus einem Haufen talentierter Spieler eine echte Mannschaft geformt (dass, was eben Jogi Löw mit Deutschland nicht geschafft hat). Bestes Beispiel ist die Wandlung von Paul Pogba vom Problemfall zum Mittelfeldstrategen, zur Führungsfigur. Frankreich ist ein würdiger Weltmeister mit einem kompakten Team, aus dem immer wieder der eine oder andere Star heraus stach. Deschamps selbst ist der Dritte der den Titel als Spieler und Trainer holte, der Kapitän der 98er-Weltmeister schloss auf zu dem Brasilianer Zagallo und dem Deutschen Franz Beckenbauer, die bisher als Einzige als Spieler und Trainer erfolgreich waren.

Gewinner Nummer 2 ist trotz Final-Niederlage Kroatien. Das kleine Land kam ganz groß raus und war erfolgreich wie nie. Kleiner Trost, dass es doch noch einen Sieger in den eigenen Reihen gab, denn Kapitän Luka Modric wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Die Erfahrung war der Trumpf der Kroaten, gleichzeitig sollte man wohl die Einmaligkeit des Ereignisses feiern, es wird schwer werden, diesen Erfolg in naher Zukunft zu wiederholen.

Gewinner Nummer 3 ist der Dritte, nämlich Belgien. Als die Belgier in der Vorrunde England mit 1:0 besiegten, da wurde dies eher als Unfall gewertet, weil sie sich damit einen schweren Weg ins Finale bescherten. Am Ende trafen sie im Spiel um Platz drei wieder auf England und siegten mit 2:0. Doch bei ihnen geht der Blick in die Zukunft, der größte Teil de Mannschaft befindet sich im besten Fußball-Alter, sie haben mit Kapitän Eden Hazard und Kevin de Bruyne Stars, die den Unterschied ausmachen können. Es ist kein Größenwahn, wenn sie davon sprechen, bei den nächsten Turnieren mehr erreichen zu wollen.

Gewinner Nummer 4 ist England, ja auch der Geschlagene im kleinen Finale kann sich als Gewinner fühlen, denn auch die Mannschaft von Trainer Gareth Southgate hat Werbung für sich betrieben, hat für gute Stimmung im Land gesorgt und gilt als Team der Zukunft. So gelten auch die gleichen Ziele wie in Belgien: Es soll weiter nach oben gehen. Kann es auch.

Gewinner Nummer 5 ist der Videobeweis. Was gab es im Vorfeld angesichts des Chaos vor einem Jahr beim Confed-Cup für Unkenrufe, stattdessen lief es fast perfekt, was eigentlich einem Wunder gleichkommt. Der Videobeweis wurde nur dezent eingesetzt, war dann eine Hilfe und sorgte für Gerechtigkeit. Er darf damit als Vorbild für die Bundesliga gelten. Auch hier muss der DFB also lernen.

Gewinner Nummer 6 ist natürlich Gastgeber Russland, die Stimmung im Land war gut, die Fans aus aller Welt konnten sich fast in einem freiheitlichen Land fühlen, das Putin-Russland verstellte sich nahezu perfekt. Dazu hat die Organisation gestimmt, aber es war natürlich übertrieben, dass FIFA-Boss Infantino von der „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ sprach. Mit dieser Feststellung hat der Schweizer eher gezeigt, dass seine Aussagen nur auf PR gemünzt sind und nicht auf Wahrheiten. Dennoch, ein kleines Sommermärchen erlebte auch Russland, es wird spannend sein, zu sehen, inwieweit die Bevölkerung in Zukunft Veränderungen bemerkt.

Gewinner Nummer 7 ist der FIFA-Präsident Gianni Infantino selbst. Der Schweizer war überall präsent, gefiel sich neben den Mächtigen der Welt und lächelte in jede Kamera. Er wollte alle Stadien besuchen und alle Mannschaften sehen. Sein Auftritt war eine einzige Werbetour, die eigentlich als abstoßend bezeichnet werden muss. Dennoch war „Der Lächler mit dem Messer“, wie er bezeichnet wurde, ein Gewinner. Ein Gewinner nämlich in seinem persönlichen Ziel, bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden.

Von Verlierern wollen wir heute nicht mehr reden, aber es wird spannend sein, zu sehen, wie in Deutschland, Brasilien, Spanien und Argentinien die Enttäuschung verarbeitet wird. Auch die Zukunft bleibt spannend, sind doch die Diskussionen um die Erweiterung der WM nicht beendet. Für 2026 ist die Aufstockung von 32 auf 48 Nationen beschlossen, aber Infantino lässt nicht locker, die Welt schon 2022 in Katar damit zu „beglücken“. Was wiederum zeigt, dass es Infantino nicht um den Fußball geht, sondern um seine Macht. Eigentlich ist für einen FIFA-Präsidenten nicht haltbar, eine einmal vom Verband getroffene Entscheidung in Frage zu stellen, zum anderen bringt die WM 2022 im Winter genügend Probleme, da braucht es keine Ausweitung. Aber Vernunft kommt in Infantinos Werbetour nur selten vor.

Eine glückliche Fügung gibt es übrigens für die im September startende Nations League, die ja auch mit viel Skepsis begleitet wird. Einen besseren Start als mit dem Duell des neuen Weltmeisters gegen den alten kann sich die UEFA allerdings nicht wünschen. So kommt am 6. September in München beim Spiel Deutschland – Frankreich auch auf Jogi Löw beim Neuanfang gleich eine große Imageaufgabe zu. Da sollte seine Analyse von der WM-Pleite wirklich gründlich ausfallen.

Es ist ja fast nicht zu glauben, aber am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft gab es sogar noch Sportarten, die den Fußball ein wenig verdrängen konnte. Deutschland feierte seine Tennis-Königin Angelique Kerber, die als Wimbledon-Siegerin den Fußball zumindest in Deutschland die Show stahl, und Deutschland freute sich auch über Rad-Star John Degenkolb, der sich seinen Traum von einem Etappensieg bei der Tour de France erfüllte. Beide Sportler erlebten ein großartiges Comeback nach Formtief bzw. Verletzungspause. Es wurde also deutlich, es gibt nicht nur Fußball.

Es folgt in dieser Woche noch ein Kommentar darüber, wie sich der Fußball nach der WM verändern wird.