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Tag: EM-Qualifikation

Das Spiel selbst wurde zur Nebensache

Weihnachten ist bald und die jetzige Adventszeit soll eigentlich eine Zeit der Ruhe und der Besinnlichkeit sein. Davon ist im deutschen Fußball nichts zu spüren. Von Ruhe kann keine Rede sein bei Protesten der Fans in allen Stadien, beim Auflehnen der 3. Liga, bei einer turbulenten Hauptversammlung des FC Bayern München. Der Punktekampf in der Bundesliga ging natürlich weiter, aber das Spiel selbst wurde zur Nebensache.

In den Schlagzeilen natürlich Uli Hoeneß. Ein Fan beging bei der Hauptversammlung des Vereins eine Majestätsbeleidigung und griff den Bayern-Präsidenten verbal an. Als er dessen Verhalten gegenüber Ehrenspielführer Paul Breitner anprangerte (Breitner soll sich nach Kritik am Verein nicht mehr auf der Ehrentribüne sehen lassen) und Hoeneß fast schon zum Rücktritt aufforderte („Der Verein ist nicht ihr Eigentum“) erhielt er lautstarke Unterstützung, was Uli Hoeneß schier aus der Fassung brachte: „So etwas habe ich noch nie erlebt“.

Diese Kritik ist nichts anderes als ein Zeichen der Zeit. Die Fans meutern und nehmen Entscheidungen von Verband oder Verein nicht mehr einfach hin. Der Ton wird rauer, die Frage stellt sich wieder einmal, genauso wie sie der Sport-Grantler schon am 2. November in seiner Kolumne gestellt hat: „Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball?“ Vergessen wird bei der aktuellen Kritik, welche Verdienste sich gerade Uli Hoeneß um den FC Bayern erworben hat. Vergessen wird die Erfolgsgeschichte, die zu einem Rekordumsatz von 657,4 Millionen Euro führte, vergessen wird, dass es vor allem Uli Hoeneß als Manager war, der die Münchner mit jetzt 291.000 Mitgliedern zum größten Verein der Welt machte. Diese Turbulenzen zeigen jedoch auch, wie schwierig der Umbruch beim Meister wird, sowohl in der Mannschaft als auch in der Führung. Dies könnte zur größten Aufgabe für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werden, aber auch für den möglichen Nachfolger. Ob sich der gehandelte Oliver Kahn das wirklich antut?

Aber die Vergangenheit zählt nicht mehr, in der Gegenwart lassen die Fans mit ihren Protesten nicht locker, damit sie in der Zukunft wieder mehr Spaß an „ihrem“ Fußball haben. Im Visier bleiben vor allem die Montagsspiele, die zwar in der Bundesliga mit dem neuen Fernsehvertrag ab 2021 ad acta gelegt werden sollen, aber das reicht nicht. Auch die 2. Bundesliga und die 3. Liga spielen (für ein gutes TV-Honorar) gern am Montag. In der 2. Bundesliga wurden diese Montagspiele im TV zwar fast Kult, aber eigentlich ist der Montag wirklich der denkbar ungünstigste Tag für Punktspiele. Dortmunds Trainer Lucien Favre sprach es deutlich aus: „Montagspiele gehören verboten“. Mit einem Stimmungsboykott auf den Rängen sorgten die Fans jedenfalls dafür, dass im Fußball doppelt schlechte Stimmung herrschte. Das Spiel selbst war also Nebensache.

Auf der Suche nach einer zufriedenstellenden Lösung in punkto Auf- und Abstieg zwischen 3. Liga und Regionalliga versuchen sich Klubs, Landesverbände und der DFB daran, den gordischen Knoten zu entwirren. Die Fronten sind verhärtet und in der 3. Liga werden immer mehr Stimmen laut, die auf eine Loslösung vom DFB hin zum Profi-Fußball der DFL mit 1. und 2. Bundesliga wollen. Ihre Hoffnung: Dort gibt es mehr Geld. Dies könnte allerdings ein Trugschluss sein, denn schon heute streiten sie auch in der DFL um die Verteilung der Gelder, da wird es an Bereitschaft fehlen, noch etwas abzugeben. Die 3. Liga sitzt ähnlich wie die Regionalliga zwischen Baum und Borke, kein Profisport auf der anderen Seite, aber auch kein reiner Amateursport mehr auf der anderen. Hohe Kosten müssen geschultert werden, aber Anerkennung und entsprechende Zuschauerzahlen fehlen. Die fünf Regionalligen stören sich daran, dass die Meister nicht direkt aufsteigen können, andererseits wollen sie keine Reduzierung auf vier Gruppen. Angesichts dieser Weigerung zieht die 3. Liga ihr Angebot von vier möglichen Absteigern wieder zurück. Der gordische Knoten bleibt also fest, zumal eine zweigleisige 3. Liga auch nicht als Ei des Kolumbus angesehen wird.

Dortmund auf den Spuren der Bayern

Aber natürlich war auch das Geschehen auf dem Rasen interessant. Borussia Dortmund wandelt derzeit erfolgreich auf den Spuren der Bayern, die ja in den letzten Jahren die Bundesliga mit Rekordvorsprüngen schockten. Jetzt haben die Dortmunder freie Fahrt, mit sieben Punkten Vorsprung nach 13 Spieltagen. Das Bayern-Symptom zeigt sich daran, dass die Verfolger keine Konstanz aufweisen und daran, dass die Dortmunder derzeit in der Lage sind, auch mit schwächeren Leistungen Punkte einzufahren. Dazu haben sie wohl auch noch das Bayern-Dusel gepachtet bzw. halt einen entsprechenden Lauf, so wie ihr Torjäger Paco Alcacer, den Favre mit Vorliebe von der Bank ins Rennen schickt und der jetzt – bereits am 13. Spieltag – den Saison-Rekord von neun Jokertoren von Garea (Stuttgart) aus der Saison 02/03 und Petersen (Freiburg) 16/17 einstellte. Spielt er von Anfang an, klappt es nicht so gut, siehe das 0:0 in der Champions League gegen Brügge.

Im Verfolgerfeld ließen Gladbach im direkten Duell in Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim mehr oder weniger Federn. Das spielte auch den Bayern in die Karten, die nach dem 5:1 gegen Benfica Lissabon mit dem 2:1 in Bremen ihre Krise vorerst ad acta gelegt haben. Niko Kovac muss wohl vor Weihnachten nicht mehr um seinen Job bangen, zumal auch ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist und Gespräche alle zur Einsicht gebracht haben, dass es nur gemeinsam geht. Kovac wiederum hat eine Stammmannschaft und die richtige Taktik gefunden. Aber gefestigt ist noch nichts und ein Dortmund-Jäger sind die Bayern noch lange nicht. Es schaut aus, als könnten nur Verletzungen den Spitzenreiter Probleme bereiten. Davon blieb er bisher weitgehend verschont.

Im Abstiegskampf werden die Karten neu gemischt. Der VfB Stuttgart landete quasi einen Befreiungsschlag mit dem 1:0 gegen den FC Augsburg und schaffte es damit gleichzeitig, die Rote Laterne abzugeben und den Gegner mit nach unten zu ziehen. Die Augsburger Offiziellen blieben ja vor der Saison zurückhaltend und hatten nur das Ziel Klassenerhalt ausgerufen, die Spieler allerdings wollten mehr, schielten nach oben und hatten es eigentlich satt, nur gegen den Abstieg zu spielen. Die Realität hat sie inzwischen eingeholt, was fast ein bisschen verwundert, denn gute Leistungen und viel Lob waren bisher an der Tagesordnung. Was fehlte, waren Tore und damit auch Punkte. Es wäre ja auch kein Trost, als vielfach gelobtes Team am Ende doch abzusteigen…

Bisher gibt es allerdings zwei noch ernsthaftere Kandidaten: Neuling Fortuna Düsseldorf tat sich schwer nach dem Coup in München (3:3) wieder im Alltag zu bestehen und bei Hannover 96 träumt man von besseren Zeiten, vergisst aber die harte Gegenwart. Auch der Streit um Präsident Martin Kind überdeckt den Sport und am Ende hätten dort auch die Fans einen erheblichen Anteil daran, wenn es mit dem Verein nach unten geht. Auch da wird das Spiel selbst zur Nebensache.

Joachim Löw ist zufrieden

Am Rande des aktuellen Geschehens ging es auch um die Zukunft, nämlich um die Fußball-Europameisterschaft 2020. In Dublin fand die Auslosung der Gruppen für die EM-Qualifikation statt, die an fünf Spieltagen im März, Juni, September, Oktober und November 2019 über die Bühne geht. Dabei zeigt sich, dass es schon fragwürdig ist, dass das Teilnehmerfeld für die Endturniere immer mehr aufgebläht wird. Sportlich leidet nämlich auch die Qualifikation und es wird kaum Spannung geben, nachdem in jeder Gruppe zwei Nationen das EM-Ticket holen können. Da war dann auch Bundestrainer Joachim Löw zufrieden, der zwar den alten Kontrahenten Niederlande als Gegner Nummer 1 akzeptieren muss, aber gegen Nordirland, Estland und Weißrussland sollte die Qualifikation gelingen. Da Deutschland einer Fünfer-Gruppe angehört, bekommt Löw auch noch zwei Testspiele. Optimismus also für das Jahr 2019.

Am Rande der Auslosung wurde aber auch die nächste Erweiterung des Spielbetriebes festgezurrt. Die Verbandsfunktionäre lassen nicht locker, den kleinen Verbänden „Zuckerl“ zu reichen, auch wenn Qualität und Spannung der Wettbewerbe leiden. Hintergrund: Es geht um die Stimmen der Verbände bei den diversen Wahlen. Jetzt wird die Europa League 2 eingeführt. Wer bitte schön, hat daran noch Interesse? 32 Mannschaften spielen in der Champions League, der Königsklasse, 32 sind es in der Europa League, die einst auch als „Cup der Verlierer“ tituliert wurde, aber um was spielen dann die 32 Vereine in der Europa League 2? Das konnten die UEFA-Offiziellen nicht schlüssig beantworten.

Apropos Champions League, da war es letzte Woche so wie so oft in den letzten Jahren – nur die Bayern gewannen. Der Aufwärtstrend der ersten Runden bekam einen Knick, Schalke und Hoffenheim kassierten unnötige Niederlagen, aber am sehr guten Gesamtergebnis ändert sich auch am letzten Spieltag (11./12. Dezember) nichts, neben den Bayern, haben auch Dortmund und Schalke Sprung ins Achtelfinale geschafft. In der Europa League sind Frankfurt und Leverkusen weiter, ausgerechnet RB Leipzig steht nach zwei Niederlagen in den „Bruder-Duellen“ mit Salzburg vor dem Aus. Ein bisschen peinlich für die Sachsen.

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Jogi Löw wurde zum Mut gezwungen

Im Fußball greift der Jugendwahn um sich! Nimmt man die letzten Spiele der Nations League, dann sorgten die Teams für Furore, die sich dem Nachwuchs verschrieben haben. Allen voran England, das mit der jüngsten Mannschaft seit 60 Jahren einen Coup in Spanien landete. Jugend forsch hieß es auch bei der deutschen Nationalmannschaft, doch Bundestrainer lenkte nicht aus freien Stücken auf diese Linie um. Nach dem 0:3-Debakel gegen die Niederlande wurde er zum Mut gezwungen und präsentierte die deutschen Talente gegen Frankreich. Sie überzeugte nicht ganz so wie die Engländer, aber selbst die 1:2-Niederlage gegen den Weltmeister wurde in Deutschland wie ein Sieg gefeiert. So ändern sich die Zeiten.

Bundestrainer Joachim Löw nahm nach der Pleite bei der Weltmeisterschaft in Russland Änderungen in der Mannschaft nur sehr zögerlich vor, sein Argument war zum Teil sicherlich stichhaltig („Die haben den Fußball doch nicht verlernt“), aber die Weltmeister von 2014 sind müde geworden, befinden sich in einem Formtief bzw. zeigen einen nicht enden wollenden Abwärtstrend. Löw blieb also gar nichts anderes übrig, als auf die Jungen zu setzen, er konnte nur gewinnen: Bei guter Leistung hätte er alles richtig gemacht, bei schlechter Leistung hätte er seinen Kritikern sagen können, „seht, die Jungen sind noch nicht so gut“. Jetzt sind die Gefühle zwiespältig, Deutschland hat gute Talente, aber andere Nationen sind weiter. Ergo: Die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft ist ungewiss.

Die Begegnung gegen den Weltmeister als Basis: Deutschland hat keinen Griezmann, Deutschland hat keinen Mbappe. Deutschland hat aber auch keinen Rashford wie England oder Raheem Sterling, bei dem mit zwei Treffern gegen Spanien der Knoten geplatzt ist. Englands Sieger-Team hatte ein Durchschnittsalter von 23 Jahren, Löw Jungs kamen diesmal auf rund 25 Jahre im Schnitt (gegenüber 28 gegen die Niederlande). Die Ginter, Süle, vor allem Kimmich (fast schon ein Routinier), Werner, Gnabry, Sane, Kehrer, Draxler und Brandt lassen hoffen, sind aber kein Versprechen auf eine gute Zukunft.

Immerhin hat Bundestrainer Joachim Löw seinen Teil zu einer guten Leistung beigetragen, die taktische Einstellung überraschte den Gegner, das 3-4-3 kann auch das Rezept gegen die Niederlande sein im vielleicht entscheidenden Spiel um den Erhalt der Liga A in der Nations League. Die Formdelle des DFB-Teams kann nämlich gewaltige Ausmaße haben: Absturz in der Weltrangliste, Absturz in de Europarangliste und keine Nominierung als Gruppenkopf bei der Qualifikation zur EM 2020. Die UEFA ging nämlich in ihrem Zwang zur Aufwertung der neuen Nations League so weit, die alte Regelung wegzuwerfen und allein die Platzierung in der Nations League für die Einteilung der Gruppen heranzuziehen. Und da schaut Deutschland schlecht aus, ist momentan gerade mal Zehnter (vor Kroatien und Island). Auch für diese Tabelle wäre ein Sieg gegen die Niederlande am 19. November wichtig, um sich nicht einen dicken Brocken für die EM-Qualifitkation einzuhandeln.

Es könnte sein, dass die Stimmung im DFB dann ganz schnell wieder umschlägt. Wie Beobachter berichten, feierte man im DFB-Lager das 1:2 gegen Frankreich wie einen Sieg, DFB-Präsident Reinhard Grindel hat schon wieder eine rosa Zukunft vor Augen: „Das, was die junge Mannschaft gezeigt hat, darauf kann man aufbauen. Wir können mit Zuversicht auf die kommenden Wochen und Monate schauen.“ Dabei verschloss der DFB-Präsident die Augen vor den Problemen: Torhüter Manuel Neuer ist nicht mehr der schier unüberwindbare Rückhalt, bei den Außenverteidigern fehlt internationale Klasse, einen Spielmacher gibt es nicht mehr und einen Torjäger schon gleich gar nicht. Erschreckend, wie Werner und Sane mit ihren Torchancen umgingen. Ein Sieg wäre möglich gewesen, Tempo und Spielwitz allein reichen nicht.

Sie sind jung, sie müssen noch lernen, noch viel lernen für eine rosa Zukunft.